Singer Die Witwe
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7751-7203-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Reihe: Justizthriller
ISBN: 978-3-7751-7203-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Randy Singer wird von der Fachpresse hoch gelobt. Seine Justiz-Thriller sind 'mindestens genauso unterhaltsam wie John Grisham' (Publishers Weekly). Für 'Die Witwe' erhielt er sogar den begehrten Christy Award. Dabei kommt Singer aus der Praxis: Im wirklichen Leben arbeitete er als Anwalt. Und die Botschaft von Gottes Liebe 'verteidigt' er sonntags auf der Kanzel der 'Trinity Church' in Virgina Beach (USA).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Teil II
Das Gesetz
5
Sechs Monate später
Leslie Connors sah auf ihre Uhr und konnte kaum glauben, dass es schon halb zwölf Uhr nachts war. Die juristische Bibliothek schloss in dreißig Minuten. Wie üblich war ihr die Zeit ausgegangen, bevor ihr die Arbeit ausging.
Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und sah sich verstohlen um. Es war nicht überraschend, dass sie als Einzige im Untergeschoss übrig war. Die meisten Studenten mieden die Einsamkeit und Verzweiflung, die in diesem Teil der Katakomben zu lauern schienen. Keine Fenster, kein Lärm, keine geselligen Menschen, keine Ablenkung. Genau wie Leslie es gern hatte.
Sie verbrachte ihre Zeit Nacht für Nacht in derselben Arbeitsnische, mühte sich ab und verfolgte ihren Traum. Diese Arbeitsnische gehörte ihr; nicht im rechtlichen Sinne, sondern durch die persönliche Note, die sie überall in dem kleinen Würfel versprüht hatte, und dadurch dass sie jegliche Eindringlinge bestrafte. Schließlich war sie Jurastudentin im zweiten Jahr und schon ein bisschen so etwas wie eine Legende. Sie war drauf und dran, den zweitbesten Abschluss ihrer Klasse zu machen. Schon allein diese Leistung würde sie einen Schritt näher an ihr Ziel bringen, eine der besten Anwältinnen für internationales Recht im ganzen Land zu werden. Die Welt schrumpfte und das globale Dorf wurde zunehmend Realität. Leslie genoss den Gedanken an die Reisen, das Prestige, die intellektuelle Herausforderung – und ja: an das Geld. Für ein Mädchen, das in einer Wohnwagensiedlung aufgewachsen war, schien ein Beruf, in dem man multinationale Konzerne vertrat, wie das perfekte Ticket in ein besseres Leben zu sein.
Es gab kein Opfer, das sie dafür nicht bringen würde.
Ihre Arbeitsnische war an der ganzen Rückseite von Gesetzbüchern gesäumt. Bilder, Notizen auf gelben Klebezetteln und To-Do-Listen übersäten die Seitenwände. Eines der verblassten Fotos zeigte die glücklicheren Zeiten in ihrem Leben. Es war ein Bild von Leslie und ihrem verstorbenen Mann, Arm in Arm auf der Treppe des U.S. Supreme Court.
Als er dreiunddreißig Jahre alt war, diagnostizierte man bei Bill eine aggressive Form von Prostatakrebs, die bereits Metastasen gebildet hatte. In den folgenden bittersüßen neun Monaten ließ Bill Leslie versprechen, ihre juristische Karriere weiterzuverfolgen. Sie hatte sie den Kompromissen des wirklichen Lebens geopfert, die ein junges Paar eingehen musste, wenn es über die Runden kommen wollte. Und so schrieb sich Leslie mit achtundzwanzig Jahren, und seit acht Jahren zum ersten Mal ohne Bill an ihrer Seite, an der William and Mary Law School ein. Seither hatte sie den Laden aufgemischt.
»Bereit für Freitag?«
Leslie zuckte zusammen und wirbelte herum. Ihre Freundin Carli lächelte. »Sind wir heute ein bisschen nervös?«
Leslie schüttelte den Kopf und lächelte zurück. »Wusste ja nicht, dass du dich anschleichst!«
»Ich komm nur vorbei, um zu schauen, ob du hier unten vielleicht gestorben bist oder einen Schlafsack brauchst oder sowas.«
»Sehr lustig.«
Carli musterte die Fallsammlungen und Schriftsätze, die überall in der Nische verteilt waren. »Und … bist du bereit?«
»Noch nicht, aber ich werde es sein.«
»Ja, genau«, neckte Carli. »Kein Stress, aber die Fakultätsbuchmacher handeln dich als Fünf-zu-Eins-Außenseiter. Sie sagen, du wirst unter Strobels vernichtenden Fragen zusammenbrechen.«
»Und was sagst du?«
»Dass Strobel so begeistert sein wird, dass er dir auf der Stelle einen Traumjob als Anwältin für internationales Recht in seiner Kanzlei anbieten wird.«
»Nur zur Sicherheit«, sagte Leslie, »solltest du vielleicht ein paar Scheinchen gegen mich setzen.«
Carli lachte und gab Leslie einen neckischen Schubs, als sie ging. »Machst du Witze?«, warf sie über ihre Schulter zurück. »Das hab ich schon!«
Leslies Gedanken verweilten einen Moment bei Maximilian Strobel, dem geschäftsführenden Teilhaber der größten Anwaltskanzlei in Südostvirginia. Strobel war einer der drei Richter, die in zwei Tagen die Abschlussprüfungen abnehmen würden. Und was noch wichtiger war: Er leitete die einzige florierende Kanzlei für internationales Recht außerhalb von Washington D.C., New York und Los Angeles. Weil Leslie sich geschworen hatte, dass sie nie in einer dieser Riesenstädte wohnen würde, war Strobel ihre einzige Chance auf eine ernsthafte Karriere in internationalem Recht mit einer angemessenen Lebensqualität.
Sie sah wieder auf die Uhr. Es war jetzt fünfzehn Minuten vor Mitternacht. Nicht mehr lange bis sechs Uhr morgens. Sie griff in ihren Rucksack und zog ein paar Schlaftabletten heraus. Die Wirkung würde ungefähr dann eintreten, wenn sie in ihrem kleinen Einzimmerapartment war. Die fünfzehn Minuten bis dahin würde sie weise nutzen. Sie nahm einen Schriftsatz hoch und begann, ihn zum dritten Mal durchzulesen.
Am nächsten Morgen betrat Sarah Reed die Kanzlei von Carson & Partner, ganz und gar nicht davon überzeugt, dass sie das Richtige tat. In ihr nagte die Ansicht, Christen sollten Anwälte im Allgemeinen und Prozesse im Besonderen meiden. Dennoch hatte der beleidigende Brief, den sie jetzt in ihrer Handtasche trug, diese Überzeugung überwunden und Reverend Jacob Bailey, ihr Pastor in Chesapeake, hatte ihr geraten, hierher zu kommen. Sie kannte keinen anderen Anwalt, bei dem sie eine Chance sah, dass sie ihm vertraute.
Doch als sie im fünften Stock aus dem Aufzug des Gebäudes der Tidewater Community Bank am Rand eines Einkaufszentrums von Virginia Beach trat, begann sie zu zweifeln. Sie war vorher nie in einer Anwaltskanzlei gewesen. Sie wäre lieber zum Zahnarzt gegangen.
Sie folgte den Schildern von Carson & Partner bis ans Ende des Flurs. Dort zögerte sie vor der Eichentür, die mit dem Namen der Firma in goldenen Buchstaben geschmückt war. Dann holte sie tief Luft, sprach ein kurzes Gebet und betrat den Wartebereich.
Die Empfangsdame trug nicht dazu bei, dass sie sich wohler fühlte.
»Ja«, sagte die gedrungene Frau. Sie machte sich nicht die Mühe, ihr Tippen zu unterbrechen. Das Namensschild auf dem Schreibtisch wies sie als Bella Harper aus. Rauch waberte von einem Aschenbecher neben ihr auf, wo eine halb abgebrannte Zigarette schwelte.
»Ich möchte gern zu Mr. Carson«, sagte Sarah zaghaft.
»Haben Sie einen Termin?«, fragte Bella.
Sarah fühlte sich augenblicklich wie ein Trottel. Sie wusste, sie hätte vorher anrufen und einen Termin ausmachen sollen. Aber dann wäre sie festgelegt gewesen. Sie brauchte die Möglichkeit, sich aus dem Staub zu machen, wenn sie kalte Füße bekam. So wie jetzt.
»Nein. Reverend Jacob Bailey hat mich an Sie verwiesen. Ich hatte gehofft, ich könnte nur eine Minute von Mr. Carsons Zeit in Anspruch nehmen. Ich werde später wiederkommen.«
»Herzchen«, sagte Bella, die endlich geruhte aufzublicken. »Wir nehmen keinen, der einfach hereinschneit. Ich kann Ihnen einen Termin machen, aber es wird vermutlich ungefähr drei Wochen dauern, bis Mr. Carson Zeit für Sie hat. Er ist heute Morgen bei einem Gerichtsprozess, der eine Woche dauern wird. Danach hat er zwei Wochen lang einen Termin nach dem anderen.«
Drei Wochen!
Juristische Fragen waren etwas, um das Charles sich immer gekümmert hatte. Der Gedanke daran ließ Sarah Tränen in die Augen steigen, wodurch sie sich noch unsicherer fühlte. Es war auch nicht gerade hilfreich, dass Bella sie von oben bis unten musterte. Sarah war so emotional geworden, seit Charles tot war, und Wellen von Kummer überspülten sie zu den ungelegensten Zeiten.
»Ich mache einfach ein andermal einen Termin, wenn ich die Sache nicht selbst klären kann«, sagte sie zu Bella, schluckte hart und zwang sich zu einem künstlichen Lächeln.
»Ganz wie Sie wollen.« Bella nahm ihr Tippen wieder auf.
Sarah starrte Bella einen Moment entgeistert an. Kein Wunder, dass Anwälte so einen schlechten Ruf haben.
Dies war offensichtlich Gottes Art, ihr zu sagen, sie solle das Thema fallen lassen. Sie hätte überhaupt nicht herkommen sollen.
Als sie sich zum Gehen wandte, stürmte ein schlanker, gut gekleideter Mann durch die dicke Eichentür und rannte sie fast um.
»Entschuldigung«, sagte Brad, der nur knapp einer Kollision entging. Er schenkte der Frau einen fragenden Blick. »Kenne ich Sie?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich glaube nicht.«
»Ich bin Brad Carson«, sagte er und streckte die Hand aus. Sie kommt mir so bekannt vor.
»Sarah Reed«, sagte sie leise. Sogar der Name klingt vertraut.
Brad bemerkte eine Rauchfahne aus dem Aschenbecher, wo Bella gerade ihre Zigarette ausgedrückt hatte.
»Was ist passiert?«, rief Bella aus. »Ich dachte, Sie wären im Gericht!«
»Wir haben uns geeinigt.«
Dann traf es ihn wie ein Schlag. Er hatte diese Dame in den Nachrichten gesehen. Die Missionarin, deren Mann in Saudi-Arabien gestorben war. CNN hatte ihre Aussage vor dem Außenpolitik-Ausschuss des Senats live gesendet. Die Regierung von Saudi-Arabien hatte Sarahs Mordvorwürfe verneint. Sie behaupteten, ihr Mann sei an einem Herzinfarkt gestorben, der nichts mit den Verletzungen zu tun hatte, die er erlitten hatte, als er sich einer Verhaftung wegen Drogendelikten widersetzt hatte.
Am Ende siegte die Bedeutung der gewaltigen saudischen Ölreserven über die Zeugenaussage einer Missionarin. Der Ausschuss verfasste einen vernichtenden Bericht, vermied aber echte Sanktionen gegen die Regierung von Saudi-Arabien und die Saudis erklärten sich bereit, eine interne...




