E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Mittelstädt Größer als meine Träume
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-96122-132-5
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-96122-132-5
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth Mittelstädt hat die Frauenzeitschrift LYDIA gegründet und war 27 Jahre Chefredakteurin und Herausgeberin dieses Magazins. Für die rumänische und ungarische Ausgabe ist sie noch immer verantwortlich. Darüber hinaus ist sie Autorin und Herausgeberin mehrerer erfolgreicher Bücher. Als gefragte Rednerin ist sie in Deutschland, aber auch international unterwegs.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Flucht in die Freiheit ?
Herbst 1963
Der kühle Abendnebel benetzte meine Wangen, als Tamas1, der mich in die Freiheit führen sollte, auf die dicht bewaldeten Hänge der österreichischen Alpen zustapfte. Solche Gebirge hatten wir im Nordosten Jugoslawiens nicht und in ihrem Schatten kam ich mir geradezu winzig vor. Bedrohlich ragten sie in den Himmel wie Riesen, die ein altes Schloss bewachten.
Ich konnte kaum glauben, dass wir dem Ziel so nah waren. Vor Angst und Aufregung klopfte mir das Herz bis zum Hals.
„Da müssen wir hin.“ Tamas deutete auf einen Gipfel oberhalb der Baumgrenze. „Sobald wir diesen Berg überquert haben, bist du frei!“
Ich konnte kaum glauben, dass wir dem Ziel so nah waren. Vor Angst und Aufregung klopfte mir das Herz bis zum Hals. Schwer atmend hasteten wir auf den Wald zu und duckten uns in seine Schatten. Hoffentlich hatte die Polizei uns nicht gesehen.
Je höher wir hinaufstiegen, desto kälter wurde es. Die leichte Jacke, die ich übergestreift hatte, konnte den Wind nicht abhalten; jede Böe schien meine bloße Haut zu peitschen. Nun klapperten auch noch meine Zähne. Während meine Füße sich durch das Dickicht kämpften, um nicht von dem engen Pfad abzuweichen, füllten sich meine Lungen mit der kalten, dünnen Luft – und dem muffigen Geruch von Moos, Pilzen und vermodernden Blättern. Das früher so herrlich lebendige, farbige Laub verbreitete nun einen Geruch des Todes.
Einige Augenblicke lang fragte ich mich, ob meine Reise auch so enden würde – mit meinem eigenen Tod bei dem fehlgeschlagenen Versuch, dem Kommunismus zu entfliehen. Doch die Strapazen unseres Marsches drängten solche Gedanken rasch in den Hintergrund; jetzt galt es, einen Fuß vor den anderen zu setzen, um nur ja auf dem Pfad zu bleiben.
Nach einer Weile verdichtete sich der Nebel zu feinen Tropfen. Bestimmt würde ich bald genauso verschrumpeln und mich auflösen wie das Herbstlaub, das ich unter meinen Füßen zertrampelte. Meine Kleidung war völlig durchnässt und schien das Gewicht meines zarten 17-jährigen Körpers zu verdoppeln. Das Wasser tropfte von meinem hüftlangen braunen Haar. Mit schlammverkrusteten Schuhen schleppten wir uns zäh durch den Bergwald. Meine Füße schmerzten, bis schließlich ein Taubheitsgefühl einsetzte. Dennoch stapften wir weiter.
Irgendwann war ich überzeugt, dass meine Füße mich keinen Schritt weitertragen konnten. „Bitte, lass uns anhalten!“, flehte ich Tamas an.
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir müssen weiter.“
Unbeirrt marschierte er vorwärts. Einen Augenblick lang blieb ich stehen, doch dann raffte ich meine letzten Kräfte zusammen und folgte ihm blind.
Die Sonne war fast völlig untergegangen und Dunkelheit legte sich auf den Wald. Bald darauf waren die Bäume nur noch als Silhouetten im Mondlicht zu erkennen. Die eingeschränkte Sicht schärfte meinen Hörsinn. Jedes Knistern im Unterholz schien eine drohende Gefahr anzukündigen. Bei jedem schrillen Vogelruf im Abenddunkel zog sich mein Magen zusammen. Daheim in Jugoslawien war mir die Dunkelheit immer willkommen gewesen, denn sie bedeutete Ruhe von der Arbeit. Doch heute würde es kein Ausruhen geben. Hier herrschte nur Ungewissheit ... und Angst.
Hatten sie uns entdeckt? Würden sie uns jetzt verhaften und verhören?
Es war die längste, einsamste Nacht, die ich je erlebt hatte. Ständig grübelte ich, ob meine Entscheidung richtig gewesen war. Doch jetzt war ich daran gebunden. Es gab kein Zurück, keine andere Wahl.
Beim Morgengrauen hatten wir den Berggipfel fast erreicht. Wir befanden uns noch immer im Wald, doch unmittelbar vor uns endete der Baumbestand. In einiger Entfernung auf der linken Seite erspähte ich einen Wachturm. Ein uniformierter Wächter mit einem Gewehr ging darauf zu.
„Siehst du den Wächter da drüben?“ Tamas deutete mit dem Finger auf ihn. „Dort ist die Grenze nach Österreich. Von hier an müssen wir kriechen, damit er uns nicht sieht. Wir werden zuerst zur Grenze robben und müssen dann die letzten Meter durch das Niemandsland.“
Ach ja, das müssen die 500 Meter sein, die weder zu Jugoslawien noch zu Österreich gehören, erinnerte ich mich. Mein Blick streifte Tamas – groß, schlaksig, dunkelhaarig, Mitte 20. Als unsere Blicke sich trafen, nahm ich ein leises Zögern in seiner Miene wahr, doch irgendwie blieb er ruhig.
Woher weiß er das alles?, fragte ich mich. Ob er das schon mal gemacht hat? Jedenfalls verhielt er sich so, als wüsste er genau Bescheid, wie man eine Grenze überquert. Er erklärte mir, dass wir vom Waldrand aus etwa 400 Meter kriechen mussten, um auf österreichischen Boden – und damit in die Freiheit – zu gelangen. Mein Herz klopfte schneller, als ich es für möglich gehalten hätte.
„Bist du bereit?“, flüsterte er.
Ich biss mir auf die Unterlippe und nickte.
In diesem Moment tauchten plötzlich mehrere Wächter vor dem Wachturm auf und kamen in unsere Richtung.
Hatten sie uns entdeckt? Würden sie uns jetzt verhaften und ins Verhör nehmen?
Ich spürte, wie das Blut durch meine Adern jagte und meine Panik verstärkte. Auch Tamas zeigte erste Anzeichen von Panik. Ich bemerkte feine Schweißtröpfchen an seiner Braue. Abrupt drehte er sich zu mir um und flüsterte mit dunkel blitzenden Augen: „Du glaubst doch an Gott! Dann rede jetzt mit ihm. Bitte ihn, uns zu helfen, sodass die Soldaten uns nicht sehen!“
„Bitte, Gott“, flehte ich leise, aber inständig, „hilf uns, sicher über die Grenze zu kommen. Bitte lass die Soldaten uns nicht sehen.“
Als wir wieder aufschauten, trotteten die Wächter gerade wieder zum Turm zurück. Ein Zufall, fragte ich mich, oder Gottes Wunder?
Tamas ergriff die Gelegenheit. „Jetzt“, sagte er und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Grenze. Den Körper so dicht wie möglich an der Erde, kroch er auf die Grenze zu.
Ich war ohnehin längst pitschnass, deshalb machte mir die matschige Erde an Händen und Knien weniger zu schaffen als meine unruhigen Gedanken: Liegen hier Landminen vergraben? Wie schmerzhaft mag es sein, von einer Kugel getroffen zu werden? Sind das die letzten Augenblicke meines Lebens?
Wieder fragte ich mich: Warum habe ich solchen Hunger nach Freiheit? Warum riskiere ich mein Leben, um über die Grenze zu kommen? Warum lasse ich meine Familie und alles, was ich kenne, hinter mir, um nach mehr zu suchen?
Doch der Hunger nach Freiheit nagte schon so lange an mir und wollte endlich gestillt werden. Es war eine Sehnsucht, die ich einfach nicht mehr übergehen konnte. Ich wusste, dass ich nicht länger unter der Daumenschraube des Kommunismus leben konnte. Zwar war ich nicht sicher, was Freiheit wirklich bedeutete, aber ich war überzeugt, dass ich frei sein musste, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich sehnte mich nach jenem „Mehr“ in meinem Leben und war entschlossen, alles daranzusetzen, um es zu erreichen.
Ich betrachtete die Berge und dachte: „Das ist der Ort, an dem die Freiheit lebt.“
Die leidenschaftliche Sehnsucht nach Lebenssinn und Erfüllung war in meinem Herzen so stark geworden und hatte so tiefe Wurzeln geschlagen, dass ich meine Entscheidung getroffen hatte: Ich würde aus Jugoslawien fliehen. Ich würde einen Weg in die Freiheit finden. Und Tamas war mir als die richtige Fahrkarte dorthin erschienen.
Doch nun hatte mich die Wirklichkeit des Aufbruchs eingeholt. Ich befand mich in Schussweite von Gewehren und kroch durch den Schlamm einer ungewissen Grenzlinie entgegen. Und ich hatte große Angst.
Ich wagte nicht aufzuschauen, sondern konzentrierte mich ganz auf das Erdreich vor mir. Der Anblick von Tamas’ schlammverdreckten Schuhen war meine einzige Rettungsleine. Atmete ich noch oder hielt ich den Atem an? Ich war mir nicht sicher. Mein Körper bewegte sich mechanisch weiter, doch jede andere Lebensregung schien außer Kraft gesetzt.
Ich weiß nicht genau, wann, denn politische Grenzen sind zwischen Schlamm und Grashalmen nicht zu erkennen, doch irgendwann hatten wir das kommunistische Jugoslawien verlassen und das freie Österreich erreicht.
Als wir weit entfernt von Wachturm und Gewehren dastanden, erschien der Himmel gleich viel blauer und die Luft frischer.
„Wir haben es geschafft!“, flüsterte ich und ließ den Blick über die weiten Wiesen schweifen, auf denen sich das Gras im Wind wiegte. Wir schienen auf dem Gipfel der Welt zu stehen. Zum ersten Mal seit Stunden fand mein Atem wieder zu einem halbwegs normalen Rhythmus zurück.
Nach einer Weile stapften wir weiter und kamen zu einer kleinen Hütte mit einem Schild, auf dem stand: Willkommen in Österreich!
Ich musste lächeln und staunte: Wer wohl daran gedacht hatte, hier eine kleine Hütte zu errichten, um Fremde wie mich zu begrüßen?
Wie viele wohl vor mir hierhergelangt...




