E-Book, Deutsch, 356 Seiten
Züger Was ist los im Moos?
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-8667-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neueste Wortgeschichten
E-Book, Deutsch, 356 Seiten
ISBN: 978-3-7693-8667-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katrin Züger, 1952 geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Komparatistik sowie der Betriebsökonomie FH. Von 1996 bis 2011 an der Universität Zürich tätig, daneben Lehraufträge an der Universität Zürich in Linguistik und Unterricht an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. Diverse Fachpublikationen. Von 2011 bis 2016 eigenes Schreibbüro «Text und Kontext». Von 2014 bis 2017 Projektleiterin 100-Jahr-Jubiläum der Zentralbibliothek Zürich. 2012 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 «Strandsteine in der Atacama», 2014 «Flaches Land», 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne», 2018 «Tongasoa», 2019, 2021, 2022 und 2024 «Wortgeschichten», 2021, 2022 und 2024 «Bücher in meinem Haus». Katrin Züger lebt in Aeugst am Albis.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Nebel über dem Meer
1 Sternenstaub
Stellen Sie sich vor, Sie sind die Assistentin Gottes. Und Gott sagt: Ich hatte da mal ein Projekt, das ich irgendwie aus den Augen verloren habe. Kannst du mal schauen, was daraus geworden ist? Also gehen wir hin, betrachten das Universum, die Galaxie, gehen an den Rand der Milchstrasse, in der sich unsere Sonne neben hundert Milliarden Sternen befindet. Nicht in der Mitte, da ist ein schwarzes Loch. Gehen weiter hinein ins Sonnensystem, vorbei an den Planeten Neptun, Uranus, Saturn, Jupiter, gelangen zur Erde, wo wir auf Menschen treffen. Nur hier finden wir welche, nur hier können sie offenbar überleben, nur für die Erde sind sie gebaut. Wie ist es dazu gekommen?
Vor gut viereinhalb Milliarden Jahren verdichteten sich Kometen, Asteroiden, Gas und Staub, der Planet Erde wurde geboren. Dann ging es langsam voran, Schritt für Schritt. Verpackt in ein Jahr könnte man es so beschreiben: Am 1. Januar fand der Urknall statt. Im Februar entstand der erste Stern. Im Mai die Milchstrasse. Der September brachte die Einzeller, der November die Mehrzeller, ab 17. Dezember gab es Wirbeltiere. Dann erst, sechs Minuten vor Mitternacht, kam der Homo sapiens. Dazwischen viele Stationen mit Versuch und Irrtum. Was lässt sich daraus schliessen? Vielleicht dass die Menschen wie alle anderen Lebewesen eine kurze Erscheinung auf dem Planeten sind, durch eine Reihe von Zufällen entstanden, und wenn sie aussterben, wird es weitergehen, ohne sie.
So weit zum Menschen als Krone der Schöpfung. Der Homo sapiens als Fussnote der Geschichte. Weniger als ein Staubkorn in der Wüste. Sternenstaub. Die Assistentin kehrt zurück zum Herrn und berichtet, sie habe Menschen gefunden, die definitiv nicht seinem Plan entsprechen, dass sich das Problem Mensch aber wohl von selbst lösen werde. Die Sonne wird vergehen, das Material kommt ins Universum, und alles beginnt von vorn. Vielleicht kann Gott mit einem ähnlichen Projekt in einer anderen Galaxie neu beginnen, vielleicht erfolgreicher?
Vielleicht war ja alles ganz anders. Vielleicht wars kein Gott, sondern eine Göttin, die sich das alles ausgedacht und erschaffen hat, und Gott war nur der Handlanger, der Überbringer, der ihre Schöpfungen auf die Erde brachte, und die Menschen habens (noch) nicht gemerkt …
2 die Erde ohne Mond
Ohne die Sonne gäbe es auf der Erde kein Leben. Und der Mond? Ohne den Mond wäre es auf der Erde öder. Wer möchte die Nächte missen, in denen der Vollmond als leuchtende Kugel am Himmel hängt und die Erde in ein fahles Licht taucht? Oder die scharf gezeichnete Sichel, die in der Schwärze der Nacht von Horizont zu Horizont wandert? Oder den Supermond, den wir kürzlich auf dem Pilatus erlebten, in nie da gewesener Farbigkeit, Klarheit und Konturiertheit? Und wer jemals eine totale Mond- oder Sonnenfinsternis erlebt hat, wird den Mond als Himmelskörper für besondere Momente in Erinnerung behalten. Die Bedeutung des Monds erschöpft sich aber nicht in seinem ästhetischen Reiz, und vieles, was ihm angedichtet wird, entspringt dem Reich der Mythen, doch auch wenn man Mondkalender, Schlafstörungen und dergleichen ausser Acht lässt, kann man sich fragen: Was wäre die Erde ohne Mond?
Andersherum ist die Frage leicht zu beantworten: Ohne die Erde gäbe es keinen Mond. Auf jeden Fall nicht den, den wir von der Erde aus am Himmel stehen sehen. Der Mond ist ein Abkömmling der Erde. Entstanden vor viereinhalb Milliarden Jahren, als die Erde von einem marsgrossen Protoplaneten (Vorläufer eines Planeten) namens Theia gestreift wurde. Durch die Kollision wurden Teile der Erdkruste und des Erdmantels pulverisiert. Auch Theia wurde teilweise zertrümmert. Der Kern verband sich mit dem, was von der Erde übrig blieb. Die Trümmerwolke sammelte sich und ballte sich zum Mond zusammen. Kann aber auch anders gewesen sein. Vielleicht gab es mehrere Einschläge kleinerer Objekte, bei denen irdisches Material in eine Erdumlaufbahn geschleudert wurde, wo es sich zu einem Minimond zusammenklumpte. Etwa zwanzig Minimonde müssten es gewesen sein, um die heutige Grösse und Masse zu erreichen. Die Ungewissheit bleibt: Die Entstehung des Monds bleibt ein Mysterium.
Obwohl eher klein (etwa ein Prozent der Erdmasse), hat er direkte Konsequenzen für die Erde. Zu sehen am Ufer der Ozeane, wo sich das Wasser innerhalb von vierundzwanzig Stunden und neunundvierzig Minuten zweimal hebt und senkt. Wegen der Gezeitenkräfte. Dadurch bilden sich auf der dem Mond zu- und der dem Mond abgewandten Seite zwei Beulen. Wegen der Erdrotation wandern diese um den Erdball und heben und senken den Boden periodisch um ein paar Zentimeter. An Land merkt man nichts davon. Die losen Wassermassen der Meere werden jedoch von den Gezeitenbergen verschoben und lassen Ebbe und Flut entstehen.
Der Mond beeinflusst die Erde auch als Ganzes. Das hin und her schwappende Meerwasser erzeugt Reibungswärme und raubt der Erde Energie. Dadurch verlangsamt sich die Erdrotation und verlängern sich die Tage jedes Jahr um etwa zwanzig Mikrosekunden. Gleichzeitig wird Drehimpuls auf den Mond übertragen, wodurch sich der Mond jährlich um 3,8 Zentimeter von der Erde entfernt. Das ist wenig, aber über längere Zeit addieren sich die Effekte. Heute geht man davon aus, dass der Mond anfangs in einer Entfernung von zwanzigtausend bis dreissigtausend Kilometer um die Erde kreiste, also weniger als ein Zehntel der heutigen Distanz. Demnach müssen die Gezeitenkräfte damals viel stärker gewesen sein als heute. Ob das die Entstehung des Lebens in den Meeren begünstigt hat, ist schwer zu beurteilen. Auch wie lange ein Tag vor viereinhalb Milliarden Jahren dauerte, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren. Vermutlich war es höchstens die Hälfte des heutigen Tages, vielleicht waren es sogar nur fünf Stunden. Als sicher gilt, dass ein Jahr vor vierhundert Millionen Jahren vierhundert Tage hatte. Das lässt sich aus Fossilien von Korallen ablesen. Demnach hätte ein Tag damals knapp zweiundzwanzig Stunden gedauert.
Der vielleicht wichtigste Effekt des Monds ist die Stabilisierung der Erdachse. Noch vor einigen Jahren hielt man es für möglich, dass Jupiter und Saturn sie innerhalb von Jahrmillionen um bis zu neunzig Grad zum Kippen bringen könnten, wenn der Mond dem nicht entgegenwirken würde. Die klimatischen Folgen wären verheerend: Statt Polkappen gäbe es einen Eiswulst um den Äquator, in den gemässigten Breiten würden sich extreme Sommer und Winter abwechseln. Mikroben kämen damit vermutlich zurecht, höheres Leben eher nicht. Vielleicht ist es aber auch nicht ganz so schlimm. Neuere Berechnungen zeigen, dass die Erdachse weniger stark pendelt. Ohne Mond wären die klimatischen Bedingungen auf der Erde aber immer noch ungemütlich. Für die Entwicklung höheren Lebens ist dessen Existenz jedoch nicht zwingend. Das dürfte Astronomen freuen, die nach extrasolaren Planeten mit lebensfreundlichen Bedingungen suchen.
Und wie geht es weiter mit Erde und Mond? Sicher ist, dass wir den Mond verlieren werden. Er wird sich weiter von der Erde entfernen, etwa vier Zentimeter pro Jahr, und die Erdrotation weiter abbremsen. In etwa fünfzig Milliarden Jahren dürfte die Erde mit der gleichen Geschwindigkeit rotieren, mit der sich der Mond um die Erde dreht. Ein Erdentag ist dann siebenundvierzigmal so lang wie heute, und der Mond ist nur noch von einer Seite der Erde aus zu sehen. So weit wird es aber nicht kommen. Schon lange vorher bläht sich die Sonne zu einem Roten Riesen auf und verschlingt die Planeten Merkur und Venus. Die äussersten Ränder werden die Oberfläche der Erde und des Monds berühren und beide in Staub verwandeln. Ob sie dem flammenden Inferno entkommen, hängt davon ab, wie viel Masse die Sonne verliert. Sicher ist: Die Erde wird ein anderer Planet sein als heute – mit oder ohne Mond. Und ohne Menschen.
3 die Krümmung des Horizonts
Ich sehe den Horizont, vom Balkon aus, jeden Tag, immer wieder anders. Mal hell, mal düster, mal leuchtend mit den Schneebergen, mal einheitlich in edlem Bergenblau, mal fern, dann wieder zum Greifen nah, mit detaillierten Mustern aus Felsen, Rillen, Wiesen. Die Konturen jedoch immer gleich, wenn man sie denn zu sehen bekommt und sie nicht im Nebel oder in den Wolken versinken. Wunderschön auf jeden Fall, immer wieder von Neuem. Kommt dann noch der Abend dazu, mit glühenden Sonnenuntergängen, die Schau nimmt kein Ende. Und dann erscheint doch alles wieder sehr gleichmässig, unveränderlich, auf die Ewigkeit angelegt. Nichts zu sehen von der Krümmung des Horizonts. Wie komme ich darauf?
Durch ein Buch. Habe mir die Stelle angestrichen. Auf der letzten Seite. «Die Krümmung des Horizonts, die gefiel Peter. Man konnte sie besonders gut von der Steilküste im Osten sehen, vom Fischland aus.» Ist mir noch nie aufgefallen. Kein Wunder, es gibt ja hier kein Meer, kein Fischland. Oder doch? Vielleicht damals auf der Reise in die Antarktis? Kaum, da waren vor allem Wellen, Stürme, Schnee und Eis, auf die man sich konzentrieren musste. Oder in Australien, an der Südküste, auf der Fahrt durch die Nullarbor-Ebene an der Grossen Australischen Bucht, tausendzweihundert Kilometer von Ost nach West, die grösste Karstwüste der Erde? Da waren wir wohl zu weit weg vom Meer, zu sehr...




