E-Book, Deutsch, Band 2, 226 Seiten
Reihe: Verzaubert
Caspar Verzaubert 2: Gefährliche Freunde
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-646-60292-0
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magisch-romantische Urban Fantasy für Gestaltwandler-Fans
E-Book, Deutsch, Band 2, 226 Seiten
Reihe: Verzaubert
ISBN: 978-3-646-60292-0
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna-Sophie Caspar, geb. 1986, hat sich schon als Kind kleinere Geschichten ausgedacht. Wenn sie nicht gerade schreibt oder durch die Welt reist, analysiert sie die Sterne und die Wirkung des rückläufigen Merkurs in ihrem Geburtshoroskop. Man munkelt, dass ihre magische Fähigkeit darin besteht, Notizbücher vollzukritzeln.
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Anstandsbesuch
Pünktlich um 18 Uhr klingelte es an der Haustür. Effie schnappte ihr kleines Täschchen mit ihrem Kosmetik-Equipment und rannte die Treppe hinunter, vorbei an zwei Koffern und einer mit ihren Lieblingsbüchern und Kissen bepackten Kiste, die im Flur zum Mitnehmen bereitstanden. Die restlichen Kartons stapelten sich noch in ihrem Zimmer.
Sie stellte die Tasche im Flur ab und riss die Haustür auf. Eden stand vor ihr, in Jeans und Hemd, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sein Wagen parkte an der Straße zum Vorgarten. Es war ein warmer Septembertag und auch wenn die Spätsommersonne längst hinter den Dächern verschwunden war, färbte sie den Himmel noch in warmen Rottönen.
Wie immer, wenn Effie ihn sah, machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer. Die Sommersonne hatte auf seiner Haut einen schönen Teint hinterlassen, als wäre er gerade aus dem Urlaub zurückgekommen. Dabei war er den ganzen Sommer über kaum von ihrer Seite gewichen. Seine dunkelbraunen Haare wirkten nur flüchtig gekämmt und trotzdem lagen sie perfekt. Sie ignorierte die unfaire Tatsache, dass er keine fünf Minuten im Bad benötigte und trotzdem so gut aussah und sie mindestens eine Stunde am Tag dort verbrachte. Umso mehr freute sie sich darauf, ihm später durch die Haare zu wühlen.
Seine grünen Augen wanderten über ihr Top und ihren Ballonrock, dann lächelte er. »Du siehst sehr hübsch aus heute Abend.«
»Danke schön.« Grinsend zog sie ihn ins Haus.
Obwohl er lächelte, wirkte er angespannt. Zwar war er ihren Eltern in den letzten Wochen hin und wieder begegnet, aber sie hatten nie viel miteinander geredet. Da Effie nun allerdings zu ihm zog, bestanden ihre Eltern darauf, ihn ganz offiziell kennenzulernen. Ausschließlich dafür hatten sie ihn heute zum Abendessen eingeladen.
»Da sind Sie ja schon!« Ihre Mutter kam aus der Küche und begutachtete Eden interessiert. »Kommen Sie doch herein. Das Essen ist auch schon fertig.« Sie begrüßte ihn mit einem herzlichen Handschlag und führte ihn ins Esszimmer. »Schön, dass Sie so pünktlich sind. Ich mag es, wenn mein Zeitplan aufgeht.«
Konnte ihre Mutter bitte aufhören, Eden zu siezen? Das war ja schrecklich. Er war schließlich kein Versicherungsvertreter, sondern ihr Freund.
Leicht genervt folgte Effie ihnen. Der Tisch war bereits für das Abendessen gedeckt und es duftete nach ihrem Lieblingsgemüseauflauf. Anlässlich des Kennenlernens hatte ihre Mutter das »gute Geschirr« aus dem Schrank geholt. Im Raum breitete sich ein schummriges Licht aus - ihre Mutter hatte den Tisch sogar mit Kerzen dekoriert. Ein bisschen viel des Guten, oder? Aber Effie sagte nichts dazu. Sie hoffte einfach, dass ihre Eltern und Eden sich gut verstehen würden.
Ihr plötzlicher Umzugswunsch hatte ihre Eltern überrascht. Nach dem ersten Schock hatten sie begonnen, wild durcheinanderzureden: »Du hast doch einen Studienplatz in Hamburg, warum willst du dann schon ausziehen?«, »Kathy ist während ihres gesamten Examens zu Hause geblieben.«, »Das ist doch viel zu teuer. Rausgeschmissenes Geld.«, »So schnell findest du doch keine Wohnung.«
Ihre Einwände waren berechtigt. Nur konnte Effie ihren Eltern leider nicht erzählen, was ihre wahren Beweggründe waren … Also ließ sie sie in ihrem Glauben und versuchte sie, mit dem Argument zu beschwichtigen: »Ich ziehe zu Eden. Er hat eine eigene Wohnung, also entstehen für euch überhaupt keine Kosten.«
Allerdings erzielten ihre Beschwichtigungsversuche nicht die erwünschte Wirkung.
»Aber ihr kennt euch doch erst seit einigen Wochen.«,
»Möchtest du dir nicht lieber ein paar Wohngemeinschaften anschauen? Vielleicht ist ja etwas Nettes dabei.«
Weder Eden noch das bevorstehende Studium waren der Anlass für ihren Umzug. Ganz davon abgesehen, dass sie sich nur als Vorschub für einen Studienplatz eingeschrieben hatte. Sie rechnete nicht damit, dass sie die nächsten Monate dazu kam, Zeit in ihr Studium zu investieren.
Den wahren Grund für ihren plötzlichen Freiheitsdrang konnte sie ihren Eltern nicht sagen. Ihr 21. Geburtstag näherte sich. Eine Woche noch, dann war es so weit. Sie würde sich endgültig in einen Phönix-Elementar verwandeln.
Sie wusste, was auf sie zukam, wie sie sich verändern würde … Und sie traute sich kaum, es sich einzugestehen, aber … sie hatte Angst. Es stand für sie fest, sie musste so schnell wie möglich ausziehen. Wie sollte sie ihren Eltern sonst erklären, dass sie plötzlich nur noch vom Plastikgeschirr aß und alles zerstörte, was sie anfasste? Schwer vorstellbar, dass sie ihr glaubten, wenn sie ihnen sagte, dass es ihre übernatürlichen Fähigkeiten waren, die sie nicht unter Kontrolle hatte.
Josh und Valentina saßen bereits am Tisch. Während Valentinas Gesicht strahlte, als sie Eden erblickte, kratzte Josh ungeduldig mit seinem Besteck auf dem leeren Porzellanteller herum. »Da seid ihr ja endlich«, meckerte er.
»Bitte setzen Sie sich.« Ihre Mutter zog einen Stuhl heraus und bot ihn Eden an.
»Vielen Dank, Frau Berger.« Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln und setzte sich. Mensch, war das steif! Das war ja kaum auszuhalten.
Valentina konnte sich offenbar noch sehr gut an Eden erinnern und er schien ihr alles andere als unsympathisch zu sein. Sobald er saß, erhob sie sich von ihrem Platz und beschlagnahmte den Stuhl neben ihm. Sie beugte sich zu ihm hinüber, legte ihre Hand auf seinen Arm und fragte: »Wie kommt es, dass du doch länger in der Stadt bleibst?«
Dass sie sich daran noch erinnerte … Es waren mindestens zwei Monate vergangen, seitdem er ihr im Auto erzählt hatte, dass er beruflich in Jork wäre und nicht genau wüsste, wie lange er noch bleiben würde.
Doch gerade als er ihr antworten wollte, betrat Effies Vater mit brummiger Miene das Esszimmer, stellte eine Salatschüssel in die Mitte des Tisches, gab Eden flüchtig die Hand, murmelte ein »Hallo« und setzte sich.
Na, sehr schön. Die übertrieben euphorische Stimmung ihrer Mutter wurde durch die schlechte Laune ihres Vaters wieder ausgeglichen. Da war sie gespannt, wie der weitere Abend noch verlaufen würde.
Effie seufzte und wollte sich auf den Stuhl neben Eden setzen, aber ihre Mutter kam ihr zuvor. Also nahm sie zwischen Josh und ihrem Vater Platz, was die Stimmung ihres Vaters zu erhellen schien. Zum ersten Mal an diesem Abend verzog sich sein Mund samt Schnauzbart zu einem Lächeln.
Sobald alle saßen, begann Josh, sich den Auflauf auf den Teller zu schaufeln. Dem Gesichtsausdruck ihrer Mutter zufolge gefiel ihr diese Unhöflichkeit ganz und gar nicht. Aber sie sagte nichts und reichte Eden stattdessen die Salatschüssel.
»Und?«, fragte ihr Vater, nachdem er sich ebenfalls Auflauf aufgetan hatte, und betrachtete Eden skeptisch. »Was machen Sie beruflich, Eden?«
Verdammt. Sie hätte mit dieser Frage rechnen müssen. Was sollte Eden denn bitte darauf antworten? Er konnte ja schlecht sagen, dass er ein sogenannter Elementar war, über magische Fähigkeiten verfügte, und offiziell einem Mann diente, der Effies Tod wollte.
Edens Blick ruhte auf ihr, als versuchte er herauszufinden, was sie von ihm erwartete. So unauffällig wie möglich hob sie ihre Schultern, um ihm zu verstehen zu geben, dass ihr keine passende Antwort dazu einfiel. Sein rechter Mundwinkel zog sich nach oben und deutete ein kaum merkliches Grinsen an.
Schnell stach sie ein Brokkoliröschen auf ihre Gabel, leider etwas zu fest. Das grüne Stück Gemüse flog durch die Luft und landete auf Joshs Shorts.
»Boah, kannst du nicht aufpassen!« Genervt fegte Josh den Brokkoli von seiner Hose, woraufhin er einen bösen Blick ihrer Mutter erntete. Effie hob ihn hastig vom Boden auf und entsorgte ihn in der Küche.
»Ich bin Sicherheitsbeauftragter bei einem größeren Stahlunternehmen«, sagte Eden, als sie zurück ins Esszimmer kam. Gut, so konnte man es natürlich auch beschreiben. Mit viel Fantasie …
»Mh«, machte ihr Vater, »ist man da nicht oft auf Geschäftsreisen?«
»Hin und wieder schon.« Eden griff nach seinem Glas, das ihre Mutter zuvor bis zum Rand mit Orangensaft gefüllt hatte, und trank einen großen Schluck.
Ihr Vater warf ihrer Mutter einen vielsagenden Blick zu, den Effie nicht deuten konnte.
»Und was verschlägt Sie gerade nach Jork?«
»Ich muss morgen unbedingt noch einen Blazer für mein Referendariat kaufen.« Kathy stürmte ins Esszimmer, ließ sich auf den letzten freien Stuhl sinken und rettete Eden vor einer weiteren Notlüge. Vorerst. Wie immer kam sie viel zu spät zum Essen. Aber ihre Eltern beschwerten sich schon lange nicht mehr deswegen.
Vielleicht rührte die schlechte Laune ihres Vaters auch daher, dass nun nicht nur Effie, sondern auch Kathy bald auszog. Sie hatte ihr Juraexamen erfolgreich bestanden, in einer renommierten Kanzlei eine Rechtsreferendariatsstelle ergattert und sich in der Hamburger Innenstadt eine kleine Wohnung genommen. In zwei Wochen zog sie endgültig aus und es schien, als könnte sie es kaum erwarten.
»Du kommst doch morgen mit, oder?« Kathy betrachtete Effie mit prüfendem Blick. »Sag jetzt nicht, du hast es vergessen. Wir sind schon seit einer Woche zu unserem Shoppingtag verabredet.« Ihre Augen zogen sich grimmig zusammen.
»Auf jeden Fall«, beschwichtigte Effie sie. »Der Tag ist in meinem Kalender rot markiert.«
»Findest du es nicht ein bisschen stressig, heute Abend umzuziehen und morgen den ganzen Tag einkaufen zu gehen?« Klang da etwa ein bisschen Neid in Valentinas Worten an? Dabei hätte sie ja mitkommen können, wenn sie Zeit gehabt hätte. Aber sie musste arbeiten. Ihr duales Studium...




