E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Lazar / Eibl Viermal ICH
1. Auflage, erstmals aus dem Nachlass herausgegeben von Albert C. Eibl 2023
ISBN: 978-3-903244-27-6
Verlag: DVB Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-903244-27-6
Verlag: DVB Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Viermal ICH" dreht sich um vier Freundinnen, die so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht, und deren Schicksale dennoch von der Schulzeit bis ins Erwachsenenalter untrennbar miteinander verwoben bleiben. Es geht ums gemeinsame Aufwachsen und die erste Liebe in den gar nicht so goldenen Zwanziger Jahren, aber auch um die dunklen Seiten der Freundschaft, um Selbstbetrug, Verrat und Täuschung – und, davon unberührt, um weibliche Emanzipation, Identitätsfindung und die Suche nach dem großen Glück.
Maria Lazars Ende der 1920er Jahre in Wien verfasster Roman galt lange als verschollen und wurde noch nie veröffentlicht. Nun wird er zum 75. Todestag der gefeierten Exilautorin erstmals aus dem Nachlass herausgegeben.
„Mascha Kaleko gleich […] brilliert Lazar mit Erzählkunst, Detailkenntnis und weiblichem Sarkasmus“
– Andrea Seibel, DIE LITERARISCHE WELT
„Maria Lazar kann wirklich erzählen!“
– Denis Scheck, SWR LESENSWERT QUARTETT
„Ihr Werk harrt weitgehend noch der Entdeckung…“
– Margarete Affenzeller, DER STANDARD
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Am besten ist wohl, wenn ich beginne mit meiner, wie man es so nennt, Lebensgeschichte. Obwohl es da eigentlich gar keine Geschichte gibt. Aber das macht nichts. Das Wichtigste ist Onkel Max. Dass ich ein blitzblank poliertes Kinderzimmer hatte, ist nebensächlich. Alle Weihnachten gab es Puppen und zu jedem Geburtstag die gewisse Torte. Mama und Papa bekamen regelmäßig ihren Gutenachtkuss. Es wundert mich eigentlich, dass sie Vater und Mutter von mir waren. Jedenfalls habe ich sie nie so genannt. Sie waren da wie das Feuer im Ofen und die Suppe auf dem Tisch. Mit Onkel Max war das ganz anders. Er kam plötzlich und verschwand plötzlich wieder. Man wusste nie, wie lange er bleiben würde, drei Tage, eine Woche, sechs Monate oder eine halbe Stunde. Manchmal verschwand er auf unendlich lange. Aber dann zitterte doch immer die Aufregung im ganzen Haus: kommt er, kommt er heute Abend oder morgen oder übermorgen oder überhaupt nicht mehr. Alles um ihn herum war so unsicher, so unzuverlässig, so ganz und gar nicht selbstverständlich. Es ist natürlich ein Unsinn, wenn ich behaupte, dass ich es weiß, aber ich weiß ganz genau, dass er sich einmal, als ich noch ein winziges starrendes Baby war, über mein Bettchen geneigt haben muss. Spät in der Nacht. Und dann sagte er etwas, es muss nichts Besonderes gewesen sein, aber sicher etwas, was niemand erwarten konnte. Wahrscheinlich fand er mich auch sehr hässlich. Er war ein Sammler von wunderbaren alten Holländern, sollte übrigens selbst einmal gemalt haben. Davon sprach er nicht gerne und das war übrigens noch ehe ich zur Welt kam. Bea aber muss damals schon ein ziemlich großes Kind gewesen sein. Und er malte sie auch mit einer rosa Gasrüsche um den Hals. Ich habe das Bild allerdings nie zu sehen bekommen. Bea war sehr schön und sie war eigentlich, wie man das so nennt, die Tochter des Hauses. Ihr Zimmer lag neben dem meinen. Sie besaß eine Schmuckkassette, einen winzigen Schreibtisch mit verbogenen Beinen, und in ihrem Schrank zwischen den Spitzenhöschen steckten immer Briefe und Photographien. Das wusste ich, obwohl ich nie hineingesehen hatte. Sie trug den Schlüssel ständig bei sich. Ich wusste auch, dass ein Mann in Uniform dazu gehörte, ein Mann mit breiten Backenknochen und vorspringender Unterlippe. Ich weiß genau, wie er ausgesehen hat. So einer, der seine Kinder prügelt, wenn der Vorgesetzte ihn ärgert. Aber ich habe das Bild nie gesehen. Wirklich nicht. Kann sein, dass eines der Mädchen mir davon erzählte. Übrigens hatte er rechts drei goldene Zähne. Was die Mädchen betrifft, so verhielt es sich mit ihnen ein bisschen wie mit Onkel Max, wenn sie auch nicht so schön und so groß und so furchtbar waren. Aber sie hatten in meinem Leben nie die selbstverständliche Sicherheit wie Papa und Mama und die große Stehuhr im Speisezimmer, wie die Fensterkreuze und wie Bea. Man konnte nie wissen, ob es nicht eines Tages heißen würde: — Die Person muss fort! Und dann packte eben so ein Mädchen seine Sachen zusammen und war kurz darauf fort, wirklich fort, für immer. Manchesmal vergaß ich sogar die Namen. Ich aber blieb. Hatte mein Gitterbett, meine Zahnbürste, meinen kleinen Tisch. Ich weiß nicht, weshalb, aber wenn ich so zurückdenke, ist mir, als hätte ich mit offenen Augen die ganzen ersten Jahre meines Lebens verschlafen. Wäre nur manchesmal aufgewacht, mit jenem Ruck, der plötzlich die Erde unter den Füßen verschwinden, den schwerelosen Leib in nichts zerschweben lässt. Und mir war, als hätte man mich vergessen, in einem zufälligen Haus, einer zufälligen Straße, bei zufälligen Eltern. Oft weinte ich über einem Butterbrot. Dann kam der erste Schultag. Von der Schule wusste ich im Voraus nur, dass man täglich zeitig aufstehen muss und dann mit Kindern zusammen ist. Kinder kannte ich bisher so gut wie gar keine. Man hatte mich wirklich immer ein bisschen vergessen gehabt. Mama musste ja fortwährend an Bea denken und Papa an Poker und seine Bank. Ich sollte also in der Schule das erste Mal mit Kindern zusammen sein. Das war aufregend. Gefährlich. Voll Abenteuer. Ich weiß noch, dass wir am Abend vor dem ersten Schultag kalten Hasenbraten zum Abendessen hatten, und irgend eine dunkelrote Sauce war auch dabei. Und fünf Minuten vor neun, also fünf Minuten, ehe ich schlafen geschickt wurde, kam plötzlich Onkel Max. Er setzte sich auf den Stuhl neben Bea, der immer für ihn bereit stand, und sah mich mit seinen langen schiefen Augen traurig an, als er hörte, ich sollte von nun an zur Schule. — Na, sagte er, ärgere dich nur nicht zu viel. Da bekam ich Angst. Am nächsten Morgen aber schien die Sonne grell und kalt und die Weiber auf dem Markt verkauften Astern. Papa brachte mich selbst zur Schule, weil das auf dem Weg zur Bank lag. Meine neue Schultasche roch nach hartem Leder und ein langes Fräulein mit blutlosen Lippen nahm mich in Empfang. Die Kinder — ich sah sie nicht. Ich wusste nur, dass vor mir eine Tafel stand, drohend und schwarz, und dass man Namen aufschrieb. Aber das wusste ich bloß wie von ferne, denn neben mir in der blankpolierten Bank saß — ja, da saß Grete. Grete war so rosa, so hell, so blondgelockt, wie es sonst nur Puppen oder Engelchen auf Ansichtskarten sind. Sie lächelte mit breiten weißen Zähnen. Sie lächelte eigentlich immer, wenn sie einen ansah. Aber sie sah mich nicht oft an. Sie saß in einer Wolke von warmem Dunst, einem Dunst aus Milch und Mandelseife. In diese Wolke steckte ich meine braunen mageren Finger hinein. Sie selbst zu berühren wagte ich nicht. Neben ihr das Fenster schnitt ein Stück kalten grellen blauen Himmels aus. Ich wusste auf einmal, dass wir in unserer Wohnung zuhause zu viele und zu dunkle Vorhänge hatten. Und als die Lehrerin mich beim Namen rief, hörte ich es nicht. Sie wiederholte meinen Namen. War das wirklich mein Name? Grete, Grete, Grete...... Da lachten alle Kinder und Grete puffte mich mit ihrer kleinen gestreichelt glatten Faust. Der Stoß durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Es kam öfters vor, dass ich meinen Namen vergaß. Und später, viel später, als wir schon groß genug waren, um selber Zahlen an die Tafel zu schreiben, stand ich einmal auf, als Grete gerufen wurde und löste an ihrer Stelle eine Rechnung vor der ganzen Klasse. Die Kinder kicherten, die Lehrerin sah mich erstaunt an, ich jedoch sprach ganz laut und klar, mit einer sanften etwas heiseren Stimme, und dachte dabei an eine Mutter in weißem Kleid und mit strahlenden Augen. Aber sonderbar, ich sah von dieser Mutter nur Kopf und Brust, einen gütigen breiten Busen, an den Füßen fehlte etwas, die Beine waren nicht da — Hier unterbrach mich die Lehrerin und schickte mich in meine Bank zurück. Grete sah mich böse an, lächelte nicht. Sie hatte lange braune Augen mit rötlichem Licht um die Pupillen herum. Erst später einmal lernte ich Gretes Mutter wirklich kennen. Sie war an beiden Beinen gelähmt, lächelnd saß sie in ihrem Lehnstuhl, dirigierte das ganze Haus und wenn sie Grete sagte, sang ihre Stimme. Und sie nähte Gretes Hemden selbst, stickte jeden Hohlsaum leise summend und mit unendlicher Mühe, während Grete mit ihrem Vater Reisen machte und ins Theater ging. Er war ein berühmter Professor. Astronom. Helles Licht flutete hinter schützendem Milchglas, durchwärmte das Esszimmer. Die Stores vor den Fenstern sahen immer aus wie frisch geplättet. Ich aber, ich liebte Grete, ohne je etwas anderes für sie tun zu können, als ihr zarte rötliche Radiergummi (Radifix hießen sie) in die Schultasche zu schmuggeln. Sie hatte die Gewohnheit, mit ihren breiten durchscheinenden Zähnen daran zu kauen. In mein Leben war also, seit ich in die Schule ging, etwas Wichtiges getreten. Etwas, das beinahe so wichtig war wie Onkel Max und beinahe eben so unwahrscheinlich. Nur dass es da war, immer, jeden Morgen ab acht Uhr, falls Grete nicht Schnupfen hatte oder Halsentzündung. Die ersten Jahre, die ich mit Grete zur Schule ging, war Onkel Max übrigens kaum bei uns zu sehen. Er war zwischendurch auch viele Monate in Ägypten. Einmal schickte er mir eine Karte mit einer komischen Sphinx darauf. Ich trug diese Karte so lange mit einem Wäscheband auf das Herz oder vielmehr auf den Magen gebunden, bis sie ganz zerknittert und unleserlich geworden war. Einmal durfte ich kurz vor den Sommerferien — es waren jene Ferien, zu deren Beginn sich die Geschichte mit der Horky abspielte — eine große Kindergesellschaft zu Ehren meines Geburtstages geben. Ich lud der Einfachheit halber zwei ganze Bänke ein, Grete war nämlich dabei und auch Ulla und Anette, von denen ich später viel zu erzählen haben werde. Ich war riesig aufgeregt, denn Grete hatte schon mehrmals abgesagt, wenn sie zu mir kommen sollte, und ich konnte mir ihre lichte und selbstverständliche Schönheit in unseren dunklen samtenen Zimmern eigentlich gar nicht vorstellen. Es war ein lauer Juninachmittag. Die drückende Hitze einer ganzen Woche hatte sich nach kurzem Morgengewitter in sanftem Regen gelöst, im Park tropften die Akazien und auf meinem Geburtstagstisch stand ein riesiger Strauß Schneeballen. Schneeballen sind dumme Blumen, wenn man sie anrührt, fallen sie ab. Aber Akazien bekommt man nicht zu kaufen. Grete kam erst furchtbar spät. Sie war die Letzte, oder beinahe die Letzte. Sie trug ein weißes flaumiges Kleid und weiße Schuhe trotz des Regens. Ihre Haut war zarter als die Blätter der Akazienblüten und an ihrer Schläfe zuckte eine feine blaue Ader. Die Tafel Schokolade, die sie mir brachte, steckte in blauem Glanzpapier. Ich war so erschöpft vom langen Warten, dass ich mit kaltem Schweiß bedeckt in einem Lehnstuhl versank, während sie sich mit den andern vergnügte....