E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Ott Tausendundeine Nacht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-406-79036-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Buch der Liebe
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Reihe: Neue Orientalische Bibliothek
ISBN: 978-3-406-79036-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claudia Ott Arabistin, Übersetzerin und Musikerin, gehört international zu den profundesten Kennern von "Tausendundeine Nacht". Für ihre Übersetzungen wurde sie mit dem Johann-Friedrich-von-Cotta-Preis und dem Literaturpreis der Kulturstiftung Erlangen ausgezeichnet sowie für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert.
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Kamarassaman und Budur
Die zweihundertundzweiundsiebzigste Nacht
aus der Geschichte von Tausendundeiner Nacht
Und als die nächste Nacht gekommen war, sagte Dinarasad zu ihrer Schwester Schahrasad: «Ach, Schwester, wenn du nicht schläfst, so erzähle uns doch eine deiner schönen Geschichten, damit wir uns diese Nacht damit vertreiben können.» – «Es soll aber die Geschichte vom König und seinem Sohn Kamarassaman sein!», verlangte der König. «Mit Vergnügen!», antwortete sie.
Im Dschinnenturm
Es ist mir zu Ohren gekommen, o glücklicher König, dass es in einem fernen Land einmal einen mächtigen König gab, dem alle Menschen, die wichtigen genauso wie die einfachen Leute, untertan waren. Er herrschte über ferne und nahe Länder und besaß eine große Zahl von Pferden. In hohem Alter noch schenkte ihm Gott einen Sohn, den nannte er Kamarassaman, den Mond der Zeit, weil er so schön und so anmutig war. Als er größer wurde und zum Mann reifte, war er so hübsch wie der Zweig einer ägyptischen Weide. Er verzauberte mit seiner Schönheit jedes Herz und raubte mit seiner Vollkommenheit jedes Gemüt. Seine Gestalt, in der ihn Gott geformt hatte, war vollkommen, und er übertraf mit seinem Aussehen alle hübschen jungen Männer. Selbst die Gazellen hatten ihre scheuen Blicke und ihre zarten Hälse von ihm geraubt. Er erschien so, als hätte ihn ein Dichter mit den folgenden Versen beschrieben:
Wer ist das? Der Zauber-Schminkstift perlt aus seinen Blicken,
Und von seinen Wangen kann man rote Rosen pflücken.
Wer ist das? Sein schwarzes Haar hat er der Nacht gestohlen,
Doch mit seiner hellen Stirn kann er sie niederdrücken.
Es ist der Emir, der Macht hat über alle Schönen.
Wenn sie sich verweigern, wird er sie mit Macht bedrücken.
Ja, ich schwöre es bei ihm, der mir ist lieb und teuer,
Darum kann mir wohl ein Schwur bei seinem Leben glücken:
Alle schönen Menschen sind durch ihn in größren Ehren,
Denn die Schönheit selbst wohnt zwischen seiner Brust und Rücken.
Nimmt der schöne junge Mann den Spiegel in die Hand, so
Wird er selbst als Spiegelbild sein Spiegelbild entzücken.
Schon als kleiner Junge hatte Kamarassaman lesen gelernt. Er war sehr wissbegierig und lernte Naturwissenschaften, Geschichte, die Lebensgeschichten der Könige und die Gedichte der alten arabischen Dichter. Er konnte gut lesen, schön schreiben und Gedichte aufsagen. Als er nun zum Mann reifte und der grüne Bartflaum allmählich über die Reinheit seiner roten Wange vorwärtskroch – dazu hatte er auf dem Thron seiner Wange ein Muttermal wie ein Amberstückchen –, da war es, als hätte der Dichter über ihn gesagt:
Oft denk’ ich an den schlanken Jungen, durch dessen Haar und dessen Stirn
Die ganze Menschheit bald ins Dunkel, bald ins helle Licht geriet.
Missachtet nicht das Muttermal auf seiner Wange! Es ist, als ob
Auf ihr ein ganzer roter Mohn mit einem schwarzen Punkt erblüht.
Sein Vater liebte ihn heftig und trennte sich weder nachts noch tagsüber von ihm. Eines Tages klagte der König einem seiner Wesire sein Leid. Die Liebe zu seinem Sohn war übergroß geworden, und seine Schönheit sprengte jedes Maß. «Ich habe Angst um meinen Sohn», sagte er zu ihm. «Die Übel unserer Zeit und die Wechselfälle des Schicksals bedrohen ihn. Ich möchte ihn noch zu meinen Lebzeiten zum Sultan ernennen.» – «Du musst wissen, o glücklicher Sultan und Herr des rechten Urteils», erwiderte der Wesir, «dass es angeraten wäre, deinem Sohn, bevor du ihn zum Sultan ernennst, eine Frau zu suchen. Erst danach lass ihn Sultan werden.» – «Man bringe mir meinen Sohn Kamarassaman», rief der Sultan hierauf. Der kam, küsste die Erde vor ihm und senkte den Blick zum Boden. «Mein lieber Sohn Kamarassaman», sagte sein Vater zu ihm, «ich habe vor, dich zu verheiraten, damit ich mich an dir freuen kann.»
Da erreichte der Morgen Schahrasad, und sie hörte auf zu erzählen.
Die zweihundertunddreiundsiebzigste Nacht
aus der Geschichte von Tausendundeiner Nacht
In der folgenden Nacht sagte sie:
Es ist mir zu Ohren gekommen, o glücklicher König, dass der junge Kamarassaman, nachdem er die Worte seines Vaters gehört hatte, vor Scham errötete. Eine Krone aus Schweißperlen erschien auf seiner Stirn, und er senkte den Blick. «O König der Zeit», sagte er, «zum Heiraten fehlt mir die Lust. Mich zieht es überhaupt nicht zu den Frauen! Es sind mir schon so viele Geschichten über die Frauen und ihre heimtückische Art erzählt worden, auch hat ja ein Dichter die Verse gesprochen:
Tawil
Ihr habt eine Frage über Frauen? Fragt mich! Ich bin
Ein kundiger Arzt für Frauenkummer und -leiden.
Sobald einem Mann wird weiß das Haar oder knapp das Geld,
Dann werden sie ihn mit ihrer Freundlichkeit meiden!
Ich werde es niemals tun», fuhr der Junge fort, «selbst wenn ich deshalb den Becher des Todes trinken müsste!» Der Sultan wurde sehr betrübt und grämte sich darüber, dass sein Sohn ihm in dieser Sache – nämlich dem Heiraten – nicht gehorchen wollte. Weil er ihn aber so sehr liebte, vermied er es, ihn ein zweites Mal zu fragen. Unterdessen wurde Kamarassaman von Tag zu Tag schöner und anmutiger, bis er schließlich den Verstand aller Menschen förmlich zerriss. Der Sultan fasste sich ein Jahr lang in Geduld. Inzwischen war seine Sprachgewandtheit perfekt geworden, und alle Welt musste sich vor ihm schämen, denn er war eine Versuchung für alle Liebenden und eine erholsame Wiese für alle Sehnsuchtskranken. Er sprach mit süßen Worten und beschämte selbst den rundesten Vollmond. Wie ein Weidenzweig oder ein Schilfrohr wiegte er sich hin und her, und seine Wangen konnten für Rosenblüten oder roten Mohn Ersatz bieten. Kurzum: Er war voller reizender Eigenschaften, man konnte glauben, der Dichter habe ihn gemeint, als er sagte:
«Gott ist voll Segen!», riefen alle, wo er auch erschien.
«Gepriesen sei Der, der ihm seine schöne Form verliehn!»
Er ist der König aller Schönen, und die Schönen sind
Wie eine Herde Tiere, die mit ihm als Hirten ziehn.
In seinem Mund fließt Honig, der geschmolzen ist und süß,
Und seine Zähne reihen sich wie Perlen auf darin.
Er ist vollkommen, alle Schönheit lebt in ihm allein,
Und nun verwirrt sie allen Menschen Kopf, Verstand und Sinn!
Die Anmut steht ihm im Gesicht wie Schrift in einem Buch,
Und ich bezeuge: Es gibt keinen Schönen außer ihn!
Nachdem er ein weiteres Jahr vollendet hatte, rief ihn der Sultan zu sich. «Mein liebes Kind», sprach er ihn an, «wirst du nun auf mich hören?» Kamarassaman ließ sich auf den Boden fallen, küsste diesen und beteuerte: «Bei Gott, o König der Zeit, was auch immer du befiehlst, ich werde dir nicht zuwiderhandeln.» – «Ich wünsche, dass du heiratest, mein Sohn», sagte er zu ihm, «und zwar, damit ich mich an dir freuen und dich noch zu meinen Lebzeiten zum Sultan ernennen kann.» Als Kamarassaman die Worte seines Vaters hörte, senkte er den Blick. Dann hob er den Kopf und antwortete: «Das, o König der Zeit, ist etwas, das ich niemals tun werde. Ich habe nämlich in den alten Büchern gelesen, wie viel Unglück und Leiden durch die Frauen über die Menschheit gekommen ist. Einer der Dichter hat diese Verse gemacht:
Sie haben Henna auf den Fingerspitzen,
Und ihre Haare sind gefärbt und glittern.
Sie holen jeden Mann aus seinem Turban
Und reichen ihm den Todeskelch, den bittern.
Kannst du den Blitz mit einem Jagdnetz fangen?
Und Wasser hol’n im Käfig nur aus Gittern?»
Sein Vater gab ihm keine Antwort, sondern behandelte ihn noch ehrerbietiger und erklärte die Versammlung für beendet. Dann rief der Sultan seinen Wesir zu sich –
Da erreichte das Morgengrauen Schahrasad, und sie hörte auf zu erzählen. «Wie köstlich und wie aufregend ist deine Geschichte!», sagte Dinarasad zu ihrer Schwester. «Was ist das schon», erwiderte sie, «gegen das, was ich euch morgen Nacht erzählen werde, wenn ich dann noch lebe und mich der König verschont …» ...




