E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Justizthriller
Singer Der Imam
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7751-7207-3
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Justizthriller
ISBN: 978-3-7751-7207-3
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Randy Singer wird von der Fachpresse hoch gelobt. Seine Justiz-Thriller sind 'mindestens genauso unterhaltsam wie John Grisham' (Publishers Weekly). Für 'Die Witwe' erhielt er sogar den begehrten Christy Award. Dabei kommt Singer aus der Praxis: Im wirklichen Leben arbeitete er als Anwalt. Und die Botschaft von Gottes Liebe 'verteidigt' er sonntags auf der Kanzel der 'Trinity Church' in Virgina Beach (USA).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
13
Am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit hallten Alex' eigene Worte pausenlos in seinem Kopf wider. Die größte Gefahr ist der Glaube, dass alles gut ist, wenn vielleicht nicht alles gut ist. Dieses Prinzip konnte er im Moment auf so viele Gebiete seines Lebens anwenden. Sein unbekümmertes und entspanntes Äußeres verbarg tiefe Risse, die kurz vor der Aufdeckung standen. Einer dieser Risse war seine Kirchengemeinde und die Tatsache, dass es langsam mit ihr bergab ging. Er schrieb dieses Unbehagen einer sturen Weigerung zu, sich mit der Gesellschaft um sie herum zu verändern, doch er wusste, dass einige, unter anderem auch ein paar Diakone, glaubten, es habe mehr mit Alex' Unzulänglichkeiten als Teilzeitpastor zu tun.
Ein weiterer Riss hatte mit Alex' eigenem Gefühl zu tun, dass er nicht wirklich in die Rolle des Pastors passte. Er hatte diese Position zwei Jahre zuvor als Übergangslösung angetreten, als die Gemeinde ohne Pastor war. Er hatte nie vorgehabt, so lange zu bleiben, und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, die guten Leute der South Norfolk Community Church verdienten mehr, als er zu bieten hatte. Vielleicht sollte er zurücktreten. Doch konnte er die Gemeinde so schnell wieder ohne Pastor zurücklassen?
Dann war da noch seine Kanzlei. Finanziell hatte die Firma ein Leck. In den meisten Monaten hatten sie einen negativen Kassenstand und strapazierten ihren Kreditrahmen immer weiter. Sie brauchten einen großen Körperverletzungsfall, um das wieder hinzubekommen. Alex hatte alle Ausgaben, die nicht Personalkosten waren, schon gekürzt, soweit es ging.
Madison & Associates lag nur anderthalb Kilometer von Alex' Eigentumswohnung entfernt und drei vom Strand. Die Kanzlei nahm die Hälfte eines kunststoffverkleideten Gebäudes in einem kleinen Büropark auf der Laskin Road ein.
Das Gebäude hatte den Stil der siebziger Jahre, genau wie die Büromöbel. Die Aussicht aus Alex' Büro, das früher sein Großvater benutzt hatte, ging auf den Parkplatz hinaus. John Patrick Madison war kein großer Fan von teuren Büroflächen in schicken Stadtvierteln gewesen. Daraus folgend konnte er günstigere Stundensätze anbieten als die meisten seiner Zeitgenossen.
Er hängte diese Stundensätze für alle sichtbar im Wartebereich der Kanzlei aus. In den sieben Jahren, die Alex bei ihm gearbeitet hatte, konnte er sich nicht erinnern, dass sich der Satz je geändert hätte. Und Alex hatte zwei Jahre nach dem Tod seines Großvaters immer noch dasselbe Schild hängen.
Wir berechnen 200 $ pro Stunde.
250 $, wenn Sie öfter als einmal die Woche anrufen.
300 $, wenn Sie uns vorschreiben wollen,
wie wir unseren Job zu machen haben.
Als Alex am Montagmorgen auf den kleinen Büroparkplatz fuhr, standen die Autos der beiden Angestellten schon da. Drinnen saß Sylvia Brunswick, die Empfangsdame/Kanzleiassistentin/Büromutter über ihren Computer gebeugt und machte sich nicht die Mühe, aufzublicken. Sie war erst ungefähr fünfundvierzig, aber ihr Rückgrat war bereits dauerhaft gekrümmt, und sie hatte wiederkehrend Anfälle verschiedener Krankheiten, die sie regelmäßig aus dem Büro fernhielten, hauptsächlich freitags und montags. Sie war spindeldürr, mit einer grellen Stimme, die Alex an die von Popeyes Freundin Olive erinnerte.
Alex' Großvater hatte Sylvia ungefähr fünf Jahre vor seinem Tod eingestellt und hatte es nie übers Herz gebracht, sie zu feuern. Bisher hatte Alex auch nicht den Mut aufgebracht, es zu tun, auch wenn er sich mehr als einmal geschworen hatte, sie würde es nicht bis zum Wochenende schaffen. An jedem Zahltag schluckte Alex hart, wenn er Sylvias Scheck unterschrieb und an ihre Krankenversicherung dachte, die Lohnsteuer und das Krankengeld.
»Alles klar?«, fragte Alex, als er rasch an Sylvia vorbeiging und den Flur entlang auf sein Büro zusteuerte. Sylvia begann auf der Stelle, eine Liste von Dingen herunterzubeten, die Alex erledigen musste. Wie Fingernägel auf einer Schiefertafel, aber er schaffte es, es auszublenden.
Im Gegensatz zu Sylvia, die eher eine Last als eine Hilfe war, war Alex' Partnerin wie eine kleine Dampflok. Es überraschte ihn nicht, dass sie schon in ihrem Büro war und telefonierte. Sie hatte wahrscheinlich schon mindestens zwei volle Stunden in Rechnung zu stellen.
Alex hatte den juristischen Dynamo Shannon Reese vor fast vier Jahren kennengelernt, während ihres ersten Semesters an der juristischen Fakultät, als sie in derselben Arbeitsgruppe für Deliktrecht gelandet waren. Die Gruppe war eine schwer in den Griff zu bekommende Verbindung von vorbildlichen und strebsamen Erstsemestern gewesen, die alle klüger als die anderen sein wollten, sich aber gleichzeitig mit heimlichen Versagensängsten plagten.
Die selbst ernannten Anführer der Gruppe nahmen Alex nicht ernst, weil er sich wie ein Surfer kleidete und seine Entwürfe nicht rechtzeitig fertigbekam. Shannon kam nie zu Wort, weil sie noch weniger wie eine Anwältin aussah als Alex. Sie war klein, athletisch und auf niedliche Art hübsch, eine ehemalige Turnerin, die ihre Haare zu einem strengen Pferdeschwanz band, mit einer Stimme sprach, die in der Pubertät steckengeblieben zu sein schien, und einen Enthusiasmus für Jura an den Tag legte, der ganz entschieden uncool war. Sie hatte dieses frische Turnerinnen-Aussehen – inklusive einem lebhaften und unschuldigen Gesicht –, das einen eisernen Willen und einen ultra-wettbewerbsorientierten Tatendrang verbarg. Ihr Erfolg als Turnerin hatte auf Athletik und Power beruht, nicht auf anmutiger Eleganz, und mit derselben Intensität ging sie ihr Jurastudium an.
Drei Wochen vor den Abschlussprüfungen spalteten sich Alex und Shannon ab und bildeten ihre eigene Zwei-Mann-Arbeitsgruppe. Shannon erhielt am Ende den Buchpreis für die beste Note in Deliktrecht und mehr als nur ein paar Noten mit einer Eins vor dem Komma. Alex war vollkommen zufrieden mit seinen Zweiern. Im folgenden Semester schlug das Paar eine ganze Reihe von Einladungen, sich anderen Gruppen anzuschließen, aus.
Auch nachdem Alex das College nach dem Sommer verlassen hatte, blieben Shannon und er in Kontakt. Alex bat seinen Großvater, Shannon für den Sommer nach ihrem zweiten Studienjahr als Aushilfe einzustellen, und nach ihrem Abschluss unterschrieb sie schließlich einen Vollzeit-Arbeitsvertrag. Alex und Shannon lernten gemeinsam für die Anwaltsprüfung, und als die Ergebnisse veröffentlicht wurden, verdreifachte sich die Zahl der zugelassenen Anwälte bei Madison & Associates.
Alex' Großvater fand Shannons Arbeitsmoral großartig, und Alex' Großmutter war wenig subtil in ihren Versuchen, die beiden jungen Anwälte miteinander zu verkuppeln. Doch Shannon hatte andere Pläne. Sie sprang von einem Freund zum nächsten, bevor sie bei einem Turntrainer an der University of Georgia landete, der gefühlstief, besitzergreifend und ein Kontrollfreak war. Nach drei Jahren Beziehung, als sie bereits verlobt waren, erwischte ihn Shannon, wie er mit einer Studentin herummachte.
Alex war für sie da, bis es ihr besser ging. Doch gerade, als er so weit war, sie zu bitten, mit ihm auszugehen, schwor Shannon den Beziehungen ab und sagte, sie wolle sich auf ihre juristische Karriere konzentrieren. Nachdem der Druck fehlte, war ihre Freundschaft in den vergangenen zwei Jahren so erblüht, dass Alex sich nicht mehr vorstellen konnte, ohne sie zu arbeiten.
Er goss sich einen Kaffee ein und hörte seinen Anrufbeantworter ab. Als er die Stimme von Khalid Mobassar hörte, der wegen seiner Frau anrief, hob sich seine Stimmung. Er rief den Imam zurück und machte ein Treffen aus. Dann reckte er triumphierend die Faust und spazierte ins Büro seiner Partnerin, wo er sich auf einen von Shannons Besucherstühlen fallen ließ. In der rechten Hand hatte er zwei gelbe Klebezettel, auf die er Notizen zu seinem neuen wertvollen Fall gemacht hatte.
Von seinem Stuhl aus sah er zu, wie Shannon ein Dokument an ihrem Computer bearbeitete und dabei konzentriert das Gesicht verzog, während sie sich weigerte, seine Anwesenheit zu bemerken.
»Hast du mal eine Minute?«, fragte er.
»Eigentlich nicht, Alex. Ich muss diesen Schriftsatz fertig machen.«
»Na gut.« Alex zuckte die Achseln und machte keine Anstalten, sich zu erheben. »Dann interessiert dich wahrscheinlich nicht, dass ich gerade einen riesigen neuen Personenschadensfall an Land gezogen habe.«
Shannon hielt inne und blickte auf, im Gesicht eine Mischung aus Verärgerung und Neugier. Das kannte sie alles schon von ihm. »Das ist richtig«, sagte sie. »Dein riesiger, nicht zu verlierender Jahrhundertfall, der alle unsere Rechnungen begleichen wird, wird einfach warten müssen, bis ich diesen Schriftsatz für meinen Feld-Wald-und-Wiesen-Antrag auf zwangsbewehrte Anordnung fertig habe, für den uns der Mandant echtes Geld zahlt.«
Mit dieser Verkündigung wandte sich Shannon wieder ihrem Bildschirm zu und begann zu tippen.
»Hirnverletzung«, sagte Alex.
Shannon sah in eine Akte neben ihrem Computer und blätterte eine Seite um.
»Eindeutige Haftung.«
Sie tippte noch ein paar Sätze.
»Versicherungsdeckung von 100 000 Dollar. Es sei denn, wir finden den Lastwagen, der den Unfall verursacht hat; dann vielleicht eine halbe Million.«
Als selbst das Shannon nicht bremste, streckte Alex die Hand nach dem Taschenrechner auf ihrem Schreibtisch aus. »Sagen wir einfach, die Geschworenen drehen völlig durch und geben uns zwei Millionen … geteilt durch drei … Oh, nicht gut. 666 666 Dollar. Hm. Zu viele Sechser.«
Auch wenn Alex nicht abergläubisch war, hatte es keinen Sinn, mit der Zahl des Tieres herumzuspielen. Er tippte...




