E-Book, Deutsch, Band 2328, 130 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
Geschichte, Gesellschaft, Kultur
E-Book, Deutsch, Band 2328, 130 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
ISBN: 978-3-406-78965-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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2. Assur – Etappen einer Wiederentdeckung
Die Anfänge
«Von den Mauern hatte ich freien Blick über eine weite Ebene, die sich westwärts zum Euphrat hin erstreckt und sich in der dunstigen Ferne verlor. Die Ruinen alter Städte und Dörfer erhoben sich auf allen Seiten. Als die Sonne unterging zählte ich mehr als einhundert Hügel, die ihre dunklen, länglichen Schatten über die Ebene warfen. Dies waren die Überreste assyrischer Zivilisation (…).» Mit diesen Worten beschreibt der Brite Austen Henry Layard um die Mitte des 19. Jahrhunderts n. Chr. seinen ersten Eindruck von dem Landstrich, der das Zentrum jener einst so mächtigen Zivilisation gebildet hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wettlauf um die Wiederentdeckung des antiken Assyrien bereits begonnen. Doch so eindrucksvoll das Gesamtbild auch sein mag, bei näherer Betrachtung erweisen sich die Ruinen der alten assyrischen Städte zunächst als gewaltige Lehm- und Schuttgebirge. Ihr Anblick ruft die Weissagung des Propheten Zephania (2, 13–?15) ins Gedächtnis: «Danach wird er (Jahwe) seine Hand gegen Norden recken und wird Assur verderben, wird Ninive zur Einöde machen und dürr wie die Wüste. Und mitten darin werden Herden lagern, allerlei Tiere des Feldes; ihre Säulen werden zu Schlupfwinkeln für Rohrdommel und Igel. Die Eule wird im Fenster singen und der Rabe auf der Schwelle. Das ist die fröhliche Stadt, die so sicher thronte, die in ihrem Herzen sprach: Ich bin’s und niemand sonst. Wie ist sie zur Wüste geworden, zum Lager der Tiere! Wer an ihr vorübergeht, zischt sie aus und schüttelt die Hand.» Die Kenntnisse der Europäer über Assyrien und die Assyrer waren jahrhundertelang auf die spärlichen Nachrichten des Alten Testaments, der Historiker und Ethnographen der griechisch-römischen Antike sowie auf vage Hinweise von Orientreisenden beschränkt. Erst im 19. Jahrhundert n. Chr. änderte sich die Situation. Ausführlichere Beschreibungen der Ruinenstätten und Versuche, diese mit den aus verschiedenen Quellen bekannten Städtenamen zu identifizieren, stießen auf reges Interesse. Die ersten Nachrichten über monumentale Funde erreichten Europa kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts. «Ich glaube ich bin der erste, der Skulpturen entdeckt hat, die, wie man annehmen darf, in jene Zeit gehören, in der Ninive in Blüte stand», schreibt der in Mossul stationierte französische Konsul Paul (Paolo) Emile (Emilio) Bottà im April 1845. Bottà hatte in den Jahren 1842/3 erste Sondierungen in den nahegelegenen Ruinen von Ninive unternommen, sich aber wegen des geringen Erfolges enttäuscht einem anderen gewaltigen Ruinengelände mit Namen Khorsabad zugewandt. Dort stieß er auf jene Skulpturen, von denen er in seinem Brief berichtet – in der irrtümlichen Annahme, er habe Ninive entdeckt. Tatsächlich war er in Khorsabad auf einen Palast des assyrischen Königs Sargon II. gestoßen, dessen steinernen Relief- und Skulpturenschmuck er der staunenden Öffentlichkeit zunächst in Zeichnungen, wenig später auch im Original präsentierte. Gemeinsam mit dem Zeichner Eugène Flandin legte er 1849 ein eindrucksvolles Werk mit Abbildungen der assyrischen Paläste vor. Der Titel lautet: «Monument de Ninive découvert et décrit par M. P. E. Botta, mesuré et dessiné par M. E. Flandin. Ouvrage publié par ordre du gouvernement sous les auspices de M. le Ministre de l’Intérieur et sous la direction d’une commission de l’Institut». Auf diese Weise erlangte man um die Mitte des 19. Jahrhunderts n. Chr. erstmals zuverlässige Kunde über jene Städte, von denen man zuvor nur in Legenden und Erzählungen gehört hatte. Beeindruckt von diesen Funden begann wenig später ein Mitglied der britischen Botschaft in Konstantinopel, Austen Henry Layard, ebenfalls Ausgrabungen in einer assyrischen Kapitale durchzuführen. Layard hatte den Vorderen Orient in ausgedehnten Reisen erkundet. Er beherrschte mehrere Sprachen und verfügte über gute Kenntnisse der Landessitten. 1845 n. Chr. erhielt er durch den britischen Gesandten an der Hohen Pforte die finanziellen Mittel und die Erlaubnis, Untersuchungen in einer Ruinenstätte durchzuführen. Layard wählte Nimrud, die Ruinen des antiken Kalchu, die er zunächst ebenfalls für die Überreste der alten Stadt Ninive hielt. Die Arbeiten wurden durch die Behörden vor Ort misstrauisch beobachtet. Layard hatte sehr schnell Erfolg, bereits wenige Tage nach Beginn der Grabungen stieß er auf gewaltige reliefgeschmückte Steinplatten mit umfangreichen Inschriften in Keilschrift. Wie sich später herausstellen sollte, handelte es sich bei den Reliefs um Teile des Wandschmucks, der ursprünglich für den Palast des assyrischen Königs Assurnasirpal II. (883–?859) bestimmt gewesen war. Nachdem Bottà einige der riesigen Skulpturen seiner Grabung hatte zersägen und nach Paris transportieren lassen, ließ auch Layard einen der steinernen Stierkolosse nach London schaffen. Der Erfolg der Ausstellungen dieser beeindruckenden Beispiele assyrischer Kunst und Handwerkstechnik in Paris und London führte zu einer Intensivierung der Grabungsbemühungen. Die Grabungstechnik jener Zeit war allerdings im Wesentlichen von einem unter modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkten fatalen Interesse bestimmt: Die Ausgräber wollten möglichst viele, möglichst eindrucksvolle Stücke finden und in ihre Heimatländer verbringen. Doch die Suche war meist durch Schuttmassen bzw. jüngere Überbauungen behindert. Vor allem in dem nahe Mossul gelegenen Ninive lagerten gewaltige Schuttberge über den assyrischen Palästen, so dass die Ausgräber unterirdische Stollen in die Lehmziegelmassive trieben, um an die begehrten Stücke heranzukommen. Infolge dieser ‹Ausgrabungstechnik› brach der Kollege Layards in Ninive, Hormuzd Rassam, einmal in einer stürmischen, regenreichen Nacht mitsamt Schlafstatt und Zelt in einen solchen Tunnel hinunter. Zu den bedeutsamsten und gewiss folgenreichsten Entdeckungen zählte neben den steinernen Skulpturen die Auffindung der «Bibliothek» des assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive, der letzten offiziellen Hauptstadt des assyrischen Reiches, durch Layard und Rassam. Damit traten zu den bislang vorwiegend gefundenen monumentalen Königsinschriften der Paläste mehr als 25.000 Tontafeln. Sie bilden ein gewaltiges, bis heute nur teilweise erforschtes Erbe des assyrischen Reiches. Ein großer Teil dieser Tafeln enthält Abschriften älterer Texte, die auf Geheiß des assyrischen Königs Assurbanipal für seine Bibliothek zusammengestellt bzw. angefertigt worden waren. Doch darf die enorme Zahl nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Tontafeln nur einen Bruchteil des einstigen Bestandes darstellen. Bibliothekskataloge und Hinweise auf Holztafeln lassen erahnen, wie viel davon unwiederbringlich verloren ist. Neben diese Tafeln, die Überlieferungen aus weit zurückliegenden Jahrhunderten bewahrt haben, treten Texte aus der zeitgenössischen staatlichen Verwaltung: Korrespondenzen mit Amtsträgern, Untertanen, Gesandtschaften, ferner Dokumente der Wirtschaftsverwaltung und juristische Urkunden. Zudem fanden sich kultische Texte und Literatur aller Art. Diese Texte aus den assyrischen Königspalästen, die Monumentalinschriften assyrischer Herrscher, die gelehrte Literatur die Rechts- und Verwaltungstexte haben die Erschließung der Keilschriftkulturen entscheidend befördert, als man sie einmal lesen konnte. Die Entzifferung der Keilschrift
Die Entzifferung der Keilschrift nahm ihren Anfang, als der dänische Orientreisende Carsten Niebuhr gegen Ende des 18. Jahrhunderts n. Chr. Abschriften von keilschriftlichen Steininschriften aus Persepolis veröffentlichte. Aus dem Textbild wurde deutlich, dass hier ein Text offenbar in drei verschiedenen Sprachen in Keilschrift festgehalten worden war. Recht bald gelang es, Schriftrichtung und Wortgruppen zu identifizieren. Neben anderen beschäftigte sich auch der Göttinger Gymnasialprofessor Georg Friedrich Grotefend – übrigens aufgrund einer Wette – mit der Entzifferung der (alt)persischen Keilschrift. Dank seiner Kenntnisse der persischen Geschichte (vermittelt durch die antiken Historiker) und seines kombinatorischen Geschicks gelang es ihm, mehrere Namen von persischen Königen und damit – im Jahre 1802 n. Chr. – etwa ein Drittel der altpersischen Keilschriftzeichen zu entschlüsseln. Aufgrund widriger Umstände wurden seine Ergebnisse erst sehr viel später veröffentlicht, so dass sein Anteil an der Entzifferungsgeschichte weitgehend unbekannt blieb....