E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Züger Einstweilen sind wir noch hier
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-9746-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sachbücher in meinem Haus
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7597-9746-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach zwei Bänden mit Belletristik geht es diesmal um Sachbücher. In den letzten Jahren scheint bei der Autorin eine Verschiebung stattgefunden zu haben. Mehr Sachbücher, weniger Fiktion. Warum? Weil sie von allem anderen schon genug gelesen hat, weil diesbezüglich alles gesagt wurde, nichts Neues dazu kommt, alles eine Variation des Bisherigen ist - Liebe, Beziehungen, Alltagsprobleme, Schicksale? Vielleicht. Sachbücher jedenfalls zeigen, wie spannend die reale Welt ist, sodass man mehr darüber wissen möchte. So geht es in dem Buch um einen Strauss von weltbewegenden Themen wie Libellen in der Wüste, Regenwürmer und Springschwänze, Schafe und Trottellummen, farbensprühende Tintenfische, eierlegende Hunde, die Farben des Wassers, des Himmels und des Regenbogens, das Elend mit dem Staub, Bromrüben und Eichhörner, Büroklammern und Zündhölzer, die Bedeutung des Wanderns, Strickens und Gärtnerns, das Klima, schliesslich die Welt, wie es ihr ergeht, wenn wir nicht mehr da sind...
Katrin Züger, 1952 geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Komparatistik sowie der Betriebsökonomie FH. Von 1996 bis 2011 an der Universität Zürich tätig, daneben Lehraufträge an der Universität Zürich in Linguistik und Unterricht an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. Diverse Fachpublikationen. Von 2011 bis 2016 eigenes Schreibbüro «Text und Kontext». Von 2014 bis 2017 Projektleiterin 100-Jahr-Jubiläum der Zentralbibliothek Zürich. 2012 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 «Strandsteine in der Atacama», 2015 «Flaches Land», 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne», 2018 «Tongasoa», 2019 und 2022 «Bücher in meinem Haus», 2019 der erste, 2021 der zweite und 2022 der dritte Band mit «Wortgeschichten». Katrin Züger lebt in Aeugst am Albis.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne
Ich träumte von einem Buch, das ich aus einem bestimmten Grund gekauft habe, weiss nicht mehr wozu. Stellte es ins Regal, habe es beim Stöbern wiedergefunden und endlich gelesen. Ein Buch von Antoine de Saint-Exupéry. Nein, nicht «Der kleine Prinz», der Liebling von … ja von wem eigentlich? Einer der grössten Bestseller aller Zeiten, heisst es. Was macht das Werk so faszinierend? Eine bestimmte Stelle ist es vor allem, eine weltbewegende Erkenntnis: «Voici mon secret. Il est très simple: on ne voit bien qu’avec le coeur. L’essentiel est invisible pour les yeux.» Auf Deutsch: «Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.» Was natürlich Unsinn ist, wenn man sich die evolutionäre Meisterleistung des Sehens und die dafür entwickelten Werkzeuge vor Augen führt: Sehen. Ist doch einfach. Man muss nur die Augen aufmachen. So ist es dann aber doch nicht. Sehen ist eine Meisterleistung der Evolution. Manchmal genügen einzelne Sinneszellen, etwa bei Gliederwürmern, die kopfüber in einer Erdröhre stecken und nur Richtung und Stärke des einfallenden Lichts wahrnehmen. Raffinierter das Flachauge von Quallen und Seesternen, bei dem sich die Lichtsinneszellen zusammengelagert haben, um Hell und Dunkel besser zu unterscheiden. Oder das Pigmentbecherauge von Plattwürmern, bei dem die Sehzellen in einen Becher aus lichtundurchlässigen Pigmentzellen eingebettet sind, sodass das einfallende Licht durch die Öffnung des Bechers gezwängt wird und die Richtung gezielter wahrgenommen werden kann. In den Grubenaugen von Napfschnecken dagegen sind die Sinneszellen dem Licht zugewandt, zudem ist die Grube mit einem Sekret gefüllt. Lochkameraaugen (verbesserte Grubenaugen) finden sich beim Perlboot, dem altertümlichen Tintenfisch Nautilus, sie funktionieren wie eine Lochkamera und ermöglichen wegen der grösseren Zahl von Sehzellen das Bildsehen, wenn auch nur lichtschwach und schemenhaft. Das Blasenauge der Weinbergschnecke funktioniert wie ein Lochauge, bei dem aber die Öffnung von einer durchsichtigen Haut bedeckt und das Augensekret zu einer einfachen Linse verfestigt ist. Komplexer ist das Komplex- oder Facettenauge bei Insekten und Krebsen. Sie nehmen die Welt als Mosaik wahr, zusammengesetzt aus Tausenden von Einzelbildern. Das Facettenauge besteht aus einzelnen Sehelementen oder Ommatidien, jedes mit einer Hornhaut und einer Linse, die das Licht fokussiert. Fliegen haben rund dreitausend Ommatidien, Libellen bis zu achtundzwanzigtausend. Facettenaugen sind spezialisiert auf das Erkennen von Bewegung. Das menschliche Auge kann zwanzig Bilder pro Sekunde auseinanderhalten, das Facettenauge über dreihundert. Deshalb nimmt eine Fliege die Hand, die sie fangen will, in Zeitlupe wahr, und es bleibt ihr fast immer genug Zeit für die Flucht. Am weitesten entwickelt ist das Linsenauge, besonders jenes der Wirbeltiere. Doch auch ein paar Wirbellose verfügen darüber: Spinnen, Schnecken, einige Würmer, Medusen und Insektenlarven. Es ist ein Hohlkörper, dessen Linse ein auf den Kopf gestelltes, scharfes und helles Bild der Umgebung auf die Netzhaut projiziert. Lichtempfindliche Rezeptoren und ein Netz von Nervenzellen leiten die Reize ins Gehirn, wo sie zu einem dreidimensionalen Abbild verarbeitet werden. Und was ist mit unserem Sehen, dem der Menschen? Es ist nicht unbedingt das evolutionär höchstentwickelte. Menschen sehen schärfer als Insekten, aber nie so scharf wie Adler. Sie erkennen mehr Farben als die meisten Säugetiere, aber nicht die Wellenlängen von sechzehn Farbtönen wie manche Fangschreckenkrebse. Der Mensch kann in der Dämmerung einzelne Lichtquanten sehen, nicht aber Magnetfelder, wie man das von Vögeln vermutet. Doch um den «kleinen Prinzen» und das Sehen geht es hier wie gesagt nicht, sondern um «Wind, Sand und Sterne». Im Original: «Terre des Hommes». Ein Erlebnisbericht des Autors, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Pilot, Berichterstatter und Kurier im spanischen Bürgerkrieg war. Kernstück sind die Kapitel, die seine nordafrikanischen Wüstenüberflüge beschreiben, bis zu dem Flug von 1935, bei dem er ein Preisgeld für die schnellste Bewältigung der Strecke von Paris nach Saigon gewinnen wollte. Zwei Tage nach dem Start verlor er die Orientierung, konnte den Zwischenstopp in Kairo nicht ansteuern. Landete in der Nacht zweihundert Kilometer westlich davon in der Sahara, blieb unverletzt, machte sich zu Fuss auf die Suche nach einer Siedlung. Kurz bevor er verdurstete, stiess er auf Beduinen, die ihn retteten. Da sind wir wieder beim «Kleinen Prinz», zu dem diese Erlebnisse Saint-Exupéry inspirierten. Die Titelfindung sei schwierig gewesen. Zusammen mit einem Vetter habe er dreissig Varianten entwickelt, die Wahl sei dann auf «Terre des humains», gefallen, später auf «Terre des hommes». Da der französische Titel viele Bedeutungsaspekte hat und schwer zu übersetzen ist, erschien die amerikanische Ausgabe unter dem Titel «Wind, Sand and Stars». Entsprechend die deutsche Version. Zudem ist die amerikanische (und die deutsche) Fassung ausführlicher und enthält das zusätzliche Kapitel «Naturgewalten». Das hat damit zu tun, dass Saint-Exupéry Mitte Februar 1938 den Versuch eines Rekordflugs New York–Feuerland unternahm, in Guatemala beim Start nach einer Zwischenlandung abstürzte und schwer verletzt wurde. Während der Genesung in New York begann er mit der Zusammenstellung des Buchs, mit fortlaufenden Änderungen, Erweiterungen und Streichungen. Und was ist mit dem Kinderhilfswerk «Terre des Hommes»? Dieses wurde vom Schweizer Journalisten Edmond Kaiser 1960 unter dem Eindruck des Algerienkriegs gegründet und nach Saint-Exupérys Werk benannt. Was mir an dem Buch gefällt? Nun, die Wüste natürlich. Immer wieder die Wüste. Deren Schönheit, die Stille, Weite und Erhabenheit, die Klarheit des Sternenhimmels, das Gefühl der Verbundenheit. Kann das sein? Müsste man nicht vielmehr Angst haben? Ohne Hoffnung auf Rettung nach einer Notlandung? Einem Absturz, bei dem man dem Tod nahekommt und zu verdursten droht? Doch vielleicht hatte er die ja … Kommt trotzdem immer wieder, kehrt in die Wüste zurück, um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die Wüste. Eine faszinierende Sache. Wie schaffte sie es, zu einem Sehnsuchtsort zu werden, selbst bei mir, die ich sie doch kaum kenne? Wohl gerade deshalb. Da fällt es mir wieder ein, der Zusammenhang, in dem ich das Buch gekauft habe – für eine Recherche über die Wüste und deren vielfältige Erscheinungsformen: Für Nomaden sind Oasen Paradiese. Paradiese der Wüste. Sagte der Kommentator in einem Fernsehfilm. Eine Stimme aus weiter Ferne. An den Film erinnere ich mich nicht. Aber an die Wüste. Deren Faszination. Wüsten sind Gebiete der Erde ohne oder mit geringer Vegetation. Ursache für Wüsten sind extreme Hitze oder Kälte, fehlende Niederschläge, Wassermangel, Überweidung. Wüsten zählen zur Anökumene. Die grösste Wüste der Erde ist die Antarktis. Dreizehn Millionen Quadratkilometer. Endlose Weite, grenzen lose Weisse aus Eis und Schnee, ab und zu ein Stück Kon trast, ein verirrter Felsblock, eine Kolonie Pinguine, eine Forschungsstation. Gefolgt von der Sahara, Grönland, Gobi, Kalahari, Taklamakan, Sonora, Karakum, Mojave, Danakil. Schöne Namen. Landschaften wie kurz nach der Erschaffung der Welt. Ich lese das Wort «Wüste» und sehe Bilder von gelben Sandmeeren in der Sahara. Doch der feine gelbe Sand bedeckt nur zwanzig Prozent aller Wüsten. Diese haben viel mehr an Farbe zu bieten: das Weiss der salzbedeckten bolivianischen Hochebenen, das mit vulkanischer Asche angereicherte graue Geröll der Mojave-Wüste, die spektakulären Rottöne des Colorado-Plateaus, das feine Rosa des Wadi Rum in Jordanien, die braun-schwarze Mondlandschaft in Island. Die Farbpalette ist so weit wie die Wüste selbst. Und sie kann heiss und sandig, aber auch eisig, felsig und salzig sein. Eines ist sie immer: extrem. Und obwohl sie als lebensfeindlich gilt, gibt es doch eine Vielfalt an Leben – von Käfern und Echsen über Esel, Antilopen und Elefanten bis zu Bäumen und Menschen. Woran denken wir bei dem Wort Wüste? An Sand natürlich. Aber auch an Eis, Felsen, Kies oder Salz? Wohl eher an Dürre, Ödnis, Unwirtlichkeit, Hitze, kurz: an einen Ort, an dem der Mensch nur mit grosser Mühe, Ausdauer und Kreativität Fuss fassen kann und der dennoch von ihm seit Anbeginn der Zeit bewohnt, befahren, bewandert wird. Ein Drittel des Festlands wird von Wüsten bedeckt. Dreihundert Millionen Menschen leben in diesen ungastlichen Gegenden. Zurück zum Buch. Ich mag die Stelle mit dem Fuchs, offenbar Grundlage für den Fuchs, der später im «Kleinen Prinz» wieder auftaucht. Ein Fenek oder Sandfuchs, ein Raubtier, so gross wie ein Hase mit Riesenohren. Er folgt den Spuren, bewundert das hübsche Palmenmuster, das die drei fächerförmigen Zehen hinterlassen haben. Die Abstände werden grösser,...




