E-Book, Deutsch, Band 2015, 144 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
Schmidt-Glintzer Das alte China
7. Auflage 2025
ISBN: 978-3-406-83391-5
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert
E-Book, Deutsch, Band 2015, 144 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
ISBN: 978-3-406-83391-5
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helwig Schmidt-Glintzer ist Sinologe und Publizist. Er war bis 2023 Seniorprofessor an der Eberhard Karls Universität und Direktor des China Centrum Tübingen.
Autoren/Hrsg.
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I. Strukturbildungen (5000–221 v.Chr.)
1. Die Anfänge
Die Anfänge der Geschichte Chinas liegen im Dunkeln, umso mehr als die Frage, was denn «das Chinesische» konstituiere, bis heute als unbeantwortet gelten muss. So viel lässt sich jedoch sagen, dass es am Ende des zweiten und im Laufe des ersten vorchristlichen Jahrtausends zur Herausbildung eines Begriffes der Zugehörigkeit zu jener Gruppe gekommen ist, die im Gegensatz zu den «Unzivilisierten» durch bestimmte kulturelle Merkmale gekennzeichnet ist und die sich später als «Chinesisch» bezeichnete. Von woher diese Abgrenzung ihren Ausgang genommen hat, ist bis heute unklar; es spricht aber vieles dafür, dass die chinesische Kultur das Ergebnis einer Vermischung vielfältiger regionaler Teilkulturen war. Noch die Herkunft der Führer des das Reich einigenden Qin-Staates gilt ebenso als «barbarisch», wie dies für die Führungsschicht der vorhergehenden Zhou zutrifft.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit China knüpft an die Vorstellung einer kulturellen Identität an, auch wenn sie selbst immer wieder andere Abgrenzungsversuche unternommen hat. Hervorzuheben aber ist der Umstand, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit China nicht nur von der Selbstauslegung der chinesischen Geschichtsschreibung, sondern auch von den Interessenlagen der sich mit China beschäftigenden Länder sowie von deren Wissenschaftstraditionen aufs Nachhaltigste beeinflusst wird. Wir sind uns daher heute viel stärker als in der Vergangenheit des Umstandes bewusst, dass unser eigenes Chinabild nicht nur von den Kenntnissen über China, sondern auch durch unsere eigenen Wahrnehmungsformen bestimmt ist. Das China der Sinologen ist – um es prägnant zu formulieren – vielfach nicht das China der Chinesen.
Heute verstehen sich die Chinesen als ein Volk mit einer sehr langen Geschichte. Für die Anfänge gibt es verschiedene Befunde: die alten Mythen, die archäologischen Fakten und die Geschichtsschreibung im engeren Sinne. Das Bild, das man sich bis vor wenigen Jahren von der Vor- und Frühgeschichte Chinas und überhaupt von der frühen Menschheitsgeschichte in Ostasien machte, hat sich aufgrund der archäologischen Funde der neuesten Zeit erheblich gewandelt. Der 1934 in Zhoukoudian geborgene, vor 500.000 bis 400.000 Jahren lebende Pekingmensch gilt längst nicht mehr als der älteste Mensch; den im Südwesten in der Provinz Yunnan gefundenen Yuanmoumenschen datiert man auf etwa 600.000 Jahre.
Weit stärker noch hat sich das Bild von der frühen Kulturentwicklung in den einzelnen Regionen des heutigen China durch Ausgrabungsfunde der letzten Jahre und Jahrzehnte verändert. Nach Fundorten werden einzelne Kulturen benannt, wie etwa die von Hirseanbau, Haustierhaltung und Keramikherstellung geprägten jungsteinzeitlichen Cishan- und Peiligang-Kulturen des 6. Jahrtausends v. Chr. Ein genaueres Bild können wir erst von der unweit des «Gelben Flusses» (Huanghe) gefundenen Yangshao-Kultur (ca. 5000–3000 v. Chr., Provinz Shaanxi), von der Longshan-Kultur (ca. 2400–1900 v. Chr., Provinz Shandong) und von der weiter westlich gelegenen Majiayao-Kultur (ca. 3300–2000 v. Chr., Provinzen Qinghai und Gansu) gewinnen. Während die Kulturen Nordchinas gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, ist der Charakter der Kulturen des Südens doch sehr verschieden gewesen. So tragen die Hemudu-Kultur am Unterlauf des Yangzi (ca. 5000–3000 v. Chr.) und die Majiabang-Kultur (ca. 5000–4000 v. Chr.) sehr eigenständige Züge.
Wie sich aus der Vielzahl der stark regional geprägten Kulturen eine chinesische Kultur bildete, ist die grundlegende Frage aller Beschäftigung mit der Frühzeit der Geschichte Chinas. Auch das vorliegende Buch will eine knappe, zugegeben vorläufige Antwort auf diese Frage geben. Der Verfasser ist sich sehr wohl bewusst, dass die Frühgeschichte Chinas in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch mehrfach umgeschrieben werden muss und dabei wird auch das Interesse der chinesischen Machtelite an staatlicher Einheit ebenso beteiligt sein wie die regionalen Sonderinteressen.
Das China, das wir als historisch – weil durch schriftliche Denkmäler belegt – zu bezeichnen uns angewöhnt haben, dieser sich über Teile Nord- und Zentralchinas erstreckende Herrschaftsverband, beerbte eine lange Tradition der Herausbildung und Pflege politischer, kultureller und sozialer Einheiten. Ob die der Dynastie Shang vorangehende Dynastie erst eine spätere Erfindung war oder doch historisch ist, ist noch nicht entschieden. Die chinesische Kultur bildete sich also im späten dritten Jahrtausend v. Chr., im Übergang zur Bronzezeit. Bei dieser Feststellung wird aber leicht übersehen, dass einerseits das damalige China nur einen Teil der heutigen Ausdehnung hatte und dass sich andererseits infolge der Integration weiterer Völkerschaften und Kulturen die Eigenart der chinesischen Kultur im Laufe der Jahrhunderte ganz entscheidend veränderte. Es ist daher China zu Recht auch mit einem Chamäleon verglichen worden.
2. Das Zentrum der Macht und des Rituals
Die Naturräume
Das chinesische Reich in seiner bisher größten Ausdehnung schließt mehr als ein Dutzend Naturräume ein, von denen einige erst spät zu einem Teil des chinesischen Reiches und der chinesischen Kultur wurden und manche bis heute von einer erheblichen Zahl ihrer Bewohner nicht als Teil Chinas anerkannt werden. Dies gilt insbesondere für die Peripherie des Reiches, an erster Stelle für die Hochebene Tibets und seine Gebirgszüge (1). Im Norden schließt sich daran das von den mächtigen Gebirgszügen des Kunlun, des Pamir und des Tianshan umschlossene Tarimbecken von Xinjiang an (Sinkiang, auch: Chinesisch-Turkestan) (2). Im Norden und Nordwesten liegen die Steppengebiete der Mongolei (3) und die Mandschurische Ebene (4), die südöstlich von Gebirgszügen abgeschlossen wird, die den Übergang zur koreanischen Halbinsel erschweren. Nordwestlich und westlich der zum Teil gebirgigen Halbinsel Shandong mit dem heiligen Berg Taishan (6) erstreckt sich die Nordchinesische Ebene (7), zu der die Provinz Hebei, das westliche Shandong, ein Großteil Henans und das nördliche Anhui gehören. Die Ebene wird nordwestlich von dem bergigen Shanxi-Plateau begrenzt (8) und verläuft sich nach Westen hin ins Shaanxi-Becken (9) mit dem Wei-Fluss und der Ostbiegung des Gelben Flusses, wo sich bis zum Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends die wichtigsten Hauptstädte befanden. Nach Westen und dann nach Nordwesten zieht sich der Gansu-Korridor (10) am Fuße des Qinghai-Massivs bis in die Oasengebiete der östlichen Seidenstraße. Gegenüber diesen nördlichen und westlichen Teilen Chinas sind der Süden, Südwesten und Südosten des Reiches nicht nur durch ein milderes, in Südchina dann subtropisches Klima geprägt. Dieser Teil ist auch kulturgeschichtlich eine Zone eigenen Charakters, dessen Sinisierung relativ spät erfolgte und wo sich in vorgeschichtlicher Zeit möglicherweise ganz andere Kulturen fanden, deren Verwandtschaft mit Kulturen Ozeaniens bisher allerdings nur eine Hypothese ist. Das Untere Yangzi-Tal (11) wird nach Südosten von den bergigen Küstengebieten Zhejiangs und Fujians (12) begrenzt, die zusammen mit den schmalen Küstenstreifen einerseits und den inländischen Flusssystemen andererseits die Grundlage für eine wirtschaftliche und soziale Vielfalt boten, die mit dazu beitrug, dass insbesondere seit dem ausgehenden ersten Jahrtausend dieser Region eine wachsende Bedeutung zukam. Die Mittlere Yangzi-Ebene (13) erstreckt sich über die Provinzen Hubei, Hunan, Jiangxi und Teile des südlichen Anhui. Weiter westlich öffnet sich hinter den engen Yangzi-Schluchten das wegen seines Bodens sogenannte «Rote Becken» in der Provinz Sichuan (14), das im Westen an Tibet grenzt. Das aus den dortigen sino-tibetischen Grenzgebirgen (15) stammende Niederschlagswasser zerklüftet...




