Singer Das Tribunal
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7751-7289-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Reihe: Justizthriller
ISBN: 978-3-7751-7289-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Randy Singer wird von der Fachpresse hoch gelobt. Seine Justiz-Thriller sind 'mindestens genauso unterhaltsam wie John Grisham' (Publishers Weekly). Für 'Die Witwe' erhielt er sogar den begehrten Christy Award. Dabei kommt Singer aus der Praxis: Im wirklichen Leben arbeitete er als Anwalt. Und die Botschaft von Gottes Liebe 'verteidigt' er sonntags auf der Kanzel der 'Trinity Church' in Virgina Beach (USA).
Autoren/Hrsg.
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Teil II
DER MENTOR
ROM, SECHS JAHRE SPÄTER
6
IM SIEBZEHNTEN JAHR DER HERRSCHAFT DES
TIBERIUS JULIUS CAESAR AUGUSTUS
Ich war zwanzig Jahre alt, als ich nach Rom zurückkehrte, und bereit, die Welt zu verändern. Exzellent ausgebildet in der Kunst der Rhetorik und Rechtswissenschaften, träumte ich davon, als Anwalt an den Gerichten Roms zu arbeiten, oder vielleicht auch als großer Lehrer wie Seneca.
Doch seit ich weggegangen war, hatte Rom sich sehr verändert. Oder vielleicht hatte ich mich auch nur verändert – das war schwer zu sagen. Wie dem auch sei, der Gegensatz zwischen der wunderschönen Insel Rhodos im Ägäischen Meer und der betriebsamen, verschwitzten Metropole Rom ließ mich die Stadt mit neuen Augen sehen.
Anders als das vergleichsweise ruhige Griechenland war Rom ein Missklang Tausender Geräusche, bei dem man sich tagsüber kaum konzentrieren konnte und nachts nicht in den Schlaf fand. Händler priesen lauthals ihre Waren an, Bettler murmelten ihre Beschwörungen, Bauarbeiter hämmerten rund um die Uhr mit ihrem Werkzeug, Schüler sagten im Singsang ihre Texte auf, wenn sie auf offenen Balkonen lesen übten. Die ganze Nacht über ertönten die Rufe aus den Badehäusern und das Knarren und Lärmen der schweren Wagen und Karren, die über das Kopfsteinpflaster der Straßen polterten. Ich mietete eine kleine Wohnung in einer schmalen Straße an und so wurde mein Umzug zurück ins Stadtleben zu einer schlaflosen Erfahrung. Die Dichter sagen: »Gott machte das Land, der Mensch die Stadt.« Selbst eine so prächtige Metropole wie Rom führte einem vor Augen, welch minderwertiger Architekt der Mensch im Vergleich war.
Doch trotz all seiner Schattenseiten war Rom noch immer das Zentrum der zivilisierten Welt. Wenn man ehrgeizig war und seinen Traum verwirklichen wollte, gab es keinen besseren Ort, um seine Karriere zu beginnen.
Während meiner ersten Woche verbrachte ich meine Freizeit auf dem Forum. Mich erstaunte, mit wie wenig Ehrfurcht die Römer ihren eigenen architektonischen Meisterwerken begegneten. Händler hatten ihre Stände direkt vor den herrlichsten Tempeln oder auf den Stufen der Basiliken aufgebaut. Bei manch einem Spiel, das in den marmornen Säulengängen stattfand, wurden Spielfelder oder Spielstände einfach in die Säulen oder Stufen geritzt. Im Schatten der größten architektonischen Leistungen, die die Welt zu bieten hatte, suchte man vergebens nach großäugigem Staunen – hier gab es nur das ständige Hintergrundgeräusch Tausender Römer, die versuchten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Doch ich war lange genug weg gewesen, um die gleichen Straßen mit einer neu gewonnenen Wertschätzung für die Geschichte und den Einfluss dieser Stadt zu beschreiten.
An einem dieser Tage stieg ich die Stufen der Rostra hinauf, einer knapp fünfundzwanzig Meter langen und drei Meter hohen Plattform, die mit bronzenen Schiffschnäbeln von großen, in Kriegen erbeuteten Schiffen dekoriert war. Hier gaben Kaiser ihre Verlautbarungen kund, und hier trugen Politiker ihre Argumente vor. Dies war der Ort, an dem legendäre Lobreden gehalten und bluttriefende abgetrennte Köpfe von Königen zur Schau gestellt worden waren.
Ich stand in der Mitte der Plattform, ohne dass mir jemand aus der sich drängenden Menge zu meinen Füßen Beachtung geschenkt hätte. Ich stellte mir vor, wie ich zu den Bürgern über ein Thema von größter Bedeutung sprach, ebenso gewandt wie Cicero vor vielen Jahren mit einer Kunstfertigkeit, die ich in derselben Schule wie er gelernt hatte. Auf einmal wurde mir klar, dass dies der vielleicht einflussreichste Ort auf der ganzen Welt sein mochte, dass genau an dieser Stelle die größten Redner der Menschheitsgeschichte gestanden, auf dieselben Gebäude geblickt und dabei den Verlauf der Geschichte verändert hatten. Eines Tages, wenn die Schicksalsgöttinnen es so wollten, würde ich es ihnen gleichtun.
Doch zunächst brauchte ich eine Anstellung. Und um dieses Ziel zu erreichen, war nichts vielsprechender als mein bevorstehendes Treffen mit Seneca.
Während meiner sechs Jahre in Griechenland hatte mein alter Lehrer einen sehr viel höheren Grad an Bekanntheit erreicht als vor meiner Abreise. Im Laufe unseres Briefwechsels hatte er mir außerdem versichert, dass er noch immer eine besondere Vorliebe für einen seiner gewissenhaftesten ehemaligen Schüler hegte.
»Gut siehst du aus!«, rief Seneca, griff nach meiner Schulter und drückte mich an sich.
»Genau wie du«, erwiderte ich. Wir beide wussten, dass ich es dabei mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Bis auf die paar Kilos, die er zugenommen hatte, sah er eigentlich mehr oder weniger so aus wie früher. Sein Haar war lockig wie eh und je, auch wenn sein Haaransatz die hohe Stirn hinaufgewandert war; er besaß mittlerweile ein Doppelkinn und deutlich mehr Falten.
Wir standen in der Mitte seines Hauses, in einem prächtigen rechteckigen Atrium mit Marmorsäulen und einem kunstvollen Springbrunnen. Der Fußboden bestand aus bunten Marmorfliesen, die in geometrischen Mustern angeordnet und poliert waren, um die Marmorierung besser zur Geltung zu bringen. Neben dem Brunnen stellte Seneca stolz lilafarbene Marmorplatten aus Ägypten zur Schau, die pro Stück mehr wert waren als meine gesamte Wohnung. Die Wände zierten teure Gemälde und die Säulen trugen kunstvolle Statuen.
Ich folgte Seneca einen langen Flur entlang und mehrere Treppen hinauf zu seinem Arbeitszimmer. Von diesem Zimmer aus blickte man auf einen großen Hof mit akkurat gepflegtem Rasen, den der Mann sein Eigen nannte, der für den Stoizismus eintrat und sich gegen Luxus aussprach.
Die ersten paar Stunden unterhielten wir uns über meine Ausbildung auf Rhodos, und ich fühlte mich in alte Zeiten versetzt. Seneca feuerte eine Frage nach der anderen auf mich ab und führte mir so vor Augen, dass ich selbst in Bestform meinem alten Lehrer nicht das Wasser reichen konnte. Wir beklagten den Verfall Roms und das zunehmend blutdurstige Gebaren seiner Bürger. Als die Unterhaltung von philosophischen zu politischen Themen wechselte, senkte Seneca die Stimme und wählte seine Worte mit Bedacht.
»Die Zeit hat die Leute den kleinen Zwischenfall mit Caligula größtenteils vergessen lassen, doch seine Familie ist immer noch geradezu zwanghaft bemüht, seine Krankheit geheim zu halten. Sie fürchten, seine Chancen, Kaiser zu werden, könnten beeinträchtigt werden.« Wir tranken Wein und ich spürte, dass Seneca kurz davor stand, mir den wahren Grund seiner Einladung mitzuteilen. »Agrippina und das Haus des Germanicus sind unglücklicherweise so einflussreich wie eh und je.« Er nahm einen weiteren Schluck Wein, während er mich über den Rand seines Kelches musterte. »Heutzutage führt ein tückischer Weg zur Macht, besonders für jene von uns, die in Rom leben. Es wäre viel einfacher, in der Provinz aufzusteigen und zu einem günstigeren Zeitpunkt nach Rom zurückzukehren.«
Bei diesen Worten verkrampfte sich mein Magen, und auf einmal schienen meine Träume in weite Ferne zu rücken. Vielleicht war ich naiv, doch ich hätte nie gedacht, dass meine Auseinandersetzung mit Caligula sechs Jahre zuvor mich bis heute verfolgen würde.
»Was weißt du über Judäa?«, fragte Seneca.
Judäa? »Ich weiß, dass das jüdische Volk stur und schwer zu lenken ist. Und ich weiß auch, dass Pontius Pilatus der Aufgabe kaum gewachsen ist.«
Das schiefe Lächeln, zu dem Senecas Mund sich nun verzog, verhieß normalerweise nichts Gutes. Mir graute vor dem, was als Nächstes kommen würde.
»Aus genau diesem Grund braucht er ein wahres Genie, das ihm als Assessor zur Seite steht.«
Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, worauf er hinauswollte. Ein Assessor war der führende Rechtsberater von Präfekten wie Pilatus. Dieses Amt war üblicherweise Männern vorbehalten, die sehr viel mehr Erfahrung und sehr viel bessere Kontakte als ich besaßen. In dieser Hinsicht wäre eine solche Position eine einmalige Gelegenheit. Doch Judäa stand eigentlich immer kurz vor der offenen Revolte und Pilatus hatte ein Händchen dafür, die jüdischen Bürger gegen sich aufzubringen. Als sein Assessor zu arbeiten, wäre eine gefährliche Angelegenheit, die Möglichkeiten zu scheitern schier endlos. Doch wie könnte ich meinem Gönner eine Absage erteilen?
Seneca lehnte sich vor, als habe er meine Gedanken durchschaut. »Sejanus traut der Familie Germanicus nicht«, erklärte er. Das waren gute Neuigkeiten. Sejanus regierte im Namen von Kaiser Tiberius Caesar das Reich, während dieser auf der Insel Capri lebte.
»Es ist nur eine Frage der Zeit«, versprach Seneca. »Du verbringst drei Jahre in Judäa, und danach helfe ich dir, eine Anwaltskanzlei im Herzen Roms zu eröffnen. Bis dahin sollte Caligulas Familie keine Gefahr mehr darstellen.«
Wir sprachen noch ein paar Minuten über die Möglichkeiten meiner zukünftigen Anstellung und Seneca erklärte, wie er seinen Einfluss geltend machen wolle. Ich hatte zwar zu keinem Zeitpunkt Ja gesagt, doch das schien Seneca nicht aufzuhalten. Und so schien bereits festzustehen, dass Pilatus in ein paar Monaten einen neuen Assessor hätte, als Seneca mir auf dem Weg nach draußen auf den Rücken klopfte.
»Was ist denn mit dem alten passiert?«, erkundigte ich mich.
Seneca machte eine Geste, als wolle er eine Fliege verscheuchen. »Das ist nicht wichtig. Außerdem ist es einfacher, jemanden abzulösen, der versagt hat, als einen, der durchschlagenden Erfolg hatte.«
Als wir im Säulengang vor dem Haus uns zum Abschied die Hände gaben, überraschte mich Seneca mit einer weiteren...




