E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Lendon RHETORIK MACHT ROM
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8062-4635-3
Verlag: wbg Theiss
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Kraft der Redekunst im Imperium Romanum
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-8062-4635-3
Verlag: wbg Theiss
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jon E. Lendon lehrt an der University of Virginia Alte Geschichte und gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Althistoriker.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Europäische Geschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Alte Geschichte & Archäologie
- Interdisziplinäres Wissenschaften Wissenschaft und Gesellschaft | Kulturwissenschaften Kulturwissenschaften
Weitere Infos & Material
Einführung 7
I. Die seltsame Welt der Bildung im Römischen Reich 13
1 Bildung im Römischen Reich 14
2 Die gesellschaftliche und historische Bedeutung der rhetorischen Bildung 27
II. Die Ermordung Caesars als eines Tyrannen der Rhetorik 41
3 Das Attentat 41
4 Rätsel über die Verschwörung 50
5 Wer hat rhetorisch gedacht? 66
III. Die seltsamen Kinder der Rhetorik: Bauten in den Städten des Römischen Reichs 79
6 Monumentale Nymphäen 81
7 Stadtmauern, Säulenstraßen und das rhetorische Kalkül des bürgerlichen Verdienstes 106
IV. Eidechsen und andere Abenteuer der Rhetorik und des römischen Rechts 128
8 Rhetorik und römisches Recht 132
9 Die Anziehungskraft des Rechts der Deklamationen 141
10 Rechtsrätsel, bekannte Gesetze und vom römischen Recht abgelehnte Gesetze der Rhetorik 156
Rhetorik macht die Welt 175
Anhang 186
Danksagung 186
Anmerkungen 188
Bibliographie 282
Register 345
1 Bildung im Römischen Reich
Die Bildung zur Zeit des Imperium Romanum bestand aus drei Hauptstufen: Zunächst lernten die kleinen Kinder in einer Elementarschule, lateinisch ludus, das Alphabet und die Grundrechenarten.1 Dann, nachdem man Kinderkram – wie Mathematik – beiseitegelegt hatte, stand ab dem Alter von etwa sieben Jahren die Sprache unter dem „Grammatiker“ im Zentrum, die vor allem durch die Analyse von Dichtung gelehrt wurde, insbesondere Homers Ilias im Osten und (wenn sie verfügbar war) Vergils Aeneis im Westen.2 Nach dem „Grammatiker“ folgte bei den Jugendlichen (vielleicht im Alter von 14 oder 15 Jahren) ein mehrjähriger Unterricht bei einem „Rhetor“, der die Redekunst und ihre Theorie lehrte.3 Dies geschah in erster Linie durch „Deklamation“, d. h. durch das Halten und Anhören von Reden zu imaginären Themen – Themen, die in Ost und West und über viele Jahrhunderte hinweg ähnlich oder identisch waren.4 Zumindest im Westen wurden in der Regel zuerst deliberative Themen gelehrt: suasoriae oder Ratgeber-Reden, die oft an eine oder in der Gestalt einer berühmten historischen oder mythischen Persönlichkeit gehalten wurden, und dann controversiae, imaginäre Gerichtsfälle.5 Im späten 2. Jahrhundert v. Chr., aber wahrscheinlich schon früher, hatte sich zwischen Grammatik und Rhetorik ein Zwischenlehrplan entwickelt, nämlich eine Abfolge von Progymnasmata oder praeexercitamina, „Vorübungen“ vor der Deklamation.6
Obwohl der Lehrplan statisch war, unterschieden sich die Orte, an denen er gelehrt wurde, und die Personen, die ihn unterrichteten, beträchtlich.7 Die Kinder der Reichen konnten die erste und einige auch die zweite Stufe zu Hause bei Privatlehrern absolvieren; wenn nur die erste Stufe zu Hause angeboten wurde, konnten sie in jüngerem Alter mit der Schule des Grammatikers beginnen.8 In einflussreichen Familien im lateinischen Westen konnte ein Großteil der frühen Bildung auf Griechisch und anhand griechischer Texte vermittelt werden, um die erhoffte Zweisprachigkeit junger Männer von Rang zu fördern; der griechische Osten erwiderte dieses Kompliment jedoch nicht mit dem Erlernen des Lateinischen, außer in der späten Kaiserzeit und auf einer späteren Stufe der Bildung.9 Ob der Rhetor oder der Grammatiker die Progymnasmata unterrichtete oder wie sie zwischen diesen Würdenträgern aufgeteilt wurden, variierte ebenso wie die Anzahl und Reihenfolge dieser Übungen.10 Sklaven und die Kinder der Armen blieben beim (billigen) ludus, bis sie die Wörter und Zahlen beherrschten, die sie für die Zukunft brauchten, die ihre Eltern oder Herren sich für sie vorstellten, oder bis das Geld ausging (kostenlose Bildung war unbekannt). Sie gelangten nie zum weitaus teureren Grammatiker und Rhetor – dem Privileg der Reichen und sozial Ambitionierten –, der nichts Nützliches für das Geschäft lehrte, es sei denn, es ging um das Geschäft mit der Sprache selbst.11 Wenn ihr Beruf Rechenfertigkeiten erforderte, die über die des ludus hinausgingen, konnten arme Kinder und Sklaven die nicht minder bescheidene Schule des calculator, des Lehrers der Arithmetik, besuchen; danach kam, wenn Geld übrig war, die praktische Lehrzeit.12
Reiche junge Männer, die den Bildungsweg des Grammatikers und Rhetors bis zum Ende verfolgten, lernten viel Dichtung, lasen viel Redekunst (vor allem Demosthenes, wenn sie griechischsprachig waren, oder Cicero, wenn sie lateinisch sprachen) und konsumierten nebenbei etwas unsystematische Geschichte und Philosophie, wenn die Autoren als gute Stilvorbilder galten (wie es bei Platon und Xenophon der Fall war).13
Eine Ausbildung auf dem Niveau des Grammatikers und Rhetors konnte man in jeder größeren Stadt erwarten.14 Eine systematische Ausbildung aber, z. B. in Philosophie, war eine weitere Stufe der Bildung jenseits des Rhetorikunterrichts und wurde in den meisten Epochen nur von einer winzigen Anzahl von Enthusiasten absolviert; sie erforderte oft einen langen und teuren Aufenthalt in einer weit entfernten Stadt, idealerweise im gefeierten Athen.
Wie sich die Ausbildung in dem einfügt, was wir anachronistisch als „Berufsfelder“ bezeichnen, etwa Architektur und vor allem Medizin, können wir, wie wir ehrlich zugeben müssen, nicht klar ersehen (zum Rechtswesen siehe Abschnitt IV).15 Im Fall der Medizin wissen wir sowohl von Schulen, die Theorie lehrten – die in Alexandria war die berühmteste –, als auch von der Ausbildung durch praktische Lehre. Es ist anzunehmen, dass Anwärter mit niedrigerem sozialen Status Lehrlinge wurden, während die Söhne der Wohlhabenden (Mediziner konnten beide werden) zumindest etwas Rhetorik gelernt hatten, bevor sie zur medizinischen Schule gingen und sich anschließend (so ist zu hoffen!) eine Zeit lang einem praktizierenden Arzt anschlossen.16 In der Ausbildung desjenigen Arztes, den wir am besten kennen, Galen, sehen wir schemenhaft Spuren einer parallelen Ausbildung, bei der nach der Grammatik die Philosophie die Rhetorik ersetzte.17 Wie verbreitet dies war – abgesehen davon, dass es weit weniger verbreitet gewesen zu sein scheint als die Ausbildung in Rhetorik –, können wir freilich nicht sagen.
Die Ausbildung auf der Ebene der Deklamation unter dem Rhetor war unter den Söhnen der herrschenden Klasse des Reichs weit verbreitet: den Söhnen der römischen Senatoren, des Ritterstandes und den weitaus zahlreicheren Söhnen der wohlhabenden Schicht, welche die Stadträte, die curiae oder boulai, bildeten, von denen die Städte des Reichs regiert wurden – und damit in der Praxis das Reich regierten, dessen Verwaltung größtenteils unter seinen Städten aufgeteilt war.18 Dies waren die Jungen, die heranwuchsen, um einmal die großen Entscheidungen der Stadt und des Reichs zu treffen und, wenn sie dazu geneigt waren, auch literarische Werke zu lesen und zu schreiben, wobei die herrschende und die schreibende Schicht des Reichs größtenteils ununterscheidbar waren.
Die Entwicklung der Rhetorikausbildung
Die Geschichte vom Aufstieg der Rhetorik beginnt in der griechischen Epik mit der Vorliebe der Helden selbst, große Entscheidungen erst nach öffentlichen Debatten und Beratungen zu treffen.19 Bei Homer, unter dessen blutrünstigen Anführern kaum eine Spur von Demokratie zu finden ist, werden danach öffentliche Versammlungen abgehalten, und die Helden wetteifern in der Beredsamkeit im Rat und bewundern sie.20 Eine der eindrucksvollsten Passagen Homers beschreibt den Redner Odysseus: „... setzte er ... zu reden an, brachen die Worte aus seiner Brust, so dicht wie der Schnee im tiefsten Winter – und wir saßen nur da mit offnem Mund“.21
Über die endgültigen Ursprünge des formalen Rhetorikunterrichts in Griechenland gibt es eine undurchschaubare Kontroverse; zum Glück spielt das für unsere Fragestellung kaum eine Rolle.22 Aber ob sie nun Schulklassen vorstanden oder nicht, im späten 5. Jahrhundert v. Chr. gab es in Griechenland Männer – „Sophisten“ –, die einem, wenn man es sich leisten konnte, das Reden in der Öffentlichkeit beibringen wollten. Der bekannteste von ihnen ist Gorgias von Leontinoi, der 427 v. Chr. nach Athen – dem späteren Zentrum dieses Unterrichts – kam, als gerade der Peloponnesische Krieg tobte.23 Es liegt nahe, die Forderung nach einer Ausbildung in der Redekunst mit den Massenversammlungen und den anwaltlosen Gerichten der athenischen Demokratie in Verbindung zu bringen, und dieser Versuchung sollte man nicht allzu sehr widerstehen. Aber jeder griechische Staat, von dem wir wissen, kannte sowohl öffentliche Beratungen durch Debatten als auch Rechtsfälle, die durch Abwägen der konkurrierenden Reden der Prozessparteien entschieden wurden, selbst dort, wo das Wahlrecht auf lokaler Ebene eingeschränkt war: Gorgias war sogar im ungehobelten Thessalien ein Erfolg, und auch in Sparta gab es solche Gepflogenheiten, selbst wenn die spartanischen Männer ihre berühmte „lakonische“ Rhetorik praktizierten, in der sie in Kürze und Prägnanz wetteiferten.24 Vielleicht lässt sich diese spartanische Eigenart auf dieselbe Stelle in der Ilias zurückführen, in der die Beredsamkeit des Odysseus gepriesen wird: Menelaos, Homers König von Sparta, „sprach fließend, mit wenigen Worten, aber klar, denn er war nicht wortreich, noch sprach er willkürlich“ – und so sprachen auch seine Landsleute, die Spartaner, Jahrhunderte nach ihm.25
Es genügt zu sagen, dass die Redekunst in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. – in der Zeit der anonymen Rhetorik an Alexander und der Rhetorik des Aristoteles – eine ausgereifte intellektuelle Disziplin war, die in drei Arten unterteilt wurde: die forensische Rhetorik für die Gerichte, die deliberative Rhetorik für die Versammlungen und Ratssitzungen und für die Beratung der Potentaten und schließlich die...




