E-Book, Deutsch, Band 2953, 130 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
Krämer Geschichte Japans
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-406-81642-0
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2953, 130 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
ISBN: 978-3-406-81642-0
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Japanische Populärkultur in Gestalt von Manga, Anime, K-Pop, Fernsehserien und Computerspielen erfreut sich in der gesamten westlichen Welt großer Beliebtheit, und japanische Marken sind in der globalen Konsumkultur in den Bereichen Automobilität, Fahrradtechnik, Elektronik, Sport, Mode und Kosmetik fest etabliert. Der vorliegende Band sucht das heutige Japan historisch zu erhellen. Nach einem knappen Durchgang durch die vormoderne Geschichte wird der Neuzeit deutlich mehr Platz eingeräumt, weil sie für die Erklärung der gesellschaftlichen und kulturellen Gegenwart Japans ungleich wichtiger ist. Eine kurze Einführung in die geografischen und klimatischen Grundlagen der japanischen Geschichte bildet den Auftakt des Bandes.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
II. Frühe Gesellschaften bis zur Etablierung der Landwirtschaft (20.000 v.u.Z.–300u.Z.)
Welche Rechtfertigung haben wir, eine «Geschichte Japans» bis in eine Zeit zurückreichen zu lassen, in der von einem gemeinsamen Bewusstsein der japanischen Bevölkerung, von einer japanischen Kultur, ja, nicht einmal von einer japanischen Sprache – geschweige denn von einem japanischen Staat – die Rede sein konnte? Dafür, auch diese früheste Zeit als Geschichte «Japans» zu behandeln, sprechen im Wesentlichen drei Gründe: Erstens werden die Ursprünge Japans oder «des japanischen Volks» in Japan heute – sei es in der Wissenschaft oder in popularisierten Formen der Geschichtsschreibung – bis auf die Ur- und Frühgeschichte zurückgeführt. Archäologie ist im Land so beliebt, dass Berichte über neue Funde regelmäßig auf den Titelseiten der Tageszeitungen landen. Auf diese Weise wird ein enger Zusammenhang zwischen nationaler Identität und (auch ältester) Geschichte immer wieder hergestellt. Zweitens hatten zumindest gesellschaftliche Eliten bereits in der frühesten geschichtlichen Zeit, d.h. spätestens im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, deutlich ein Bewusstsein dafür entwickelt, einer gemeinsamen kulturellen und staatlichen Entität anzugehören. So trägt schon die älteste Reichschronik vom Anfang des 8. Jahrhunderts (wie auch noch ältere chinesische und koreanische Quellen) den Landesnamen im Titel, der auch heute noch benutzt wird («Nihon» oder «Nippon»). Drittens, und für das vorliegende Kapitel am wichtigsten, stellt die japanische Inselkette zweifellos eine geographisch klar definierbare Größe dar (siehe Karte 1 «Japan in Ostasien» auf der vorderen Umschlaginnenseite). In diesem Sinne reicht die Geschichte Japans bis in die Zeit vor der menschlichen Besiedlung zurück. Der japanische Archipel entstand in seiner heutigen Form vor ungefähr zwei Millionen Jahren durch Abtrennung vom asiatischen Kontinent. Seit dieser Zeit liegen die vier Hauptinseln – von Norden nach Süden Hokkaido, Honshu, Shikoku und Kyushu – nah beieinander. Heute gehören noch sechs größere Inseln mit jeweils über 500 Quadratkilometern Fläche in Küstennähe, die über 600 Kilometer von Kyushu entfernten Ryukyu-Inseln sowie mehrere tausend meist unbewohnter kleinerer Inseln zum japanischen Staatsgebiet. An der dem Kontinent nächstgelegenen Stelle im Süden trennen 170 Kilometer Meer Kyushu von der koreanischen Halbinsel; misst man von der heute zu Japan gehörenden in der Koreastraße gelegenen Insel Tsushima aus, sind es sogar nur rund 50 Kilometer. Die Entfernung von der Nordspitze Hokkaidos zur Südspitze der heute zu Russland gehörenden Insel Sachalin (Soya- oder La-Pérouse-Straße) beträgt sogar weniger als 50 Kilometer. Hierbei handelt es sich nicht nur um Entfernungen, die auch mit einfachen Methoden der Schifffahrt zu überwinden waren, sondern überdies um Lücken zum Kontinent, die zu Zeiten eines weltweit niedrigen Meeresspiegels während der Eiszeiten zeitweise geschlossen waren. Erstmals war dies vor ungefähr 630.000 Jahren der Fall; zuletzt bestand eine Landbrücke im Norden vor etwa 20.000 Jahren. Steinzeit
Schon während der ersten dieser Eiszeiten kamen Säugetiere v.a. über die südliche Landbrücke vom Festland. Nachgewiesen sind Elefantenarten, darunter auch Mammuts, Hasen, Wölfe, Bären, Hirsche, Elche, Wildschweine, Füchse, Makaken und zahlreiche kleinere Säugetiere. Dass die größten dieser Tiere heute nicht mehr in Japan zu finden sind, hängt vermutlich mit der Bejagung durch den Menschen zusammen. Zwar lassen sich gesicherte menschliche Skelettfunde auf frühestens 18.000 Jahre vor heute datieren, aber Steinwerkzeuge finden sich in größerer Zahl in Erdschichten, die auf bis zu 45.000 Jahre vor heute zurückdatiert werden. Vor etwa 20.000 Jahren wurden diese Werkzeuge technisch aufwändiger, als man begann, Mikroklingen und Spitzen aus Obsidian herzustellen, die an Holzschäfte montiert wurden. Diese Werkzeuge aus derselben Zeit wurden in einem großen geographischen Bereich gefunden, der von Sibirien bis zur Beringstraße und im Süden bis Hokkaido reicht. Die japanischen Inseln waren in dieser Zeit, dem Jungpaläolithikum, nur spärlich besiedelt, da die lediglich auf Jagen und Sammeln beruhende Ernährungsweise kein substanzielles Bevölkerungswachstum erlaubte. Das Klima war kalt, die Vegetation dominiert von Nadelbäumen der kühlgemäßigten Zone und das alltägliche Überleben hart. Wie die Werkzeugfunde vermuten lassen, hatten die Bewohner der japanischen Inseln wenige verlässliche Nahrungsquellen, mussten ihr Überleben flexibel organisieren, waren kaum sesshaft und stellten auch ihre Werkzeuge eher ad hoc her als planmäßig und nach tradierten Mustern. Gegen Ende des Neolithikums lassen sich zusammenhängende größere Regionen mit ähnlichen Werkzeugarten identifizieren. Eher als von «Kulturkreisen» muss man aber wohl von «style-zones» sprechen, wie es der Archäologe Mizoguchi Koji tut, denn der Zusammenhalt dieser Regionen war nicht groß und zu einer Herausbildung von Zentren kam es nicht. Jäger und Sammler: Jomon-Zeit
Als sich mit der Erwärmung seit Ende der letzten Eiszeit vor ca. 12.000 Jahren sommergrüne Laubwälder in Japan ausbreiteten, führten die verbesserten Lebensbedingungen zu einem deutlichen Anstieg der Bevölkerung auf bis zu über 300.000 Menschen und zur Herausbildung einer distinkten Kultur, die sich von Kyushu bis Hokkaido feststellen lässt. Nach ihrem Leitfund – Keramik mit schnurförmigen Mustern – wird diese Epoche, deren früheste Anfänge etwa 15.000 Jahre zurückreichen und die ihren Höhepunkt vor ca. 5000 Jahren erreichte, Jomon-Zeit genannt. Obwohl auch die Jomon-Bevölkerung ihren Lebensunterhalt vorwiegend durch Jagen und Sammeln bestritt, verbreiterte sich die materielle Lebensgrundlage so entscheidend, dass Sesshaftigkeit möglich wurde, Siedlungen entstanden und Handel nachweisbar wird. Die Ernährung wurde insgesamt reichhaltiger und planvoller: Erjagtes (v.a. Hirsch und Wildschwein), Gefischtes (neben Fischen auch viele Muscheln) und Gesammeltes (Rosskastanien, Nüsse, Knollen, Pilze, Farne, Beeren) wurde nun in Keramiktöpfen aufbewahrt und konserviert. Verbesserte Werkzeuge erleichterten das Fischen und Jagen: Stein wurde dazu genutzt, Angelhaken und Pfeilspitzen herzustellen und Beile zu schleifen; auch Netze, Kescher und Reusen fanden Verwendung. Beim Jagen half zudem der auf dem Festland domestizierte Hund, der in der frühen Jomon-Zeit eingeführt wurde und in der mittleren Jomon-Zeit schon weit verbreitet war. Zum Jagen und Sammeln trat darüber hinaus erstmals der planvolle Anbau von Lebensmitteln, insbesondere von Esskastanien (Frucht- und Holzlieferant), aber auch von Bohnen, Kürbissen und Schwarzwurzeln. Durch die sich seit der Erwärmung ausbreitenden Laubbäume hatte die Bevölkerung insbesondere ein großes Angebot an Nüssen, die sich für die Lagerung besonders anboten, aber auch gewisse technische Neuerungen zur Entbitterung (etwa Kochen) voraussetzten. Die Vorhersehbarkeit und Planbarkeit der Ernährungsgrundlage war der entscheidende Faktor, der die Anlage von Siedlungen erlaubte. Diese bestanden aus Grubenhäusern mit abgesenktem Boden, festen Orten für Abfälle und Bestattungsarealen und wiesen teils auch künstlich angelegte Wasserstellen auf. Sannai-Maruyama in der heutigen Präfektur Aomori (an der Nordspitze Honshus), die größte bisher gefundene Siedlung der Jomon-Zeit, bestand über einen Zeitraum von über 1500 Jahren in der mittleren Jomon-Zeit (vor ca. 5000 Jahren), und zu ihrer Blütezeit lebten in ihr bis zu 500 Menschen. In den Grabstätten hat man allein 1600 Tonstatuetten mit Gesichtern und angedeuteten Gliedmaßen gefunden, die wohl im Bestattungskontext rituellen Zwecken dienten. Diese Statuetten weisen in der Regel deutlich erkennbare stilisierte Brüste auf, was vielleicht auf einen Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsriten oder auf eine mit der Sesshaftigkeit einhergehende Fixierung von gesellschaftlichen Rollen entlang von Kategorien wie Geschlecht oder Alter hindeuten könnte. Mangels schriftlicher Quellen und ergänzender Befunde ist eine gesicherte Interpretation dieser Figurinen, die keine Parallele in späteren Zeiten haben, aber unmöglich. Reichhaltig sind an dieser Fundstelle auch Objekte, die auf Handel, teils über weite Strecken, hinweisen. So finden sich zahlreiche Schmuckstücke aus Bernstein, Perlen und Nephrit (eine Jadeart), deren nächstgelegene Vorkommen in Japan teils über 1000 Kilometer weit entfernt von Sannai-Maruyama lagen. Offensichtlich bestanden zu diesem Zeitpunkt bereits ausgedehnte Austauschnetze. Darauf...