E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Züger Wortgeschichten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-7271-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wörter, die mir zugefallen sind
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7504-7271-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katrin Züger, 1952 geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Komparatistik sowie der Betriebsökonomie FH. Von 1996 bis 2011 an der Universität Zürich tätig, daneben Lehraufträge an der Universität Zürich in Linguistik und Unterricht an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. Diverse Fachpublikationen. Von 2011 bis 2016 eigenes Schreibbüro «Text und Kontext». 2012 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 folgte «Strandsteine in der Atacama», 2015 «Flaches Land» 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne» und 2018 «Tongasoa». Katrin Züger lebt in Aeugst am Albis.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Januar: Gefundenes
1
Mila geht zu einem Wäldchen am Ufer des Sees. Sieht Blässhühner an der Arbeit. Der Nebel lichtet sich, die Sonne bricht durch. Der frisch gepflügte Acker ist von Krähen und Staren bevölkert. Unverwüstliche Gänseblümchen säumen den Weg. Kaum geköpft, wachsen sie wieder nach. Noch ist Sommer. Spätsommer. Mücken tanzen im Sonnenlicht. Ein Mäuschen wagt sich hervor, schnuppert hier und da, begleitet Mila ein Stück, bevor es wieder im Unterholz verschwindet. Dort locken die roten Beeren das Aronstabs. Sie sind giftig, doch der Aasgeruch ist verschwunden. Von ferne ist das Lachen eines Grünspechts zu hören. Oder ist es ein Eichelhäher? Eine Ringelnatter schlängelt sich durch das Blattwerk der Seerosen. Ein toter Igel liegt zusammengerollt am Wegrand. Das Schilf steht jetzt so dicht, dass es den Durchgang von beiden Seiten bedrängt. Schachtelhalme mischen sich darunter, erstaunlich mächtige, versuchen die Schilfrohre zu übertrumpfen. Lebende Fossilien, stolze Zeugen alten Lebens, als es noch keine Menschen gab. Wachsen seit dreihundert Millionen Jahren auf der Erde, fast unverändert, nur an Grösse haben sie eingebüsst, waren einmal bis zu dreissig Meter hohe Bäume, bildeten die ersten Wälder der nördlichen Hemisphäre und vermoderten dann zu Steinkohle. Doch mir scheint, sie holen auf, wachsen dichter, höher. Vom See ist kaum etwas zu sehen. Die Teichrohrsänger, die im Frühling gerne von Stängel zu Stängel hüpfen und ihren leisen, rhythmischen Gesang erklingen lassen, sind nicht mehr zu hören, und die Iris, die leuchtend blau aus dem durchsichtigen Grün hervorstachen, sind längst verblüht und protzen jetzt mit dicken Kapselfrüchten.
2
Sieh mal, die Blume da. Diese Blässe. So einsam und so früh im Jahr. Ende Juli ist es erst. Wagt sich frühreif hervor. Denkt vielleicht, es ist schon Herbst. Aber es ist noch Sommer, könnte nicht mehr Sommer sein, so warm, so trocken, so anhaltend. Doch dann, im September, als ich wieder vorbeikomme, hat sie die Artgenossinnen mobilisiert, die Wiese ist nun gesprenkelt voll, ein Gewimmel und Gewusel aus hellgrünem Gras und lila Blüten. Sind aus dem Sommerschlaf erwacht. Herbstzeitlosen. Aber warum Herbstzeitlosen? Weil der Herbst so zeitlos ist oder die Herbstzeit lose? Ich frage die, die zuerst da war. Weil wir nicht wie alle anderen sind und im Frühling und Sommer blühen, sagt sie, sondern erst im Herbst, die Zeitlosen eben. Weisst du, dass es auch einmal anders war, dass die Zeitlosen die Blumen im frühen Frühling waren, Krokusse und so, und dass wir irgendwann beschlossen, das Blühen auf den Herbst zu verlegen, einfach so, weil es uns gefiel, und also zu den Herbstzeitlosen wurden? Und wusstest du, dass wir zwar im Herbst blühen, aber erst im Frühling die Blätter und die Früchte spriessen lassen? Gerne werden wir deshalb mit dem Bärlauch verwechselt, der nicht giftig ist, wir Herbstzeitlosen sind es aber umso mehr. Ich mag Herbstzeitlosen, weil ich den Herbst mehr mag als den Sommer.
3
Liegen auf Wiesen, Weiden und Äckern herum. Durch Verwitterung verloren sie die Verbindung zum Ursprungsgestein. Erosion, bodenmechanische Vorgänge und Bodenbearbeitung beförderten sie an die Erdoberfläche. Wenn sie die Bodenbearbeitung stören oder die Produktivität der bearbeiteten Fläche mindern, werden sie durch «Ablesen» beseitigt und an den Feldrändern gesammelt. In besonders steinreichen Gegenden werden sie zu Lesesteinhaufen, Lesesteinwällen oder Trockenmauern aufgeschichtet. Da durch die fortschreitende Bodenerosion und durch Frosthub (vor allem in den eiszeitlichen Lockergesteinen) laufend neue Steine an der Erdoberfläche «nachwachsen», muss immer wieder neu «abgelesen» werden. Lesesteinhaufen sind Lebensräume für Kriechtiere, Insekten, kleine Säugetiere und Pflanzen. In vielen ländlichen Regionen werden Lesesteine neben Bruchsteinen zum Bau von Häusern, Speichern und Unterständen verwendet.
Jeden Sommer begeben sich junge Leute auf die Baumgartenalp zuhinterst im Glarnerland und befreien sie vom Geröll, das Lawinen und Murgänge im Winter aufs Weidegebiet getragen haben. Am Ende liegen riesige Säcke voller Felsbrocken verstreut herum, von Weitem zu sehen, und warten auf den Abtransport durch den Helikopter, denn wer sonst vermag diese tonnenschwere Last den steilen Berg hinunterzubefördern. Die Baumgartenalp, eine der ältesten Alpen des Kantons, Anfang vierzehntes Jahrhundert zum ersten Mal schriftlich erwähnt, in einem Inventar des Klosters Säckingen. Hier soll es die längste durchgehende Trockenmauer des Alpenraums geben, tausend Meter lang. Seit Jahrhunderten hält sie das Vieh davon ab, über die Felswand zu stürzen. Seit einiger Zeit steigt die Wertschätzung für das traditionelle Mauerwerk, das aus Lesesteinen ohne Bindemittel errichtet wird. Jetzt soll die Trockenmauer auf der Baumgartenalp Meter für Meter saniert werden.
4
Es liegt auf dem alten Sekretär, von den Vorfahren überliefert, von kundiger Hand restauriert. Steht an der Wand unter der hölzernen Wendeltreppe und bietet bereitwillig Platz für allerlei Krimskrams. Vorräte zum Beispiel, in der obersten Schublade, die wie die darunterliegenden die ganze Breite des Möbels einnimmt, Kaffee, Tee, Zucker, die eine oder andere Konservendose, Würzmischungen. Bilderrahmen in der zweiten Schublade, darin gerahmt selbst gezeichnete Zeichnungen, für die gerade kein Bedarf zum Aufhängen besteht. Zuunterst Schildmützen, mitgebracht von Reisen, verbunden mit Reminiszenzen – Anza-Borrego Desert State Park, Alaska, Museum of Northern Arizona, Antelope Island State Park, Grand Canyon, New York Marathon, Friends of Cape St. Mary’s, Armada Argentina Base Orcadas, Yukon Gold, Calanais Isle of Lewis, Death Valley California, Seward, Iceland, Western Au stralia, South Georgia Antarctic Isle, L’Anse aux Meadows, I climbed Gros Morne, Newfoundland and Labrador.
Hinter der Arbeitsfläche beidseits drei kleinere Schubladen, gefüllt mit Brillen, Brillenetuis, Brillenreinigungstüchern, Uhren, Portemonnaies, einer Taschenlampe. Dazwischen Fotobücher der letzten Reisen, Peru, Patagonien, Madagaskar, Äthiopien, China, Laos, Vietnam, Kambodscha, Südafrika, Lesotho, eSwatini, Botswana, ordentlich gestapelt. Darüber ein Tablar mit weiteren Erinnerungsstücken, ein gebasteltes Kerzengefäss aus weissem Material, Gips vielleicht, mit farbigen Glastupfern, Geschenk von irgendwem, sieht nach Kinderhand aus, ein kleiner, grauer Porsche Cayman, eine hölzerne Ente, ein wollenes Schaf, ein winziges Glücksschweinchen aus weissem Porzellan mit grünen Kleeblättern bemalt.
Auf der oberen Abdeckung ein Bastkorb voller Mineralien und Fossilien – Feuersteine von der Kreideküste Rügens, Gneise aus dem Valle Verzasca, Obsidiane und Lavasteine aus Island, Stücke von Schwefelstein, Sandrose, Aragonit, Malachit, Trilobit, Glossopteris, versteinerte Hölzer und ein Säckchen Trommelsteine aus dem amerikanischen Südwesten. Daneben ein halbes Dutzend weiss-gelb bemalte Grenzsteine unterschiedlicher Grösse, je nach Höhe des Passes, Trophäen erfolgreich bewältigter Radtouren in den Pyrenäen, zwei holländische Häuser, Präsente von KLM für Business-Class-Gäste, ursprünglich mit Schnaps gefüllt, das Modell eines alten, senfgelben Touristenbusses aus dem Yellowstone National Park, ein weisser Fahrmischer mit dem Logo von Holcim, und eben das Schächtelchen, aus Holz, sieben auf fünf Zentimeter, honiggelb bemalt, darauf ein Vogel, dunkelblau-hellblau-gelb mit rotem Schnabel, papageiartig, schaut eher betrübt aus der Wäsche. Im Schächtelchen derselbe Vogel als Puzzle, fünf Teile. Ein Produkt von Swissaid, von taubstummen Kunsthandwerkern aus Mexiko mit viel Freude von Hand gefertigt, mit Warnung: «Achtung! Erstickungsgefahr. Enthält Kleinteile.»
5
Ich stehe in der Papeterie, vollgestopft mit wunderbaren Dingen, brauche einen Kugelschreiber und ein Notizheft. Vor mir ein Junge. Zeigt wortlos auf eine Postkarte im Postkartenständer, eine Landschaft im Schnee, ein Berg, ein gefrorener See, weiss gepuderte Tannen, blauer Himmel, eine Sonne, die sich in einen Stern verwandelt hat. Der Verkäufer reicht ihm die Karte, sagt vier Franken. Der Junge legt ihm einen Franken hin. Der Verkäufer nimmt den Franken, gibt dem Jungen fünfzig Rappen zurück. Der Junge nimmt die Postkarte und läuft zufrieden aus dem Geschäft.
Wer schreibt heute noch Postkarten? Wer bekommt welche? Ich nicht. Woher dennoch die Faszination? Da war ein Wettbewerb. Bitte schenken Sie uns alte Postkarten mit Ansichten aus dem Kanton, mindestens hundert Jahre alt. Schöne Preise zu gewinnen. Die Leute durchsuchten ihre Schätze, sandten Hunderte von Postkarten ein. Zauber der Erinnerung. Bilder von...




