E-Book, Deutsch, Band 318, 64 Seiten
Reihe: Maddrax
Zybell Maddrax 318
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1772-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Land des Tyrannen
E-Book, Deutsch, Band 318, 64 Seiten
Reihe: Maddrax
ISBN: 978-3-8387-1772-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf den ersten Blick ist es eine schöne neue Welt, in die Matt und seine Gefährten kommen. Auf den zweiten Blick ist es die Hölle. Matthew Drax ist fassungslos, denn er ist in einer Zukunft gelandet ist, die es nach dem Einschlag des Kometen nie hätte geben dürfen!
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Er lauschte. Schritte im unteren Stockwerk – aus allen Räumen der Maisonette lief seine Familie zusammen, um gemeinsam an die Eingangsschleuse zu gehen. Um dem Boten des Todes zu öffnen.
„Lass uns nachher noch mal reden!“ Dylan streckte sich nach dem Laserport aus. „Ich liebe dich!“ Er begann die geheime Verbindungsschleife zu lösen.
„A hard rain’s a-gonna fall … und nachher kann schon alles zu spät sein.“ Aus dem mittleren Hologramm schien Jeanne nach ihm greifen zu wollen. „Chéri …!“ Ihr Bild flimmerte, verregnete, und im nächsten Moment liefen Männer über ein Baseballfeld. Dylan hatte den Laserport wieder auf die Sportschleife umgestellt.
Er ging zur Tür und zog sie auf. Unten rief Mutters Stimme seinen Namen. Sie zitterte vor banger Erwartung. Ein hammerharter Tag, auch für sie. „Ich komme!“
Noch einmal blickte Dylan sich um. Die Sitzkissen, der Laserport, die Hologramme – alles in unverdächtigem Zustand. Er wandte sich ab, verließ seine Klause.
Manchmal standen unangemeldet SecPol-Beamte vor der Schleuse, präsentierten eine Generalvollmacht und gingen in jeden Raum, angeblich auf der Suche nach elektromagnetischen Störungen in den L-Ports. Verfluchte Schnüffler!
Dylan lief die Wendeltreppe hinunter. Den Black Spyer zur Erzeugung der Geheimschleife hatte Jeanne programmiert; vor fünf Jahren, als sie noch hier, in der Hauptstadt der APU, postmoderne amerikanische Literatur studierte. Der Spyer war ihr Abschiedsgeschenk gewesen. Dank ihm hatten sie auch noch Verbindung halten können, nachdem die Big Daddies Jeanne des Blockgebiets verwiesen hatten.
Nicht ungefährlich, einen Spyer zu benutzen. Manchmal kreiste die SecPol über den Türmen und scannte die Chips ausgewählter Konsumenten. Angeblich konnten sie inzwischen „konspirative Grundschwingungen“ orten. Verfluchte Hirnschnüffler!
Schon wieder die Glocke. Dylan presste die Lippen zusammen. Vor der Innentür im Untergeschoss warteten sie schon: Vater, Mutter, Dylans Schwester und sein älterer Bruder. Alle in weißen Festtagsgewändern mit dem schwarz-goldenen Emblem von Eternal auf Rücken und Brust.
„Wo bleibst du denn, Dylan?“ Mutter runzelte vorwurfsvoll die Brauen. Und dann, als sie seinen schwarzen Anzug sah, riss sie erschreckt Augen und Mund auf.
„Du bist ja noch nicht mal umgezogen!“, zischte sein älterer Bruder Hendrix, ein großer, hagerer Bursche wie er selbst, und genauso weißblond.
„Ich zieh mich nicht um.“ Dylans Kaumuskulatur bebte. „Für mich gibt’s keinen Grund zu feiern.“ Aus schmalen Augen blickte er ins Schleusenhologramm über der Tür. Zwei Männer und eine Frau standen vor dem Außenschott. Die Frau war blond und so gut wie nackt.
„Zu spät, wir haben keine Zeit mehr für Diskussionen.“ Dylans Vater räusperte sich und gab das Signal an den Türöffner. „Wenn sie noch einmal läuten müssen, habt ihr morgen ein Störungskommando im Haus.“ Er strich sich über das volle Haar und rückte den goldfarbenen Seidenbinder zurecht.
Im Hologramm sah man die Männer und die Frau die Schleuse betreten. Inmitten seiner Familie wartete Dylan und fühlte sich dennoch allein. Die Innentür öffnete sich, die blonde Frau tänzelte mit geöffneten Armen auf Dylans Vater zu. Ihr geblecktes Gebiss glänzte perlweiß. Efeublättchen aus Kunststoff und in den Farben von Eternal bedeckten ihre Brustwarzen und ihre Scham.
„Im Namen von Eternal: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Professor Abraham Eternal Seventeen Gold!“ Sie drückte ihr Becken und ihre unnatürlich großen Brüste an Dylans Vater und küsste ihn auf beide Wangen. „Ganz, ganz herzlichen Glückwunsch!“ Rasch entließ sie ihn aus ihrer Umarmung und öffnete die rechte Faust. Ein Mobilport lag darin. „Die Kosten für das Festmahl übernimmt selbstverständlich der Konzern.“ Sie hielt ihm den Mobilport unter die Nase. „Wenn Sie nun noch die Güte hätten, die Übereignung Ihres Körpers zu beglaubigen, Herr Professor Eternal Seventeen Gold.“
„Selbstverständlich, Ma’am.“ Dylans Vater senkte ergeben den Kopf und starrte auf die riesigen Brüste der Frau. Die drückte den Mobilport gegen seine Stirn – auf die Hautstelle, unter der sein ID-Chip steckte.
Nie hatte ein Konzernvertreter mit Dylans Vater über dessen Körper gesprochen. Mit der Signatur vermachte er ihn Eternal für Werbe-, Forschungs- und Produktionszwecke. Für einen Mann in seiner Position setzte man das als selbstverständlich voraus.
Sicher, hin und wieder gab es Leute, die wenigstens angesichts des Todes einen Rest ihrer Würde retten wollten und sich weigerten, ihre Leiche an ihren Existenzsponsor abzutreten. Eine Herabstufung des Rankings war meistens die Folge. Dylan hatte schon von Familien gehört, denen man die Kategorie Gold oder Diamond entzogen und bis auf Metal, ja sogar Scrap Metal herabgestuft hatte.
„So, das wäre es auch schon“, flötete die quasi Nackte, winkte gespreizt und tänzelte zur Seite. Plötzlich fiel ihr das Festtagslächeln aus dem Gesicht. „Oh! Noch gar nicht auf Feiertag eingestellt?“ Skeptisch musterte sie Dylans schwarzen Ganzkörperanzug. „Und ganz ohne die Konzernfarben?“
„Der Waschrobot ist gestört“, beeilte sich Dylans Mutter zu versichern. „Die offizielle Garderobe wird aber gerade getrocknet.“
„Na, dann ist ja alles gut.“ Ein süßlich-grimmiges Lächeln kehrte auf die Miene der Frau zurück, eine Mischung, die Dylan auf den Konzernvisagen schon immer verdächtig vorgekommen war.
Und jetzt traten die beiden Männer auf Dylans Vater zu. „Im Namen des Big-Daddies-Councils“, sagte der in der schwarzen Galauniform der SecPol. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Professor Eternal Seventeen Gold, und alles Gute für die letzten Stunden Ihres schönen und erfolgreichen Lebens!“
„Biggest Daddy versichert Sie seiner Liebe und Wertschätzung.“ Der zweite Mann, ein Zivilist in Seidenstrümpfen, Kniebundhosen, langem Gehrock, Rüschenkragen und weißer Langhaarperücke, überreichte dem Professor eine riesige, kunstvoll verpackte Flasche. „Biggest Daddy ist stolz, einen fähigen und leistungsstarken Konsumenten Ihres Formats in der maßgeblichen Schicht unserer Gesellschaft gewusst zu haben. Nur wenigen war es vergönnt, die Geschicke der APU in ähnlicher Weise geprägt zu haben, wie Sie, Professor Abraham Eternal Seventeen Gold …“
Der Mann im gerade modernen Barocklook sah um mindestens dreißig Jahre älter aus als alle anderen Anwesenden. Dabei musste er jünger sein als Dylans Vater, andernfalls gäbe es ihn nicht mehr. Entweder reagierte er allergisch auf das Anti-Aging-Präparat von Eternal – was höchst selten vorkam – oder die übliche Tagesdosis war ihm schon vor dreißig Jahren gestrichen worden.
Das gab es hin und wieder. Bei Leuten zum Beispiel, die Witze über den Big-Daddies-Council gerissen, illegal Kinder gezeugt oder ihren Chip entfernt hatten; oder deren Angehörige der „APU Schande zufügten“, wie das offiziell hieß; kurz: aus strafrechtlichen Gründen.
Jedenfalls hielt der Alte im Barocklook die in solchen Fällen übliche Rede. Dylan kannte sie bisher nur vom Hörensagen, und je länger der Perückenkerl redete, desto übler wurde ihm. „Vergessen Sie auch nicht, auf das Wohl von Biggest Daddy zu trinken“, schloss der Barocktyp, „und denken Sie daran, Ihren persönlichen Laserport samt ihren Daten mitzubringen, wenn Sie sich morgen früh, pünktlich um sieben Uhr, unten im Turmfoyer einfinden, um von der Eskorte des Ruheparkdienstes in Empfang genommen zu werden.“
„Selbstverständlich, Sir“, sagte Dylans Vater heiser, presste die Dreiliterflasche an die Brust und verbeugte sich so tief, das Dylan einen Brechreiz empfand. „Und vielen, vielen Dank.“
Beide Männer verabschiedeten sich von Dylans Vater, die fast nackte Botschafterin von Eternal küsste ihn noch einmal ab, dann schoben sich die Türflügel der Schleuse zusammen. Im Hologramm über der Schleuse winkte die Konzernnymphe noch einmal mit den Fingern, doch keiner sah hin. Zurück blieb nur bleierne Stille, und die Familie Eternal Seventeen Gold starrte die Kunstholzverkleidung an.
„Sie tischen dir die Lügen des Diktators auf und du verbeugst dich auch noch?“ Natürlich war es Dylan, der das betretene Schweigen brach. „Sie kündigen dir die Todesschwadron an, und du bedankst dich auch noch?“ Alle Verachtung, zu der er fähig war, lag in seiner Stimme. „Schämst du dich nicht?“ Er kämpfte mit den Tränen. „Morgen um diese Zeit bist du tot, Vater! Hast du das vergessen?“
In diesem Moment begann das Geschirr draußen auf dem Esstisch des Salons zu klirren. Der Boden unter Dylans Sohlen vibrierte und der Turm schien auf einmal zu wanken.
Der helle Schein der gewaltigen Gasexplosion und der ferne Lärm zusammenstürzender Gebäude und Mauern waren noch für einen Moment gegenwärtig. Dann riss das Zeitportal sie fort vom untergehenden Sodom, und nichts blieb mehr übrig, was an Tod und Verderben so vieler Menschen erinnerte.
Farbspiralen wirbelten, ein Bilderstrom jagte durch Matts Hirn, so schnell, dass nicht einmal Umrisse haften blieben. Er glaubte zu fallen, spürte einen drückenden Schmerz hinter den Augäpfeln, ein Reißen im Nacken, und für Momente wurde es stockdunkel.
Als wieder Licht seine Netzhäute traf, fiel er immer noch. Dutzende Meter unter ihm fiel auch Grao’sil’aana, und als Matt den Kopf drehte, sah er über sich Xij mit ausgebreiteten Armen ebenfalls...




