E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Züger Weit kommt man nur mit dem Wind
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-2079-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Noch mehr Wortgeschichten
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7557-2079-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wortgeschichten. Geschichten von Wörtern, mit Wörtern, über Wörter. «Seegfrörni» zum Beispiel, ein besonderer Naturzustand, der sich mit einem Helvetismus am besten fassen lässt. Steht sogar im Duden: Klingt doch entschieden anschaulicher als «das Zugefrorensein eines Sees». Oder «Innensechskantschraube», auch «Inbus» oder «Imbus» genannt. Ob Inbus oder Imbus - darüber haben sich zwei Lager gebildet. Inzwischen ist das Rätsel gelüftet. Oder «Fetthenne», Staude des Jahres 2020. Schon der Name ist preiswürdig. Sonnenanbeterin, Trockenheitsspezialistin, Durstkünstlerin, ein Meisterwerk der Natur, in jeder Hinsicht. All das und noch einiges mehr lässt sich in den neuesten Wortgeschichten von Katrin Züger nachlesen.
Katrin Züger, 1952 geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Komparatistik sowie der Betriebsökonomie FH. Von 1996 bis 2011 an der Universität Zürich tätig, daneben Lehraufträge an der Universität Zürich in Linguistik und Unterricht an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. Diverse Fachpublikationen. Von 2011 bis 2016 eigenes Schreibbüro «Text und Kontext». Von 2014 bis 2017 Projektleiterin 100-Jahr-Jubiläum der Zentralbibliothek Zürich. 2012 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 «Strandsteine in der Atacama», 2015 «Flaches Land», 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne», 2018 «Tongasoa», 2019 der erste, 2021 der zweite Band mit «Wortgeschichten», 2021 «Bücher in meinem Haus». Katrin Züger lebt in Aeugst am Albis.
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Weit kommt man nur mit dem Wind …
1 Marea Neagra Das Kind träumt manchmal. Vom kleinen Bruder. Sie waren unten am Fluss, im Hintergrund zirpten die Grillen, es war Sommer. Das Kind liess die kleine Hand nur einen Augenblick los, um einen Frosch zu fangen, freute sich schon, den Froschkönig gefunden zu haben, wollte seine Freude mit dem Bruder teilen, doch der Bruder war nicht mehr da. Still und klein, ohne sich zu wehren, schaukelte er auf dem wilden Wasser dahin, immer weiter weg, immer kleiner, bis er nur noch ein winziger Fleck war, den eine Welle überrollte. Das Kind träumt vom blonden Schopf, der auf den Wellen hin und her hüpft und immer wieder untertaucht, und schreit so laut es kann: Komm zurück, komm zurück, aber es kann nichts tun. Der kleine Bruder ist schon im Schwarzen Meer verschwunden. Das Kind ist sich sicher, dass es den Sonnenschein der Mutter ausgelöscht und sie in die Finsternis gestossen hat. Irgendwo muss das Meer sein, denkt das Kind, so gross, dass es das ganze Dorf ein paarmal ersäufen könnte. Das Meer ist unendlich. Steht man am Strand und schaut geradeaus, so sieht man nur das Meer und den Himmel und sonst nichts. Die Grossmutter und der Grossvater haben das Meer oft gesehen, und auch der Vater und die Mutter sind einmal ans Meer gereist, nachdem der kleine Bruder geboren worden war. Das Kind haben sie nicht mitgenommen, die Mutter wollte nur den kleinen Prinzen dabeihaben. War der Prinz in ihrer Nähe, hatte die Mutter ein anderes Gesicht. Er hatte keine Sommersprossen und keine roten Haare. Er war das Kind, das sie schon immer haben wollte. Das Schwarze Meer. Das unbekannteste Meer Europas. Lange Zeit wenig zugänglich für Westeuropäer. Verborgen blieben die wunderbaren Küsten mit den steilen Klippen, den sandigen Ufern, den Vogelschwärmen und Hafenstädten. Verborgen auch der Ort, an dem sich die biblische Sintflut ereignet haben könnte. Lange war es ein Binnen- und Süsswassersee, irgendwann brach der Bosporus durch, der See erhielt eine dauerhafte Verbindung zum Mittelmeer und wurde salzig. Wie es genau passierte, beschäftigt die Geologen bis heute. Sechs Staaten gruppieren sich um das Meer: Ukraine, Russland, Georgien, Türkei, Bulgarien, Rumänien, jeder mit eigenem Namen für das Gewässer: Tschorne more, Tschornoje morje, Schawi sghwa, Kara Deniz, Tscherno more, Marea Neagra. Schön, nicht? Aber warum Schwarzes Meer? Das Wasser ist ja nicht schwarz, sondern blau, manchmal trüb. Eine historische Erklärung geht so: Als die Osmanen Anatolien eroberten, übernahmen sie den Namen von den kolonisierenden Venezianern und Genuesern und übersetzten ihn ins Türkische – aus dem «Mare Maggiore» («Grosses Meer») wurde «Kara Deniz». «Kara» bedeutete damals nicht nur «gross», sondern auch «finster, trüb». Mit der Zeit verschob sich die Bedeutung zu «finster». Eine andere Theorie: Die Osmanen bezeichneten früher die Himmelsrichtungen mit Farben: Rot für den Süden, Blau für den Osten, Schwarz für den Norden, Weiss für den Westen, danach bekamen die nächstgelegenen Meere ihre Namen: Rotes Meer im Süden, Schwarzes Meer im Norden, Weisses Meer im Westen (die Ägäis heisst heute noch «Weisses Meer» auf Bulgarisch, Serbisch und Makedonisch). Infrage kommt auch eine biologische Erklärung: Das Wasser des Schwarzen Meers ist stellenweise tatsächlich irgendwie schwarz, sichtbar vor allem im Sediment, wegen sulfatreduzierender (sulfidogener) Bakterien, die Schwefelwasserstoff aus Sulfat bilden, woraus zusammen mit Eisenionen Eisensulfide entstehen. Es könnten auch Algen sein, die den Meeresboden und das Wasser manchmal besonders dunkel aussehen lassen. Mit anderen Worten: Warum das Schwarze Meer «Schwarzes Meer» heisst, weiss man nicht so genau. Doch wie kommt das Kind auf die Idee, der Bach dort oben im Bündnerland fliesse ins Schwarze Meer? Ist vielleicht einer, der in den Inn mündet, dann in die Donau, die am Ende tatsächlich im Schwarzen Meer landet. 2 Alto Adige Ein Sehnsuchtsort, schon wegen des Namens. Welcher Wohlklang, verglichen mit «Südtirol». Oder «Hochetsch» oder «Oberetsch». Aber auch wegen der Landschaften, der Berge, die so hell und unvergleichlich in die Höhe ragen. Man möchte hin und beginnt zu planen, angetrieben von einem weiteren schönen Namen: Marmolata, Königin der Dolomiten. Neben etwas weniger anmutigen wie Bozen, Meran, Brixen, Leifers, Bruneck, Eppan, Pflitsch, Sulden, Schnals, Ulten, Passeier, Ridnaun. Doch «Alto Adige» ist umstritten. Nicht ästhetisch, sondern politisch, dem Namen nach. Es sei faschistisch angehaucht und solle deshalb nicht mehr verwendet werden, sagen die einen. Es stehe so in der Verfassung, sagen die anderen. Aber es steht nicht im Europagesetz, das der Landtag des Südtirols verabschiedet hat, dort steht nur «Provincia di Bolzano», der erste Teil des offiziellen Namens «Provincia autonoma di Bolzano – Alto Adige», und in der deutschen Fassung steht nur «Südtirol». Rom ist empört, spricht von einem Affront, von einer Vernachlässigung des Italienischen, verlangt, dass die italienische und die deutsche Version des Gesetzes identisch sind. Die Süd-Tiroler Freiheit will nichts davon wissen, hält die italienweite Polemik für verabscheuungswürdigen Nationalismus und prägt den Slogan «Sag niemals Alto Adige». Es gehe darum, den rechtlich korrekten italienischen Landesnamen für Südtirol zu verwenden. Dieser laute nicht «Alto Adige», sondern «Provincia di Bolzano». «Alto Adige» existiere rechtlich nur für die Institution der Region «Trentino-Alto Adige», nicht aber für das Land Südtirol, das in italienischer Sprache offiziell nur «Provincia di Bolzano» heisse. Keinesfalls dürfe sich Südtirol von Rom zwingen lassen, ruft deshalb die Politik und die Bevölkerung dazu auf, den faschistischen Begriff «Alto Adige» nicht mehr zu benutzen und stattdessen in italienischer Sprache die korrekte Landesbezeichnung «Provincia di Bolzano» oder die Kurzform «Sudtirolo» zu verwenden. Dazu muss man wissen, dass die Sprachenfrage hier politisch brisant ist. Südtirol ging nach dem ersten Weltkrieg von Österreich an Italien. Bis heute ist es mehrheitlich deutschsprachig, hinzu kommen eine grössere italienische und eine kleinere ladinische Minderheit. Was genau ist nun «Alto Adige»? Wikipedia hilft, ein bisschen: Südtirol (italienisch Alto Adige, Sudtirolo, ladinisch Südtirol), amtliche Eigenbezeichnung «Autonome Provinz Bozen – Südtirol» (italienisch «Provincia autonoma di Bolzano – Alto Adige», ladinisch «Provinzia Autonoma de Balsan – Südtirol» [Gadertalisch] oder «Provinzia Autonoma de Bulsan – Südtirol» [Grödnerisch]), Kurzform «Land Südtirol» (italienisch «Alto Adige» oder «Sudtirolo», ladinisch «Südtirol»), die nördlichste Provinz Italiens, bildet zusammen mit der Provinz Trient die autonome Region Trentino-Alto Adige/Südtirol (italienisch «Trentino-Alto Adige», ladinisch «Trentin-Südtirol»). Alles klar? Und was ist aus dem Streit geworden? Offenbar hat man sich geeinigt, und es bleibt alles, wie es ist. 3 Kandahar Ein Berg, den es nicht gibt, weils nur ein Pass ist, etwas verschupft in Österreich, dabei wunderschön. Der Arlberg. Mit Lech, der Wiege des alpinen Skifahrens, St. Anton, St. Christoph, Stuben, Zürs und so. Eine Region, die ich eigentlich kennen müsste, so nah davon, wie ich aufgewachsen bin, und dennoch war ich nie da, glaube ich, wozu auch, zum Skifahren hatten wir ja die Flumserberge. Arlberger Skipioniere entwickelten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Stemmbogen als Vorläufer des Parallelschwungs, nachdem man früher die Schneehänge mit Querfahrt und Spitzkehre bewältigte. Die Arlbergtechnik revolutionierte das Skifahren, Skilehrer vom Arlberg lehrten den Stil von Japan bis Amerika, seither bildet er das Fundament des modernen Alpin-Skilaufs. Achtundachtzig Seilbahnen und Lifte, über dreihundert Skiabfahrtskilometer, zweihundert Kilometer Tiefschneeabfahrten, Langlaufloipen, Rodelbahnen und Winterwanderwege, exklusive Hotels und internationale Bars kombiniert mit dörflichem Charme, von Gästen aus aller Welt geschätzt. Allen gemeinsam: die Suche nach der perfekten Spur durch den Schnee. Und als Höhepunkt das Arlberg-Kandahar-Rennen, seit 1928 in St. Anton. Kandahar? Ein schöner Name. Aus Afghanistan. Wie kommt er hierher? Verantwortlich sollen die ursprünglichen Veranstalter des Rennens sein, der Ski-Club Arlberg in Österreich und der britische Kandahar Ski Club in Mürren. Letzterer trägt den Namen des englischen Heerführers Frederick Roberts, der im neunzehnten Jahrhundert in der afghanischen Stadt eine Truppe rettete, nach seiner Rückkehr aus Afghanistan den Titel «Earl of Kandahar» verliehen bekam und beim ersten klassischen Abfahrtslauf in der...




