E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Özdogan Die Musik auf den Dächern
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96054-263-6
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-96054-263-6
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Selim Özdogan, geboren 1971 in Köln, zweisprachig aufgewachsen, Abitur, danach Studium der Völkerkunde, Philosophie und Anglistik, abgebrochen. Zahlreiche Jobs, Veröffentlichungen seit 1995. Sein Debütroman 'Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot' ist wurde zum Kultbuch. Zuletzt erschien bei Edition Nautilus der Kriminalroman 'Der die Träume hört' (2019). Selim Özdogan lebt in Köln.
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ALLES FÄNGT MIT A AN
Wenn montags auf der Arbeit darüber geredet wird, was man am Wochenende so gemacht hat, sage ich nie, ich war mit Cenk im Park. Oder im Zoo. Oder auf dem Sofa. Ich sage nicht, ich habe mit Cenk Neocube gespielt, diese kleinen magnetischen Kugeln, die man zu verschiedenen Formen zusammenlegen kann. Ich sage nicht, ich habe mit Cenk gepuzzelt. Ich erzähle auf der Arbeit nicht von Cenk. Aber manchmal von Esra. Oder ich erzähle, wie ich früher die Wochenenden verbracht habe. Zu Hause. Dann hören die Kollegen meist interessiert zu. So wie ich lange Zeit Menschen zugehört habe, die schon mal das Meer gesehen hatten.
Als ich dann zum ersten Mal davorstand, hatte ich Angst. Ich wusste nicht, ob vor dem Wasser oder davor, dass diese Sehnsucht nun für immer verloren war. Zwei Jahre ist das nun her. Ich erzähle nie von Cenk, und nach dem Besuch von Herrn Olson werde ich das auch in Zukunft nicht tun. Obwohl mir das Erzählen vielleicht helfen könnte zu verstehen.
Es war Mittwoch. Mittwochs schauen Esra und ich immer zusammen , die Serie über das Leben Sultan Süleymans. Mindestens eine halbe Stunde bevor sie beginnt, gehe ich hoch, wir trinken Tee und reden. Tee erinnert mich immer an Geselligkeit, ich trinke ihn nie allein. Wenn ich allein bin, trinke ich Kaffee. Ohne Milch und ohne Zucker, ich mag ihn so, aber er ist kein Getränk zum Zusammensein.
An diesem Mittwoch war ich gerade erst von der Arbeit zurück, als Esra klingelte. Sie fragte mich, ob ich kurz hochkommen könne. Patrick sei da mit einem Mann, den sie nicht kenne. Patrick ist ein Schüler, er kommt zweimal die Woche und spielt mit Cenk, damit Cenk Deutsch lernt. Esra zahlt vier Euro pro Stunde und so ein Club reicher Menschen zahlt auch vier Euro, und so bekommt Patrick acht.
Als ich in Esras Küche kam, standen Patrick und der Mann auf und Patrick wollte mich vorstellen.
– Frau Martyna …, fing er an.
– Martynazova, half ich ihm.
– Frau Martynazova, das ist Herr Olson, unser Pate beim Rotary Club.
Wir gaben uns die Hand.
– Sehr erfreut, sagte Herr Olson.
– Ich habe ihm erzählt von Cenk und er wollte sich sein eigenes Bild machen, sagte Patrick.
– Frau Martynazova, sagte Herr Olson, während wir uns an den Küchentisch setzten, ich habe schon mit Frau Can über ihren Sohn gesprochen, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie alles verstanden hat. Deshalb habe ich sie gefragt, ob sie jemanden kennt, der für sie übersetzen kann.
Er sprach Esras Nachnamen Kan aus, nicht Dschan.
Während Herr Olson redete, nickte ich viel. Er klang ernst.
Esra sah mich an und ihr nickte ich auch zu.
– Ich werde mit ihr darüber sprechen, sagte ich schließlich.
Nachdem Herr Olson und Patrick gegangen waren, fragte Esra mich:
– Was wollen sie?
Sie musste es schon verstanden haben, aber sie wollte sich vergewissern.
– Sie wollen mit Cenk zu einem … ich weiß das Wort auf Türkisch nicht … zu einem Kinderarzt für den Kopf …
Mein Türkisch ist nicht besonders gut. Ich verstehe fast alles, vor allem seit ich in Deutschland bin und jeden Mittwoch gemeinsam mit Esra gucke. Aber wenn ich sprechen muss, bin ich langsam, ich mache Fehler oder finde die richtigen Worte nicht.
– Psychologe, sagte Esra.
Ich nickte.
– Warum?
– Weil er kein Deutsch spricht.
Patrick kommt jetzt seit über einem Jahr, seit acht Monaten geht Cenk in den Kindergarten, aber er sagt nicht mal ja oder nein auf Deutsch. Doch er versteht alles. Da bin ich mir sicher.
– Sein Großvater hat gar nicht gesprochen, bis er fünf war, sagte Esra. Die Menschen haben schon geglaubt, er sei stumm. Und Cenk spricht ja. Kann der Psychologe denn Türkisch?
– Es gibt einen in Düsseldorf, der Türkisch kann.
– Düsseldorf, sagte sie.
Ich nickte wieder.
Was sollte ich sagen? Dass sie Patrick dafür bezahlt, dass Cenk Deutsch lernt? Dass das wichtig ist in diesem Land? Dass mein Deutsch mir bei der Wohnungssuche nicht viel geholfen hat, wahrscheinlich weil der Name wichtiger ist als die Sprache? Parizoda Martynazova. Da ist Cenk Can einfacher. Sollte ich sagen, dass ich meinen Sohn auch nicht zu einem Psychologen schicken würde?
Wir haben Tee getrunken und geguckt. Es gibt eine Folge, in der man im Hintergrund ein Auto vorbeifahren sieht. Im 16. Jahrhundert. Es ist viel darüber gesprochen worden. Gewitzelt über den Erfindungsreichtum und die Macht der Osmanen. Darüber, dass solche Fehler nicht passieren dürfen, weil dann die ganze Serie der Lächerlichkeit preisgegeben wird.
Man kann das Auto nur sehen, wenn man genau hinguckt. Und so sind die Leute. Sie schauen genau hin. Sie suchen Fehler. Fehler sind wie Berge, man steht auf dem Gipfel seiner eigenen und redet über die der anderen.
Ich weiß nicht, warum Cenk zu einem Psychologen gehen sollte. Aber ich weiß auch nicht, warum er sich weigert, Deutsch zu sprechen.
Cenk gewinnt beim Memory gegen mich. Er kann aus den Kügelchen des Neocube einen Würfel basteln. Ich kann nichts vor ihm verstecken und er kann besser als ich mit meinem Smartphone umgehen. Cenk lacht nicht über mein Türkisch, er kann meinen Namen aussprechen, er merkt, wenn ich einen schlechten Tag auf der Arbeit hatte. Dann kommt er immer und kuschelt sich an mich, bevor wir anfangen zu spielen.
Cenk stellt Fragen, die ich nicht immer beantworten kann. Wer hat Oma geboren? Warum wird die Sonne abends rot? Er will wissen, ob in der Geschirrspülmaschine Arme versteckt sind oder wer sonst das Geschirr darin sauber macht. Er möchte wissen, ob Mädchen mit Ohrlöchern geboren werden. Was ein Geruch ist. Wer die Wolken macht und warum sie nie kaputt aussehen. Als er vor meiner Weltkarte stand und ich versucht habe, ihm zu erklären, was er da sieht, wollte er wissen, was denn auf der Rückseite der Welt ist. Er fragt, wie die Bäume im Winter Wind machen, weil sie dann doch gar keine Blätter mehr haben. Und ob Gott eine Brille trägt. Ob Stiefmutter ein Beruf ist.
Die Kollegen stellen mir auch Fragen, ganz andere, auf die ich auch oft nicht zu antworten weiß. Wie es mir denn gefällt in Deutschland und ob es mir nicht zu kalt ist. Zu kalt. Was ich am Wochenende gemacht habe. Ob wir lateinische oder kyrillische Buchstaben haben. Ob ich denn mit dem Zug gekommen bin. Ob wir auch so große Schlaglöcher in den Straßen haben wie in Kasachstan.
Ob es unter den Sowjets besser war oder jetzt. Ich sage dann nicht, ich bin fünfundzwanzig, woher soll ich das wissen? Ich sage: Die Älteren sagen, dass es früher besser war.
Die Fragen verraten so viel. Genau wie die Lügen, die man erzählt. Wenn Cenk viele Fragen stellt, freue ich mich. Wenn jemand auf der Arbeit neugierig scheint, trinke ich Kaffee und hebe die Schultern.
Ich könnte auch fragen, aber manchmal glaube ich, sie würden mich dann für dumm halten.
Am Anfang habe ich gedacht, es gäbe nur hier in Bonn so viele Türken. Esra hat mir dann erzählt, wie ihre Landsleute nach Deutschland gekommen sind. Es ist seltsam, dass wir hier Nachbarinnen geworden sind. Viele Usbekinnen gehen in die Türkei, unsere Sprachen sind sich ähnlich, sie lernen schnell. Sie arbeiten dort als Haushälterin, als Kellnerin oder irgendwo, wo sie mehr verdienen können in der kurzen Zeit, die man mit einem Touristenvisum hat. Sie kommen zurück und erzählen vom Meer.
Ich habe auch noch nicht gefragt, warum hier so viele alte Menschen allein sind. Ich sehe sie allein auf der Straße, sie kaufen allein ein, für nur eine Person, sie essen wahrscheinlich auch allein und sie brauchen für jeden Abend eine Serie. Sie leben in ihrem eigenen Land, als hätten sie niemanden.
Der Mund ist eine gute Stelle für Kontakt. Aus ihm kommen die Fragen. Aus ihm kommen die Antworten. Man küsst mit dem Mund. Aber man braucht ihn auch, um Kaffee zu trinken.
Am Samstag gehe ich mit Cenk in den Park. Wir spielen ein wenig Ball und vergraben ein Fünfcentstück, aus dem soll mal ein Geldbaum wachsen. Dann liegen wir nebeneinander und er spielt mit meinen Haaren. Das macht er gerne, er kann stundenlang mit meinen Haaren spielen. Esra hat kurze Haare.
Ich will ihn nicht fragen, warum er kein Deutsch spricht. Der Mund ist eine gute Stelle für Kontakt. Während Cenk meine Haare streichelt, schließe ich die Augen und erzähle davon, wie es war, als ich klein war.
Ich habe es nicht eilig, und wenn ich die richtigen Worte nicht finde, benutze ich die usbekischen. Ich kann nicht sagen, ob Cenk mir Wort für...




