E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Heun Lehrkonzepte (E-Book)
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-0355-1418-6
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Theorien, Methoden und Konzepte zum erfolgreichen Gestalten von Lehrveranstaltungen
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-0355-1418-6
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Dieses E-Book enthält komplexe Grafiken und Tabellen, welche nur auf E-Readern gut lesbar sind, auf denen sich Bilder vergrössern lassen.
Alternativen zu klassischen Lehrkonzepten wie der Vorlesung sind gut erforscht, aber noch zu wenig verbreitet Deshalb haben wir eine Sammlung und konkrete Praxistipps für Lehrende entwickelt.
Die 35 Lehrkonzepte werden in einem attraktiven Kartenset prägnant und anwendungsorientiert dargestellt. Darüber hinaus enthält das Buch eine Anleitung zur Entwicklung von individuellen Lehrkonzepten in sieben einfachen Schritten. Damit ermöglichen wir es Leser*innen, etablierte oder eigene Konzepte in ihren eigenen Lernveranstaltungen umzusetzen. Das Ziel: weg von der Fokussierung auf traditionelle Lehrkonzepte, hin zu zeitgemässen, effektiven und individuellen Lehrformen wie dem Flipped Classroom oder dem Forschenden Lernen.
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2.1 Zum Konzeptbegriff im Bildungswesen und darüber hinaus
Die Grundidee zu diesem Buch ist einfach: Bei der Entwicklung von Lehrveranstaltungen sollten nicht nur Lehrpläne, Inhalte oder Lernziele im Vordergrund stehen. Vielmehr sollte die Entwicklung von Lehrkonzepten am Anfang der Auseinandersetzung mit einer Lehrveranstaltung stehen. Ein gutes (didaktisches) Lehrkonzept passt zu den Überzeugungen der Lehrperson und es prägt eine Form des Lehrens, die das Lernen kanalisiert und unterstützt. Darüber hinaus enthalten ausdifferenzierte Lehrkonzepte grundlegende Informationen zu der Gestaltung der Lehrpraxis, wie etwa zu zentralen Lernzielen oder den Rollen von Lehrenden und Lernenden. Nur, was genau bedeutet der Begriff «Konzept»? Und was ist ein «Lehrkonzept»? Im Folgenden werden allgemeine und bildungsspezifische Grundlagen zum Konzeptbegriff hergeleitet und geklärt. Darauffolgend wird der Begriff des Lehrkonzepts definiert und von alternativen Konzeptbegriffen aus dem Bereich der Bildungswissenschaft abgegrenzt.
Der Begriff des Konzepts wird in vielen unterschiedlichen Kontexten verwendet. Eine einheitliche Definition, die unterschiedliche fachlichen Perspektiven, wie zum Beispiel aus Architektur und Design, Marketing oder Bildung, integriert, sucht man vergeblich. Ein Blick auf den Wortursprung (Duden 2007) verdeutlicht, dass es sich bei einem Konzept einerseits um das Ergebnis eines analytischen Prozesses handelt («Plan, Programm»), andererseits um das Resultat der Praxis des Entwerfens («skizzenhafter, stichwortartiger Entwurf»). Dementsprechend wird eine «Konzeption» als «geistiger, künstlerischer Entwurf» oder auch «Leitgedanke» (ebd.) verstanden, wodurch der kreative Charakter des Konzipierens betont wird. Als kleinster gemeinsamer Nenner scheint ein Konzept die Antwort auf eine Projektherausforderung zu sein, die, neben der Thematisierung der Ausgangssituation, einen Lösungsweg zu einem Ziel enthält. Kettl-Römer und Natusch (2019) definieren dementsprechend das Konzept als «die schriftliche Ausarbeitung einer Lösung eines komplexen Problems», welches «eine Problembeschreibung (Istzustand), das angestrebte Ziel (Sollzustand) sowie die grundsätzlichen Maßnahmen, die vom Ist- zum Sollzustand führen», umfasst (S. 22).
Neben der Vorläufigkeit von Konzepten wird zudem hin und wieder auf den Aspekt der Ganzheitlichkeit verwiesen. In weiterführenden Definitionen wird ein Konzept weniger als eine Ansammlung von unterschiedlichen Maßnahmen und Methoden verstanden, sondern es wird die Kraft einer einheitlichen Struktur betont, die ein Konzept ausmacht und «zusammenhält». Dieser Gedanke wird zudem in entwerfenden Disziplinen, wie zum Beispiel der Architektur, in besonderem Maße akzentuiert (Fusi 2008, S. 10):
«Nötig für das Projekt ist ein Grundkonzept, eine Grundidee, die die Entscheidung in eine Ordnung bringt und dieselbe in einer logischen Struktur organisiert. Diese logische Struktur ist ein System von inneren Beziehungen zwischen den Elementen eines Projektes. Diese logische Struktur ist die Substanz, die ein Projekt charakterisiert, die das Wesen seiner Existenz bildet, und die durch die formellen und materiellen Qualitäten eines entworfenen und gebauten Werkes ausgedrückt wird.»
Auch in der Bildungswissenschaft ist der Begriff des Konzepts einschlägig. Kritisch anzumerken sind hier zwei Dinge. Erstens wird der Begriff inflationär verwendet. Als «Konzepte» werden auch hier Dinge bezeichnet, die irgendeine Lösung oder einen Plan für eine Lehrherausforderung darstellen. Zweitens wird der Begriff häufig synonym zu anderen Begriffen, wie zum Beispiel zu dem der Methode, verwendet (z. B. Markowitsch et al. 2004, S. 6). Nichtsdestotrotz lassen sich auch in der Didaktikliteratur sehr spezifische Vorstellungen zum Konzeptbegriff finden. Hier sind insbesondere das Verständnis des Konzepts als eine Art Weltanschauung zur Frage, wie gelernt wird bzw. werden soll («Conceptions of Learning») sowie die Orientierung an inhaltlichen Konzepten in Fachdisziplinen («Conceptual Lenses») zu nennen. Diese Ansätze werden im Folgenden kurz dargestellt und eingeordnet.
2.1.1 Das Konzept als Weltanschauung: Konzeptionen des Lernens
Donaldson und Allen-Handy (2019) stellen in ihrer Studie unterschiedliche «Konzeptionen des Lernens» vor. Basierend auf der Annahme von Dewey (1897), der das Lernen eher als einen «Prozess des Lebens» als eine «Vorbereitung auf das Leben» verstanden wissen wollte, stellen sie im Rahmen ihrer Studie unterschiedliche «Konzeptionen des Lernens» vor. Konzepte sind hier gebündelte Vorstellungen vom Lernen, die sich anhand von Analogien, Metaphern, Rahmen, Weltanschauungen und Paradigmen in der Lehr-/Lernpraxis manifestieren. Die Explikation von Konzeptionen des Lernens ist Resultat einer Analyse, in deren Rahmen sie derartige Formationen in historischem Material anhand eines «Iceberg Frameworks for Conceptualization Analysis» identifizierten. Dieses Vorgehen basiert auf der Annahme, dass sich Konzeptionen des Lernens, ähnlich diskursiven Formationen, durch das Zusammenspiel von Analogien, Metaphern, Weltanschauungen und Paradigmen konstituieren, verfestigen und reproduzieren. Die Autoren weisen auf die Reproduktion von Ideologien und Machtstrukturen durch die Nutzung und Verbreitung von Konzeptionen des Lernens hin, da diese nicht nur auf individueller, sondern auch auf sozialer Ebene determinierend wirken (vgl. auch Apple 2014).
In diesem Zusammenhang unterscheiden sie die Begriffe des Konzepts und der Konzeption. Konzepte sind für sie «static sets of knowledge» unter dem Dach einer bestimmten Idee, während Konzeption für sie einen dynamischen und komplexen Prozess wie den der Ausdifferenzierung von Lernverständnissen und Weltanschauungen beschreibt. Konzeptionen des Lernens sind handelnden Akteuren nicht zwangsläufig bewusst. Aus der Analyse resultieren vier dominante Konzeptionen des Lernens, die im Folgenden kurz dargestellt werden.
Tabula-rasa-Konzeption des Lernens
Bei dieser klassischen Form des Lernens, welche an die Grundannahmen des Behaviorismus erinnert, wird Lernen als ein Prozess des Anhäufens von Wissen verstanden. Der Lernprozess startet an einem Nullpunkt (Leere) und Schüler werden in diesem Zusammenhang oft als «leere Behälter» beschrieben, die vom Lehrer «befüllt» werden. Wissen wird in diesem Zusammenhang oft als «Objekt» verstanden, das in Form von mechanischen Prozessen wie ein Besitztum weitergegeben wird.
Die industrielle Konzeption des Lernens
Die industrielle Konzeption des Lernens erschließt sich den Autoren anhand von Metaphern wie «mind as a machine» oder «education as industry». Lernen ist nach dieser Vorstellung Resultat eines «Produktionsprozesses» einer «Bildungsindustrie», innerhalb dessen Lernende als «raw material» angesehen werden, welches Lehrende, wie in einem technischen Prozess, weiterverarbeiten.
Transfer-/Aneignungskonzeption des Lernens
Diese in heutigen westlichen Gesellschaften häufig anzutreffende Vorstellung des Lernens basiert auf der Annahme, dass es sich bei Wissen um konkrete Dinge («discrete entities») handelt, die beim Lernen von Büchern oder Lehrenden an die Lernenden mit den entsprechenden «richtigen» Bedeutungen weitergegeben werden (siehe Tabelle 2). Ziel des Lernprozesses ist es, dass Lernende das erworbene Wissen in neuen Situationen abrufen und anwenden können. Früh erwähnt wurde diese Vorstellung von Lernen beispielsweise von Dewey (1897, 1938), der, bezogen auf das Lernen, Metaphern der «transmission» und «acquisition» verwandte. Einer der Kritikpunkte bezieht sich auf den Objektcharakter von Wissen und auf die eher passive Rolle der Lernenden, die auch hier als «Container» angesehen werden, die es zu «befüllen» gilt (Freire 1970). Diese dominante Vorstellung des Lernens basiert nach Giroux auf dem Positivismus. Dessen Vertreter verschafften den Grundannahmen des Aneignungskonzepts zu einer flächendeckenden Anerkennung, da sie diesen Lernansatz systematisch mit dem Streben nach Objektivität und Neutralität assoziierten (Giroux 2001).
«Value statements and non-metaphorical characterizations related to physical reality and the nature of knowledge from a positivist or post-positivist paradigm in which there is one reality and knowledge refers to truth about reality determined through empirical and objective analysis of evidence.»
Nach Donaldson und Allen-Handy (2019) sind mit dieser Common-Sense-Konzeption des Lernens (Hager & Hodkinson 2009) diverse Praktiken verbunden, deren Bedeutung sich vor dem Hintergrund des Objektcharakters des Wissens und der mechanischen Weitergabe von Wissen schnell erschließt. Bücher und Fachartikel stellen die Hauptquelle des Wissens dar, und die Weitergabe dieser Wissensbestände will demnach gut geplant und «kontrolliert» werden. Prüfungen sind ein ebenso zentraler Bestandteil derartiger Lernprozesse wie die genaue Planung des Lernens auf der Basis von «learning objectives», «learning outcomes»,...




