Zons | Wer die Hunde weckt | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 399 Seiten

Zons Wer die Hunde weckt

Thriller
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-406-70409-3
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 399 Seiten

ISBN: 978-3-406-70409-3
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als der Journalist David Jakubowicz schwerverletzt in einem ins Hafenbecken gestürzten Auto erwacht, wird ihm bewusst, dass er Opfer eines Anschlags geworden ist. Die CIA-Agentin neben ihm ist tot. Sie hatte brisante Informationen über eine bevorstehende politische Aktion von extremer Skrupellosigkeit. Die Jagd auf die Verantwortlichen führt Jakubowicz von der Chefetage seiner Münchner Zeitungsredaktion schließlich bis nach Afghanistan. Wieso konnte der deutsche Kommandeur Robert Westphal amerikanischen Piloten befehlen, einen mit Kindern besetzten LKW am Fluss Taloqan zu bombardieren? Wem nützte der Angriff? Wurde Westphal gekauft? Und wo befindet er sich jetzt? Nicht nur der deutsche Geheimdienst, auch die Regierung versucht, den Fall zu vertuschen, während die Arbeit für Jakubowicz und seine junge Kollegin Emma Bricks lebensgefährlich wird. In seinem ersten Thriller erweist sich Achim Zons als Meisterschüler von John LeCarré: Mit literarischer Hochspannung erzählt er von einem unbeirrbaren Einzelgänger, der sich ins Herz der politischen Finsternis wagt.

Achim Zons studierte Jura, Politik, Geschichte und Philosophie und arbeitete viele Jahre in verantwortlichen Positionen in der "Süddeutschen Zeitung". Er schreibt Drehbücher für Fernsehspiele und Krimis und lebt in München.
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ZWEITER TEIL


1. Emma


Als David kurz vor 20 Uhr aufwachte, brauchte er lange, bis er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Nach seinem Treffen mit Robert Westphal war er mit dem Taxi zu Emma gefahren, die noch unterwegs war. Von dort, von ihrer Wohnung am Viktualienmarkt – es war kurz nach 15 Uhr –, hatte er Helen Christensen angerufen und ihr gesagt, dass er in München sei und mit Oberst Robert Westphal gesprochen habe. Er versprach, am Abend zu ihr zu kommen und alles Weitere mit ihr zu bereden. Dann hatte er sich bei Emma auf die Couch gelegt und war sofort eingeschlafen. Aber lange währte die Ruhe nicht, sein Biorhythmus war völlig durcheinander. Als er die Augen aufschlug, hatte er weder eine Ahnung, wo er sich befand, noch, wie er dahingekommen war. Von draußen vernahm er ab und zu das leise Geräusch eines vorbeifahrenden Autos. Ein kühler Windhauch zeigte ihm an, dass ein Fenster geöffnet war.

Bilder von früher stiegen vor seinem geistigen Auge auf. Wie lange kannte er jetzt schon diese Wohnung? 25 Jahre? Wann immer er in München gewesen war, hatte er Clara hier getroffen. Emmas Mutter war eine schöne Frau gewesen, die zu keinem Zeitpunkt unter dem zunehmenden Alter zu leiden schien. Sie hatte lange, dunkle Wimpern wie ein Mädchen, Emma hatte sie geerbt. Hochgewachsen war sie, größer als Tom und fast so groß wie David, weshalb sie meist flache Schuhe trug, was die Wirkung ihrer Beine aber nicht beeinträchtigte. Clara hatte ein natürliches Lächeln, das bis in die Augenwinkel strahlte.

«Selbst eingepackt?», fragte sie, als er sie zu Toms Beerdigung das letzte Mal gesehen hatte und wie immer ein kleines Geschenk in der Hand hielt. «Wer von meinen Helden?»

«Philip Roth.»

«Wunderbar.» Sie hatte ihm traurig und mit Tränen in den Augen einen Kuss auf die Wange gegeben. So zurückhaltend waren sie nicht immer gewesen. Als sie gerade mal die Schallgrenze von zwanzig Jahren durchbrochen hatten, waren sie tief in der Nacht halb nackt in den Brunnen am Maximiliansplatz gesprungen, nachdem sie im Nachtcafé erheblich zu viel getrunken hatten. Bei dieser Art Ausrutscher war es nicht geblieben.

Davids Blick fiel auf Emmas Bücherstapel neben der Couch. Er hätte es sich denken können bei den Eltern: eine Biografie über Nelson Mandela. Zwei Theaterstücke von Sarah Kane. Adornos «Minima Moralia». Salingers «Fänger im Roggen». Nabokovs «Lolita». Und – er konnte es kaum fassen – Beauvoirs «Das andere Geschlecht». Das Zimmer, mittlerweile ganz anders eingerichtet als früher, war ein Manifest. Emma war eindeutig noch in der Lebensphase, die Welt verändern und jede Ungerechtigkeit mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen. Vor allem die Ungerechtigkeiten, die Frauen widerfuhren. Vermutlich war sie auch Vegetarierin. Aber das, stellte sich später heraus, war ein Irrtum.

Er blickte hoch und suchte in dem Regal am Kopfende der Couch nach einer Uhr. Stattdessen sah er dort eine große Tasse, aus der sie Tee getrunken hatte, und daneben «Fifty Shades of Grey». Immerhin auf Englisch, da mochte das nicht ganz so peinlich sein. Sieh an, sie lotete auch Abgründe aus, was immer das in ihrem Fall bedeuten mochte. Zu seiner Zeit hatte er in den Regalen seiner Eroberungen «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» gefunden, häufig mit Eselsohren auf den Seiten mit den erotischen Stellen.

Er rieb sich die Augen, um die Müdigkeit zu vertreiben. Das Schlimme an diesen selbstbewussten, individualistischen Mädchen war, dass sie alle irgendwie gleich waren. Waren meist besser in der Schule als die Jungen, durchliefen die Uni in Rekordzeit, fuhren allein durch Australien, um sich zu beweisen, dass sie auch solo klarkamen, waren sexuell aufgeschlossen und absolut davon überzeugt, die Welt vor allem dadurch verändern und verbessern zu können, dass sie sich mutig und unerschrocken für das Gute, Wahre und Schöne einsetzten und immer die richtigen Ansichten vertraten. Er legte den Kopf wieder aufs Kissen und schloss die Augen. Mein Gott. In jungen Jahren hatte er viele solcher Wohnungen gesehen. Dass sich manches niemals änderte.

Eine Tür knarrte, die Badezimmertür. David blinzelte, dann öffnete er einen Spaltbreit die Augen. Es war jetzt fast dunkel, von der Straße fiel das gelbliche Licht einer Reklame herein. Emma kam aus dem Bad, hatte sich in ein weißes Handtuch gehüllt, von der Brust bis zu den Schenkeln, und trat so leise wie möglich auf. Ihre Haare waren nass, sie hatte sie zurückgekämmt, sodass ihr Gesicht klar hervortrat. Wie jung sie war. Und wie sicher sie sich war. David konnte sich nicht erinnern, sich in ihrem Alter ebenso gefühlt zu haben.

Sie verschwand im Nachbarzimmer, und David schwang seine Beine von der Couch. «Kann ich ins Bad?», rief er.

«Klar. Ich habe dir ein Handtuch hingelegt.»

«Wann bist du gekommen?», fragte er. «Ich hab dich gar nicht gehört.»

«Vor einer halben Stunde. Du hast tief geschlafen.»

Es war seltsam, er hatte das erste Mal seit Langem das Gefühl, angekommen zu sein. Irgendwie beruhigte ihn diese Wohnung. Niemand bedrängte ihn. Hongkong war weit weg. Und auch die lauernde Redaktion hatte er in Gedanken so weit zurückgedrängt, dass sie ihn nicht mehr bekümmerte. Dabei funktionierten seine Reflexe noch durchaus: Die Geschichte war dieser Bundeswehr-Kommandeur. Er hatte ihn gefunden. Das heißt, er hatte seine Story. Selbe Zeit, selber Ort, das war immer die Devise gewesen. Sie als Reporter mussten zur selben Zeit an demselben Ort sein wie derjenige, den es zu beschreiben galt. Kein Telefongespräch, das war nicht derselbe Ort. Keine Nacherzählung, das war nicht dieselbe Zeit. Die 15 Minuten mit Westphal hatten ihm gereicht, 15 Minuten direkte Anschauung, 15 Minuten, die seine Reportage zur Top-Story machten. In die würde er alles hineinpacken, was er wusste und vielleicht noch herausbekommen würde.

Lange ließ er in der Dusche das heiße Wasser über seinen erschöpften Körper fließen. Durch den halb offenen Duschvorhang sah er sich im Spiegel. Er hatte eindeutig schon mal bessere Zeiten gesehen. Bis vor Kurzem hätte er noch gesagt, er habe die lockeren Bewegungen eines Sportlers, aber das verhinderten jetzt die immer wieder aufzuckenden Schmerzen. Er betastete die gebrochene Nase, die gebrochene Rippe, an deren Seite dunkelblaue Streifen auf Blutergüsse hinwiesen, wusch sich die Haare, rasierte sich den Sechs-Tage-Bart ab, und nachdem er sich Boxershorts, ein T-Shirt und Jeans angezogen hatte, taperte er barfuß ins Wohnzimmer und bat Emma, die gerade Nachrichten schaute, ihm die Haare zu schneiden.

Das gefiel ihr. «Ich wette, es wird dich keiner mehr erkennen.»

«Wäre im Moment nicht das Schlechteste.»

Sie lachte und drückte ihm einen Becher mit Kaffee in die Hand, den er neben dem Waschbecken abstellte. Dann platzierte sie ihn auf einen Hocker, legte ihm ein Handtuch auf die Schultern und fing an, die Haare zu kürzen, ohne das Widerspenstige zu glätten. Sie machte das geschickt, Clara, ihre Mutter, hatte es ihr beigebracht.

«Hast du noch mal nachgedacht über meinen Plan, zusammen nach diesem Oberst zu suchen?», fragte sie scheinheilig und tat so, als müsse sie sich sehr auf eine Stelle an seinem linken Ohr konzentrieren.

«Ja», antwortete er und schloss die Augen. Es war irritierend, ihren jungen Körper so nahe vor sich zu haben.

«Und?»

«Nicht mehr nötig. Habe ihn gefunden und auch schon mit ihm gesprochen.»

«Nein, verdammt», stieß sie aus und verfehlte nur um Haaresbreite das Ohr. «Das gibt’s doch nicht.»

«Doch, gibt es, Emma, leider.» Er zeigte vorsichtig grinsend auf die Schere und dann auf sein Ohr. «Könntest du bitte …?»

«Im Westend?»

«Ja. Dort ist er untergetaucht bei seiner Halbschwester. Beziehungsweise, dort war er. Ich bin sicher, dass er jetzt nicht mehr dort ist.»

«Das wusstest du?»

«Ja.»

Sie war enttäuscht, das merkte er. Sie ließ die Arme herunterhängen, als sei alle Energie aus ihr gewichen. Doch irgendetwas stimmte nicht an dieser Haltung. Sie schien keine Kraft mehr zu haben, die Hand mit der Schere wieder zu heben, aber noch mehr hatte er das Gefühl, dass sie das nur spielte. Und dann sah er den Gesichtsausdruck. Sie blickte, wie jemand blickt, der auf dem Weg in den Urlaub schon auf der Autobahn ist und den Partner scheinheilig fragt: «Du hast nicht vergessen, das Fenster im Dachgeschoss zu schließen, oder?» Scheinheilig deshalb, weil der Fragende selbst das Fenster geschlossen hatte und nun erwartungsvoll auf den stöhnenden...


Achim Zons studierte Jura, Politik, Geschichte und Philosophie und arbeitete viele Jahre in verantwortlichen Positionen in der "Süddeutschen Zeitung". Er schreibt Drehbücher für Fernsehspiele und Krimis und lebt in München.



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