E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Zweyer Fake News
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95762-295-2
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannender Thriller über die Macht von Fake News
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-95762-295-2
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer, geb. 1953, war nach dem Studium der Architektur und der Sozialwissenschaften zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität, danach für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller im Ruhrgebiet. Nach seinem Öko-Thriller Der vierte Spatz widmet sich der Polit-Thriller Fake News erneut einem topaktuellen Gesellschaftsthema.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Seinen richtigen Namen kannten nur wenige.
Natürlich seine Familie in Wisconsin, einige Freunde und auch die Leute, die ihn mit dieser Mission betraut hatten.
Alle anderen nannten ihn kurz Ben oder bei formellen Anlässen Mister Schelsky.
Schelsky war im eigenen Porsche Cabrio unterwegs, einem weißen 911er von 1974. Er liebte diesen Wagen und fuhr mit offenem Verdeck zu schnell durch die milde Nacht.
Der Deutsch-Amerikaner drehte die Musik lauter und ließ sich von einem Springsteen-Song einlullen.
Er sah das Blaulicht hinter sich näher kommen und verringerte seine Geschwindigkeit. Der Polizeiwagen überholte, und Schelsky bremste etwas zu heftig, als ihn eine rote Kelle zum Anhalten aufforderte. Die Glock rutschte vom Beifahrersitz in den Fußraum.
Shit.
Zu spät, sie zu verstecken.
Zwei Typen stiegen aus dem Wagen vor ihm aus und kamen langsam über die Landstraße auf den Porsche zu.
Schelsky beugte sich rechts herunter, um die Glock aufzuheben und sie in das Schulterhalfter zu schieben. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, blendete ihn der Schein einer Taschenlampe.
Hatte der Polizist die Waffe gesehen?
Das Blaulicht schleuderte zuckende Blitze in die Nacht.
Schelsky schob sich das Sakko vor den Bauch und kletterte aus seinem Auto.
Schnell realisierte er, dass die zwei Typen, die vor ihm standen, keine Zivilpolizisten waren.
Auf der Stirn des Kleineren perlten feine Schweißperlen. Kein Bulle schwitzte nachts um kurz vor drei bei Temperaturen um die fünfzehn Grad am Rand einer Landstraße im Nirgendwo. Niemand schwitzte überhaupt um diese Zeit.
Das vermeintliche Polizeifahrzeug entpuppte sich als altersschwacher Ford und das Blaulicht auf dessen Dach als billiger Nachbau aus dem Internet.
Der Kleine warf einen neugierigen Blick auf das Nummernschild des Porsches und dann ins Innere.
Einen zu neugierigen Blick.
Der andere, ein groß gewachsener Schlaks, wedelte mit einer eingeschweißten Plastikkarte vor Schelskys Nase herum, wohl in der Annahme, der würde ihm abnehmen, dass es sich um einen Polizeiausweis handelte. Der Kerl zitterte, seine Augen tränten.
Schelsky hatte keinen Zweifel. Die beiden waren auf Turkey und planten, sich die Kohle für den nächsten Schuss zu verdienen.
»Sie wissen, warum wir Sie angehalten haben?«, fragte der Kleinere. Seine Stimme klang verwaschen. »Sie sind zu schnell gefahren.«
Schelsky seufzte. Er wusste, was nun kam, und hasste die zwei dafür, dass sie ihm keine Wahl ließen.
Die beiden Möchtegernganoven würden ihm einen fingierten Strafzettel präsentieren und ihn, sobald er seine Geldbörse gezückt hatte, mit einer Spielzeugpistole bedrohen und ausrauben, um dann feixend und voller Vorfreude in ihre Karre zu steigen und zu flüchten.
Gerne hätte er sie mit fünfzig Euro abhauen lassen.
Das Dumme war nur, er hatte zehntausend in seiner Brieftasche. Geld, das ihm nicht gehörte. Viel zu viel, um es den Junkies zu schenken.
Und sie hatten ihn gesehen. Möglicherweise auch die Glock.
Sie könnten ihn vielleicht identifizieren.
Außerdem kannten sie das Kennzeichen des Porsches.
Zu viele Gründe.
Fuck.
»Wären Sie mit einer Verwarnung von zwanzig Euro einverstanden?«
Der Kleinere grinste.
Schelsky nickte, griff in sein Sakko und zog die Glock mit dem Schalldämpfer hervor.
Sein Gegenüber hörte auch dann nicht auf zu grienen, als ihn der Schuss zwischen die Augen traf.
Mit eingefrorener Miene fiel er mit dem Gesicht auf den Asphalt.
Der Größere blieb wie erstarrt stehen. Schelsky sah, wie es in ihm arbeitete.
Doch er dachte zu langsam.
»Sorry«, meinte Schelsky und erschoss auch ihn.
Ein dritter Schuss zertrümmerte das verräterische Blaulicht.
Schelsky ließ die Leichen, wo sie lagen, und hielt sich abseits vom Ford.
In der Ferne bellte ein Hund.
Donner grollte und Wetterleuchten zuckte. Erste Tropfen fielen.
Der Regen würde seine DNA-Spuren hoffentlich wegspülen. Wenn nicht, war es auch nicht tragisch. Einen Ben Schelsky gab es in Deutschlands Polizeicomputern nicht. Eigentlich gab es ihn nirgendwo.
Er kehrte zum Porsche zurück, schloss das Verdeck und fuhr ohne Eile los.
Ein ärgerlicher Zwischenfall, nicht mehr.
Schelsky entsorgte die Glock nach einer gründlichen Reinigung und mit einem gewissen Bedauern in einem Baggersee, an dem er dreißig Minuten später vorbeifuhr.
Es war eine gute Waffe.
Er würde sich wieder ein identisches Modell beschaffen.
Der Obdachlose war zitternd vor Angst liegen geblieben. Eine Ewigkeit später kroch er hinter dem Gebüsch hervor, wo er sich beim Herannahen der Fahrzeuge versteckt hatte. Bullen ging man besser aus dem Weg.
Er lief über die Straße, durchsuchte die beiden Toten, fand ein Smartphone und eine Geldbörse mit einigen Scheinen. Er steckte das Telefon und die Kohle ein und ließ das Portemonnaie achtlos fallen. Dann hastete er zurück zu seinem Versteck, griff sein Bündel und verschwand in der Nacht.
2
»Bist du endlich fertig?« Margarethe Halla stützte sich mit der rechten Hand am Treppengeländer ab. Sie rief nun schon zum zweiten Mal nach ihrem Sohn, der oben in seinem Zimmer herumkramte. Es war kurz vor sechs Uhr morgens. »Wir müssen los. Der Flieger geht in drei Stunden.«
»Meine Digitalkamera. Hast du sie gesehen?«, kam es prompt zurück. »Ich kann doch nicht ohne die Kamera ...«
»Sie liegt hier unten im Flur auf der Vitrine«, antwortete Margarethe genervt. Ihr Sohn hatte die Angewohnheit, alles und jedes im Haus an den unmöglichsten Plätzen zu verstreuen. Irgendwann hatte es Margarethe aufgegeben, dem Jungen hinterherzuräumen. Da ihre Ermahnungen nichts nutzten, sondern nur Auseinandersetzungen provozierten, hatte sie sich dazu durchgerungen, seine verlegten Sachen dort zu lassen, wo sie waren. Sie hoffte, dass dem Vierzehnjährigen die ständige Sucherei lästig werden und er Ordnung halten würde. Bis heute hatte sich diese Strategie jedoch als völliger Fehlschlag erwiesen. »Ich stecke sie ein. Jetzt beeil dich. Wir haben nicht mehr viel Zeit.«
Sie warf einen prüfenden Blick in den Flurspiegel. Ihr gefiel nicht, was sie sah: Die dunklen Ringe unter ihren Augen zeugten von unzureichendem Schlaf, der leichte Bauchansatz von zu wenig Sport und falscher Ernährung.
Fünf Minuten später steuerte Margarethe Halla die Limousine ihres Vaters in Richtung Autobahn. Sie fuhr vorsichtig, überholte kaum und ignorierte die spöttischen Bemerkungen ihres Sohnes. Der wies mehrmals darauf hin, dass sie bei ihrem Fahrstil nie im Leben den Flughafen in Düsseldorf rechtzeitig erreichen würden.
Schließlich platzte ihr der Kragen. »Du weißt, dass ich Opas Benz nur ungern fahre. Der Wagen ist mir zu unübersichtlich. Meiner ist in der Inspektion. Wenn du nicht die Klappe hältst, nimmst du beim nächsten Mal die S-Bahn. Verstanden?« Mit ihrer barschen Reaktion maskierte sie ihre Bedenken, Jens allein in einen Flieger zu setzen.
Nach der Trennung von Jens’ Erzeuger war Margarethe mit ihrem Sohn zurück in ihr Elternhaus in Recklinghausen gezogen. Ihr Vater hatte sich darüber gefreut. Schon lange hatte er erwogen, das Haus aufzugeben, das ihm nach dem Tod seiner Frau zu groß und vor allem fremd geworden war. Nun aber, da Margarethe und Jens mit ihm unter einem Dach wohnten, lebte er gern in dem großzügigen Gebäude im Norden der Stadt.
Trotz ihrer zurückhaltenden Fahrweise erreichten sie rechtzeitig ihr Ziel. Margarethe Halla lenkte das Auto in eines der Parkhäuser. Sie hasste solche Bauwerke. Dunkel, enge Kurven, eigenwillige Verkehrsführung. Besonders ungern fuhr sie in die Hochgaragen am Düsseldorfer Flughafen. Schon die Zufahrten dorthin waren eine Zumutung. Hinweisschilder mit kryptischen Bezeichnungen. Hupende, drängelnde Taxen.
»Hier ist ein freier Platz«, rief Jens. Seine gespielte Selbstsicherheit war dem Reisefieber gewichen. Er rutschte aufgeregt auf seinem Sitz hin und her.
»Der ist mir zu eng«, erwiderte Margarethe. »Wir fahren weiter nach hinten. Da ist es nicht so voll.«
»Aber Mama. Dann müssen wir ja kilometerweit latschen. Und das mit dem Gepäck.«
»Du hast einen Trolley und einen Rucksack. Mehr nicht. Also stell dich nicht so an.« Sie lenkte den Wagen fast bis ans Ende des Parkhauses. Hier standen nur wenige andere Fahrzeuge. Margarethe Halla hoffte, dass dies auch bei ihrer Rückkehr so sein würde.
Sie hatte den Motor noch nicht abgestellt, da sprang Jens schon aus dem Benz. »Beeil dich«, bettelte er. »Sonst kommen wir zu spät.«
»Keine Panik«, lachte Margarethe. »Wir haben noch jede Menge Zeit.«
Heute begannen die Sommerferien, und Jens würde gleich nach London reisen. Allein. Das erste Mal stieg er ohne Begleitung in ein Flugzeug. Sein Großvater hielt sich seit einigen Tagen in der englischen Hauptstadt auf, um dort einen alten Freund zu besuchen. Ihr Sohn wollte mehrere Wochen bei ihnen bleiben und dann mit seinem Opa wieder nach Deutschland zurückkehren.
Die Warteschlange am Schalter war kurz, weshalb das Einchecken wenig Zeit in Anspruch nahm. Wenige Minuten später hielt Jens seine Bordkarte in der Hand.
Margarethe, die ihrem Sohn das Prozedere erklärt hatte, beobachtete ihn, wie er die Sicherheitskontrolle passierte. Danach drehte er sich um, winkte ihr zu und stapfte in Richtung Abfluggate.
Unschlüssig blieb sie noch einen Moment vor der Sicherheitsschleuse stehen, um sich dann wieder auf den Weg zu ihrem Fahrzeug zu machen. Was sollte denn passieren, beruhigte sie sich. In London wartete ihr Vater, und in der...




