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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Sante Der Alltag der Wärter

Verbrechen, Gräueltaten und Vergnügungen des Wachpersonals im Durchgangslager Bozen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-88-7283-943-0
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Verbrechen, Gräueltaten und Vergnügungen des Wachpersonals im Durchgangslager Bozen

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-88-7283-943-0
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



DIE VORKAMMER DES TODES Im April 1944 wurde das Durchgangslager Bozen errichtet, 9.500 Personen waren darin inhaftiert, 3.802 wurden aus dieser 'Vorkammer des Todes' in die KZs Mauthausen, Dachau, Flossenbürg, Ravensbrück und Auschwitz deportiert, wo der Großteil starb. Der Blick auf das Wachpersonal zeigt, wie skrupellos gefoltert wurde, wie man sich nach der 'Arbeit' vergnügte und u. a. eine satirische Bierzeitung herausgab. •Biografien der Täter*innen, u. a. von Mischa Seifert, der 'Bestie von Bozen', oder der Deutschen Hilde Lärchert, 'Tigerin' genannt •zahlreiche Fotos und unveröffentlichte Dokumente, u. a. einzigartige Drucksorten der Lagerdruckerei

COSTANTINO DI SANTE: Historiker, Autor zahlreicher Bücher u. a. über die Geschichte des Widerstands, die Internierung und Deportation aus Italien, die Besetzung Jugoslawiens und den italienischen Kolonialismus in Libyen. Er forscht und arbeitet an den Universitäten von Teramo und Roma Tre und ist derzeit Direktor des Historischen Instituts von Ascoli Piceno.
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Der NS-Sicherheitsdienst in Südtirol


Bereits vor dem 8. September 1943 waren deutsche Truppen und Polizeiverbände in Italien präsent, etwa in der Institution des Polizeiattachés. Unmittelbar nach dem 8. September gab der Reichsführer SS und Reichsminister des Inneren, Heinrich Himmler, den Befehl, Leute der Sicherheitspolizei (SiPo) und des Sicherheitsdienstes (SD) in das gesamte besetzte Gebiet in Italien einzuschleusen.1

SS-Obergruppenführer Karl Wolff2 wurde zum Höchsten SS- und Polizeiführer in Italien und Wilhelm Harster3 zum Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Italien mit Sitz in Verona ernannt. Letztgenannter hatte die gleiche Position bereits in den Niederlanden innegehabt, wo er ein dichtes Unterdrückungsnetz gesponnen hatte und für die Deportation von Hunderttausenden Juden und Jüdinnen, vorwiegend nach Auschwitz, verantwortlich gewesen war. In Italien ging er nach dem zuvor in den Niederlanden erprobten Schema vor und richtete dem BdS unterstellte „Außenkommandos“ (AK) und „Außenposten“ (AP) ein.4 Ihm unterstanden auch das Konzentrationslager Fossoli bei Carpi in der Nähe von Modena und später jenes von Bozen. Harster gehörte zu den Hauptverantwortlichen für die Deportationen und Massaker, die in Italien während der deutschen Besatzung verübt wurden. Er nahm Einfluss auf die Ernennungen von SD-Funktionären, um mit den von ihm gewünschten Leuten eine schlagkräftige und ihm gegenüber loyale Polizeistruktur aufbauen zu können. So hatte er auch die Peripherien effizient unter Kontrolle.5 Einer dieser loyalen Männer Harsters war sein ehemaliger Chauffeur Karl Titho: Am 15. März 1944 wurde ihm die Leitung des Lagers Fossoli übergeben.6

Die beiden eingerichteten Operationszonen Adriatisches Küstenland und Alpenvorland fielen nicht in den Zuständigkeitsbereich des in Verona sitzenden Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Italien, sie waren relativ unabhängig.7 Die Leitung der Operationszone Alpenvorland, zu der die Provinzen Bozen, Trient und Belluno gehörten, wurde SS-Sturmbannführer Rudolf Thyrolf als stellvertretendem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) übertragen. Die Verwaltung und exekutive Gewalt der drei Provinzen, die faktisch vom Dritten Reich annektiert worden waren, wurden dem Gauleiter in Tirol-Vorarlberg, Franz Hofer8, unterstellt, der von Hitler persönlich zum Obersten Kommissar der Operationszone Alpenvorland ernannt wurde. Für die Polizeiaufgaben wurde die Abteilung I des SD eingesetzt, an deren Spitze als oberster Vertreter der SS- und Polizeigewalt der SS-Brigadeführer Karl Brunner9 stand. Dieser war neben seiner Tätigkeit als Inspektor der Sicherheitspolizei und des SD in Salzburg auch Sonderbeauftragter des Reichsführers SS Heinrich Himmler und als solcher für alle polizeilichen Angelegenheiten rund um die Umsiedlung der Optanten und Optantinnen nach Deutschland zuständig. Um beiden Aufgaben nachkommen zu können, hielt er sich abwechselnd eine Woche in Südtirol und eine Woche in Salzburg auf.

Karl Wolff, Höchster SS- und Polizei führer und General bevollmächtigter in Italien. Wilhelm Harster, SS-Gruppenführer und Befehlshaber der SiPo und des SD in Italien.

Die von den Alliierten nach Kriegsende gesammelten Informationen über die deutsche Polizei in Italien zeichnen ein konfliktreiches Verhältnis zwischen Harster und Brunner, das von zahlreichen Unstimmigkeiten hinsichtlich der Machtausübung in der Operationszone Alpenvorland geprägt war. Dies trat offen bei der Frage zutage, wer zum Bozner Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD ernannt werden sollte: Brunner und Hofer hatten auf SS-Sturmbannführer Thyrolf gesetzt – gegen den großen Widerstand von Harster, der aber schließlich nachgeben musste.10

Tatsächlich kam es neben „regulären“ Kompetenzkonflikten zwischen SS und Gestapo auch zu Konkurrenzkämpfen zwischen Wolff/Harster und Brunner/Thyrolf, in die sich ab und an auch noch die Gestapo von Schiffer einmischte, und zu Auseinandersetzungen zwischen SS und Sondergericht. Vor diesem Hintergrund muss das Bozner Lager betrachtet werden, das hierarchisch dem BdS in Verona unterstellt war, für Personalfragen aber auf die Bozner SS zurückgriff und seine Zellen auch der Gestapo zur Verfügung stellte.

Thyrolf hatte bereits beim SD in Dresden Erfahrungen gesammelt, wo er als Gestapo-Mann für Personalangelegenheiten zuständig gewesen war. Nun baute er in Bozen das Netz des Sicherheitsdienstes auf: Unter ihm arbeiteten an die 80 Personen im Außenkommando von Bozen sowie in verschiedenen Außenposten.11 Die über ganz Südtirol verteilten Einrichtungen bestanden beinahe durchgängig aus der Abteilung I und II (Organisation und Verwaltung), der Abteilung III (SD),12 der Abteilung IV (Gestapo) und der Abteilung V (Kriminalpolizei). Den Abteilungen III und IV ließ Thyrolf besondere Aufmerksamkeit zukommen.

In seinem Zuständigkeitsgebiet waren sechs Außenposten sowie eine Reihe kleinerer Sitze aktiv, die folgendermaßen beschrieben wurden:

„… Außenposten in Trient, jenen in Belluno, Meran und später jene von Cortina d’Ampezzo, Rovereto, Roncegno und in anderen Ortschaften der Provinzen Trient und Belluno und auch einen SD-Außenposten in Bruneck.“13

In allen Außenstellen – eine Ausnahme stellte Belluno dar14 – waren ausschließlich Gestapo- und SD-Leute beschäftigt. Thyrolf schätzte insbesondere jene Mitarbeiter, „die mit Brutalität und ohne jegliche Rücksicht oder Skrupel“15 seine Befehle ausführten. Es lag an ihm zu bestimmen, ob die Verhafteten Zwangsverhören mit Misshandlungen, Schlägen und Folterungen unterzogen werden sollten. Dazu dienten ab Juli 1944 die eigens eingerichteten Zellen in den Kellerräumen des Armeekorps, des Gestapo-Hauptquartiers in Bozen.

Die Gestapo von Bozen benutzte für die Inhaftierung der Gefangenen nicht nur die Zellen im Hauptquartier, sondern auch jene im Konzentrationslager in der Reschenstraße, die im Frühjahr und Sommer 1944 errichtet worden waren. Das Bozner Lager und sein Zellenblock dienten auch dem KdS und dem BdS Verona, um politische Gegner, Partisanen und Partisaninnen, Juden und Jüdinnen, Angehörige von Roma- und Sintifamilien, sozial marginalisierte Personen, Deserteure, Geiseln und Wehrdienstverweigerer zu internieren, die aus anderen Gefängnissen im besetzten Italien überstellt worden waren. Etliche der Inhaftierten wurden misshandelt und gefoltert, viele zur Zwangsarbeit eingesetzt und der Willkür der Gefängniswärter ausgesetzt, zahlreiche dann vom Polizei- und Durchgangslager Bozen ins Reich deportiert.

An die Spitze der Abteilung IV (Gestapo) der Bozner Sicherheitspolizei wurde im Oktober 1944 SS-Sturmbannführer August Schiffer von der gleichen Position in Triest abberufen. Mit ihm wurden die Foltermethoden noch brutaler. Zusätzlich zu den bereits angewandten Methoden erlaubte Schiffer auch den Einsatz eines elektrischen Geräts, das an den Ohrläppchen und an den Genitalien der Verhafteten angebracht wurde. Seine voreilige und willkürliche Handlungsweise führte bald zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen der Sicherheitspolizei und dem Sondergericht für die Operationszone Alpenvorland in Bozen.16 Lagen nämlich gegen Verhaftete nur geringe Anschuldigungen vor, entschied Schiffer, sie gar nicht erst dem Richter vorzuführen, sondern direkt ins Konzentrationslager von Bozen zu bringen. Einmischungen in die Zuständigkeit der Verurteilung der Gefangenen führten zu Differenzen zwischen Schiffer und den Staatsanwälten am Sondergericht, Konrad Seiler und Erich Hölzl.

Schiffer griff auch auf die Sippenhaft zurück,17 die nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 als repressive Maßnahme gegen Eltern und Familienangehörige von Deserteuren oder Wehrdienstverweigerern eingesetzt wurde. Es gelang Brunner und dem Leiter der Abteilung II, Egon Denz, Oberbürgermeister von Innsbruck, Hofer davon zu überzeugen, die Sippenhaft auch für die Operationszone Alpenvorland anzuwenden, um so das Phänomen der Fahnenflucht einzudämmen. Schiffer setzte sie insbesondere bei Bauernfamilien aus dem Passeiertal, dem Ultental, aus Kastelruth und dem Trentino ein: Die Familienmitglieder der Deserteure wurden verhaftet und im Konzentrationslager von Bozen interniert, ihre Bauernhöfe beschlagnahmt und unter kommissarische Verwaltung gestellt. Diese Bauernfamilien wurden auch oft ihrer materiellen Güter beraubt. Der Großteil der von Schiffer „beschlagnahmten“ Güter wurde nicht dort untergebracht, wo der SD normalerweise offizielle Beweisstücke aufbewahrte, sondern in ein separates Depot gebracht, von wo sie dann heimlich über den Brenner verschickt wurden.

Die Sicherheitspolizei in Bozen war durch und durch korrupt. In vielen Fällen nahm sie den Gefangenen Geld ab, das dann direkt in die Taschen der Vorgesetzten...


Sante, Costantino Di
COSTANTINO DI SANTE: Historiker, Autor zahlreicher Bücher u. a. über die Geschichte des Widerstands, die Internierung und Deportation aus Italien, die Besetzung Jugoslawiens und den italienischen Kolonialismus in Libyen. Er forscht und arbeitet an den Universitäten von Teramo und Roma Tre und ist derzeit Direktor des Historischen Instituts von Ascoli Piceno.

Schlemmer, Thomas
Institut für Zeitgeschichte München, Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte und ehemaliges Mitglied der Deutsch-Italienischen Historikerkommission.

COSTANTINO DI SANTE: Historiker, Autor zahlreicher Publikationen u. a. über die Geschichte des Widerstands, die faschistischen Internierungen und Deportationen aus Italien, die Besetzung Jugoslawiens und den italienischen Kolonialismus in Libyen. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Projekts zur Erinnerung und Erforschung des Konzentrationslagers von Colfiorito (Provinz Perugia).



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