E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Svendsen Philosophie der Einsamkeit
3. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8438-0717-3
Verlag: Berlin University Press ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-8438-0717-3
Verlag: Berlin University Press ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lars Fredrik Händler Svendsen (geb.1970) ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke, darunter auch die 'Kleine Philosophie der Langeweile' (2002), wurde bereits in 26 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2008 mit dem Meltzerpreis für hervorragende Forschung und Forschungsvermittlung. 2012 untersuchte er Andreas Behring Breiviks sogenanntes Manifest nach den dahinter liegenden ideologischen Inspirationsquellen. Daniela Stilzebach, Studium der Kommunikations und Medienwissenschaft, Psychologie und Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig; Studium der nordischen Sprachen und Literatur an der Universität Bergen/Norwegen; langjährige Berufserfahrung im Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Redaktion sowie Übersetzungen aus dem Norwegischen, Dänischen und Schwedischen.
Weitere Infos & Material
EINLEITUNG
1_DAS WESEN DER EINSAMKEIT
2_EINSAMKEIT ALS GEFÜHL
3_WER SIND DIE EINSAMEN?
4_EINSAMKEIT UND VERTRAUEN
5_EINSAMKEIT, FREUNDSCHAFT UND LIEBE
6_INDIVIDUALISMUS UND EINSAMKEIT
7_DIE GUTE EINSAMKEIT
8_EINSAMKEIT UND VERANTWORTUNG
Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Definitionen von Einsamkeit, die jedoch durchgängig einige Gemeinsamkeiten aufweisen: ein Gefühl von Schmerz oder Traurigkeit, eine Selbstauffassung als isoliert oder allein sowie einen gefühlten Mangel an Nähe zu anderen. Die meisten Definitionen sind Variationen dieser grundlegenden Züge. Eine solche Definition von Einsamkeit lässt offen, ob sie innere oder äußere Ursachen hat, ob sie Ergebnis der eigenen Konstitution des Individuums oder Resultat der äußeren Bedingungen ist, unter denen das Individuum lebt. Jedoch funktioniert es schwerlich, Einsamkeit aus dem Versagen sozialer Stütze oder Ähnlichem heraus zu definieren, wie es das norwegische Gesundheitsamt tut, da es Menschen gibt, die nach normalem Verständnis sozial gut gestützt werden, sich aber dennoch chronisch einsam fühlen.24 Umgekehrt gibt es eine Vielzahl von Menschen mit schlechter sozialer Stütze, die aber trotzdem nicht nennenswert von Einsamkeit geplagt sind. Es gibt statistische Zusammenhänge zwischen sozialer Stütze und Einsamkeit, aber das ist kein notwendiger Zusammenhang, daher muss Einsamkeit ausgehend vom subjektiven Erleben definiert werden und nicht von objektiven Festlegungen wie der Menge an sozialer Stütze.
»Einsam« und »Allein«
Das Wort »einsam« stammt vom altnordischen , wobei es sich um eine Zusammensetzung aus dem Zahlwort (»eins«) und dem Adverb (»zusammen«) handelt, und bezeichnet etwas, das ganz allein steht. Das könnte vermuten lassen, dass Einsamkeit weitestgehend deckungsgleich mit dem Alleinsein ist; es scheint eine verbreitete Annahme zu sein, dass einsame Menschen mehr allein sind und dass diejenigen, die allein sind, häufig auch einsamer sind. Wie wir sehen werden, ist Einsamkeit indessen sowohl logisch als auch empirisch unabhängig vom Alleinsein. Es geht nicht darum, in welchem Umfang ein Individuum von anderen Menschen – oder Tieren, was das betrifft – umgeben ist, sondern wie das Individuum seine Beziehung zu anderen erlebt.
Man kann sagen, dass jeder Mensch immer allein ist, was seine Erfahrung der Welt betrifft. Wenn wir einen Vortrag hören und dabei von Hunderten Anderer umgeben sind, sind wir in gewissem Sinne allein mit den Worten, die wir hören. Auf einem Konzert, umgeben von Tausenden Anderer, ist man allein mit der Musik, weil es das Erleben der Musik ist. Selbstverständlich teilen wir diese Erlebnisse auch mit anderen, nehmen ihre Reaktionen auf und kommunizieren mit Worten, Mimik und Gestik, wie wir selbst den Vortrag oder das Konzert erleben, aber das Erlebnis wird immer einen privaten Charakter haben, der nicht vollständig mit anderen geteilt werden kann. Auch Schmerzen können nicht geteilt werden. Werden sie hinreichend stark, zerstören sie die Welt und die Sprache des Betroffenen. Der Schmerz pulverisiert die Sprache.25 Man kann , dass etwas weh tut, wenn der Schmerz aber hinreichend stark wird, verliert man selbst diese Fähigkeit. Ein so starker Schmerz kann nicht mit jemand anderem geteilt werden, weil es keinen Platz für jemand anderen gibt, wenn der Schmerz für den Betroffenen die ganze Welt ausmacht. Wir können uns den Schmerz eines anderen nicht nur vorstellen, sondern teilweise auch fühlen, weil es auch uns weh tut zu sehen, dass andere Schmerzen haben, aber es besteht dennoch eine Kluft zwischen dem gefühlten Schmerz bei dem Anderen und unserer eigenen Reaktion auf diesen Schmerz. Solche Erfahrungen zeigen uns, dass es einen unüberschreitbaren Abstand zwischen uns selbst und allen anderen gibt.
In gewissem Sinne sind wir alle allein. Dieser Gedanke kommt Celia in T. S. Eliots (1949), nachdem ihr Liebhaber Edward beschließt zu seiner Frau zurückzukehren. Sie sagt, dieser Bruch habe sie nicht nur in diesem Moment allein gemacht, sondern habe ihr vielmehr ins Bewusstsein gerufen, dass sie immer allein gewesen ist, dass sie immer allein bleiben wird, dass es eine Bewusstmachung nicht nur hinsichtlich ihres Verhältnisses zu Edward war, sondern bezüglich aller Menschen, dass alle Menschen allein sind, dass sie Geräusche und Mimik von sich geben und glauben, sie würden zueinander sprechen und einander verstehen, dass dies in der Realität aber eine Illusion ist.26 Auch wenn Celia das Wort »allein« verwendet, beschreibt sie Einsamkeit – das schmerzhafte Gefühl, keine Bindung zu anderen zu haben. Celia hat recht damit, dass wir alle in gewissem Sinne allein geboren werden, allein leben und sterben müssen. Wir alle haben ein Selbst, das sich zu sich selbst verhält und sich bewusst ist, von anderen getrennt zu sein.
Man kann eine metaphysische Einsamkeit erleben, bei der man sich selbst als dazu verurteilt auffasst, immer einsam zu sein, abgeschnitten von anderen, weil die Welt ganz einfach so ist, dass wir alle in letzter Instanz nur uns selbst überlassen sind.27 Eine verwandte Variante ist die epistemische Einsamkeit – die Überzeugung, dass man niemals wirklich mit einem anderen Menschen kommunizieren und ihn verstehen kann, und dass man aus diesem Grund auch niemals von anderen verstanden werden kann. Bertrand Russell schreibt über solche Formen der Einsamkeit in seiner Autobiografie: »Jeder, der überhaupt begreift, was das menschliche Leben ist, muss irgendwann die merkwürdige Einsamkeit jeder abgeschnittenen Seele fühlen. Die Entdeckung der gleichen Einsamkeit in anderen erschafft dabei ein merkwürdiges neues Band sowie ein Mitgefühl, das so stark ist, dass es das Verlorengegangene beinahe ersetzen kann.«28 Die Einsicht, dass alle einsam sind, erschafft für Russell paradoxerweise ein Band zwischen Menschen, das die Einsamkeit nahezu überwindet. Solche Erfahrungen und Gedanken handeln ungeachtet dessen von etwas anderem als davon einfach allein zu sein.
»Allein« ist zunächst eine rein numerische und physische Bezeichnung, die nichts anderes besagt, als dass man nicht von anderen umgeben ist, und der Ausdruck an sich beinhaltet keine Einschätzung dahingehend, inwieweit das positiv oder negativ ist. Im Kontext indessen kann »allein« wertend sein, wenn zum Beispiel jemand in einer Tonlage, die auf einen traurigen oder auf einen positiv gestimmten Gefühlszustand hinweist, sagt: »Ich bin ganz allein.« »Einsam« hingegen ist immer wertend. Am häufigsten wird »einsam« für die Beschreibung eines negativen Zustandes verwendet, aber wir können auch davon sprechen, »die Einsamkeit zu genießen«. »Einsam« hat eine emotionale Dimension, der »allein« nicht bedarf.
Man kann zwischen verschiedenen Formen des Alleinseins unterscheiden, abhängig von der Art der Beziehung, die man in diesem Zustand zu anderen hat. Man kann aufgrund einer eigenen Entscheidung allein sein, zum Beispiel, indem man sich nach draußen in die Natur begibt, fernab von anderen. Es gibt auch ein institutionalisiertes Alleinsein, wobei man anerkennt, dass jeder Anrecht auf ein Privatleben hat. Das Privatleben ist eine Institution, in der die soziale Gemeinschaft weiterhin intakt ist, selbst wenn man die Möglichkeit hat, sich dieser zu entziehen. Schließlich kann man allein sein, weil man sozial isoliert ist, sodass der Wunsch nach sozialen Beziehungen nicht erfüllt wird.
Es gibt Menschen, die praktisch gesprochen ihre ganze Zeit allein verbringen, ohne nennenswert von Einsamkeit geplagt zu werden, sowie andere, die sich besonders einsam fühlen, auch wenn sie den Großteil der Zeit von Familie und Freunden umgeben sind. Im Durchschnitt verbringt eine Person fast 80 Prozent ihrer wachen Zeit in Gesellschaft anderer Menschen.29 Das gilt auch für die Einsamen. Betrachtet man die Gruppe derer, die in verschiedenen Untersuchungen angeben, sich »oft« oder »sehr oft« einsam zu fühlen, ist ein durchgängiges Merkmal, dass sie nicht mehr Zeit alleine verbringen als die Gruppe von Menschen, die angibt, sich nicht einsam zu fühlen.30 In über 400 Aufsätzen über die Erfahrung von Einsamkeit fand ein Forscher keinerlei Korrelation zwischen dem Grad der physischen Isolation und der Intensität des Erlebens von Einsamkeit.31 Die tatsächliche Anzahl von Menschen, die eine Person um sich hat, korreliert in geringem Ausmaß mit dem Einsamkeitsgefühl der Person, aber es gibt gewisse Hinweise darauf, dass die stärksten Einsamkeitsgefühle in Situationen auftreten, in denen der Einsame von anderen Menschen umgeben ist. Allein zu sein und einsam zu sein sind trotzdem sowohl logisch als auch empirisch unabhängig voneinander.
In Reportagen über Einsamkeit, bevorzugt zu Festen wie Ostern und Weihnachten gesendet, werden gern Menschen hervorgehoben, die allein und einsam sind. Das trägt dazu bei, den Eindruck zu erschaffen, dass sie einsam sind, weil sie allein sind. Das kann berechtigt wirken. Nicht zuletzt bei Älteren, die einen Ehepartner verloren haben, scheint es klar, dass ihre Einsamkeit in hohem Maße damit erklärt werden muss, dass sie nunmehr allein sind. Indessen wäre es übereilt, den Schluss zu ziehen, dass Menschen, die allein...




