E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: Justizthriller
Singer Der Doktor
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7751-7261-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: Justizthriller
ISBN: 978-3-7751-7261-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Randy Singer wird von der Fachpresse hoch gelobt. Seine Justiz-Thriller sind 'mindestens genauso unterhaltsam wie John Grisham' (Publishers Weekly). Für 'Die Witwe' erhielt er sogar den begehrten Christy Award. Dabei kommt Singer aus der Praxis: Im wirklichen Leben arbeitete er als Anwalt. Und die Botschaft von Gottes Liebe 'verteidigt' er sonntags auf der Kanzel der 'Trinity Church' in Virgina Beach (USA).
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Er lehnte sich vor und sammelte all seine Kraft, um die große grüne Mülltonne den Atlantic Boulevard hinunterzuzerren. Unten an der Tonne waren zwar zwei Räder angebracht, dennoch musste er sich mächtig ins Zeug legen, sodass seine Drahtseilmuskeln vor Schweiß glänzten. Es war eine typische Juninacht in Virginia Beach – glühend heiß mit einer erstickend hohen Luftfeuchtigkeit.
Er bot einen interessanten Anblick, dieser junge schwarze Mann mit dem kantigen Kiefer, den durchdringenden braunen Augen und dem beeindruckend weißen Lächeln. Selbst auf einem Gehweg, auf dem der Wahnsinn in all seinen Facetten vertreten war, zog er die Blicke auf sich. Aber er war es gewohnt und betrachtete sich als Teil dieser bunten Schar von Persönlichkeiten, die die Atlantic Avenue zum Leben erweckten. Hier gab es Skateboarder, Punker, Südstaaten-Proleten, Strandpenner, Surfer und sonnenverbrannte Touristen. Sie trugen weite Shorts, Bikinis, obszöne T-Shirts, Tank-Tops und Schirmmützen. Es gab keine Haarfarbe und keinen Haarschnitt, die nicht vertreten waren. Sein eigener kurz geschorener Bürstenhaarschnitt, der seine kantigen Gesichtszüge noch stärker betonte, stellte bei dieser Vielfalt nichts Besonderes dar.
Vom Parkplatz aus hatte er bereits einen knappen Kilometer hinter sich gebracht, aber immer noch ein paar Blocks vor sich. Seine Fracht hinter sich herziehend, kam er an einer Hip-Hop-Band vorbei, die mit weiten Hosen, einer Stereoanlage, Lautsprechern und Verstärkern ausgestattet war.
Das hier war ihre Straßenecke, und sie hatten bereits eine kleine Menschenmenge angezogen, die klatschend und tanzend im Halbkreis um sie herumwirbelte. Mit fliegenden Dreadlocks rappten und tanzten die Jungs; machten einfach nur Party.
»Yo, Prediger«, rief der Kerl am Mikrofon.
Der Mann mit der Mülltonne blieb stehen, zeigte mit dem Finger auf seinen Hip-Hop-Kumpel und lächelte. »Was geht, Bruder.«
»Wir legen jetzt mal 'n kleinen Freestyle für unseren Prediger hin«, verkündete der Typ am Mikro. Ohne aus dem Rhythmus zu kommen, ging er zu einem neuen Text über. »B-boys in the front, back, side, and middle. Check out my b-boy rhyme and riddle.« B-Boys vorne, hinten, links und rechts, zieht euch meinen Reim rein, hieß das in etwa übersetzt. Dann legten die B-Boys, also die Breakdancer, unter dem Beifall der Menge einen Zahn zu. »Rev teach the black book smooth as butt-ah, but po-lece and white folk dis the broth-ah.« Was so viel bedeutete wie: Der Reverend predigt aus dem schwarzen Buch geschmeidig wie But-taa, aber die Bullen und Weißen dissen den Bru-daa.
Der Mann mit der Mülltonne lächelte und nickte, während er die Energie der Performance in sich aufsaugte. Angefacht vom eigenen wütenden Elan, steigerte sich der Rapper in seinen improvisierten Sprechgesang hinein, wobei der Text von Zeile zu Zeile immer derber wurde. Nach ein paar erhebenden Zeilen über den Prediger kehrte der Song wieder zurück zu althergebrachten Themen wie Sex, Drogen und dem nächsten Kerl, der eine verpasst kriegt. Als der Prediger genug gehört hatte, schlug er sich mit der Faust auf die Brust und richtete den Finger auf den Rapper. »Man sieht sich«, rief er.
Der Rapper nickte ihm zum Abschied zu, ohne seinen Text zu unterbrechen, der nun, da der Prediger im Begriff war zu gehen, immer vulgärer wurde. Und der Mann mit der Mülltonne zog weiter die Straße hinunter.
Als er seine Lieblingsstraßenkreuzung erreichte, hatten sich auf seinem T-Shirt unter den Armen und seinen Rücken hinunter bereits Schweißflecken gebildet. Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich über die Stirn. Auf beiden Seiten liefen die Leute an ihm vorbei. Während er seine Anlage auspackte, grüßte er die Touristen und lächelte ihnen zu.
»Lobe den Herrn, Bruder. Wie geht’s?«
Keine Antwort.
»Gottes Segen sei mit Ihnen, Sir.«
Er erntete einen befremdeten Blick.
»Was geht?«
»Hi.« Endlich eine Reaktion, ein erwidertes Lächeln.
Der Prediger hielt dem Mann ein Traktat hin. »Bleib noch ein bisschen«, sagte der Prediger. »Der Gottesdienst geht gleich los.«
Der Tourist lief weiter.
Charles Arnold griff in die Mülltonne und lud seine Geräte aus. Eine Karaoke-Anlage. Zwei große Lautsprecher. Eine abgenutzte Bibel. Ein verknotetes Knäuel aus Kabeln. Ein Mikrofon und eine Zwölf-Volt-Autobatterie von Wal Mart. Er schloss die Anlage an, legte eine CD ein und verwandelte seine Mülltonne in eine Kanzel, seine Straßenecke in eine Kirche.
»Es ist Zeit, unseren Lobgesang anzustimmen!«, rief er halb schreiend, halb singend in sein Mikrofon. Die Gospelklänge dröhnten wegen der billigen Lautsprecher verzerrt aus der Stereoanlage. Charles begann zu singen und sich im Takt der Musik zu wiegen. Die Touristen machten einen weiten Bogen um ihn.
»He’s an on-time God – oh yes He is … He’s an on-time God – oh yes He is … Well, He may not come when you want Him, but He’ll be there right on time … He’s an on-time God – oh yes He is …« Er ist ein pünktlicher Gott, o ja, das ist er. Vielleicht kommt er nicht, wenn du ihn rufst, aber zur rechten Zeit wird er da sein.
Langsam, aber sicher bildete sich eine Menschentraube um ihn. Charles drehte die Musik auf und passte die Lautstärke seiner Stimme entsprechend an. Vor seiner zur Kanzel umfunktionierten Mülltonne stellte er eine leere Kaffeedose mit der Aufschrift Kirchenbeiträge und Spenden auf, in der noch keine einzige Münze lag.
Einige Menschen blieben stehen und sangen mit, andere gaben sich nur ihrer Schaulust hin. Aus vorbeifahrenden Autos schallten anfeuernde Rufe oder Beleidigungen.
Er reckte seine Hände den Touristen entgegen und forderte sie auf abzuklatschen; wurde er ignoriert, unterbrach er seinen Gesang für ein schnelles »Gott segne Sie«. Jedem Passanten schenkte er ein Lächeln, die Beleidigungen der Teenager in ihren aufgemotzten Autos tat er mit einem Schulterzucken ab.
Ein paar Nachzügler fanden ihren Weg zu ihm, sein Publikum wuchs stetig. Etwas abseits begann eine Gruppe junger Mädchen mitzusingen und zu tanzen. Eine von ihnen nahm er bei der Hand und führte sie nach vorne ans Mikrofon. Ihre Freundinnen folgten ihr, sodass er nun einen Chor hatte. Die Autofahrer auf der Straße hupten. Einige drehten ihre Radios lauter, doch gegen Charles’ Lautsprecher kamen sie nicht an. Langsam füllte sich die kleine Blechdose für Kirchenbeiträge und Spenden.
Dann stimmte plötzlich eine kräftige ältere Dame mit viel zu engen Shorts und einem bösen Sonnenbrand ein stimmgewaltiges Solo an. »Amazing Grace«, die Hymne der Straße. Charles bemerkte, wie die Menschen in den ersten Reihen zu lächeln begannen und zustimmend mit den Köpfen nickten. Der Ehemann der Solistin hatte Tränen in den Augen. Zeit für eine Predigt. Charles dankte der Dame, die vom Publikum tosenden Applaus erntete.
»Ihr fragt euch vielleicht, warum ich dieses Treffen einberufen habe«, setzte Charles an, was die Menge mit einem Lachen quittierte. »Heute Abend will ich mit euch über die Sündhaftigkeit der Menschen sprechen, über die ewige Treue Gottes und die Vergebung Christi. Nicht meinem Aufruf ist es zu verdanken, dass ihr euch heute hier versammelt habt, sondern göttlichem Geheiß. Dies könnte die bedeutendste Nacht eures Lebens werden.«
Während er sprach, lief er ständig auf und ab, schüttelte Hände und passte seine Stimme dem Rhythmus der Musik an. Langsam kam er auf Touren und seine Leidenschaft in Wallung.
»Du bist verrückt, Mann«, riefen zwei vorbeilaufende Jugendliche von hinten.
»Das nennt sich die Torheit des Kreuzes«, antwortete er ins Mikrofon. »Ist es verrückt, hier an dieser Straßenecke zu stehen und zu predigen, anstatt an der nächsten zu feiern?« Einige Zuschauer schüttelten verneinend die Köpfe. Die zwei Jugendlichen blieben stehen und schauten zu.
»Ist es etwa verrückt, mich an Christus zu berauschen, anstatt an Crack?«
»Nein, Bruder«, sagte jemand in der Menge.
»Ist es dann vielleicht verrückt, die himmlischen Belohnungen des Paradieses den vergänglichen Reichtümern dieses irdischen Daseins vorzuziehen?«
»Das ist alles andere als verrückt!«, rief eine andere Stimme.
»Menschen, die das geben, was sie nicht behalten können, um etwas zu gewinnen, das sie nicht wieder verlieren können, sind wohl kaum töricht.«
»Amen, Bruder.«
Charles hatte ein paar Leute in der Menge für sich gewinnen können, doch die skeptischen Jugendlichen zeigten sich wenig beeindruckt. Er konnte sehen, wie sich auf ihren Gesichtern ein zynisches Grinsen ausbreitete. Sie winkten ab und gingen kichernd weiter. »Der Typ hat echt ’ne Schraube locker«, murmelte einer von ihnen.
Charles zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder den Gläubigen. Er fand seinen Rhythmus wieder, und sein Publikum wuchs um ein weiteres Dutzend Menschen. Die meisten der Neulinge bedachten ihn aus sicherer Entfernung irritiert mit neugierigen Blicken. Doch ein paar – ein paar gab es immer – drängten sich weiter zu ihm vor. Sie feuerten ihn an mit gut platzierten Rufen wie Amen und Ja, genau und Erzähl es uns.
Charles war so sehr in seinem Element, dass er das Polizeiauto hinter sich nicht bemerkte. Als es anhielt, brach die Verbindung zu seinem Publikum ab, die Blicke der Leute wanderten an ihm vorbei über seine Schulter. Die Gläubigen zogen sich zurück.
Er drehte sich um und sah, wie zwei Polizisten aus dem Wagen stiegen, sich mit verschränkten Armen gegen die Motorhaube lehnten und den Prediger...




