E-Book, Deutsch, 336 Seiten
McMoon Dark Hill. Im Herzen der Anderswelt
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-646-30190-8
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fantasy Liebesroman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-646-30190-8
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lea McMoon hat phantastische Geschichten in ihrem Kopf, seit sie denken kann. Doch bevor sie endlich anfing ihre Geschichten auch aufzuschreiben, widmete sie sich einer ganzen Reihe anderer kreativer Tätigkeiten, von denen sie einige immer noch beruflich ausübt. Wenn sie eines nicht leiden kann, dann sind es Langeweile und Eintönigkeit. Deshalb sprudeln ständig neue Ideen aus ihr heraus und manche davon finden den Weg in eine Geschichte und hoffentlich in die Herzen ihrer Leser.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Ich war erleichtert, als die Schicht zu Ende war und ich endlich nach Hause fahren konnte, obwohl ich es liebte, im Pub zu arbeiten. Aber ich befürchtete immer, dass Raven zurückkam, und ich wusste nicht, wie ich reagieren würde. Ich hatte eine ganze Weile gebraucht, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dieses Zittern und die seltsamen Schweißausbrüche brauchte ich nicht noch einmal.
Nachdenklich starrte ich in den Nebel, der tatsächlich noch dicker geworden war, als Ally vorausgesagt hatte, und mühte mich ab das Auto auf der schmalen Straße zu halten, um nicht im Graben zu landen. Die Sterne und der Mond waren zwar hin und wieder noch zu sehen, aber der Boden war wie von Watte bedeckt und ich konnte mich nur an den Weidemauern und den wenigen Straßenbegrenzungen orientieren, um zu erahnen, wo ich überhaupt war. Endlich tauchte an der linken Seite der Pfosten mit dem klapprigen Briefkasten auf, den Großvater damals direkt an der Straße aufgestellt hatte, damit der alte O’Brian, der bis vor zwei Jahren noch die Post ausgefahren hatte, nicht immer extra bis zu unserer Haustür fahren musste. Erleichtert bog ich ab und gähnte. Was freute ich mich schon auf mein Bett. Die fünf Kilometer, die ich vom Dorf entfernt wohnte, hatten sich hingezogen, als wären es hundert. Großvaters alter Pick-up rumpelte über den holprigen Weg zu meinem Cottage, dass ich befürchtete, er würde gleich auseinanderfallen. In diesem Nebel war es unmöglich, den Schlaglöchern auszuweichen, wie ich es seit Wochen tat. Hoffentlich überlebte das alte Auto noch eine Weile, ein neues konnte ich mir unmöglich leisten und ich wollte auch keines. Es gab nicht viele Andenken, die ich an Großvater hatte. Und das kleine alte Haus und das Auto waren mir einfach zu wertvoll. Vielleicht sollte ich Farell bitten mir eine Fuhre Kies zu organisieren und auf den Weg zu kippen, wenn ich dafür eine Schicht mehr arbeitete.
Ich seufzte. Langsam wurde es eng. Auch wenn Großvater dafür gesorgt hatte, dass Geld für meine Ausbildung bereitlag, für notwendige Reparaturen war nicht mehr viel da. Dafür hatte der letzte Sturm gesorgt, als er das Dach fast zur Hälfte abgedeckt hatte.
Ich warf einen Blick in Richtung Bucht, während ich das Auto abstellte. Vom Meer war natürlich auch nichts zu sehen. Ich würde mich noch nicht einmal trauen bis zur Felsentreppe hinüberzugehen, die hundert Meter hinter meinem Garten in die Bucht hinunterführte, weil ich nicht erkennen konnte, wo der Abhang begann.
Ein Schatten bewegte sich in etwa an der Stelle, wo ich die Treppe vermutete.
War dort jemand?
Bei dem Wetter?
Ich kniff die Augen zusammen und überlegte angestrengt, ob ich den Schatten vielleicht mit einem Busch verwechselte. Aber dort war doch nichts. Keinerlei Bäume oder Büsche den ganzen Hang entlang. Ich starrte weiter in die Richtung, aber die Nebelschwaden waberten mal hell und mal dunkel dahin und ließen den Schatten nur vage erscheinen und auch gleich wieder verschwinden. Endlich fand das Mondlicht eine Lücke im Nebel und mir blieb fast das Herz stehen. Ganz sicher, dort stand ein Mensch. Ich hielt erschrocken den Atem an. Sollte ich wieder umdrehen und Allys Angebot annehmen, bei ihr zu übernachten? Sie wollte schon nicht, dass ich bei dem Wetter überhaupt nach Hause fuhr. Und den ganzen Weg wieder zurückzufahren würde bestimmt nicht einfacher werden als die Fahrt hierher. Ich holte mein Handy aus der Tasche. Sollte ich sie vielleicht anrufen und mit ihr telefonieren, bis ich im Haus war? Würde das jemanden, der an so einer abgelegenen Stelle zu so einer Uhrzeit herumlungerte, davon abhalten, mich zu überfallen? Ein Schauer lief über meinen Rücken. Ich schüttelte mich ein paarmal, damit ich das Kribbeln loswurde. Aber stattdessen fröstelte es mich am ganzen Körper. Seit wann war ich denn so ängstlich? Ich kannte doch alle Leute, die hier in der Gegend wohnten. Niemand war mir auch nur im Entferntesten unfreundlich gesinnt. Im Gegenteil.
Ich sah mich um. Es war weit und breit kein Auto zu sehen, also musste dieser Jemand zu Fuß hier sein, was bedeutete, dass er aus der Umgebung stammte, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, wer so wahnsinnig war bei dem Nebel so nah an den Steilhängen herumzulaufen. Noch einmal griff ich in meine Tasche und holte das Pfefferspray heraus, das Ally mir bei unserem letzten Einkauf in Galway aufgedrängt hatte. Ich schob meine Schlüssel in die Jacke und mit dem Handy in der einen Hand und dem Pfefferspray in der anderen stieg ich langsam aus dem Auto aus.
»Hallo?«, rief ich und ich hörte selbst, dass meine Stimme zitterte. »Haaallloooo!«
Die Gestalt drehte sich um. Es kam mir vor wie in Zeitlupe. Der Nebel waberte noch dicker von der Küste herauf, als würde er sie wieder verhüllen wollen. Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper. Verflixt, was sollte ich tun? Die Gestalt antwortete nicht oder ich konnte es nicht hören, weil das Meeresrauschen die Stimme übertönte. Aber mich hatte sie schon gehört? Ich nahm allen Mut zusammen und ging auf sie zu, den Daumen abschussbereit auf dem Spray.
»Hallo?«, rief ich erneut. Plötzlich kam Leben in die Gestalt. Sie kam auf mich zu. Ich wollte schreien, aber ich bekam keinen Ton heraus.
»Hallo, Malin!«, begrüßte mich eine dunkle, raue Stimme.
Ich schluckte. »Raven?« Ich trat näher, weil er stehen geblieben war und ich ihn nur vage erkennen konnte. »Raven, was um Himmels willen tust du hier?« Erleichtert und doch aufgeregt fuchtelte ich mit den Händen in der Luft herum.
Er lächelte verlegen, als er bemerkte, was ich in der Hand hielt. »Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich …« Er stockte.
»Was?«, fragte ich nach.
»… Ich war lang nicht mehr hier«, antwortete er leise und blickte zu Boden.
»Ach, ist mir gar nicht aufgefallen«, erwiderte ich bissig.
Er grinste halbherzig. Ich hatte das Gefühl, es war ihm unangenehm, mir gegenüber zu stehen. Nur was wollte er dann hier? Er musste doch wissen, dass ich irgendwann zu Hause auftauchen würde? Oder hatte er gedacht, das Cottage stünde leer? Wusste er überhaupt etwas über mein Leben in den letzten paar Jahren?
»Was willst du, Raven?« Meine Stimme hörte sich barscher an als beabsichtigt. Langsam kroch mir der Nebel unter die Kleidung und ließ mich wieder frösteln. Sollte ich Raven ins Haus bitten?
Er starrte erneut zu Boden. »Es tut mir leid, Malin.«
Er nannte mich Malin. Nicht Feenmädchen. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ally hatte vermutlich recht gehabt. Zumindest damit, dass ich mich so verändert hatte, dass er mich nicht wirklich wiedererkannte. Ich war nur noch Malin. Irgendein Mädchen, das so hieß. Nicht die kleine Ersatzschwester, die er so oft aufgezogen hatte, wenn sie sich wieder besonders tollpatschig angestellt hatte oder die er hatte trösten müssen, weil das Leben gerade wieder Stolpersteine in ihren Weg geschmissen hatte.
»Ist es wirklich so einfach?«, platzte es aus mir heraus. »Es tut dir leid? Was denn genau? Dass du einfach verschwunden bist, ohne irgendjemandem ein Wort zu sagen? Oder zumindest eine Nachricht zu hinterlassen? Hast du eine Ahnung, wie sehr wir uns alle Sorgen um dich gemacht haben? Das ganze Dorf hat wochenlang nach dir gesucht, selbst einige deiner Klassenkameraden waren hier. Wir haben jeden einzelnen verdammten Stein umgedreht!«
Er schnaubte.
»Was?«, fuhr ich ihn an. Wie konnte er dastehen und nur schnauben? Wie egoistisch war der Kerl denn?
Er sah mich an und biss sich auf die Lippe. »Das ganze Dorf und meine Klassenkameraden? Wieso sollte sich irgendjemand darum scheren, wo ich abgeblieben war? Ich war doch immer nur ein Störfaktor in dieser ach so heilen Welt hier.« Er räusperte sich, weil ihn bei den letzten Worten offenbar seine Stimme im Stich gelassen hatte, aber ich hatte die Worte noch verstanden. Ich war fassungslos. Meinte er wirklich, was er da gerade gesagt hatte? Wütend stampfte ich auf dem Boden auf. »ICH habe mich darum geschert, verdammt noch mal! Ally hat sich darum geschert! Der Pfarrer, mein Großvater, Allys Eltern. Selbst wenn es allen anderen egal gewesen wäre, wir waren noch da! Wir haben jeden verdammten Tag darauf gehofft, etwas von dir zu hören. Dich irgendwo lebend zu finden! Dir irgendwie helfen zu können!«
»Du fluchst zu viel, Feenmädchen.« Er grinste besänftigend.
»Das ist nicht witzig, verdammt noch mal!« Feenmädchen? Er hatte mich gerade wieder bei meinem Kosenamen genannt? Also hatte er ihn nicht vergessen und genauso wenig, dass ich ab und an zu viel fluchte, wenn ich aufgeregt war. Mit genau demselben Satz hatte er mich immer aufgezogen, wenn ich dreimal hintereinander »Verdammt noch mal« gerufen hatte.
»Ich musste gehen, Malin«, erwiderte er leise.
»Das hat Großvater auch gesagt«, antwortete ich etwas ruhiger.
Raven sah mich fragend an.
»Großvater hat gemeint, du hättest wohl deine Gründe; müsstest dich selber finden, was weiß ich. Er schien dich irgendwie verstanden zu haben. Aber warum zum Teufel hast du niemandem etwas davon gesagt? Du bist einfach verschwunden und erst Monate später hast du uns darüber informiert, wo du abgeblieben bist. Kannst du dir auch nur im Ansatz vorstellen, wie beschissen die Monate der Ungewissheit waren?«
Er nickte. »Es tut mir wirklich leid.«
»Ja super. Es tut dir leid. Jetzt vielleicht.«
»Malin, ich konnte keine Nachricht hinterlassen. Es ging zu schnell.«
»Was ging zu schnell?«, bohrte ich verärgert nach.
»Ich … ich musste mich schnell entscheiden.«
»Aber irgendeine Notiz hättest du doch schreiben können. ›Bin mal weg, melde mich‹ oder so. Irgendwohin gekrakelt. Zur Not...




