E-Book, Deutsch, Band 2, 344 Seiten
Reihe: Ares Rot
Zwick Rot wie Nebel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95441-752-0
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Krimi aus der Pfalz
E-Book, Deutsch, Band 2, 344 Seiten
Reihe: Ares Rot
ISBN: 978-3-95441-752-0
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tim Nicolas Zwick, geb. 1987 in Dahn in der Pfalz, ist Schriftsteller, Gesundheitsmanager, systemischer Coach und Theaterspieler. Nach seinem Pädagogik-Diplom an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz lebt und arbeitet er jetzt in Mannheim. Neben dem Theater und den Krimis sind Brettspiele seine geheime Leidenschaft. Mit »Rot wie Schnee« erschien 2024 sein Erstlingswerk - der Auftakt einer Reihe um seinen ungewöhnlichen Ermittler Ares Rot.
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10
FRIDA
Von ihrem Taxifenster konnte sie die aufsteigenden Nebelschwaden erkennen, an denen sie vorbeifuhren.
Ben, ihr bester Freund, hatte ihr eine WhatsApp geschickt. Kurz darauf saß sie mit Ares und einem Fünfzigeuroschein in ihrer Tasche in einem Taxi, und zusammen rasten sie in die Stadt hinein. Frida hatte Ares erzählt, dass Misa im Kulturhaus ermordet worden war. Eigentlich eine Spielstätte für Theateraufführungen, Versammlungen und Preisverleihungen, beherbergte es seit diesem Jahr im Keller eine Bar, deren Mieter Frida, Ben und Misa waren. Dorthin fuhren sie jetzt. Der Taxifahrer, ein kleiner, hutzeliger, schweigsamer Mann, schien zu spüren, dass sie es eilig hatten. Die ersten beiden Ampeln waren gelb, die dritte war definitiv schon rot gewesen.
Frida hielt sich am Türgriff fest.
Sie hatte die letzten Tage kaum geschlafen, war von den Ereignissen überrollt worden, und auch jetzt schien es keine Pause zum Atmen und Ankommen zu geben. Vor ein paar Wochen waren ihre größte Sorge noch die schwindenden Einnahmen ihrer kleinen Bar gewesen und die Frage, ob ihre Eltern und ihre Schwester ihr wohl zum Geburtstag gratulieren würden.
Oder ob sie es wieder vergessen. Man spart schon Geld mit so einem schwarzen Schaf in der Familie.
Frida hatte in den letzten Jahren keine Geschenke von ihrer Familie zum Geburtstag bekommen und rechnete auch dieses Jahr nicht mit welchen. Es wäre sowieso nichts Passendes gewesen.
Mit zwölf Jahren hatte sie sich eine Feuerschale oder ein Ouija-Brett gewünscht und einen Schminkkoffer mit greller Schrift und viel Rosa bekommen. Da wusste sie, dass ihre Eltern und sie beim Thema Geschenke nicht mehr zusammenkommen würden.
Nicht nur beim Thema Geschenke.
Mit fünfzehn war sie zum ersten Mal von zu Hause abgehauen, mit siebzehn zog sie bei ihrem damaligen Freund ein, kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag holte sie die letzten Sachen aus ihrem Elternhaus und hatte es seitdem nicht mehr betreten.
Das jährt sich in ein paar Tagen zum neunten Mal. Aber sie haben ja noch Susanna.
Susanna war ihre jüngere Schwester, ein echter blond gelockter Sonnenschein, zumindest wenn man ihren Eltern Glauben schenkte. Die Schwestern waren wie Sonne und Mond, Tag und Nacht. Lustig und geheimnisvoll, charismatisch und introvertiert. Sicher gab es da draußen Eltern, die beides anerkennen, wertschätzen und fördern würden, beide Schwestern in ihrer einzigartigen Individualität unterstützen würden. Ihre Eltern gehörten nicht dazu.
»Schau mal, was Susa hier gemalt hat, ach Gottchen, ist das ein schöner Pferdestall. Und schau mal, welche Lobeslieder die Lehrer in dem Zeugnis über unsere Susa singen. Und schau mal …«
Immer wieder rasten diese Sätze durch ihren Kopf, und immer wieder musste sie einen Brechreiz unterdrücken.
Und jetzt saß sie hier, mit einem Detektiv im Auto, der sehr überzeugt von sich wirkte und mit ihr zusammen zu Ben fuhr. Ben, der der Hauptverdächtige im Mordfall an Misa war.
Tot. Misa. Sie ist tot.
Frida ballte ihre Hand in ihrer Tasche zur Faust.
Wenn schon keine Geschenke, dann doch zumindest bitte keine Nackenschläge.
Ares saß vorne im Taxi und blickte zu ihr nach hinten. »Alles in Ordnung?« In seiner Stimme schwang echte Sorge mit.
Sie fand es zum Kotzen.
Sie mochte es nicht, wie er sie ansah. In sie hineinzuschauen schien.
»Ja. Schau nach vorne. Und denk nicht, dass ich mit den fünfzig Euro das Taxi bezahle!«
Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, und er blickte kommentarlos nach vorne.
Es tut mir leid. Ich wollte nicht so reagieren.
Aber wie so oft kam ihr die Entschuldigung nicht über die Lippen, und so biss sie sich auf die Lippen, erwischte ihr Piercing an der Unterlippe, hielt sich am Türknauf fest und raste durch die Nebelschwaden in die Landauer Nacht hinein.
ARES
Spannend, wie viel Therapeuten und Detektive gemeinsam haben. Beide stellen Fragen, sind neugierig, werden sogar von der Neugier getrieben, wollen verstehen, warum etwas ist, wie es ist, warum jemand das tut, was er tut. Ob ich wohl beides vereinen kann?
Er spürte Frida hinter sich, ihre unterdrückten Emotionen schwappten durch das Taxi nach vorne.
Mit dem Unterschied, dass ich als Therapeut weiß, dass die Lösung bei ihr sein muss, da Probleme nur dort gelöst werden können, wo sie entstehen.
Ist es als Detektiv auch so? Sind alle Lösungen da, und es geht nur darum, sie zu finden? In beidem Fällen solltest du dich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Sei achtsam, sonst verpasst du die Lösung!
Jeder Mensch hatte viele Anteile, viele verschiedene Stimmen in sich. Die Stimme in ihm, die ihn ermahnte, wenn er abschweifte, ihm Lösungen und Diagnosen vorsagte, klang sehr oft nach seiner Lehrtherapeutin. In letzter Zeit hatte er sie seltener gebraucht. Aber meist war es hilfreich. Mit konzentrierten Augen blickte er nach vorne. Er hatte Fridas Fall angenommen, aber mit einer Warnung versehen. Sie hatte sich darauf eingelassen, und jetzt preschten sie durch die Nacht. Noch zwei Straßen vom Kulturhaus entfernt, noch eine. Mit Schwung fuhren sie um die letzte Kurve, und Ares traute seinen Augen nicht.
Das Kulturhaus befand sich etwas versteckt am Rande von Landau-Queichheim in einer Seitengasse. Zur Rechten an einem Kinderspielplatz gelegen, war der restliche Platz durch die Straße und das Gebäude so begrenzt, dass es nur etwa fünfzehn Parkplätze gab. Dies reichte im Regelfall, weder die Bar noch das Theater waren stark frequentiert, und wer später kam, musste eine Parkplatzsuchrunde drehen oder direkt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen.
Zwei schmale Eichen waren spiegelgleich vor dem Eingang gepflanzt worden, um das Grau des Betons, das Grau des Bürgersteigs und das überwiegende Grau des Kulturhauses aufzubrechen. Aber auch sie hingen trost- und blätterlos im beginnenden Landauer Winter.
Ares kannte das Kulturhaus, auch wenn er noch nie dort eine Veranstaltung gesehen hatte. Nach sehr zweifelhaften Geschäftsentscheidungen sowie mehreren Teilverkäufen hatte der Ruf gelitten; wer in Landau Kunst sehen wollte, ging zur kleinen Bühne oder ins Palais. Oder gleich ins Kino. Aber niemand ging mehr ins Kulturhaus. Die meisten Landauer wussten nicht einmal mehr, dass es das gab. Dass es eine glorreiche Vergangenheit hatte. Das Kulturhaus war aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, war überholt worden, abgehängt, vergessen. Wie mit so vielen Dingen geschieht Vergessen schleichend.
Bis jetzt. Ares hatte während der schweigsamen Taxifahrt schnell einige Einträge mithilfe seines Smartphones überprüft. Die Holmes-Aufführung sollte eine Kehrtwende sein, wieder den alten Glanz und die Glorie vergangener Tage mitbringen, die der wuchtige Bau noch ausstrahlte. Der mehrstöckige Bau ohne Verzierungen, ohne Stuck oder Eleganz, wirkte auf Ares wie ein verwundeter Veteran, der nach Jahren des Krieges nach Hause zurückgekehrt war. Es spielte keine Rolle, auf welcher Seite er gekämpft hatte, am Ende verlor jeder. So saß er dann zu Hause am Fenster, nur noch ein Bein, Narben auf dem Körper, trauernd. Aber ab und an blitzte der alte Kampfgeist noch einmal, und der alte Soldat schwang eine Rede oder stürmte, den Krückstock wie ein Gewehr angelegt, durch das Wohnzimmer und durchschoss imaginär Feindeswellen um Feindeswellen. In solchen Momenten brannte das vernarbte Herz, und der Raum wurde heller.
Dies sollte so ein Abend für das Kulturhaus werden. Der alte Soldat wollte noch einmal aufstehen. Ares war nicht bewusst, wie treffend seine alten Gedanken zur Kriegsmetapher für den heutigen Abend sein würden.
Der Vorplatz wurde vom Stakkato des Polizeiblaulichts abwechselnd in Risse und Pausen unterteilt. Mehrere Menschen standen, teilweise ohne Mantel oder Winterjacke, im leichten herbstlichen Nieselregen. Manche redeten miteinander, andere starrten nur auf das Schauspiel.
Passendes Wort. Schauspiel.
Auch die Schauspieler, gut zu erkennen an den altertümlichen Kostümen und der wasserlöslichen Theaterschminke, die langsam in die Kragen sickerte, standen vor dem Eingang und blickten auf etwas, das Ares erst wahrnahm, als er die Tür des Taxis schon geöffnet hatte. Eine Person wurde von zwei Rettungskräften auf einer Trage aus dem Haupteingang getragen. Sie war komplett mit einem grauen Stofftuch zugedeckt, und Ares wusste, dass dies nur eins bedeuten konnte.
Tod. Hier ist jemand gestorben. Aufgrund der Größe des Tuchs und der Kraft, die die Rettungssanitäter brauchen, um die Trage anzuheben, wahrscheinlich ein Mann, ein eher kräftiger Mann. Die Leute blicken schockiert, niemand scheint es erwartet zu haben. Das spricht für einen jüngeren Mann. Und ein toter, jüngerer Mann spricht aufgrund der Umstände hier für Herzinfarkt, Lungenembolie oder … hm … oder Mord.
Ares‘ Augenbrauen gingen nach oben, während er auf die Trage zuging. Hinter ihm rief der Taxifahrer: »Entschuldigung, das macht siebenunddreißig Euro achtzig. Siebenunddreißig Euro achtzig, gerne passend!«
Mord. Es kann auch für Mord stehen. Wie wahrscheinlich ist es, dass innerhalb von kurzer Zeit zwei Menschen sterben, die mit dem Kulturhaus in Verbindung stehen? Hängen die Todesfälle zusammen?
Er machte sich einen gedanklichen Knoten in...




