Pschera | Das Internet der Tiere | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

Pschera Das Internet der Tiere

Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95757-075-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

ISBN: 978-3-95757-075-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von der Schnecke bis zum Weißen Hai: Weltweit statten Forscher Tausende von Tieren mit Sendern aus, um sie per Satellit und am Computer zu kontrollieren, die Ergebnisse sind auf den Facebook-Profilen der einzelnen Tiere einsehbar. Was wie Science-Fiction wirkt, ist längst Realität: Weltweit arbeiten Forschungsinstitute wie das Max Planck Institut mit Hochdruck an einer möglichst lückenlosen digitalen Erfassung der Tiere, um ihre Fähigkeiten für den Menschen nutzbar zu machen. Doch in Zukunft werden nicht nur Wasserschlangen vor Tsunamis und Bergziegen vor Vulkanausbrüchen warnen, mit dem Internet der Tiere wird sich auch unser Verhältnis zur Natur radikal wandeln. Bleibt von der umherschweifenden Naturerkundung bald nur noch der Blick aufs Smartphone? Brauchen Tiere ein Recht auf Datenschutz, um vor Wilderern bewahrt zu werden? Gerät das gesamte Tierreich zum weltumspannenden Kontrolllabor? Entgegen kulturpessimistischer Bedenken sieht Pschera im Internet der Tiere die Chance auf einen neuen Dialog zwischen Mensch und Natur. Die eBook-Version enthält keine Abbilungen.

Alexander Pschera, geboren 1964, studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Philosophie in Heidelberg. Er ist promovierter Germanist und übersetzte u.a. Léon Bloy aus dem Französischen. Zuletzt übersetzte und kommentierte er Bloys Blutschweiß und publizierte den Essay 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien. Alexander Pschera lebt in Süddeutschland.
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Einleitung: Warum Rotkäppchen heute ein Smartphone im Korb hat


Eine alte Geschichte in neuem Licht


Rotkäppchen ist erleichtert. Sie hat jetzt endlich auch ein iPhone. Die Mutter meint zwar, sie sei noch etwas zu jung und ihre schulischen Leistungen sprächen auch nicht gerade für den Kauf eines solchen Geräts. Aber der Druck der Clique ist einfach zu groß. Alle Freundinnen haben eins, und man will das Mädchen ja nicht zu einer Außenseiterin machen.

Rotkäppchens Mutter ist alleinerziehend, sie arbeitet den ganzen Tag. So ist es ihr auch gar nicht unrecht, wenn sie weiß, wo ihr Kind sich aufhält. Zumal die Großmutter in dieses einsam gelegene Haus am Rande der Stadt gezogen ist, in dem Rotkäppchen die meisten Nachmittage nach der Schule verbringt, um beaufsichtigt zu sein und ihre Hausaufgaben zu machen. Der Weg dorthin führt durch ein Waldstück, das der Mutter nicht ganz geheuer ist. Sie ist froh, wenn sie Rotkäppchen erreichen kann und wenn das Kind ihr immer mal wieder eine SMS schickt. Sie ermahnt sie auch ständig, im Wald die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen, um zu hören, was um sie herum vorgeht. Man weiß ja nie, wer sich dort herumtreibt.

Aber Rotkäppchen hat keine Angst vor dem Wald und schon gar nicht vor den Tieren, die dort leben. Sie liebt die Rehe, die Hirsche, den Fuchs und den Hasen. Jeden Tag entdeckt sie etwas Neues, meist abseits des Weges, und daher kommt sie meist zu spät zur Großmutter. Aber das macht nichts, denn wenn sie der Großmutter von ihren neuen Entdeckungen erzählt, strahlt auch die alte Dame voller Glück. Tierspuren und Vogelstimmen sind für Rotkäppchen Botschaften von Freunden. Selbst das wehmütige »DüDüDü« des Dompfaffs lässt ihr Herz höher schlagen, und wenn sie in der Abenddämmerung wieder den Weg nach Hause einschlägt, dann klingt das verführerische »Kiwitt Kiwitt – Kommit Kommit« des Waldkauzes nicht nach einer Gefahr, sondern wie eine Verlockung. Es ist der Ruf der Natur, dem Rotkäppchen nur zu gerne lauscht.

Was ihre Mutter nicht weiß: Genau deswegen wollte sie das iPhone haben. Aus der Chatterei mit den Freundinnen macht sie sich ebenso wenig wie aus den stumpfen Musikvideos. Aber die vielen Natur-Apps haben ihr einen ganz neuen Zugang zum Wald eröffnet. Nicht nur kann sie jetzt besser Vogelstimmen1 identifizieren und Tierspuren lesen. Seitdem sie den 2 auf ihr Telefon heruntergeladen hat, weiß sie, dass die Füchsin Martha im Bau nahe der Lichtung vor dem Haus der Großmutter vier Welpen hat.3 Sie weiß, dass der Rotmilan, der in der Fichte am Ende der Lichtung horstet, dieses Jahr eine andere Route eingeschlagen hat, um aus dem Winterquartier zurückzukehren.4 Und vor allem weiß sie, dass sich ein schöner großer grauer Wolf seit Tagen in der Gegend herumtreibt. Er stammt aus einem Rudel aus der nicht weit entfernten Lausitz und hört auf den Namen Ferdinand. Ferdinand der Graue, wie sie ihn im Geheimen nennt, trägt einen GPS-Sender am Körper, mit dem er auf Schritt und Tritt verfolgt werden kann. Wie er aussieht, was er wiegt, mit welchem Rudel er unterwegs ist, wie viele Kinder er hat und was er auf seinen Streifzügen schon alles erlebte – das kann Rotkäppchen auf ihrem Profil im nachlesen. Ein grüner Punkt auf der Karte zeigt ihr die aktuelle Position von Ferdinand an. Sie zittert mit, wenn er sich auf eine Bundesstraße oder eine Autobahn zubewegt, und hofft, dass er einen sicheren Weg ins nächste Waldstück findet.

Heute zittert Rotkäppchen aber noch viel mehr. Nicht aus Angst, sondern vor Freude. Denn der grüne Punkt Ferdinands taucht auf ihrem GPS-Display auf und nähert sich der roten Markierung, die ihre eigene Position anzeigt. Näher und näher kommt er. Mit bebenden Fingern zieht sie die Ansicht größer. Ihr Herz macht einen Sprung: Es können nur ein paar hundert Meter sein, die sie von Ferdinand trennen. Vorsichtig schaut sie sich um. Vor ihr liegt ein Wiesenstück, danach verliert sich der Wald im Dunkeln. Rotkäppchen stellt ihren Rucksack ab und versteckt sich hinter einem vermoosten Baum. Sie schaltet die Video-App ihres iPhones an und wartet. Vielleicht gelingt es ihr ja, eine Aufnahme zu machen. Ihr Atem wird immer flacher, und sie muss sich anstrengen, die Hand ruhig zu halten. Es vergehen Minuten, die wie Stunden wirken. Schon verlässt sie der Mut, da schiebt sich ein mächtiger grauer Schatten aus dem Dickicht. Ein majestätischer Wolfsschädel erscheint und verharrt sekundenlang in der gleichen Position. Ferdinand der Graue! Er prüft die Lage auf der Lichtung, fast scheint er selbst zu lauern – hoffentlich wittert er Rotkäppchen nicht. Das Mädchen startet die Video-Aufnahme. Jetzt bewegt sich das Tier. Langsam, aber bestimmt überquert der Wolf die Wiese. Er kommt direkt auf Rotkäppchen zu.

Das Video läuft. 2 Minuten. 2 Minuten 30. 3 Minuten. Rotkäppchen bekommt einen Krampf im Bein, für den Schmerz hat sie aber keine Zeit. Der Wolf ist jetzt knapp 20 Meter von ihr entfernt. Gefühlvoll fährt sie mit der Kamera das Tier entlang – sie filmt den Kopf, den Rücken und die buschige Rute. Der Wolf bleibt stehen und schaut direkt in ihr Objektiv. Hat er sie entdeckt? Für den Bruchteil eines Augenblicks schießen Rotkäppchen Erinnerungen an alte Märchen durch den Kopf, in denen kleine, wehrlose Mädchen im dunklen Tann von wilden Wölfen bedroht und verspeist werden. Ist an diesen Geschichten vielleicht doch etwas Wahres dran? Ihre alleinerziehende Mutter kommt ihr in den Sinn. »Was wird sie ohne mich machen?« Für einen Moment überlegt die bange Beobachterin, die Video-App zu stoppen und den eingespeicherten Notruf zu wählen.

Doch Ferdinand der Graue denkt gar nicht daran, sich an den Mythos zu halten, den die Menschen aus ihm gestrickt haben. Ein warmer Sonnenstrahl fällt auf die Wiese. Das Gras dampft. Der alte Wolf streckt die Vorderbeine aus. Er gähnt genüsslich und lässt sich wie ein nasser Sack ins Gras fallen. Rotkäppchen filmt und filmt. Schon 5 Minuten 30. Was würde wohl passieren, wenn sie ihr Versteck verließe und sich dem Wolf näherte? Würde er sie angreifen? Oder würde er einfach nur flüchten? Plötzlich ist sie versucht, das Experiment zu wagen, doch schließlich siegt die Vernunft. Auch drängt die Zeit. Sie hat schon mehr als eine halbe Stunde Verspätung, und die Großmutter wartet sicherlich schon auf sie.

In genau diesem Moment vermeldet ein schrilles »bippbippbipp« den Eingang einer SMS. Ihre Mutter! »wo bist du denn … ruf mich mal schnell an … mache mir sorgen … mama«. Das digitale Signal bohrt sich in die Idylle des Waldes wie ein tödlicher Pfeil. Ferdinand der Graue schnellt auf und taucht wie ein geölter Blitz zwischen den Baumstämmen ab. Rotkäppchen kann gerade noch verfolgen, wie sich der grüne Punkt auf dem Display immer weiter und immer schneller von dem roten entfernt. »Adieu, mein lieber Freund!«, flüstert sie. »Mach’s gut!«

6 Minuten 24 dauert ihr Wolfsfilm. Kaum ist sie im Haus angelangt, zeigt sie ihn der begeisterten Großmutter. Immer und immer wieder betrachten Oma und Enkelin gemeinsam die erstaunlich scharfen Bilder. Rotkäppchen kann gar nicht genug davon bekommen, von den Gefühlen zu erzählen, die sie hinter dem verwitterten Baumstumpf abwechselnd ergriffen haben: Anspannung, Begeisterung, Angst, Freude. Und auch der Krampf im linken Bein fällt ihr nun wieder ein. Dann lädt sie das Video auf die Facebook-Seite von Ferdinand dem Grauen hoch. Die Seite wurde von Wolfsfans angelegt, um das Leben des Tieres zu dokumentieren. Mehr als 2000 digitale Freunde hat der Alte schon. Gar nicht schlecht für solch einen ausgemachten Bösewicht! Doch viel mehr als verschwommene Fotos und Peilsignale finden sich auf dieser Seite bislang nicht. Rotkäppchens Video ist das erste längere Dokument – und entsprechend enthusiastisch sind die Kommentare der Wolfscommunity. Sie reichen von »Fantastischer Film, ich hätte ja solche Angst gehabt an deiner Stelle!« bis zu »Vergiss Heinz Sielmann – schaue Rotkäppchen«. Binnen Stunden wird das Video mehr als 5000 mal geklickt und noch öfter geteilt. Es findet seinen Weg auch auf die Webseite des NABU und des WWF.

Den Abend verbringt Rotkäppchen übrigens im Haus der Großmutter. Es gibt grüne Smoothies – denn Großmama ist eine moderne, vegan lebende Frau. Als Rotkäppchen sich endlich von Ferdinand dem Grauen lösen kann, ist es schon stockfinster. Selbst der Dompfaff hat sein tristes »DüDüDü« eingestellt und den Kopf ins rotgraue Gefieder gesteckt. Bevor auch Rotkäppchen die Decke über den Kopf zieht, zückt sie ein letztes Mal ihr Smartphone, um Ferdinand Gute Nacht zu sagen. Und dann schreibt sie noch eine SMS an ihre Mama: »hallo mum … habe einen tollen neuen freund … er heißt ferdinand … muss ich dir morgen erzählen … er ist zwar viel älter als ich, aber so schön … doch du bist und bleibst die beste...


Alexander Pschera, geboren 1964, studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Philosophie in Heidelberg. Er ist promovierter Germanist und übersetzte u.a. Léon Bloy aus dem Französischen. Zuletzt übersetzte und kommentierte er Bloys Blutschweiß und publizierte den Essay 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien. Alexander Pschera lebt in Süddeutschland.



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