E-Book, Deutsch, 320 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 500 g
Hofer Arsen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7011-8324-1
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 500 g
ISBN: 978-3-7011-8324-1
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Lifestyle in den Bergen«
Arndorf liegt in den Bergen. Ein Sehnsuchtsort in einer Sehnsuchtslandschaft. Die Menschen darin haben Ideen vom perfekten Leben und der perfekten Gemeinschaft. Aber sobald sie nach der Utopie greifen, entgleitet sie ihnen. Gleich dem Arsen, das unter Arndorf vorkommt: ein Produkt aus den Tiefen der Berge. Berüchtigt und sagenumwo-ben ist dieser Stoff wie die Berge selbst. Und er zieht sie alle an: die Authentizitäts-Freaks, die vom Bergleben wie in früheren Zeiten träumen und Tourist*innen zur Arsen-Mine fuhren, die Esoteriker*innen, die Achtsamkeit in Form von Arsen-Seife und Heil-steinen im örtlichen Souvenirshop verkaufen, und die Influencer*innen, die Arsen-Pigmente per Multilevel-Marketing und Online-Events präsentieren. Maria Hofer ist ein wilder, sprachlich herausragender Text gelungen, der in Serpentinen den Berg einwickelt und allmählich verschlingt. Sie sticht hinein in die Sehnsucht ihrer Figuren. Gibt es »das gute Leben am Land« oder ist am Ende alles nur Marketing? Für »Arsen« erhielt sie den Literaturpreis »Schreiberei« der Steiermärkische Sparkasse 2023.Autoren/Hrsg.
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Bellen
Vera ist gegen Gewalt an Menschen und vor allem gegen Gewalt an Tieren. Deshalb nimmt sie sich auch nicht das Recht heraus, einen Hund nach ihren Vorstellungen hin abzurichten. Sie hat generell Schwierigkeiten damit, herauszufinden, wo andere anfangen und wo sie selbst aufhört. Disharmonie ist für sie schwer zu verkraften, weil sie sich eigentlich schon immer für die schlechte Laune anderer verantwortlich gefühlt hat, weil sie einfach auch immer für die Launen anderer verantwortlich gemacht WURDE. Und es gab Watschen und Tritte, wenn sie ihren vagen, nie ausgesprochenen, sich dauernd ändernden Verpflichtungen nicht nachgekommen ist. Alle ihre erwachsenen Bezugspersonen waren wie Babys. Es war, als müsste sie die Bedürfnisse dieser Babys ständig richtig erraten, aber wenn sie die Bedürfnisse übersehen oder sich falsch verhalten hat, gab es Beschimpfungen und Watschen. Sie hat immer gewusst, dass sie diese hirnlose Gewalt nicht verdient hat. Ihr war auch immer bewusst, dass die Erwachsenen einfach keine Kontrolle haben über ihre Emotionen, eben wie Babys. Aber es hat sie trotzdem fertig gemacht. Da es undenkbar war, ausbildungs- oder jobmäßig ihre Situation örtlich zu verlassen, hat sie sich früh verheiratet. Und hat dadurch eine ganz neue Einsamkeit kennengelernt. In dieser Ehe hatte sie das Gefühl, angekommen zu sein. Aber im Negativen, wie eine schlechte Kopie neben einem Meisterwerk. Und bis heute denkt sie, dass sie es aus Überlegenheit so lange bis zur Scheidung ausgehalten hat. Aber es waren eher Stolz und Eitelkeit, die beiden Haupttriebfedern von fertigen Leuten. Diese Eigenschaften hat sie kultiviert, ohne zu wissen, dass diese Eigenschaften sie für Eltern, Kollegen, Freundinnen, Nachbarn, also generell für die Gesellschaft, hassenswert machen. Aber auch diesen Hass hat sie irgendwie gut ausgehalten, weil die ganze Gewalt hat ihr ein ganz tiefes Bewusstsein dafür gegeben, dass Leute sich an ihr abreagieren werden und dass das normal und gut so ist. Weil sie es kann.
Auch deswegen machen sie soziale Interaktionen immer ein bisschen müde. Immer dieses Abwarten, wann die emotionale Watsche endlich kommt, und sich darauf rechtzeitig gefasst machen, ist halt anstrengend. Entspannen kann sie fast nur, wenn Schnappi dabei ist. Weil sie ein Mensch ist und Schnappi ein Schäferhund, muss sich Vera bei Schnappi nicht um Abgrenzung kümmern. Sie musste sich nicht um Einsamkeit sorgen. Ein Hund kann nicht mobben, nicht zynisch sein oder ironisch, kann nicht besser, schöner oder glücklicher sein als sie. Schnappi gibt ihr bedingungslos, was ihr andere Leute nicht geben. Die besten und gütigsten Lebewesen der Welt sind für sie Hunde und Michael Jackson.
Vera lehnt autoritäre Hundeerziehung komplett ab, sie ist für eine radikale Form von Gleichgültigkeit und Zuwendung. Körperliche Gewalt wird als Erziehungsmittel heutzutage nicht einmal mehr bei Kindern eingesetzt. Das Leben ist sozial brutal für die meisten, aber nicht körperlich. Es ist brutal darin, was Lebewesen an Druck und Belastung aushalten müssen. Arbeiten müssen. Was man körperlich aushalten muss, im Sinne von körperlicher Arbeit, wird auch am Land immer weniger; wegen der Berggentrifikation. Also die Berufe haben sich gewandelt von Rohstoffgewinnung und -verarbeitung hin zu Dienstleistungen, insbesondere auf Tourismus bezogene Dienstleistungen. Und die Leute haben sich entschieden, dass das Leben am Land doch einiges bietet. Zum Beispiel kann man immer spazieren gehen in einer globalen Pandemie. Und man hat viel mehr Platz, und es ist viel mehr Natur drumherum. Also auch sehr urbane, eher junge Leute. Irgendwelche Ortschaften wundern sich dann kurz, warum sich irgendein Kollektiv dazu entschieden hat, ausgerechnet in ihrer Gegend zu wohnen oder aktuell zum Beispiel ein Gasthaus zu übernehmen und zu renovieren. Aber irgendwie sind alle auch froh, und die anderen Gemeinden sind neidisch und machen dann auch irgendwelche Initiativen, um solche Leute dauerhaft anzusiedeln, aber sie bekommen doch nur verhasste Nebenwohnsitzler und Urlauber.
Um attraktiv zu sein, jedenfalls für potenzielle Siedler oder zur Not auch Urlauber, wurden die Leute nach außen hin weniger brutal. Der Bauernhof, speziell der Bergbauernhof, hat bis zur Industrialisierung MINDESTENS alle Leute, die nicht von frühester Kindheit an gewohnt waren, körperlich von Menschen, der Natur oder Arbeitsvorgängen geschunden zu werden, sofort gebrochen. Sie haben jeden in den Suizid getrieben, der die Brutalität nicht dankbar über sich ergehen ließ. Wehleidigkeit wurde nicht toleriert, weil andere schänden ihren Körper und ihre Willenskraft für dich und dein Butterbrot, deine Strohmatratze und deine Petroleumlampe, und du hast absolut keinen Anspruch auf Sonderbehandlung, weil niemand ihn hat. Du bist Teil eines Systems, das viel zu komplex und feingliedrig ist, als dass es auf Einzelne Rücksicht nehmen könnte. Es muss für alle gleich wenig da sein, sonst gerät das System aus den Fugen, und dann verhungern und erfrieren wir alle, wir werden alle krank und wahnsinnig und die Jüngsten holt der Krampus dann. Das geht so: Nachdem es mit der Weidenrute den Orsch zuerst rot, dann weiß und dann wieder rot geschlagen bekommen hat, wird das Kind in den Buckelsack gesteckt und im Winter ohne Jacke weggetragen. Weit weg von Mama und Papa. Das Kind wollte eigentlich immer weg von Mama und Papa, aber es weint bitterlich im Dämmerlicht, das im Winter brutal hellblau ist, und immer wenn Tauwetter ist, wie heute, hört man überall Wasser hinuntertropfen, und man sieht in den Schneedecken große, schwarze Löcher. Es riecht nach Holz und nach dem Schaffell des Krampuskostüms und nach der Schnapsfahne der Männer unter dem Kostüm. Das Kind weint leise und heimlich, weil es die Krampusse nicht noch mehr verärgern will, und daraufhin vergessen sie, das Kind irgendwo in der Nähe von zu Hause hinauszulassen. Und sie tragen es von Bauernhof zu Bauernhof, bis es irgendwann nicht mehr im Buckelsack ist. Es ist kühl geworden, aber nicht so kalt, dass es das Kind nicht mehr heim schaffen könnte.
Die Füße schmerzen vor Kälte, und die Mundwinkel sind offen, weil Rotz und Tränen, die vor lauter subtiler Unterernährung offenen Mundwinkel noch zusätzlich gereizt hat. Die Haustüren sind schon alle zugesperrt, und das Kind schämt sich. Es findet ein offenes Fenster und klettert hinein. Damit es die Eltern nicht verärgert, schleicht es sich ins Badezimmer leise und putzt die Füße ab. Dann stellt es seinen Wecker für den nächsten Tag und schwört sich, von heute an gehorsamer und braver zu sein.
Je brutaler ein Mensch seit Kindestagen von den Leuten gefoltert wurde, von denen er am meisten abhängig war, desto smoother kann er als Erwachsener leben. Wer nicht brutal ist, schwächt die Gemeinschaft, die von extremen Abhängigkeiten geprägt ist, von denen man behauptet, sie kommen daher, weil der Mensch auch von der Natur extrem abhängig ist und somit sind es auch die Leute untereinander. Es ist keine erfundene und kultivierte soziale Abhängigkeit, sondern sie ist eingewachsen in die Gehirne und Herzen. Mit Efeu umrankt und von Pilzen und Schwammerl durchdrungen auf gleich geheimnisvolle Art wie der Waldboden. Das Menschengewebe durchtränkt damit, wie ein Garagenboden von Motoröl. Alles in Einklang mit den Arbeitsabläufen und sozialen Gefügen. Nur vielleicht die Seele bleibt besetzt von Herrn Christus, unsrem Herrn, der uns gesegnet hat mit der Schuld, mit der Nächstenliebe und dem daraus direkt resultierenden Hochstaplersyndrom.
Anastasia hat Vera in der ganzheitlichen Hundeschule kennengelernt. Sie ist dort Hundetrainerin und hat Vera gleich nach der ersten Trainingseinheit gesagt, dass Schnappi ein hochbegabter Hund ist. Etwas Besonderes. Anastasia arbeitet nach dem Grundsatz, dass Tiere besser sind als Menschen und man sie deswegen auch vorsichtiger und besser behandeln soll. Anastasias Lebensphilosophie lautet zusammengefasst: Alles, was nicht positiv ist, gehört vernichtet. Also MUSS man das Positive sehen in Mensch und Tier. Dann erkennt man klar: Tiere sind einfach besser. Tiere sehen nämlich automatisch das Gute in uns allen. Weil als Mensch sieht man sich selber immer als gut und seine Intentionen immer als rein und edel. Der Hund stimmt dabei einfach nur zu, indem er nichts dagegen sagen kann. Hunde sind in der Hinsicht noch besser als Babys, was viele Leute bestätigen konnten, die sich aufgrund falscher Erwartungen ein Baby angeschafft haben.
Hunde reagieren besser als Menschen auf alternative Medizin, sagt Anastasia. Sie sagt, dass Hunde eigentlich VIEL BESSER sowohl auf Bachblüten als auch auf Homöopathie anspringen, weil sie durch ihre intuitive Art enger verbunden sind mit ihren Bedürfnissen und vor allem sind Hunde weniger entfremdet von der Natur. Und das führt logischerweise zur effektiveren Heilung mit Naturmedizin. Anastasia sagt, dass man, wenn man besonders authentisch ist, eben näher bei der Natur ist, und dann greift natürlich auch Homöopathie schneller. Allerdings ist die Anamnese bei einem Tier schwieriger, weil es ja nicht reden...




