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E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Züger Tongasoa

Von Wegen, Umwegen und Abwegen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-1895-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Von Wegen, Umwegen und Abwegen

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-7528-1895-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es geht ums Unterwegssein. Gehend, laufend, fahrend, fliegend, zu Fuß, auf dem Arbeitsweg, auf Spaziergängen, Wanderungen, Reisen. Dabei lässt sich vieles erleben und beobachten, über manches nachdenken, sinnieren, raisonnieren. Über Klänge zum Beispiel: Warum ist es so schwierig, die Geräusche eines Krans oder die Laute der Vögel zu beschreiben? Oder über Wolken, vielfältige Gebilde, physikalisch gesehen Ansammlungen feiner Wassertropfen oder Eisteilchen, darüber hinaus Wunderwerke der Ästhetik, der Einmaligkeit, der Wechselhaftigkeit, der Vergänglichkeit. Blumen zeigen uns den ewigen Kreislauf von Wachsen, Blühen, Welken, Vergehen und wieder Entstehen - ein scheinbar sinnloses Kreisen um sich selbst. Ein Kojote im Yellowstone-Nationalpark steht auf einer Anhöhe in lichtdurchfluteter Landschaft, blickt in die Ferne, als ob dort die Wahrheit zu finden wäre, welche Wahrheit auch immer. Seltsame Wesen in Madagaskar, der ältesten Insel der Welt, Versuchslabor der Evolution: Giraffenhalskäfer, Chamäleons, Blattschwanzgeckos, Nektarvögel, Tenreks, Lemuren, darunter Kattas mit den lustigen Ringelschwänzen, die in der Dämmerung von den Bäumen heruntersteigen, sich sammeln, in einer Kolonne zu ihren Schlafstellen in den Felsen wandern, angeführt vom Leitweibchen, die anderen hinterher, zuletzt ein Männchen, das kontrolliert, ob alle da sind.

Katrin Züger, 1952 geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Komparatistik sowie der Betriebsökonomie FH. Von 1996 bis 2011 an der Universität Zürich tätig, daneben Lehraufträge an der Universität Zürich in Linguistik und Unterricht an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. Diverse Fachpublikationen. Von 2011 bis 2016 eigenes Schreibbüro «Text und Kontext». 2012 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 folgte «Strandsteine in der Atacama», 2015 «Flaches Land» und 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne». Katrin Züger lebt in Aeugst am Albis.
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Apfelbäume und rote Beeren


Der Wecker schrillt. Zwei Wecker. Sicher ist sicher. Ich erwache. Habe geträumt. Von Apfelbäumen und roten Beeren. Stehe auf, um zehn nach sechs. Gehe ins Badezimmer. Wasche mir die Hände, das Gesicht, die Haare. Ziehe mich halbwegs an. Setze Wasser auf. Trinke Kaffee. Lese Zeitung, eine alte, vom Stapel, der nicht kleiner werden will. Putze die Zähne. Creme mir Gesicht und Hände ein. Ordne das Bett und schaue aus dem Fenster. Der Nachbar ist schon auf, die runde Lampe im Wohnzimmer leuchtet grell durch die Vorhänge. Die ersten Bauarbeiter treffen ein, auf der Baustelle ein paar Häuser weiter. Ein geiferndes Moped dröhnt vorbei. Ich schliesse das Fenster. Kleide mich fertig an, Pullover, Hose, Jacke, Schuhe, nehme die Tasche, prüfe, ob alles da ist. Gehe los, hinaus auf den Vorplatz, nehme die Zeitung aus dem Briefkasten, passiere den stolzen Ahorn, die blühende Linde, von emsigem Summen umgeben, süss duftende Sträucher, die das gegenüberliegende Haus von der Aussenwelt abschirmen, gelange aufs Trottoir, über die Strasse aufs nächste Trottoir, begegne dem einen oder anderen Auto, überquere die nächste Strasse, erreiche die Postautohaltestelle. Die Sonne ist schon da, verspricht viel. Auf der anderen Seite der Strasse ein Mann mit einem Jungen, Schulthek auf dem Rücken, oranges Sicherheitsdreieck um den Hals. Der Mann erklärt ihm die Sachlage, gibt im einen Klaps auf die Schulter, schickt ihn los, wartet, bis er auf der anderen Seite angekommen ist. Eine Frau geht joggen. Mit dem Hund. Läuft los. Der Hund will nicht. Reisst die Joggerin zurück. Möchte lieber schnuppern. Die Joggerin läuft langsamer. Der Hund will immer noch nicht. Er ist ja auch sehr klein. Ein Winzling. Ein Yorkshire Terrier. An einer Leine wie für einen Schäferhund. Die Joggerin bleibt cool, in ihrem schwarzen Trainingsanzug mit weissen Streifen, stoppt, schaut den Hund zärtlich an. Schon gut. Sie weiss es ja. Ein schwarzes Auto macht sich auf den Weg zur Arbeit. Die Sonne blendet.

Das Postauto kommt einigermassen pünktlich, die S-Bahn sowieso. Schüler verstopfen die Gänge. Die meisten steigen an der vorletzten Haltestelle aus, gemächlich, wissen nichts von Eile. Ich besteige den Zug. Lese Zeitung, blicke auf, als wir am Weiher des Nachbardorfs vorbeifahren. Mitten drin eine Insel mit Bäumen und Sträuchern. Dort stehen sie manchmal, Graureiher auf den Ästen knapp über dem Wasser. Silberreiher, irritieren als weisse Flecken. Kormorane, breiten ihre Flügel zum Trocknen aus. Ein halbes Dutzend bevölkert die höheren Äste. Winzig wirken die Enten, die das Wasser durchpflügen, zu erkennen an den dreieckigen Spuren. Eine Frau steigt zu, mittleren Alters, lange schwarze Haare, stellt die Tasche auf die Knie und tut nichts. Einfach nichts. Holt nach einer Weile ein Blatt Papier aus der Tasche, überfliegt es, steckt es zurück in die Tasche, tut wieder nichts. Kein Handy, kein Buch, keine Zeitung, sehr ungewöhnlich. An einem Bahnhof hängt ein Plakat, F12-Breitformat, dunkelblauer Hintergrund, helle Schrift: «Fürchte dich nicht. Die Bibel». Habe ich etwas verpasst? Eine drohende Katastrophe? Auf dem Balkon eines Hauses, unmittelbar an der Bahnlinie, ein Mann und eine Frau, schütteln mit vereinten Kräften einen Perserteppich aus und lachen sich fröhlich an.

Achtundzwanzig Minuten bis zum Hauptbahnhof. Noch vor wenigen Jahren waren es vierunddreissig. Ein wichtiges Stück Zeitgewinn. Ich steige aus, tief im Untergrund, in einer Traube von Menschen, suche mir einen gangbaren Weg, steure auf die Treppe zu, meide die Rolltreppe, zu der sich die meisten hinbewegen, wie Lemminge, die sich zu sehr vermehrt haben und nun zur Vermeidung von Dichtestress auf Wanderschaft gehen. Viele kommen dabei um, verhungern oder ertrinken. Gehe vorbei an Läden und Restaurants, die schon geöffnet haben. Da, ein Spatz, in den Katakomben des Bahnhofs. Schaut mich an, ich ihn. Wovon lebt er? Ich habe nichts. Füttern der Spatzen im Bahnhof ist ohnehin verboten. Zucke bedauernd mit den Schultern. Reklame für eine Sehbrille, für dreihundert Franken. Sind nicht alle Brillen zum Sehen gedacht? Ein neuer Laden, Donuts, nichts als Donuts, in zahllosen zuckrigen Varianten. Kann mir nicht vorstellen, so etwas je essen zu wollen. Von irgendwoher säuselt schmerzlose Musik. Kaufe feine Kamutgipfel vom Beck fürs Frühstück, esse einen auf dem Weg durch die unterirdischen Gänge, steige die Treppe hoch, unter dem Baugerüst durch, das seit ewigen Zeiten da steht, man scheint nicht so recht voranzukommen mit der Bauerei. Lese wie jedesmal ungewollt das Plakat des Computerladens: «Unsere Filiale erhält ein Upgrade. Das Provisorium befindet sich gleich um die Ecke». Weiter über die Brücke, auf der manch einer stehen bleibt, ein Selfie von sich, dem Fluss und den Bergen im Hintergrund knipst. Die Kulisse gibt in der Tat etwas her.

Am Ende der Brücke in einer kleinen Ausbuchtung steht eine Bank, neben einem dieser Abfallbehälter, die alles schlucken und scheinbar nie genug bekommen, dann aber doch irgendwann satt sind und alles wieder herauswürgen. Einst, anfangs Sommer, sass dort eine Zeitlang ein Mann, in eine Decke gehüllt, graue Wollmütze auf dem Kopf, Dose in der Hand. Verbrachte wohl die Nacht auf der Bank. Starrte verloren vor sich hin, ignorierte die Passanten, sie ihn. Ging jeden Morgen mit ungutem Gefühl an ihm vorbei. Hätte ihm gern einen Gipfel angeboten, ich hatte ja gerade welche gekauft, traute mich aber nicht. Würde er ihn nehmen? Verschob den Entscheid immer wieder. Dann war er plötzlich nicht mehr da.

Gehe in die Cafeteria, oder ins Café, oder ins Tea Room. Oder heisst es in den Tea Room, da Raum heisst und männlich ist? kann aber auch Zimmer heissen, und das ist sächlich, also doch ins Team Room. Meine Tante, die schon lange tot ist, sagte jeweils «tea room», genau so wie mans schreibt, t-e-a-r-o-o-m. Es ist aber Englisch, und da sagt man fast nichts so, wie mans schreibt. . Bei muss ich immer wieder nachschauen. Obwohl, so häufig brauche ich das Wort nicht, auch wenn es einen meiner Lieblingssteine bezeichnet. Im Keller liegt ein grosser Brocken vom Gotthard, mit einem Ansatz von Kristall. Es brauchte einiges, um ihn von dort nach Hause zu schleppen.

Unverhofft steht sie vor mir, im Tea Room, wo ich Kaffee trinke, schaut mich an, mit diesem Blick von oben herab, den überquellenden, stechenden Augen, den fleischigen Lippen, die farblosen Haare wie früher zu einem Rossschwanz zusammengebunden, der im Gehen lustig hin- und herschwappt, mit langen Fransen, die weit in die Stirn hinunterhängen. Wenn sie sie früher jeweils zur Seite strich, ging in ihrem Gesicht die Sonne auf. Hallo, sagt sie jetzt. Hallo, sage ich. Fahr zur Hölle, denke ich, wenn es denn eine gibt. Sie will sich setzen. Ich lasse sie, es ist ja schon lange her.

Rosa war einmal meine Mitarbeiterin. Nicht unangenehm, etwas speziell, tat selbstbewusst, war gleichzeitig scheu und zurückhaltend. Hatte Mühe mit der geschriebenen Sprache, trotz Studium, sodass man sich fragte, wie sie den Abschluss geschafft hatte. Sie hatte andere Qualitäten. Konnte gut mit Menschen. Trug schwungvolle Röcke und bunte, geringelte Strümpfe in soliden Schuhen, wie Pippi Langstrumpf. Stapfte mit grossen Schritten durch die Welt und ins Büro, sagte schüchtern guten Morgen. Trug ihre Stimmung vor sich her wie einen Blumenstrauss. Der niedergeschlagene Blick und die zusammengepressten Lippen, wenn sie schmollte, die strahlenden Augen, wenn sie guter Dinge war, die Fahrigkeit, wenn sie etwas bedrückte. Leistete gute Arbeit, solange sie nicht zu schreibtischgebunden war. Lebte in prekärer Situation. Der Partner aus Afrika, unverheiratet, zwei kleine Töchter, sie die Ernährerin. Nach einer Reise in die afrikanische Heimat besann sich der Mann auf seine Kultur, sprach von Geistern, fürchtete sich vor Zauberei, wollte bleiben, drohte mit Kindesentführung. Rosa schaltete Anwälte ein. Es half, der Mann beruhigte sich. Doch dann geschah etwas anderes. Rosa war nicht wiederzuerkennen, rastete aus, schimpfte herum, lästerte über die Arbeit, wollte selbst entscheiden, was zu tun war, man nehme sie nicht ernst, behandle sie schlecht, zwinge ihr Dinge auf, glaubte es schliesslich selbst.

Wie es mir gehe, fragt sie. Blöde Frage, schlecht natürlich, wenn ich dich sehe. Ob ich ihr noch böse sei. Ich sage nichts. Wie kann ich ihr nicht mehr böse sein. Hat sich wie ein trotziger Teenager benommen, hat mich beschimpft, Bösartigkeiten verbreitet, ist dann einfach gegangen, ohne versöhnende Worte, ohne Abschied, hinterliess verwüstetes Land, verbrannte Erde. Dabei hatte sie bloss ein schlechtes Gewissen, weil sie ein verlockendes Angebot erhalten hatte und dieses annehmen wollte. Nein, eigentlich bin ihr nicht mehr böse, sie ist mir einerlei, spielt keine Rolle mehr in meinem Leben, ist noch verschwommen da in der Erinnerung, abgelegt in der Schublade «Erfahrung».

Psychologie hat sie studiert. Hat nun ihre Doktorarbeit geschrieben. Untersuchte, ob sich bestimmte Sportarten für bestimmte Personen besser eignen als für andere. Bahnbrechende...



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