Zweyer | Verkauftes Sterben | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 376 Seiten

Zweyer Verkauftes Sterben


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7526-3842-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 376 Seiten

ISBN: 978-3-7526-3842-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Rechtsanwalt Rainer Esch mag es nicht glauben: Selbst mit den Lebensversicherungen Todkranker werden noch Geschäfte gemacht. Als der Mandant, der ihm davon erzählt hat, sehr überraschend stirbt, stößt Rainer auf noch mehr unglaubliche Vorgänge im Gesundheitswesen und auf sehr kreative Apotheker...

Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen hat er sich mit der Goldstein-Trilogie Franzosenliebchen, Goldfasan und Persilschein das erste Mal historischen Themen zugewandt. Es folgte die von Linden-Saga, eine historische Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet, in fünf Bänden ein Thriller zur Flüchtlingsproblematik (Starkstrom) und ein Ökothriller (Der vierte Spatz).

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Prolog
Der Mann sah nicht so aus, als ob er nur noch weniger als ein Jahr zu leben hätte: knapp dreißig Jahre alt, schlank und hoch gewachsen, leicht gebräunter Teint, volles dunkelbraunes Haar. Horst Mühlenkamp saß seit fünf Minuten vor dem Schreibtisch Rainer Eschs und hatte mit seinem Anliegen tiefe Bestürzung bei dem Anwalt ausgelöst. Nervös zog Esch an seiner Zigarette. »Es gibt also keinen Zweifel, dass Sie …« Ihm fehlten die Worte. Sein neuer Mandant schüttelte den Kopf. Dabei zeigte er ein resignierendes Lächeln. »Ich verstehe Ihre Reaktion. Aber Sie brauchen mich nicht mit Samthandschuhen anzufassen. Ich wurde eine Woche in einer Spezialklinik untersucht. Meine Ärztin hat mir vor einigen Tagen den Befund mitgeteilt. Leukämie im Endstadium. Da ist nichts mehr zu machen. Wenn ich Glück habe, kann ich mit meinen Freunden noch Weihnachten verbringen.« Der Anwalt schluckte. Vor drei Wochen hatte er mit Elke und anderen Freunden Sylvester gefeiert. Kein Jahr mehr bis zum nächsten Heiligabend! Er versuchte, sich in die Gefühlswelt seines Gegenübers zu versetzen. Wie würde er selbst reagieren? Zunächst vermutlich mit seinem Schicksal hadern. Und dann? Könnte er sich mit einer solchen Diagnose abfinden? Unheilbarer Blutkrebs. Ein Todesurteil. Nein, er hatte nicht die geringste Ahnung, wie Horst Mühlenkamp empfand. Und wenn er ehrlich war, wollte er den Gedanken an seinen eigenen Tod lieber unterdrücken. Eine Überlegung drängte sich ihm auf. Konnte Rauchen eigentlich auch Leukämie auslösen? Plötzlich schmeckte ihm die Reval nicht mehr. Esch zerdrückte die Königskippe im Aschenbecher und erinnerte sich an seinen in der Sylvesternacht gefassten Vorsatz, die Qualmerei sein zu lassen. Bis zum Neujahrsabend hatte er tatsächlich keine Zigarette angerührt. Das lag zum einen an seinem Kater, zum anderen hatten Elke und er bis spätnachmittags im Bett gelegen. Aber dann hatte doch wieder das Verlangen nach Nikotin gesiegt. Kleine persönliche Niederlagen. Same procedure as every year. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll … Es tut mir Leid«, presste Rainer zwischen den Zähnen hervor und vermied es, seinem Mandanten in die Augen zu schauen. Mühlenkamp winkte ab. »Danke. Aber ich habe mich schon fast damit abgefunden. Mir geht es jetzt darum, die mir verbleibende Zeit so gut wie möglich zu nutzen.« Das verstand Rainer. »Was kann ich denn genau für Sie tun?« Mühlenkamp griff zu einem Aktendeckel, den er vor sich deponiert hatte, und holte ein Schriftstück heraus. »Wie ich Ihnen eben schon sagte, bin ich allein stehend. Und: Ich brauche Geld, um das zu tun, was ich schon immer machen wollte.« Esch vermutete, dass Mühlenkamp über Immobilien oder Aktien verfügte, die er jetzt so effektiv wie möglich versilbern wollte. »Nachvollziehbar.« »Ich besitze eine Lebensversicherung über fünfzigtausend Euro. Begünstigte war meine Mutter. Sie ist aber vor zwei Jahren verstorben.« Der Anwalt rekapitulierte, was er über Lebensversicherungen wusste. Damit war er schnell fertig. Da er selbst noch nie über ein ausreichendes und vor allem regelmäßiges Einkommen verfügt hatte, um Prämien bezahlen zu können, bezog er seine Kenntnisse aus dem oberflächlichen Studium diverser Presseorgane. Juristisch war ihm diese Thematik ebenso fremd wie ein Anhänger von Borussia Dortmund. Rainer meinte, sich zu erinnern, dass eine solche Versicherung nach einigen Jahren kündbar war. Wenn er das richtig im Kopf hatte, führte ein solcher Schritt allerdings meistens zu erheblichen Verlusten. »Vor einiger Zeit habe ich das Kleingedruckte meiner Police genauer gelesen und festgestellt, dass es jederzeit die Möglichkeit gibt, den Begünstigten zu wechseln«, setzte Mühlenkamp seine Erläuterung fort. Rainer ging in Gedanken seine nicht sehr umfangreiche juristische Bibliothek durch. Wo, zum Teufel, konnte er mehr darüber erfahren? Er versuchte, ein wissendes, leicht gelangweiltes Gesicht zu machen. »Hm.« »Haben Sie schon mal etwas von der FürLeben GmbH gehört?« »Nein.« Esch erinnerte der Firmenname an einen Kampfruf katholischer Bischöfe gegen Abtreibung und vorehelichen Geschlechtsverkehr. »Wenn ich meine Lebensversicherung kündigen würde, bekäme ich, wenn ich Glück habe, nur meine eingezahlten Beiträge heraus.« »Klar.« »Sobald ich sterbe, ist allerdings die volle Versicherungssumme fällig. Nur habe ich dann nichts mehr davon.« »Aber Ihre Erben«, warf Rainer ein. »Oder Sie machen ein Testament. Damit können Sie das Erbe für Angehörige ersten Grades auf das Pflichtteil reduzieren.« Das war gut. So musste ein Anwalt agieren. »Das wäre mein Bruder.« »Der nicht. Nur Kinder oder Eltern erhalten ein Pflichtteil«, korrigierte Rainer. »Egal. Ich habe mit ihm schon über meine Absichten gesprochen. Er stimmt mir völlig zu. FürLeben bietet Folgendes an: Die Gesellschaft vermittelt todkranke Menschen, die eine Lebensversicherung abgeschlossen haben und keine Erben absichern müssen oder wollen, an Investoren. Es wird ein notarieller Vertrag geschlossen und die Investoren lassen sich als Begünstigte in die Versicherungspolice eintragen. Im Gegenzug überweisen die Geldgeber bis zu fünfundsiebzig Prozent der Versicherungssumme an FürLeben, die eine Provision von fünf Prozent abzieht und mit dem Rest den Kranken befriedigt.« Hektisch griff Rainer zu einer weiteren Zigarette und steckte sie an. »Verstehe ich Sie richtig: Sie verkaufen quasi die Option, Begünstigter Ihrer Lebensversicherung zu werden?« »Genau. Natürlich darf die Lebenserwartung des Versicherten nicht mehr allzu hoch sein, da sich das Investment für die Anleger sonst nicht rechnet.« »Lebenserwartung … darf nicht … hoch sein…«, echote Rainer völlig konsterniert und verschluckte sich am Rauch. »Wenn Sie das Modell durchdenken, werden Sie feststellen, dass es keinen Grund gibt, so schockiert zu sein. Es ist für viele Todkranke die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen, und für die Anleger ist es, wenn der Versicherungsnehmer eher als geplant stirbt, ein wirklich gutes Geschäft. Die Rendite ist dann auf jeden Fall höher, als wenn das Kapital zu üblichen Zinsen angelegt worden wäre.« Mühlenkamp erklärte Rainer das Geschäft mit seinem Tod so, als ob er einen Kleinkredit aufnehmen wollte. »Sehen Sie es doch von meiner Seite. FürLeben bietet mir fünfundzwanzigtausend Euro, wogegen ich mich sonst mit bestenfalls fünfzehntausend zufrieden geben müsste.« Der Anwalt gewann nur mühsam seine Fassung wieder. »Und was erwarten Sie von mir?« »Dieses Vertragsmodell stammt aus England. FürLeben ist erst seit kurzem auf dem deutschen Markt. Ich möchte sichergehen, dass die Verträge nicht sittenwidrig sind. Ich möchte keinen Prozess führen müssen, dessen Ausgang ich vermutlich nicht mehr erleben werde. Dann würde ich meine Versicherung lieber einfach kündigen.« »Woher weiß der Investor, dass er nicht betrogen wird?« »Der Kranke muss natürlich seine Lebenserwartung durch ärztliche Gutachten belegen. Von der restlichen Lebenszeit hängt die prozentuale Höhe der Zahlung ab. Bei mir würde der Höchstsatz gezahlt. Fünfundsiebzig Prozent. Mindestens einmal im Jahr müssen alle ärztlichen Gutachten, Untersuchungsergebnisse et cetera an den Anleger geschickt werden, damit der weiß, wann er mit der Rendite rechnen kann.« Rainer klappte der Unterkiefer herunter. »Das heißt, der Anleger kennt Sie und wartet auf Ihren Tod?« »So ist es. Wie auf die jährliche Wohnungsbauprämie.« Jetzt war Esch völlig bedient. »Entschuldigen Sie mich einen Moment«, sagte er und stürmte aus seinem Büro in das Vorzimmer. Dort holte er zur Überraschung der Rechtsanwaltsgehilfin der Anwaltssozietät Schlüter und Esch die Brandyflasche aus dem Schrank hervor, die normalerweise nur bei Abschluss wirklich lukrativer Mandate zum Einsatz kam und deshalb noch fast voll war. Rainer goss sich mit zitternder Hand ein halbes Glas ein und kippte es mit einem Schluck. »Rückfall in frühere Zeiten?«, spottete Martina Spremberg. »Halt die Klappe«, knurrte Rainer und kehrte, die Alkoholfahne ignorierend, zu seinem Mandanten zurück. »Übernehmen Sie die Sache?«, fragte Mühlenkamp, als Rainer wieder hinter seinem Schreibtisch saß. »Natürlich. Haben Sie denn irgendwelche Unterlagen, aus denen ich ersehen kann …« »Bitte.« Mühlenkamp reichte dem Anwalt das Schriftstück, das er bis jetzt in der Hand...



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