E-Book, Deutsch, Band 27, 216 Seiten
Reihe: Wissen und Studium
E-Book, Deutsch, Band 27, 216 Seiten
Reihe: Wissen und Studium
ISBN: 978-3-7445-0236-8
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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Einleitung
Betrachtet man das Bourdieusche Gesamtwerk, so fallt auf, dass sich zur Thematik der Kunst in jeder Schaffensphase Arbeiten finden. Bereits während seiner frühen Aufenthalte in Algerien veröffentlichte Bourdieu immer wieder kleinere Arbeiten zu künstlerischen Thematiken (Bourdieu et al. 1963a; 1963b). Insbesondere die intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der Kunsttheorie von Erwin Panofsky trug entscheidend zu seiner Konzeption des Habitus bei. Nach der Rückkehr nach Frankreich wendete sich Bourdieu der Analyse der französischen Gesellschaft zu. Im Rahmen seines Entwurfs des sozialen Raums untersuchte er nun den Kunstkonsum und die Kunstrezeption, also die Zusammenhänge von ästhetischen Einstellungen, kulturellen Praktiken, Konsumgewohnheiten und sozialen Positionen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle vor allem die beiden Studien aus den 1960er Jahren: „Eine illegitime Kunst“ (Bourdieu 1981) zu den sozialen Gebrauchsweisen der Photographie und „Die Liebe zur Kunst“ (Bourdieu 2006) über die Besucher europäischer Kunstmuseen. Diese frühen Analysen zu Ästhetik und Geschmack stellen dabei eine entscheidende Grundlage seiner meistzitierten Studie „Die feinen Unterschiede“ dar (Bourdieu 1982). Auch seine spätere Konzeption des Feldes veranschaulicht Bourdieu Anfang der 1990er Jahre zunächst anhand einer Modellanalyse zum Feld der Kunst, die unter dem Titel „Die Regeln der Kunst“ (Bourdieu 1999) erschienen ist. Im Unterschied zur wissenschaftlichen Rezeption, in welcher „Die feinen Unterschiede“ als Bourdieus unumstrittenes Hauptwerk eingestuft wird, betrachtete der Autor selbst „Die Regeln der Kunst“ als Krönung seines soziologischen Schaffens (vgl. Wuggenig 2009b: 9). Obwohl inzwischen auch in Deutschland eine erste Einführung in das kunstsoziologische Werk Bourdieus erschienen ist (vgl. Kastner 2009), zählen seine Arbeiten zur Kunst dennoch zu den eher schwächer diskutieren Teilen seines Gesamtwerkes. Dies zeigt sich beispielsweise an der Tatsache, dass die gängigen soziologischen Einführungen zum Bourdieuschen Werk die Schriften zur Kunst vollkommen ausklammern (vgl. Schwingel 1995; Fuchs-Heinritz/König 2005; Barlösius 2006; Rehbein 2006).6 Auf Seiten der Sozialwissenschaft mag diese Distanz zum kunsttheoretischen Werk Bourdieus mit dem schwierigen Verhältnis von Soziologie und Kunst im Allgemeinen zusammenzuhängen. Bourdieu selbst reflektiert in seinem Vorwort von „Die Regeln der Kunst“ (Bourdieu 1999: 9–16) dieses problematische Verhältnis als Ausgangspunkt der Konzeption eines Feldes der Kunst. „Soziologie und Kunst vertragen sich nicht“, konstatierte er dabei bereits 1980 in einem Vortrag (Bourdieu 1993a: 197).7 Denn die Soziologie greift das Selbstverständnis der Künstler an, wenn sie versucht, die Kunst sozial zu verankern. „Das Universum der Kunst“ dagegen ist „ein Universum des Glaubens, des Glaubens an die Begabung, an die Einzigartigkeit des unerschaffenen Schöpfers“ (Bourdieu 1993a: 197). Durch wissenschaftliche Analyse und rationale Methodik, so der Vorwurf, entzaubere Bourdieu die Besonderheit der künstlerischen Werke und zerstöre damit das ästhetische Vergnügen. In „Die Regeln der Kunst“ führt Bourdieu dies auf zwei inkompatible Wahrnehmungsmodi der beiden Bereiche zurück: „Der Soziologe [ist] zum Relativismus verdammt [...] , zur Nivellierung der Werte, zum Niedermachen des Großen, zur Abschaffung der Unterschiede, die doch die Singularität des ‚schöpferisch Wirkenden‘ ausmachen, der immer auf seiten des Einzigartigen steht?“ (Bourdieu 1999: 10) Die Soziologie ist demzufolge unfähig, die Einzigartigkeit von Künstler und Kunstwerk zu erkennen, weil sie „mit der großen Zahl im Bunde steht, mit dem Durchschnitt, dem Mittel und folglich mit dem Mittelmäßigen, dem Minderen, den minores“ (Bourdieu 1999: 10). Die Einzigartigkeit der Kunst hingegen „entziehe sich der Definition nach rationaler Erkenntnis.“ (Bourdieu 1999: 11) Bourdieu versteht seine Soziologie der Kunst davon ausgehend als eine Art Sakrileg, wenn er konstatiert, „diese Niederlage des Wissens“ nicht kampflos anerkennen zu wollen (Bourdieu 1999: 11). Seine Kunstsoziologie intendiert nichts anderes als eben diese Objektivierung des künstlerischen Glaubensuniversums. Bourdieu wehrt sich also dagegen, alle Versuche, eine rationale Analyse zu leisten, gleich vorneweg zu diskreditieren. Die vielfachen Widerstände gegen die soziologische Untersuchung von Kunstwerk und ästhetischer Erfahrung interpretiert er auch als fundamentale Angst der Vertreter der Kunstwelt vor ihrem Niedergang: Wenn Künstler und Kunstwerke auf die soziale Welt, das heißt auf ihre sozialen Entstehungsbedingungen, reduziert werden, so die beängstigende Vorstellung, könnten sie vollständig entzaubert werden und ihre magische Kraft einbüßen. Wird das „unsagbare Individuum“ erst einmal „sagbar“, dann ist der Künstler in seinem Narzissmus getroffen, denn er wird in der Sphäre der gewöhnlichen Menschen verortet und sein Schaffen dadurch banalisiert (vgl. Bourdieu 1999: 12; zudem Kastner 2009: 42; Jurt 1997: 160). Obgleich Bourdieu diese Entzauberung nicht nur in Kauf nimmt, sondern sogar intendiert, geht es ihm explizit nicht darum, „der Reduktions- oder Destruktionslust zu frönen“, sondern einfach darum, „den Dingen offen gegenüberzutreten und sie zu sehen, wie sie sind“ (Bourdieu 1999: 15). Eine „wirkliche Wissenschaft des Kunstwerks“, so Bourdieus Überzeugung, lässt sich nur auf einer „Suspendierung des komplizenhaften Einverständnisses gründen, das jeden Gebildeten mit dem Bildungsspiel verknüpft“ (Bourdieu 1999: 364). Eben dieses Spiel, das den Sinn und den Wert des Künstlers und seiner Kunstwerke erschafft, versucht Bourdieu zum Gegenstand seiner Analyse zu machen. Oder anders ausgedrückt: Der Diskurs der Kunst und all seine Institutionalisierungen sind ein wesentlicher Teil des künstlerischen Schöpfungsaktes. Kunstwissenschaft und Kunsttheorie versteht Bourdieu damit selbst als „Teil des Gegenstands, den sie zum Gegenstand zu haben meinen“ (Bourdieu 1999: 464). Seine Intention liegt darin, die sozialen Bedingungen des künstlerischen Denkens zu denken, um „damit die Möglichkeit einer Freiheit gegenüber diesen Bedingungen“ zu erreichen (Bourdieu 1999: 489). Die Aufgabe der Wissenschaft ist es damit, „die Wahrheit dieser Kämpfe um die Wahrheit herauszuarbeiten“ (Bourdieu 1999: 467). Damit stellt Bourdieu seine Kunstsoziologie in die Tradition der Aufklärung, wenn er bemerkt, „den Bannkreis des kollektiven Leugnens“ durchbrechen zu wollen und intendiert, ein Bewusstsein und ein Wissen darüber zu erschaffen, „wovon das Universum des Wissens – vor allem, wenn es selbst davon berührt ist – nichts wissen will“ (Bourdieu 2001b: 12). Dem Vorwurf einer Entwertung von Kunst und einer Relativierung des künstlerischen Wertes durch seine soziologische Herangehensweise tritt Bourdieu dabei selbstbewusst entgegen: Seine Art der kunstsoziologischen Betrachtung von Schöpfer und Schöpfungen soll nämlich keinesfalls reduzieren und die Einzigartigkeit zerstören, sondern im Gegenteil eine allumfassende Perspektive auf Produzent und Produkt erst ermöglichen (vgl. Bourdieu 1999: 14).8 Wenn die sozialen und historischen Umstände eines schaffenden Künstlers ausgeblendet werden, dann wird Bourdieu zufolge gerade das Außergewöhnliche aus dessen Biographie entfernt. Erst vor dem Hintergrund des Sozialen können künstlerische Leistungen tatsächlich gewürdigt werden. Denn erst dadurch würden die Anstrengungen sichtbar, die der Künstler vollbringen musste, um etwas Außergewöhnliches und Neues zu erschaffen (vgl. Bourdieu 2001b: 108f.). Den Vorwurf, die Soziologie reduziere und entwerte die Kunstwerke, wendet Bourdieu also umgekehrt gegen die etablierten Formen von Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Alleine seine Methode zeige die künstlerische Einzigartigkeit auf, indem sie das künstlerische Universum einer bestimmten Epoche und damit die sozialen Bedingungen des Kunstschaffens mitdenkt (vgl. Bourdieu 2001b: 112). Indem Bourdieu die Kunsttheorie von ihrem Subjektivismus befreit, welcher immer nur das schaffende Subjekt als Genie inszeniert und in den Fokus nimmt, intendiert er, die Kunsttheorie zur tatsächlichen Wissenschaft machen (vgl. Bourdieu 1999: 450). Alleine der so verstandene soziologische Blick ist Bourdieu zufolge ein Rundumblick. Die Singularität des Kunstwerks wird vom soziologischen Blick also nicht zerstört, sondern wirkt durch ihn klarer (vgl. Jurt 1995: 102f.). Bourdieus Perspektive auf die Kunst ist somit eine soziologische, die aber nicht nur aufzeigt, dass das künstlerische Schaffen kein rein individueller Prozess ist, sondern sich andererseits auch von der konträren Ansicht abgrenzt, dass Kunstwerke direkter Ausdruck der sozialen Lebensbedingungen sind, also zwangsläufig substantiell mit der Klassenlage des Künstlers zusammenhängen. Bourdieu versucht,...