E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Das Haus der grauen Mönche
Zweyer Das Haus der grauen Mönche
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89425-184-0
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Mündel
E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Das Haus der grauen Mönche
ISBN: 978-3-89425-184-0
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur, dann Sozialwissenschaften und schrieb als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Er war viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Burg Blankenstein, 12.Mai 1488
Das Feuer in dem großen Kamin, der die Westmauer des Saals beherrschte, drohte zu erlöschen. Ein Bediensteter verließ seine Stellung neben der Eingangstür an der Stirnseite des Raumes und eilte auf einen Wink seiner Herrschaft herbei, um frisches Holz nachzulegen. Er schichtete die Scheite auf dem Feuerbock übereinander und blies danach mit einem Balg Luft in die Glut. Schnell loderten die Flammen empor. Da das Holz jedoch nicht ausreichend getrocknet war, entstanden beißende Qualmwolken, die durch die Halle der Burg Blankenstein oberhalb der Ruhr bei Hattingen zogen.
Herzog Johann der Zweite von Kleve und Mark, der die Anstrengungen des Dieners mit zunehmender Missbilligung verfolgt hatte, wandte sich um und schritt zu einem der Butzenfenster, um es zu öffnen. Die hereinströmende Luft war kühl und drohte die Bemühungen des Mannes am Kamin, den Saal zu erwärmen, zunichtezumachen.
Nach mehreren tiefen Atemzügen schloss der Herzog das Fenster, blickte aber immer wieder ungeduldig hinaus auf das gegenüberliegende Burgtor. Nach einigen Minuten erfolglosen Wartens kehrte er zurück zum Tisch in der Raummitte. »Wann wollte der Abt hier sein?«, fragte er den dritten Mann im Raum, den Drosten der Burg, Hanle Stecke, Graf zu Dortmund und Amtmann zu Blankenstein.
Der Graf lächelte nachsichtig. Sein Landesherr hatte ihm diese Frage in der letzten Stunde schon mehrfach gestellt. Er konnte dessen Unruhe nur zu gut nachvollziehen, deshalb antwortete er gelassen: »Um die Mittagszeit. Die Gäste Euer Durchlaucht müssten in Kürze eintreffen.«
Wie zur Bestätigung drang wenig später das Geklapper von Pferdehufen vom Burghof herauf.
»Sieh nach, wer das ist«, herrschte der Herzog den Diener an, der immer noch mit dem Balg in der Hand das Feuer zu entfachen suchte, um die Rauchentwicklung zu bekämpfen. Der Mann ließ sein Arbeitsgerät fallen und eilte zum Fenster. »Drei Mönche auf Pferden, Euer Hoheit.«
»Benediktiner?«
»Ja, Euer Hoheit.«
Herzog Johann vollführte eine Handbewegung, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte. Der Diener gehorchte sofort und nahm seinen Platz neben der Tür wieder ein.
»Endlich.« Der Herzog griff sein rotes, edelsteinverbrämtes Barett und setzte es auf.
»Soll ich den Abt im Hof empfangen?«, erkundigte sich der Droste.
Der Herzog nickte. »Tun Sie das, Graf. Aber führen Sie ihn auf dem schnellsten Wege zu mir.«
Stecke deutete eine Verbeugung an. »Selbstverständlich.« Dann machte er sich auf, diesen Wunsch zu erfüllen.
Einige Minuten später waren gedämpfte Stimmen aus der Vorhalle zu vernehmen. Der Herzog stand auf und stellte sich in die Mitte des Saals. Nachdem sich sein Herr in Position gebracht hatte, zog der Diener die grobe Holztür auf und verbeugte sich ehrfurchtsvoll, als Abt Maximilian vom Benediktinerkloster Deutz mit seinem Gefolge den Raum betrat. Die Mönche waren in schwarze, weite Kapuzenmäntel gehüllt. Unter der Kukulle trug jeder eine ebenfalls schwarze, bodenlange Kutte. Zwei der Geistlichen hatten ihre Hände tief in den Taschen der Mäntel versenkt. Nur der Abt nicht. Seine herausragende Stellung an der Spitze der kleinen Delegation war an zwei Insignien zu erkennen: ein schweres, mit Edelsteinen besetztes Goldkreuz, welches um seinen Hals hing, und ein goldener Ring an seiner rechten Hand. Wie seine Glaubensbrüder war er bartlos und auch sein Haupthaar zur Tonsur geschoren.
Der Herzog näherte sich den Geistlichen und blieb kurz vor dem Abt stehen. »Ehrwürdiger Vater«, begrüßte er seinen Gast, wobei er leicht den Kopf neigte.
Der Abt lächelte huldvoll. »Durchlaucht«, erwiderte er und streckte dem Adeligen seinen Handrücken entgegen.
Es war eindeutig. Der Abt verlangte eine Unterwerfungsgeste. Johann zögerte. Lehnte er sie demonstrativ ab, wäre die Gesprächsatmosphäre bereits im Vorfeld vergiftet. Es würde schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, sein Ziel zu erreichen, sagte ihm sein Verstand. Also überwand er seinen Stolz und fügte sich. Er machte einen weiteren Schritt nach vorne, ergriff die dargebotene Rechte, beugte sich darüber und deutete einen Kuss auf den Ring an.
»Hattet Ihr eine angenehme Reise?«, erkundigte er sich dann mit säuerlicher Miene, nachdem die Begrüßungszeremonie vollzogen war.
»Es ist ja nicht weit von Hattingen hierherauf. Der Ritt nahm weniger als eine Stunde in Anspruch.«
»Ich meinte eher den Weg, den Ihr von Eurem Kloster in Deutz zurücklegen musstet. Ihr seid gestern angekommen, wie ich hörte.« Der Herzog wies auf den Tisch in der Mitte des Raums. »Wenn Ihr Euch setzen wollt …«
Der Abt kannte den Saal von früheren Besuchen. Nur wenig hatte sich verändert: Ein geknüpfter Wandbehang, der religiöse Motive zeigte, war zu denen mit Jagdszenen hinzugekommen und schmückte die obere Hälfte der südlich gelegenen Wand. Darunter stand die lange, mit dicken Kissen ausgelegte Bank. Auch am Tisch dienten zwei Bänke als Sitzgelegenheit, die aber frei im Raum standen. »Ihr seid wie immer gut informiert.«
Die beiden Männer schritten zur Tafel. Die Mönche und der Droste folgten schweigend.
»Ja, unsere Reise verlief ohne Komplikationen. Ein Trupp Bewaffneter des Erzbischofs sicherte unseren Weg.«
Sein Gastgeber verzog das Gesicht. Mit Hermann von Hessen saß der Vierte dieses Namens seit nunmehr zehn Jahren auf dem Bischofsstuhl. Hermann war ein Onkel seiner Frau Mathilde und er hatte die Jahrzehnte währende Fehde des Kölner Bistums mit den Herzögen von der Mark und Kleve beendet.
Aber Johann traute dem Bischof nicht über den Weg. Denn der Streit, der sich am Status der Stadt Soest entzündet hatte, schwelte weiter. Der Erzbischof hatte noch immer ein Auge auf die Stadt geworfen, um seine Macht im Westfälischen weiter auszubauen. Die Soester jedoch hatten sich dem Herzogtum unterworfen und die Herzöge von Kleve dachten gar nicht daran, dem Erzbischof die Stadt zu überlassen und ihren Einfluss auf die Region aufzugeben. Johann war davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es zu einem neuen Waffengang um die Vorherrschaft in der Börde kam.
Und so, wie er den Frieden beargwöhnte, misstraute er auch dem Gesprächspartner, der ihm jetzt gegenübersaß. Er gab dem Diener ein Zeichen. Der sprang herbei und servierte gewürzten Wein in Trinkbechern aus Zinn, deren Rand vergoldet war.
»Sicher seid Ihr hungrig.« Der Herzog hob den Becher zum Gruß.
»Nein, danke. Wir haben bereits gespeist.«
»Wie Ihr wünscht.« Eine kaum wahrnehmbare Kopfbewegung seines Herrn verwies den Diener in seine Warteposition, bereit, jeden Wunsch seiner Herrschaft zu erfüllen. Erst nachdem der Abt und der Herzog am Kelch genippt hatten, tranken ihre Begleiter.
»Gestattet, dass ich Euch meine Gefolgschaft vorstelle.« Abt Maximilian deutete auf den Mönch an seiner rechten Seite. »Prior Paschalis kennt Ihr ja schon von früheren Zusammentreffen. Zu meiner Linken sitzt Bruder Bartholomäus. Er hat ein Schweigegelübde abgelegt und wird sich daher nicht an unserer Unterhaltung beteiligen.«
Johann glaubte kein Wort von dem, was der Abt sagte. Dieser Mönch hatte die alleinige Aufgabe, genau zuzuhören und zu beobachten. Reden war da nur hinderlich. Um den Grund für seine Anwesenheit zu verschleiern, benutzte der Abt diese Notlüge. Johann musterte den Mönch ungeniert. Bartholomäus war im Gegensatz zu seinen Mitbrüdern, die zur Fülle neigten, hager, aber nicht sehr groß. Sein spitzes Gesicht und der stechende Blick seiner Augen weckten im Herzog Erinnerungen an eine Ratte.
»Und Euch ist der Graf zu Dortmund, Hanle Stecke, bekannt«, erwiderte er, »mein Amtmann hier auf Blankenstein.«
Die Männer nickten sich freudlos zu. Dann tranken sie und setzten den Austausch von belanglosen Höflichkeiten fort.
Schließlich verstummte ihr Geplauder und es trat jene Stille ein, die schon nach kurzer Zeit unangenehm berührt. Dann brach der Herzog das Schweigen. »Ich hörte, die Ernte war gut im letzten Jahr?«
»Nicht besser als in den Jahren zuvor«, entgegnete der Abt.
»Aber Eure Ländereien sind ertragreich?«
Mit einem Ruck stellte der Abt den Trinkbecher ab. Er fixierte den Herzog kalt. Jede Emotion war aus seinem Gesicht gewichen. »Durchlaucht, Ihr müsst nicht um den heißen Brei herumreden. Ihr braucht Geld, nehme ich an?«
Empört sprang Johann auf. »Wie könnt Ihr es wagen …«
Der Abt hob beschwichtigend die Hände. »Durchlaucht, ich wollte Euch keineswegs beleidigen. Aber Eure finanzielle Situation ist kein Geheimnis. Haben sich nicht einige Städte in Eurem Herzogtum sogar zu einem Bündnis gegen Euch zusammengeschlossen? Und weigert sich nicht auch der Landadel, seine Steuerpflicht zu erfüllen? Wir Benediktiner dagegen sind unseren Pflichten als Grundherren gegenüber Euch als Landesherrn immer nachgekommen. Also setzt Euch wieder und sagt, weshalb Ihr um dieses Gespräch gebeten habt.« Der Abt machte eine einladende Geste.
Herzog Johann wusste, dass der Mönch recht hatte. Also nahm er seinen Platz wieder ein. »Ihr vermutet richtig. Ich wollte mit Euch über ein Darlehn verhandeln.«
»Das dachte ich mir. Wie viel?«
»Eintausend Goldgulden würden für den Anfang reichen.«
»Für den Anfang?« Ein spöttisches Lächeln umspielte die Züge des Abts. »Durchlaucht, wir sind ein Kloster, keine Geldverleiher.«
»Na gut. Sagen wir als ein einmaliges Darlehn.«
Der Abt dachte nach. Dann wandte er sich an den Prior. »Bruder Paschalis, was sagst du dazu? Sind unsere Truhen voll genug, um dem Wunsch des Herzogs...




