E-Book, Deutsch, 203 Seiten
Wells / Schulze Der Unsichtbare
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-95418-916-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein grotesker Roman
E-Book, Deutsch, 203 Seiten
Reihe: Science Fiction & Fantasy bei Null Papier
ISBN: 978-3-95418-916-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Herbert George Wells (21. September 1866 - 13. August 1946) war ein englischer Schriftsteller und Vorreiter der Science-Fiction-Literatur. Als ausgebildeter Historiker und Soziologe schrieb er Romane, Kurzgeschichten und wissenschaftliche Abhandlungen. Seine größten Erfolge waren die beiden Science-Fiction-Romane'Der Krieg der Welten' und 'Die Zeitmaschine'.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel – Die Ankunft des Fremden
An einem winterlich kalten Februartage, bei schneidendem Wind und Schneegestöber – dem letzten Schnee des Jahres – kam der Fremde von der Bahnstation Bramblehurst zu Fuß über die Düne, einen kleinen, schwarzen Mantelsack in der warm verwahrten Hand. Er war von Kopf bis zu Fuß eingehüllt, und der Rand des weichen Filzhutes verbarg sein Gesicht bis auf die glänzende Nasenspitze vollkommen. Der Schnee hatte sich auf seinen Schultern und seiner Brust festgesetzt und den Sack, den er trug, mit einer weißen Kruste bedeckt. Mehr tot als lebendig wankte er in den Gasthof »Zum Fuhrmann« und warf sein Gepäck auf den Boden. »Ein Feuer!«, rief er. »Um der Barmherzigkeit willen! Ein Zimmer und ein Feuer!« In der Schankstube schüttelte er den Schnee von seinen Kleidern und folgte Mrs. Hall in das Gastzimmer, um wegen seiner Unterkunft zu verhandeln. Ohne dort noch ein weiteres Wort zu verlieren, warf er nachlässig zwei Goldstücke auf den Tisch und schlug in dieser formlosen Weise sein Quartier in dem Gasthofe auf.
Mrs. Hall machte Feuer im Kamin und ließ ihn dann allein, um ihm in der Küche eigenhändig eine Mahlzeit zu bereiten. In Iping zur Winterszeit einen Reisenden zu beherbergen, der überdies nicht knauserig zu sein schien, war ein unerhörter Glücksfall, und die Wirtin war entschlossen, sich ihres guten Sterns würdig zu erweisen.
Sobald der Speck am Feuer und Millie, das Hausmädchen, von ihr durch einige wohlgezielte Scheltworte aufgemuntert worden war, trug sie Tischtuch, Teller und Gläser ins Gastzimmer und begann mit der größten Aufmerksamkeit den Tisch zu decken. Sie war erstaunt, zu sehen, daß der Gast ihr den Rücken wendete, trotz des lustig flackernden Feuers Hut und Überrock anbehalten hatte und auf das Schneetreiben im Hof hinaussah.
Er hatte die behandschuhten Hände auf dem Rücken gefaltet und war anscheinend in Gedanken versunken. Sie bemerkte, daß der Schnee auf seinen Kleidern zu Wasser wurde und auf ihren Teppich herabtropfte.
»Kann ich Ihnen Hut und Rock abnehmen, mein Herr, und sie in der Küche trocknen?«, fragte sie.
»Nein«, antwortete er, ohne sich umzuwenden.
Sie war nicht sicher, ob er sie verstanden hätte, und wollte schon ihre Frage wiederholen.
Da wandte er den Kopf und sah sie über die Schulter hinweg an. »Ich ziehe es vor, sie anzubehalten«, erklärte er mit Nachdruck, und sie konnte bemerken, daß er eine große, blaue Brille trug und ein buschiger Backenbart seine Wangen vollkommen bedeckte.
»Gut, mein Herr«, sagte sie, »wie’s gefällig ist. Das Zimmer wird gleich warm werden.«
Er hatte sich wieder abgewandt und antwortete nicht. Da Mrs. Hall fühlte, daß die Zeit zur Anknüpfung eines Gespräches nicht gut gewählt sei, vollendete sie rasch und geräuschlos das Decken des Tisches und huschte hinaus. Als sie zurückkehrte, stand er noch an derselben Stelle, wie aus Stein gehauen, mit gekrümmtem Rücken, aufgeschlagenem Rockkragen und triefender, abwärts gebogener Hutkrempe, die Gesicht und Ohren vollständig verbarg. Würdevoll setzte sie die Schüssel mit Eiern und Speck nieder und rief ihm zu:
»Ihr Frühstück ist fertig, mein Herr.«
»Danke«, erwiderte er darauf, ohne sich zu rühren, bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann aber drehte er sich schnell um und wandte sich mit Heißhunger dem Tisch zu.
Als Mrs. Hall in die Küche hinter der Schankstube ging, hörte sie einen Ton, der sich in regelmäßigen Zwischenräumen wiederholte. Klick, klick, klick ging es, der Klang eines Löffels, der in einem Gesäß klappert. »Dieses Mädchen!«, rief sie. »Ich hatte es ganz vergessen. Das kommt von ihrer Langsamkeit.« Und während sie das Mischen des Senfs selbst besorgte, bekam Millie einige saftige Bemerkungen über ihre Langsamkeit zu hören. Sie (Mrs. Hall) hatte Schinken und Eier gekocht, den Tisch gedeckt, kurz alles getan, während Millie – wahrlich eine schöne Hilfe – nicht einmal mit dem Senfrühren zustande kam. Und ein neuer Gast im Hause, der hoffentlich lange bleiben würde! Dann füllte sie das Senfglas, setzte es voll Selbstbewußtsein auf ein schwarz-goldenes Servierbrett und trug es ins Fremdenzimmer.
Sie klopfte an die Türe und trat sofort ein. Als der Gast sie gewahrte, machte er eine rasche Bewegung, und einen flüchtigen Augenblick sah sie etwas Weißes hinter dem Tisch verschwinden, als ob der Fremde etwas vom Boden aufheben wolle. Mrs. Hall setzte das Senfglas auf den Tisch; dabei bemerkte sie, daß der Überrock abgenommen und über einen Stuhl am Feuer ausgebreitet war, und ein Paar nasse Stiefel ihr Kamingitter mit Rost bedrohten. Sie ging entschlossen darauf zu: »Jetzt kann ich sie doch wohl zum Trocknen nehmen?«, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
»Lassen Sie den Hut da«, sagte der Fremde mit dumpfer Stimme, und als sie sich umwandte, bemerkte sie, daß er den Kopf erhoben hatte und sie anblickte.
Einen Augenblick lang starrte sie ihn an, zu überrascht, um sprechen zu können.
Er hielt ein weißes Tuch – eine Serviette, die er mitgebracht hatte – vor den unteren Teil seines Gesichts, so daß es Mund und Kinnbacken ganz bedeckte und die Stimme nur halb erstickt daraus hervordrang. Aber nicht das erschreckte Mrs. Hall, sondern der Umstand, daß ein weißer Verband seine ganze Stirn über den blauen Gläsern verhüllte, während ein zweiter die Ohren verbarg und von seinem ganzen Gesicht nichts als die spitze, rote Nase frei ließ. Diese war leuchtend rot und glänzte wie bei seiner Ankunft. Er trug eine dunkelbraune Samtjacke mit einem hohen, schwarzen, leinengefütterten Kragen, der in die Höhe geschlagen war. Das dichte schwarze Haar, das hie und da zwischen dem Kreuzverband vorlugte, bildete seltsam geformte Schwänze und Hörner und verlieh ihm das denkbar merkwürdigste Aussehen … Dieser verhüllte und verbundene Kopf war dem, was sie erwartet hatte, so unähnlich, daß sie einen Augenblick lang wie erstarrt dastand. Er legte die Serviette nicht weg, sondern hielt sie in der mit einem braunen Handschuh bekleideten Hand fest, wobei er seine Wirtin durch die unergründlichen Augengläser hindurch unverwandt anblickte. »Lassen Sie den Hut da«, wiederholte er undeutlich durch das weiße Tuch hindurch.
Ihre Nerven begannen sich von dem Schrecken zu erholen. Sie legte den Hut auf den Stuhl neben dem Feuer zurück. »Ich wußte nicht, mein Herr«, begann sie, »daß –« und sie schwieg verwirrt still.
»Danke«, sagte er kurz, von ihr zur Tür und dann wieder auf sie blickend.
»Ich will sie gleich schön trocknen, mein Herr«, sagte sie und trug seine Kleider aus dem...




