Vollbracht | Sympathielenkung in der griechischen Tragödie | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 24, 360 Seiten

Reihe: DRAMA - Studien zum antiken Drama und seiner Rezeption

Vollbracht Sympathielenkung in der griechischen Tragödie

Performativität und Sprachgestaltung in Aischylos' Agamemnon
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8233-0484-5
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Performativität und Sprachgestaltung in Aischylos' Agamemnon

E-Book, Deutsch, Band 24, 360 Seiten

Reihe: DRAMA - Studien zum antiken Drama und seiner Rezeption

ISBN: 978-3-8233-0484-5
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Mittelpunkt dieser Untersuchung zur Agamemnon-Tragödie des Aischylos steht die Frage, welche Strategien vom Dichter eingesetzt werden, um Sympathie oder Antipathie gegenüber einer Dramenfigur zu erzeugen, und wie sich die Sympathielenkung nach möglichst objektivierbaren Kriterien analysieren lässt. Dafür werden im Methodenkapitel die Theorie der Sympathielenkung im Drama und die Sprechakttheorie nach Austin und Searle verknüpft und für die attische Tragödie fruchtbar gemacht. Das anschließende Close Reading der ersten Orestie-Tragödie zeigt, dass der pragmatische Interpretationsansatz nicht nur zu neuen Erkenntnissen in Bezug auf die Sprachgestaltung, die Redestrategien und die Handlungsmotivation der Hauptfiguren Agamemnon und Klytaimestra führt, sondern auch als sinnvolle Ergänzung für die Analyse der performativen Sprache des antiken Dramas insgesamt genutzt werden kann.

Dr. Henrik Vollbracht studierte Klassische Philologie und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien in Marburg und Rom.

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2Forschungsstand
In der Aischylos-Forschung nimmt die Orestie seit jeher eine herausragende Stellung ein. Der Grund dafür liegt vornehmlich darin, dass sie die einzige uns noch erhaltene Tragödientrilogie des 5. Jahrhunderts v. Chr. darstellt und darüber hinaus das letzte große Werk des nur wenige Jahre nach der Aufführung verstorbenen Dichters ist. Die Sprache des Aischylos – gerade im Vergleich zu den jüngeren Tragikern Sophokles und Euripides – wurde bereits in der Antike selbst zum Gegenstand der Reflexion: Als besonderes Zeugnis dafür ist die Komödie Die Frösche4 des attischen Dichters Aristophanes zu nennen, wenngleich die komödiantische Verzerrung der Darstellung sicherlich mit Vorsicht zu genießen ist.5 Es wird jedoch deutlich, dass es schon früh ein Bewusstsein über die Eigenheiten der aischyleischen Dichtersprache gab und dass dabei – auch aus entwicklungsgeschichtlichen Gründen – insbesondere der Vergleich mit der Sprache des Sophokles und Euripides im Vordergrund stand. Im Kern hält sich diese vergleichende Herangehensweise bei der Untersuchung der Tragödiensprache bis in die moderne Forschung. Dabei standen zunächst allerdings semantische, stilistische und syntaktische Analysen im Vordergrund.6 Bei Aischylos, dessen Tragödien sich in besonderer Weise durch ihr dichtes Geflecht aus Motiven, Metaphern und Leitbildern auszeichnen, wurde die sprachliche Gestaltung zudem vermehrt unter dem Aspekt der Funktion dieser Ausdrucksmittel und ihrer Rolle im Gesamtzusammenhang des jeweiligen Stücks beleuchtet.7 In jüngerer Zeit kann man in der Erforschung der aischyleischen Sprache im Wesentlichen drei Bereiche eingrenzen, die sich zum Teil gegenseitig bedingen und für die vorliegende Arbeit von Bedeutung sind: Im ersten Bereich wird die Sprache vermehrt hinsichtlich ihrer Funktion für die Charakterisierung der Dramenfiguren untersucht. Dabei steht in der Orestie insbesondere die Klytaimestra-Figur im Vordergrund.8 Der zweite Bereich beschäftigt sich mit der rhetorischen Gestaltung der Tragödie. Zwar stehen in diesem Zusammenhang die Werke des Euripides bedeutend mehr im Fokus, da sie von der aufkommenden Theoretisierung der Rhetorik durch die Sophisten geprägt sind; mittlerweile wird die Untersuchung rhetorischer Mittel und Strukturen aber auch auf die Tragödien des Aischylos ausgeweitet.9 Zum dritten Bereich können im Wesentlichen die pragmalinguistischen Zugänge zur Tragödie gezählt werden, die vor allem in den letzten Jahren stark zugenommen haben und sich der praktischen Bedeutung performativer Sprache in ihrem jeweiligen Äußerungskontext widmen.10 In diesen Bereich fällt auch die Untersuchung der Sprechakte und der Sympathielenkung. Die Anwendung der in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufkommenden Sprechakttheorie auf die Literatur der griechischen Antike schlägt sich bereits seit längerer Zeit, aber nur in vereinzelten Arbeiten nieder.11 Im Bereich des attischen Dramas bzw. der aischyleischen Tragödie im Besonderen findet sich dementsprechend nur wenig einschlägige Literatur.12 Eine systematische und vollständige Untersuchung des sprachlichen Verhaltens von Dramenfiguren mit Hilfe der Sprechakttheorie ist – soweit ich es überblicken kann – noch gar nicht erfolgt. Die vorliegende Untersuchung betritt mit ihrem ganzheitlichen Ansatz also Neuland und kann dahingehend als Ergänzung zu anderen pragmatischen Zugängen zum antiken Drama dienen. Für die Theorie der Sympathielenkung, die bisher vorwiegend in der anglistischen und germanistischen Sprachwissenschaft für das Drama stark gemacht wurde,13 fällt der Überblick über die Forschung ähnlich aus: Zwar finden sich Sympathie und Antipathie als Beurteilungskategorien in nahezu allen Arbeiten, die sich mit dem Charakter, der Motivation und dem Handeln von Dramenfiguren beschäftigen; allerdings sind auch in diesem Bereich nahezu keine Arbeiten zu verzeichnen, die sich dezidiert mit der Sympathielenkung als solcher auseinandersetzen.14 Das Hinzuziehen eines Theorie- und Methodenansatzes zur Analyse der Sympathielenkung im Text scheint bisher nicht genutzt zu werden.15 Welche heuristischen Möglichkeiten die Verknüpfung der Sympathielenkungstheorie und der Sprechakttheorie für die Untersuchung der Sprache und ihrer Wirksamkeit im Drama – auch unter Einbezug der Eigenheiten dramatischer Kommunikation – bieten kann, wird in den folgenden methodischen Vorüberlegungen herausgearbeitet. 4 Zur Aischylos-Rezeption in den aristophanischen Fröschen vgl. ausführlich Zimmermann (2009). 5 Zimmermann (ebd.) 83 macht darauf aufmerksam, dass sich eine ganze Forschungstradition auf die aristophanischen Frösche und ihr Urteil über die Dichtersprache des Aischylos zurückführen lässt. 6 Vgl. Zimmermann (2011) 512. 7 Für den Agamemnon sind insbesondere die Arbeiten von Zeitlin (1965) und Pucci (1992) zu nennen, die sich mit dem Leitmotiv des Opfers auseinandersetzen. Petrounias (1976) geht darauf ebenfalls ein und stellt darüber hinaus weitere Motive und Leitbilder vor. Lee (2004) beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit dem Motiv der ‚deadly p?p???‘, die im Kontext der Iphigenie-Opferung und dem Mord an Agamemnon eine zentrale Rolle spielen. Für weitere Literatur vgl. Zimmermann (2011) 512 mit Anm. 127 und 128. 8 Einen guten Überblick über die Charakterisierung Klytaimestras und Agamemnons in der Orestie bietet Seidensticker (2009) 230–7. Auch die Arbeiten von Hypsilanti (2003) 355–364 und Chesi (2014) 10–81 gehen ausführlich auf die Charakterzüge Klytaimestras im Agamemnon ein. Gierke (2017) 53–79 untersucht die Bedeutung der Ehe und der Konzeption von Männlichkeit und Weiblichkeit für die Handlung und die Charakterzeichnung Agamemnons und Klytaimestras. Einen ganzheitlicheren Blick auf die Klytaimestra-Figur und ihre unterschiedlichen Gestaltungen in den Texten von Homer bis Aischylos bietet die Arbeit von Vogel-Ehrensperger (2012). Noch grundlegender zur Mythen-Innovation bei Aischylos, v. a. mit Bezug auf die zentralen Figuren der Orestie, sind die Arbeiten von Föllinger (2003) 49–132 und (2009b). 9 In diesem Zusammenhang ist vor allem die Arbeit von Zetzmann (2021) v. a. 81–99 zu nennen, die sich mit der Darstellungsweise und der dramatischen Funktion scheiternder Reden in der Tragödie beschäftigt und für die Orestie das zentrale dritte Epeisodion des Agamemnon mit dem Gespräch zwischen Agamemnon und Klytaimestra (Ag. 810–974) untersucht. Einen allgemeinen Überblick über Rhetorik im Drama bietet Zimmermann (2019). Sansone (2012) geht in seiner Arbeit ausführlich auf den Zusammenhang zwischen Drama und der aufkommenden Rhetorik-Theorie im 5. Jhd. v. Chr. ein. 10 In diesem Bereich finden sich einige Arbeiten, die neuartige Ansätze für die Drameninterpretation bieten. So plädiert z.B. van Emde Boas (2017) dafür, die Methoden der Konversationsanalyse für den dramatischen Dialog fruchtbar zu machen und verdeutlicht dies am Beispiel der Stichomythie in Aes. Ag. 931–44. Für die Tragödie des Aischylos finden sich aber insgesamt nur wenige einschlägige Untersuchungen. In zwei rezenten Sammelbänden von Martin et al. (2020) und Mancuso/Zetzmann (2023, im Erscheinen) werden allerdings vielfältige Interpretationsansätze der Pragmatik vorgestellt, die für das antike Drama fruchtbar gemacht und ausgebaut werden können. 11 Die Aufsätze von Roochnik (1990), Beck (2008); (2009) und Christensen (2015) beschäftigen sich mit Sprechakten in den homerischen Epen. Zum sprachlichen Handeln in der archaischen Lyrik vgl. die Arbeit von Decken (2022). 12 Prins (1991) geht in ihrem Aufsatz zum Chor der Erinyen auf Sprechhandlungen in den Eumeniden ein, allerdings auf einer sehr allgemeinen Ebene. Für Sophokles ist der Aufsatz von Heuner (2006) als Ansatzpunkt aufschlussreich. Mit sprechakttheoretischen Untersuchungen einzelner Abschnitte des euripideischen Orestes beschäftigt sich der Aufsatz von Scardino (2020). In der Arbeit von Bierl (2001) zum Chor in der alten Komödie wird die Sprechakttheorie mit der Performativität des chorischen Rituals in Verbindung gebracht. Ingesamt zeigt sich jedoch, dass die Sprechakttheorie bisher nicht für systematische und ganzheitliche Dramenanalysen herangezogen wurde. 13 Vgl.u.a. die Arbeiten von Pfister (1978); Clemen (1978); Winko (2003); Ranke (2009); Prinz/Winko (2014); Hillebrandt/Kampmann (2014), die auch...



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