Lermontow | Ein Held unserer Zeit | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 221 Seiten

Lermontow Ein Held unserer Zeit


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1839-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 221 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1839-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In dem Roman 'Ein Held unserer Zeit'wird die Tragödie der gebildeten und freiheitlich denkenden Jugend seiner Zeit geschildert, welche mit gesellschaftlichem Stillstand unzufrieden war, sich vereinsamt fühlte und das Leben als nichtig ansah. Mit diesem Werk schuf Lermontow wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung eines psychologischen Romans in Russland als Genre und gilt damit als Begründer des russischen Realismus. aus wikipedia.e)

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Vorwort.

Vor einiger Zeit habe ich erfahren, daß Petschorin auf seiner Rückreise aus Persien gestorben sei. Ich muß gestehen, diese Nachricht verursachte mir eine selbstsüchtige Freude: Es hinderte mich nun nichts mehr, die nachfolgenden Aufzeichnungen zu veröffentlichen, und ich habe diese Gelegenheit benutzt, meinen Namen unter ein fremdes Werk zu setzen. Gebe Gott, daß meine Leser mich wegen eines so unschuldigen Betruges nicht zu strenge tadeln!

Ich habe nur noch einige Aufklärungen zu geben über die Gründe, die mich veranlaßt, dem Publikum die Herzensgeheimnisse eines Mannes zu offenbaren, den ich nicht einmal gekannt. Wär' ich wenigstens noch sein Freund gewesen! Man weiß, was sich die hinterlistige Indiscretion eines wahren Freundes erlauben darf. Aber ich habe ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen, und zwar auf der Landstraße. Ich kann also nicht in den Verdacht kommen, als hätte ich jenen dumpfen Haß gegen ihn genährt, der unter der Maske der Freundschaft nur den Tod oder das Unglück des Betreffenden erwartet, um auf dessen Haupt einen Hagel von Vorwürfen und Rathschlägen, von Spott und Mitleid herabzuschleudern.

Die Lectüre dieser Aufzeichnungen hat mich von der Aufrichtigkeit desjenigen überzeugt, der so unbarmherzig seine eigenen Schwächen und Fehler offen eingestand. Die Geschichte einer Menschenseele, und wäre es auch die der unbedeutendsten Seele, ist vielleicht interessanter und nützlicher, als die Geschichte eines ganzen Volkes, besonders wenn sie das Product der Beobachtungen ist, die ein reifer Geist über sich selbst angestellt hat, und wenn sie ohne den prahlerischen Wunsch geschrieben ist, Theilnahme oder Erstaunen zu erregen. Die Bekenntnisse Rousseau's haben schon den Fehler, daß er sie seinen Freunden vorlas.

Also nur der Wunsch, nützlich zu sein, hat mich bewogen, Bruchstücke aus einem Tagebuche zu veröffentlichen, das mir der Zufall in die Hände gespielt. Obgleich ich alle Eigennamen geändert habe, werden doch wahrscheinlich diejenigen, um die es sich handelt, sich erkennen, und vielleicht werden sie Nachsicht mit den Fehlern eines Mannes haben, der mit dieser Welt nichts mehr zu thun hat und den sie bis jetzt so streng beurtheilt haben. Wir entschuldigen ja fast immer das, was wir begreifen.

Ich habe mich darauf beschränkt, diesen Aufzeichnungen nur das zu entlehnen, was sich auf Petschorins Aufenthalt im Kaukasus bezieht. Es befindet sich in meinem Besitz ein dickes Heft, in welchem er die Geschichte seines ganzen Lebens erzählt. Eines Tages gedenke ich auch diese dem Urtheil der Welt vorzulegen; augenblicklich wage ich es aus viel gewichtigen Gründen nicht, die Verantwortlichkeit hierfür auf mich zu nehmen.

Vielleicht möchten manche meiner Leser gern erfahren, wie ich selbst über Petschorins Charakter denke. Meine Antwort ist – der Titel dieses Buches. – Aber, werden sie sagen, das ist ja nur eine boshafte Ironie! – Wer weiß?

3. Taman.



Von allen russischen Seestädten ist Taman unbedingt die erbärmlichste. Ich wäre in diesem Nest beinah Hungers gestorben und wenig hätte gefehlt, so hätte man mich dort ersäuft.

Ich kam spät in der Nacht mit einem Postfuhrwerk an. Der Kutscher hielt mit seinem ermüdeten Dreigespann vor dem Hofthor des einzigen steinernen Hauses, das sich in der Vorstadt befindet.

Die Schildwache, ein Kosak vom schwarzen Meer, schrie, als sie den Ton des Postglöckchens vernahm, mit einer vor Verschlafenheit heiseren Stimme "Werda!"

Der Kosakenunteroffizier und der Corporal kamen heraus. Ich sagte ihnen, daß ich Offizier sei, in Regierungsangelegenheiten reise und als solcher Anspruch auf ein Quartier habe.

Der Corporal führte uns in der ganzen Stadt umher; zu welcher Isba1 wir auch kamen, – sie waren alle besetzt. Es war sehr kalt; schon drei Nächte hatte ich nicht geschlafen; ich war sehr müde, und so begann ich ärgerlich zu werden.

"So führe mich doch endlich wohin!" rief ich; "und wär' es auch zum Teufel! Wenn ich nur irgendwo ein Lager finde."

"Da wäre wol noch so eine Hütte," antwortete der Corporal und kratzte sich hinter den Ohren; "nur wird sie Euer Wohlgeboren nicht gefallen; es ist dort nicht sauber!"

Ohne über die eigentliche Bedeutung des letztern Wortes nachzudenken, befahl ich ihm, mich dorthin zu führen, und nach einer langen Wanderung durch schmutzige Gassen, an deren beiden Seiten ich weiter nichts als alte verfallene Bretterzäune gewahrte, kamen wir endlich zu einer kleinen, unmittelbar am Gestade des Meeres gelegenen Hütte.

Der Vollmond beschien das Schilfdach und die weißen Wände meines neuen Quartiers. Auf dem Hofe, der von einer Art Mauer aus Kieselsteinen umgeben war, gewahrte ich noch eine andere, viel kleinere und viel ältere Hütte. Von dort neigte sich der Boden fast ganz steil dem Meere zu, das ein ununterbrochenes Gemurmel vernehmen ließ und mit seinen dunkelblauen Wellen fast die Mauern dieser Wohnung bespülte.

Der Mond betrachtete ruhig das aufgeregte, aber seinem Einfluß unterworfene Element, und ich vermochte bei seinem Schein in ziemlich weiter Entfernung vom Ufer zwei Schiffe zu unterscheiden, deren schwarzes Segelwerk sich wie ein Spinngewebe an dem blassen Himmel abzeichnete.

"Da liegen Schiffe vor Anker," dachte ich; "das kommt mir gelegen; morgen kann ich nach Gelendschik weiterreisen."

Ein Kosak von der Linie versah bei mir die Functionen eines Dieners. Ich befahl ihm, meinen Koffer hereinzubringen und den Kutscher zurückzuschicken; dann begann ich nach dem Besitzer des Hauses zu rufen.

Keine Antwort.

Ich klopfe – dasselbe Schweigen ... Was bedeutet denn das? Ich klopfe von neuem, und da seh' ich endlich aus dem Hausflur einen Knaben von etwa vierzehn Jahren herauskommen.

"Wo ist der Besitzer dieses Hauses?"

"Ist nicht," wird mir auf Kleinrussisch geantwortet.

"Wie! Es gibt hier gar keinen Herrn?"

"Nein!"

"Und die Herrin?"

"Die ist ins Dorf gegangen."

"Wer wird mir denn die Thür öffnen?" rief ich, indem ich mit dem Fuße dagegen stieß.

Aber die Thür ging von selbst auf, und aus dem Innern der Hütte strömte mir ein feuchter Dunst entgegen.

Ich strich ein Zündhölzchen an und hielt es dem Knaben unter die Nase: das Licht beschien zwei weiße Augen. Er war blind, von Geburt an vollständig blind. Er stand unbeweglich vor mir, und ich begann die Züge seines Gesichts zu mustern.

Ich muß gestehen, ich habe eine starke Abneigung gegen alle Blinden, Einäugigen, Tauben, Stummen, Lahmen, Einarmigen, Buckligen u.s.w. Ich habe bemerkt, daß immer eine gewisse merkwürdige Beziehung besteht zwischen dem Aeußern des Menschen und seiner Seele, – als ob durch den Verlust eines Gliedes auch die Seele die eine oder die andere Fähigkeit eingebüßt hätte.

Ich begann also das Gesicht des Blinden zu untersuchen; aber was kann man in einem Gesicht lesen, das nicht durch Augen belebt wird? ... Lange betrachtete ich es mit einem unwillkürlichen Gefühl des Mitleids, als plötzlich ein kaum merkliches Lächeln über seine dünnen Lippen zuckte, das, ich weiß nicht warum, einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich machte. Der Gedanke ging mir durch den Kopf, dieser Blinde könnte doch wol nicht so blind sein, als es scheine. Vergebens sagte ich mir, daß es unmöglich sei, Blindheit zu heucheln und zudem, zu welchem Zweck? Aber ich kann mir nicht helfen – das Vorurtheil siegt bei mir mitunter über den Verstand ...

"Bist du der Sohn der Herrin vom Hause?" fragte ich endlich den Knaben.

"Nein!"

"Wer bist du denn?"

"Eine arme Waise."

"Und hat die Herrin Kinder?"

"Nein, sie hatte eine Tochter; aber die ist mit einem Tataren über das Meer entflohen."

"Wer war dieser Tatar?"

"Ja, wer weiß das! Ein Tatar aus der Krim – ein Schiffer aus Kertsch."

Ich trat in die Hütte. Zwei Bänke, ein Tisch und ein großer Schrank neben dem Ofen bildeten das ganze Mobiliar. Nicht ein einziges Heiligenbild an der Wand – ein böses Zeichen! Durch die zerbrochenen Scheiben blies die Seebrise.

Ich nahm ein Wachslicht aus meinem Koffer, zündete es an und begann auszupacken. In die eine Ecke stellte ich mein Gewehr, auf den Tisch legte ich die Pistolen. Dann hüllte ich mich in meine Burka und streckte mich auf eine Bank aus, während mein Kosak sich auf einer andern einrichtete. Nach zehn Minuten schnarchte er ... aber ich vermochte nicht einzuschlafen: Mir war, als ob vor mir in der Dunkelheit sich fortwährend die blinde Waise mit den weißen Augen hin und herbewege.

So verstrich etwa eine Stunde. Der Mond schien durch das Fenster, und sein Licht spielte auf den Dielen der Stube. Plötzlich huscht ein Schatten über die mondbeleuchtete...



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