E-Book, Deutsch, 362 Seiten
Gordimer Niemand der mit mir geht
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-97983-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 362 Seiten
ISBN: 978-3-492-97983-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Und wer war das?
Es gibt immer jemanden, an den sich keiner mehr erinnert. In dem Gruppenfoto nehmen nur jene, die inzwischen prominent oder berüchtigt geworden sind oder deren Gesichter durch gemeinsam Erlebtes zurückverfolgt werden können, Raum und Zeit ein, glänzend verflacht.
Wer könnte das gewesen sein? Die baumelnden Hände und die ordentlich für die Kamera zusammengestellten Füße, das Halblächeln im Profil, den Kopf der Persönlichkeit zugewandt, die der Mittelpunkt des bewahrten Moments sein sollte. Es ist im Grunde ein Einzelbild, zu einer höheren Intensität entwickelt. Am Rande dieses Brennpunktes ist noch etwas, eine Anfügung, man könnte sie bei der Vergrößerung auch weglassen, da die periphere Gestalt im Akt des Erkennens und in der besonderen Erinnerung, die das Foto auslöst, keine Bedeutung hat.
Wenn aber jemand käme, der – warte mal! – die Gestalt erkennen würde, an die sich niemand erinnert, dann würde sich sofort eine andere Lesart des Fotos entwickeln. Etwas anderes, eine andere Bedeutung wäre da; das, was damals, auf dem Weg, auf sich genommen wurde, wäre wieder gegenwärtig. Etwas Geheimes vielleicht. Das so unscheinbar eingefangen wurde.
Vera Stark, mit ihrer Anwaltsausbildung und dem Ordnungsdrang, der mit dem Altern kommt, stieß auf ein Foto, das sie seit langem zusammen mit allem, was sie in den verschiedenen Neuanfängen der Jahre abgelegt hatte, weggeworfen glaubte. Aber es war kein Bild, das sie übersehen hatte. Es war das Foto, das sie ihrem ersten Mann während des Krieges in sein Offiziersquartier in Ägypten geschickt hatte – während ihres Krieges, des richtigen Krieges, nicht jener Kriege, die ihm folgten und die ohne Siegesparaden kamen und gingen. Er mußte das Foto aufgehoben haben. Mußte es in seiner Feldausrüstung mit zurückgebracht haben. Es war eine Ansichtskarte – die Ansichtskarte, die sie ihm von einem Ausflug in die Berge geschickt hatte; ein Foto der kleinen Feriengruppe von Freunden, mit denen sie gefahren war. Was sie auf die Rückseite geschrieben hatte (sie drehte das Foto jetzt um, als höbe sie einen alten Stein), waren die üblichen telegrafischen paar Zeilen, die sie hingekritzelt hatte, während sie die Briefmarke kaufte – das Wetter wunderbar, sie kletterte, wanderte Meilen pro Tag, schwamm in kleinen, sauberen Teichen, das Hotel so, wie er es kannte, aber ziemlich runtergekommen. Grüße von diesem oder jenem – denn die, die da untergehakt standen, waren ihre gemeinsamen Freunde. Es gab nur ein neues Gesicht: ein Mann zu ihrer Linken, dem sie einen Kreis um den Kopf gemalt hatte. Sie nannte ihn in einer Zeile, die senkrecht neben ihren Bericht vom Wetter gequetscht war, beim Namen.
Was auf dem Rücken des Fotos geschrieben stand, war nicht ihre Botschaft. Ihre Botschaft war der Tintenring um das Gesicht des Fremden: dies ist das Bild des Mannes, der mein Liebhaber ist. Ich bin in ihn verliebt, ich schlafe mit diesem Mann, der neben mir steht; siehst du, ich bin offen und ehrlich zu dir.
Ihr Mann hatte nur den Text auf der Rückseite gelesen. Als er nach Hause kam, verstand er nicht, daß er nicht zu ihr zurückkehren konnte. Sie verteidigte sich, überrascht, wieder und wieder: »Ich hab’s dir doch gezeigt, ich hab sein Foto neben mir umkringelt. Ich hab geglaubt, daß wir uns zumindest so gut kennen … Wie konntest du das nicht verstehen! Du wolltest das nicht verstehen.«
Aber ja, er mußte es in aller Unschuld mit seinen anderen Souvenirs zurückgebracht haben, den Dingen aus seinem Krieg. Er brachte es mit und hier war es, war irgendwie nicht zerrissen oder fortgeworfen worden, als sie im praktischen Teil der Scheidung ihre Besitztümer aufteilten. Fünfundvierzig Jahre später sah sie das Foto wieder an, sah in seiner Existenz – es hatte in einem Regal unter einigen alten Plattenhüllen gelegen und war so zu ihr zurückgekommen –, daß dies die Wahrheit war: die Existenz seiner Unschuld, für immer.
Vera und Bennet Stark gaben an einem ihrer Hochzeitstage eine Party, es war das Jahr, in dem die Gefängnisse geöffnet wurden. Es war eine Zeit des Feierns; Abordnungen von Sportvereinen, von Müttervereinigungen standen mit zusammengetriebenen Schulkindern vor Nelson Mandelas altem Soweto-Häuschen und warteten in einer Schlange darauf, ihn zu umarmen, während ausländische Diplomaten sich händeschüttelnd mit ihm filmen ließen. Die Starks sind schon so lange verheiratet, daß sie gewöhnlich aus ihrem Hochzeitstag keine Affäre machen, aber manchmal bot sich der Tag an, Einladungen zu erwidern, alle gesellschaftlichen Schulden auf einen Schlag zu begleichen, wie Vera es ausdrückt, und in diesem Jahr insbesondere schien er ein guter Anlaß, noch darüber hinauszugehen: sich und ihren Freunden eine Entschuldigung dafür zu liefern, ein wenig in der Euphorie zu baden, die, wie sie wußten, nicht anhalten konnte. Aber sie hatten das Recht, jetzt zu feiern, nach Jahrzehnten, in denen sie auf das, was jetzt geschah, hingearbeitet hatten, ohne Erfolg. Nun aber war der Wandel plötzlich da, hatte sich lebendig aus der langen Totenstarre erhoben. Gekommen waren ihre Freunde aus der Juristischen Stiftung, natürlich; daneben weiße Männer und Frauen, die in den Kampagnen gegen Haft ohne Prozeß, gegen erzwungene Umsiedlungen von Gemeinden, gegen ein Wahlrecht, das die Schwarzen ausschloß, aktiv gewesen waren; Studentenführer, die streikende Arbeiter unterstützt hatten, standen im Garten unter einem Baum zusammen und tranken Bier aus Dosen; ein paar militante schwarze Geistliche und ein weißer Pastor, der wegen seiner ketzerischen Verdammung der Rassentrennung exkommuniziert worden war; ein schwarzer Arzt, der junge Militante, die in Straßenkämpfen mit Polizei und Armee verletzt worden waren, versteckt und behandelt hatte; schwarze Gemeindeführer, die Boykotts angeführt hatten; einer oder zwei der weißen Denkmäler von den Straßentreffen der alten Kommunistischen Partei, aus dem passiven Widerstand der Fünfziger und den Demonstrationen der Congress Alliance, aus den Komitees dieser oder jener Frontorganisation zur Zeit des Banns, Leute, die in vielen Verkleidungen überlebt hatten. Und einige fehlten. Jene, die noch im Untergrund und nicht überzeugt waren, daß es schon sicher war, wieder aufzutauchen. Die Verhandlungen mit der Regierung über die Straffreiheit für politische Aktivisten waren nicht abgeschlossen. Einer aus dieser Gruppe erlaubte sich einen Überraschungsauftritt – ein Kabarettstückchen spät in der Nacht, er platzte in einem purpur- und gelbgeblümten Hemd in die Gesellschaft, übermütig unter dem Schirm einer schwarzen Lederkappe grinsend. Seine Kampfbrüder über Grund umarmten ihn wie im Ringkampf, man boxte ihm freundschaftlich auf die Oberarme, und die Gastgeberin reagierte so, wie sie es früher getan hatte, wenn ihr Sohn aus dem Internat nach Hause kam und sie nicht wußte, wie sie ihm ihre Bewegung zeigen konnte – sie trug das Beste an Essen und Trinken herbei.
Die Anwesenheit dieses Sohnes hatte die Party bereits zu etwas Besonderem gemacht – Ivan war zu Besuch aus London da, wo er es zu einem erfolgreichen Banker gebracht hatte. Mit seiner Aura – er trug das, was man in der Jermyn Street Freizeitkleidung nannte, eine seidenweiche Lederjacke, eine Krawatte von Liberty und Slippers mit Troddeln – war er eine nicht zugegebene, aber defensiv aufgenommene Peinlichkeit für seine Mutter (sein Vater zeigte ohnedies nie Gefühle). Sie erhielt die Illusion aufrecht, er wäre einer der Kollegen oder Genossen. Immerhin hatte er ein Flugzeug nehmen müssen, um nach Hause zu kommen. Sollte die Party für ihn ebenso gemeint gewesen sein wie für die Feier einer dauerhaften Ehe (und wer sollte sich aus dieser außerordentlichen Ära daran erinnern, was zu was geführt hatte), so entwickelte sie sich zu einem geheimen Willkommen für einen der rätselhaften Freunde seiner Mutter. Die Musik begann die Wände zu erschüttern und in den Garten hinauszuwehen; politische Streitgespräche, Trinken und Tanzen gingen bis drei Uhr morgens weiter. Ivan tanzte wild, lachend, mit seiner Mutter; es war, als ob ihre Ähnlichkeit ein gemeinsamer Boden für sie wäre. Als der Mann, der aus dem Untergrund heraufgekommen war, so plötzlich, wie er gekommen, verschwunden war, woher und wohin, würde niemand fragen, war es, als hörte die Musik plötzlich auf. Er hinterließ eine seltsame, hohle Stille: das Echo all jener Jahre, die nun endeten, die Stille der Gefängnisse, des Verschwindens, des Exils und, für einige, des Todes. Vorbei? Die Gäste, die nach Hause fuhren, um zu schlafen, die Gastgeber, die schmutzige Gläser einsammelten, konnten sich die Frage nicht beantworten.
Als es um zehn Uhr abends klingelte, öffnete Vera die Tür – damals, in der Vierzigern, hatte man noch keine Angst vor Überfällen. Noch in seiner Uniform stand er vor ihr, er war gekommen, um nach Schlüsseln zu suchen, die er in dem Gepäck, das er mit ins Hotel genommen hatte, nicht finden konnte. »Kann meine Koffer nicht abschließen, verdammt ärgerlich, alles liegt noch irgendwo rum …« Er brauchte sich nicht dafür zu entschuldigen, daß er um diese Zeit unangekündigt auftauchte, da er natürlich ihre Gewohnheiten kannte, sie blieb immer lange auf. Manchmal war er noch lange, nachdem er ins Bett gegangen war, aus dem ersten Schlaf erwacht, weil er ihre Fußsohle sein nacktes Bein hinuntergleiten fühlte.
Sie ließ ihn ein paar Momente vor der Tür stehen, als wäre er ein Vertreter, und ging ihm dann voraus in ihr altes gemeinsames Wohnzimmer, das nun allein ihres war. Er wühlte in den Schreibtischfächern herum; sie stand da und sah ihm zu. Er hätte ein Schlosser sein können, der eine Leitung reparierte. Sie machte ein paar beiläufige, leise Vorschläge, wo die Schlüssel sein könnten. Er war darauf...