Reichholf | Stadtnatur | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reichholf Stadtnatur

Eine neue Heimat für Tiere und Pflanzen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98726-262-3
Verlag: oekom verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine neue Heimat für Tiere und Pflanzen

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-98726-262-3
Verlag: oekom verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wanderfalken am Kölner Dom, Wildschweine in Berliner Villenvierteln, Waschbären am Hamburger Hafen - viele Wildtiere haben den urbanen Lebensraum längst für sich entdeckt. In einem Umland der Monotonie, geschaffen durch die moderne Land- und Forstwirtschaft, sind Städte zu Inseln der Vielfalt geworden. Während die Städter raus in die »Natur« fahren, flieht die Natur in die Stadt. Hier ist sie inzwischen vielfältiger und weniger bedroht als auf dem Land, wo Füchse erlegt und Bienen vergiftet werden. Gewohnt provokant spricht Josef H. Reichholf Klartext, räumt mit gängigen Mythen auf und argumentiert gegen die weitere Verdichtung unserer Städte und die Verteufelung fremder Arten. Zugleich zeichnet er ein geradezu liebevolles Bild von Waldkäuzen, Siebenschläfern & Co. und öffnet uns so die Augen für unsere tierischen Mitbewohner. Ein streitbares Buch - und eine Hommage an Natur, Stadt und ihre Menschen.

Josef H. Reichholf ist einem breiten Publikum als Autor zahlreicher Sachbücher bekannt, darunter mehrerer Bestseller. Bis 2010 war er an der Zoologischen Staatssammlung München aktiv und lehrte als Professor für Ökologie und Naturschutz an der Technischen Universität München. 2009 gehörte Reichholf zu den 40 prominentesten Naturwissenschaftlern Deutschlands (Cicero-Ranking); ferner ist er Träger des Grüter-Preises für Wissenschaftsvermittlung und wurde mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet.
Reichholf Stadtnatur jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Drei Erlebnisse zur Einführung


Nachtigallen? in Berlin


Ein Abend im Mai. Autos schoben sich im Schritttempo in schier endlosen Kolonnen über eine mehrspurige Straße zur Peripherie der Millionenstadt, die noch nicht wieder Hauptstadt geworden war, dies aber bald werden würde. Das zeichnete sich ab, nachdem sich das historische Wunder der Wiedervereinigung ereignet hatte. Berlin zog nun an, was es aufnehmen sollte und konnte, wie ein gigantischer Strudel, der mit seinem Sog auf ganz Mitteleuropa wirkte. Verkehr, sehr dichten Verkehr, war ich aus München gewöhnt, von wo ich gekommen war. Noch per Flugzeug, weil die Bahnverbindung zu langsam, zu wenig ausgebaut war. Was sich auch bald ändern, verbessern sollte. Die Taxifahrt von Tegel zum Zielort ergab keine besonderen Ausblicke, obgleich ich beim stockenden Verkehr viel Zeit zum Schauen hatte. Doch bei der Ankunft am Hotel änderten sich meine von der Hektik der Reise gedämpften Empfindungen mit einem Schlag. Buchstäblich, denn der »Schlag« einer Nachtigall erreichte meine Ohren durchs Stadtgedröhn. Ich blieb wie angewurzelt stehen, das weiß ich noch ganz genau. Es war nicht nur »ein Schlag«, sondern ein vollständiger, voll klingender Gesang der Nachtigall. Aus einer kleinen Buschgruppe kam er mit dem unvergleichlichen Schluchzen, das dem Gesang der Nachtigall eine globale Spitzenposition unter den Vogelliedern eingetragen hat. Zwischen zwei Strophen sah ich sie von einem bodennahen Zweig zum nächsten huschen. Fast wie ein Mäuschen. Ein paar Schritte ging ich zu auf das Gebüsch. Die Nachtigall störte dies nicht. Sie sang und sang. In einer kleinen Anlage in der Nähe sangen weitere ?Nachtigallen?. Anderntags hörte ich ihre Lieder aus anderen Gebüschen und auch in Potsdam.
Von Berliner Ornithologen erfuhr ich, dass es über tausend ?Nachtigallen? sind, die im Stadtgebiet singen. Schier unvorstellbar aus Münchner Sicht, macht doch eine Nachtigall in der »Weltstadt mit Herz«, wie sich München gern bezeichnet, allenfalls auf der Frühjahrswanderung kurz Zwischenrast und singt ein paar Strophen im so schönen Englischen Garten an der Isar, wo er etwas wilder, weniger parkartig wird. Dies ist für Münchner Naturfreunde ein besonderes Ereignis, auch wenn es kaum mehr als einige Tage bzw. Nächte andauert. Dann ist sie weitergeflogen, die Nachtigall, nach Unterfranken vielleicht, wo im Maintal warme Hänge von Rebstöcken überzogen sind, oder eben nach Berlin. Dort lebten damals, Anfang der 1990er-Jahre, allein ähnlich viele ?Nachtigallen? wie in ganz Bayern. Da zudem in München und sogar auf dem (bayerischen) Land die Spatzen angefangen hatten, sich rar zu machen, setzten die Berliner Sperlinge für mich noch eins drauf mit ihrer Allgegenwart bis hinein in die dicht bebauten Zentren. Aus der ornithologischen Fachliteratur wusste ich überdies, dass es im Berliner Stadtwald, dem Grunewald, eine Anzahl (gut untersuchter) Habichtsbruten gab, dass der Schwarzmilan dort nistete und dass im Hochwinter allabendlich riesige Schwärme von Krähen ins Stadtzentrum strebten, um zu übernachten.
Berlin zeichnete sich also durch eine sehr reichhaltige und zahlenstarke Vogelwelt aus. Was sollte ich als Münchner dagegenhalten? So sehr ich nachdachte, es fiel mir keine Vogelart ein, die ich als Besonderheit hätte anführen können. Dabei hatte ich den Nymphenburger Park mit direktem Zugang gleichsam »hinter mir«, solange die Zoologische Staatssammlung im Nordflügel von Schloss Nymphenburg untergebracht war. An diesem Forschungsmuseum, das mit seinen Sammlungen zu den global zehn größten zählt, wie auch das Berliner Museum für Naturkunde, war ich über dreieinhalb Jahrzehnte tätig. Dank günstiger Lage, die sich mit dem Neubau der Zoologischen Staatssammlung ein Stück nordwestlich des Nymphenburger Parks ergab, der 1985 bezogen werden konnte, war eine intensivere Beschäftigung mit der Stadtnatur geradezu vorgegeben. Eine Nachtigall hörte ich in den 36 Jahren zwischen 1974 und 2010 nur ein einziges Mal auf dem Gelände der Zoologischen Staatssammlung, obwohl dieses so günstig aussieht für ?Nachtigallen?. Würde es als weitgehend unterirdisch angelegtes Gebäude in Berlin liegen, wäre das, war darauf wächst, gewiss höchst begehrt bei den ?Nachtigallen?. Spatzen gäbe es auch und sicherlich mehr Mönchsgrasmücken? und andere Kleinvögel. Zu diesem Schluss musste ich nach den Erfahrungen in Berlin kommen. Sie stimmten mich nachdenklich und warfen Fragen auf. Was machte Berlin so attraktiv? Anfang der 1990er-Jahre war mir das noch nicht klar, auch wenn sich etwas zu formen anfing, das mir im Lauf der Jahre eine andere Sichtweise auf die Städte und das, was in ihnen lebt, eröffnete. Eine weitere Berlintour gab dazu einen starken Anstoß.

Wanderfalken? am Kölner Dom


Um ?Wanderfalken?, die am Roten Rathaus in Berlin horsteten, ging es für eine Fernsehsendung über die ebenso erstaunlichen, wie erfreulichen Erfolge der Ansiedlung dieser global hochgradig gefährdeten Großfalken in Städten. Bruten am Roten Rathaus waren kurz nach der Wiedervereinigung auch im Hinblick auf Berlin selbst höchst attraktiv. Das bewies das Medieninteresse. Als wir mit dem Aufnahmewagen vorfuhren, war wie vorbestellt einer der Falken anwesend. Er saß wie eine Skulptur im oberen Bereich der Fassade und dies sogar recht günstig für die Fernaufnahme von der Straße her. Nach einigen Minuten streckte er sich, glitt wie schwerelos von seinem Sitzplatz und drehte einige Runden über dem Gebäude, als ob ein Falkner einen Schauflug mit seinem edlen Falken bieten wollte. Die Falknerei war in jenen Jahren noch eine große Bedrohung, der die ?Wanderfalken? ausgesetzt waren. Reiche Araber am Persischen Golf zahlten für Jungfalken so viel, wie ein VW Golf kostete. Raub der Jungfalken drohte überall, wo ?Wanderfalken? nisteten. Je rarer sie geworden waren, desto höher stiegen die Schwarzmarktpreise. Das Paar am Roten Rathaus in Berlin blieb davon ganz unbetroffen. Es ließ sich beobachten, wie auch die kleineren, überall in Städten vorhandenen Turmfalken. Bildfüllend bis ins Federdetail mit dem Lichtpunkt im Auge oder gar mit einer Spiegelung der Stadt auf dem Bildschirm, so mussten damals die ?Wanderfalken? nicht gefilmt werden. Sie frei und offensichtlich ganz freilebend zu erblicken, war sensationell genug.
Wenige Jahre vorher drohten die ?Wanderfalken? auszusterben. Global, nicht nur in einzelnen Regionen. Rückstände aus Pflanzenschutzmitteln, allen voran des einstigen Wundermittels DDT, hatten sich in der freien Natur angesammelt, über die sogenannte Nahrungskette enorm angereichert und tierische Nutzer, die sich in Spitzenpositionen befinden, massiv geschädigt. Den ?Wanderfalken? zerbrachen die Eier beim Bebrüten. Andere Vögel, wie große Pelikane, traf es ähnlich, dazu mit Missbildungen der geschlüpften Jungen. DDT-Rückstände fanden sich bei den Pinguinen in der Antarktis und auch in der menschlichen Muttermilch, so dass regional vom Stillen der Babys abgeraten werden musste. Missbildungen wie stark verkürzte Arme, verursacht durch ein damals häufig genutztes Medikament namens Contergan, erschütterten zudem das Vertrauen in die Vorprüfung der Substanzen, die von der Chemischen Industrie auf den Markt gebracht und in riesigen Mengen, insbesondere in der Landwirtschaft, eingesetzt worden waren.
Daher wollte es so gar nicht ins Bild passen, dass das Comeback der ?Wanderfalken? ausgerechnet über die Großstädte klappen sollte. Nicht in der wilden Natur lag offenbar ihre Zukunft, sondern über dem höchst naturfernen Häusermeer! Gute Ausfliegeerfolge an Jungfalken bestätigten, was die Blicke durch Ferngläser auf die über der Stadt jagenden Falken aufdrängten: Die Großstadt passte für sie, irgendwie. Die Fassaden mussten auch nicht so schön, so großartig und einmalig sein wie der Kölner Dom. An diesem, aber auch an Hochhäusern und Türmen von Heizkraftwerken, stellten die ?Wanderfalken? fest, dass es sich durchaus gut leben lässt. Immer wenn ich nach Köln kam, meistens mit der Bahn, galten meine ersten Blicke dem Dom. Jedes Mal umschritt ich den grandiosen Vorplatz und schaute und suchte, bis ich sie wiederfand, die ?Wanderfalken?. Sie passten zu diesem gewaltigen Dom. Zudem waren sie willkommen, weil man sich von ihnen eine Dezimierung der Tauben versprach, die Fassaden verschmutzten und generell nicht gern gesehen waren. In jenen Jahren galt dies als praktizierte Ökologie: Die Ansiedlung der ?Wanderfalken? in den Städten ließ sich mit der Bekämpfung der Taubenplage rechtfertigen. Sie waren also nicht nur rar und schön, die Falken, sondern auch nützlich. Das rechtfertigte ihr Leben in der Stadt. Und schützte sie vor der Verfolgung, die ihnen draußen in der freien Natur überall drohte. Von Seiten der Taubenzüchter nämlich, die ihre Zuchttauben, vor allem die für Fernflüge eingesetzten Brieftauben, nicht zum Falkenfutter geraten lassen wollten. Die Falkenhorste an den wilden Felswänden mussten daher rund um die Uhr überwacht werden, bis die Jungen ausgeflogen waren. Was sich von DDT und anderen Umweltgiften gerade erholte, bedrohten nun Falkner und Taubenzüchter. Die Großstädte wurden so automatisch zu besonderen Schutzgebieten für die großen Falken.

Braunbär im Museum


Hätte Bruno, wie der Braunbär genannt worden war, der über hundert Jahre nach der Ausrottung der Bären in den...


Reichholf, Josef H.
Josef H. Reichholf ist einem breiten Publikum als Autor zahlreicher Sachbücher bekannt, darunter mehrerer Bestseller. Bis 2010 war er an der Zoologischen Staatssammlung München aktiv und lehrte als Professor für Ökologie und Naturschutz an der Technischen Universität München. 2009 gehörte Reichholf zu den 40 prominentesten Naturwissenschaftlern Deutschlands (Cicero-Ranking); ferner ist er Träger des Grüter-Preises für Wissenschaftsvermittlung und wurde mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.