E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Zola Seine Exzellenz Eugene Rougon
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1812-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1812-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 6 der Rougon-Macquard-Reihe, die Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Eugene Rougon ist mittlerweile Minister. Aber er muss zurücktreten - bis die schöne Clorinde und ihre Intrigen ihm wieder nach oben verhelfen. Nur leider ist sie nicht die einzige, die Intrigen spinnt ...
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Gegen vier Uhr nachmittags stattete Rougon der Gräfin Balbi zuweilen einen kurzen Besuch ab. Als Nachbar begab er sich zu Fuß dorthin. Die Gräfin bewohnte ein kleines Haus, wenige Schritte von der Marbeufstraße, in der Allee der Elyseischen Felder. Übrigens war sie selten zu Hause; und war es doch der Fall, so lag sie im Bett und ließ sich entschuldigen. Trotzdem widerhallte ihre Treppe stets vom Lärm der Besucher, und die Türen ihrer Zimmer standen nicht still. Ihre Tochter Clorinde empfing ihre Besucher in einer Galerie, einer Art Maleratelier, dessen großscheibige Fenster auf die Allee gingen.
Fast ein Vierteljahr lang hatte sich Rougon mit der Rücksichtslosigkeit des keuschen Mannes für das Entgegenkommen dieser beiden Frauen sehr unempfänglich gezeigt. Sie hatten sich ihm auf einem Ball beim Minister des Äußern vorstellen lassen, und er begegnete ihnen überall; beide lächelten ihm in derselben herausfordernden Weise zu, die Mutter immer stumm, die Tochter sehr laut redend und ihm keck in die Augen schauend. Doch er hielt sich tapfer, ging ihnen aus dem Wege, schlug die Augen nieder, um sie nicht zu sehen, und lehnte die ihm zugesandten Einladungen ab. Aber es half ihm nichts; er war gefangen, wurde bis in sein Haus verfolgt, vor dem Clorinde hoch zu Roß sich einfand. So entschloß er sich, Erkundigungen einzuziehen, ehe er es wagte, zu ihnen zu gehen.
Beim italienischen Gesandten erfuhr er über sie nur Günstiges: der Graf Balbi hatte wirklich gelebt, die Gräfin stand mit sehr hohen Personen zu Turin in Verbindung, die Tochter endlich war noch im letzten Jahre auf dem Punkte gewesen, einen kleinen deutschen Fürsten zu heiraten. Aber bei der Herzogin Sanquirino, wo er sich später erkundigte, erfuhr er ganz andere Dinge. Clorinde war zwei Jahre nach des Grafen Tode zur Welt gekommen; übrigens waren sehr verwickelte Geschichten über das Eheleben des gräflichen Paares in Umlauf. Beide hätten viele Abenteuer und Ausschweifungen hinter sich, in Frankreich seien sie in aller Form geschieden, in Italien sei es auf Grund eines neuerlichen Übereinkommens zu einer Art wilder Ehe zwischen ihnen gekommen. Ein junger Gesandtschaftsbeamter, der über die Verhältnisse an Viktor Emanuels Hofe sehr gut unterrichtet war, drückte sich noch deutlicher aus: nach ihm verdankte die Gräfin ihren dortigen Einfluß einer Liebschaft mit einer sehr hohen Persönlichkeit, und er ließ durchblicken, daß sie nur infolge eines ungeheuren Skandals, über den er sich nicht näher ausließ, Turin verlassen habe. Rougon, dessen Interesse durch die Ergebnisse dieser Nachforschungen allmählich erweckt worden, ging sogar zur Polizei, wo er jedoch nichts Genaueres erfuhr: nur, daß die beiden auf großem Fuße lebten, ohne daß man über ihr Vermögen etwas Bestimmtes wußte. Sie behaupteten, in Piemont Güter zu besitzen. In Wirklichkeit zeigten sich zuweilen klaffende Lücken in ihrem Reichtum; dann verschwanden sie plötzlich, um bald in neuem Glanze wieder aufzutauchen. Kurz, man wußte nichts Rechtes über sie, oder man zog es vor, nichts zu erfahren. Sie kamen in die beste Gesellschaft, ihr Haus galt als neutrales Gebiet, wo man die Absonderlichkeiten Clorindes als eine Art ausländischer Blume hingehen ließ. Rougon entschloß sich endlich, sie zu besuchen.
Als er zum drittenmal dort war, hatte die Neugier des großen Mannes noch bedeutend zugenommen. Sein Sinnenleben war nicht leicht zu erwecken. Was ihn zunächst in Clorindes Wesen anzog, war das geheimnisvolle Dunkel, das ihre Vergangenheit umhüllte, die fixe Idee von einer Zukunft, die er in ihren großen, herrlichen Augen zu lesen glaubte. Man hatte ihm allerdings haarsträubende Geschichtchen erzählt; ihre erste Liebe – ein Kutscher, darauf ein Verhältnis mit einem Bankier, der die falsche Jungferschaft des Fräuleins mit dem Palais, worin sie jetzt wohnten, bezahlt hatte. Aber zuweilen schien sie ihm so kindlich, daß er alles bezweifelte und sich vornahm, sie in die Beichte zu nehmen, um dahinter zu kommen, was an dieser Fremden sei, deren lebendiges Rätsel ihn schließlich so gefesselt hielt wie nur irgendeine schwierige Frage der hohen Politik.
Am Tage nachdem Clorinde auf ihrem gemieteten Reitpferde gekommen war, um ihm vor dem Tor des Staatsrats teilnahmsvoll die Hand zu drücken, machte er ihr den Besuch, den sie feierlich verlangt hatte. Sie hatte gesagt, sie werde ihm etwas zeigen, was ihm seine schlechte Laune vertreibe. Er nannte sie lachend »sein Laster« und vergaß sich und seine Sorgen gern bei ihr, unterhalten, gereizt, angeregt, um so mehr, als er in der Erkenntnis ihres Wesens noch nicht weitergekommen war als am ersten Tage. Wenn er um die Ecke seiner Straße bog, warf er einen Blick in die Kolosseumstraße, in die Wohnung Delestangs, den er schon mehrmals dabei überrascht hatte, wie er hinter halbgeöffneten Fensterläden zu Clorindes Fenstern hinüberspähte. Jetzt aber waren die Vorhänge niedergelassen; Delestang mußte nach seiner Musterwirtschaft gereist sein.
Die Haustür der Balbi stand immer weit offen. Am Fuße der Treppe begegnete Rougon einer kleinen, schwarzen Frau mit ungeordnetem Haar und in einem gelben Kleide. Sie biß in eine Apfelsine wie in einen Apfel.
»Antonie, ist Ihre Herrschaft zu Hause?« fragte er.
Sie antwortete nicht, sondern nickte vollen Mundes sehr lebhaft, wobei sie lachte, daß ihr der Saft vom Munde herunterlief. Ihre schwarzen Augen wurden so klein, daß sie auf ihrer braunen Haut zwei Tintenflecke schienen.
An die Nachlässigkeit des Dienstes in diesem Hause gewöhnt, stieg Rougon hinauf. Auf der Treppe kam er an einem Flegel von Bedienten vorbei mit einem Räubergesicht und langem, schwarzem Barte, der ihn ruhig ansah, ohne ihm Platz zu machen. Dann sah er sich auf dem Flur des zweiten Stockes allein drei offenen Türen gegenüber. Links lag Clorindes Zimmer, und er war neugierig genug, den Kopf hineinzustecken. Obgleich es vier Uhr geschlagen hatte, war drinnen noch nicht aufgeräumt; vor dem Bette stand eine spanische Wand, welche die herabhängenden Bettdecken zur Hälfte sehen ließ; über die spanische Wand waren die Röcke vom vorigen Tage mit kotigem Saum zum Trocknen hingeworfen. Am Fenster stand das Waschbecken voll Seifenwasser, während die graue Hauskatze auf einem Kleiderhaufen zusammengerollt schlief.
Clorinde hielt sich gewöhnlich im zweiten Stock auf in der Galerie, die sie nach und nach zum Atelier, zum Rauchzimmer, zum Wintergarten und zum Sommersalon eingerichtet hatte. Je weiter Rougon hinaufstieg, um so lauter wurden die Stimmen, das helle Gelächter und das Poltern umgestürzter Möbel. Als er vor der Türe stand, erkannte er endlich, daß ein schwindsüchtiges Piano, das eine Singstimme begleitete, den Lärm anführte. Er klopfte zweimal, und da dies unbeachtet blieb, entschloß er sich einzutreten.
»Ah bravo, bravo, da ist er!« rief Clorinde, in die Hände klatschend. Er, der sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, blieb doch einen Augenblick wie eingeschüchtert stehen. Ritter Rusconi, der italienische Gesandte, ein schöner, brauner Herr, zur rechten Zeit ein ernster Diplomat, hämmerte auf dem alten Klavier herum, um ihm weniger dünne Töne zu entlocken. In der Mitte des Gemaches walzte der Abgeordnete La Rouquette, einen Stuhl im Arme, dessen Lehne er mit verliebter Gebärde an seine Brust drückte, dermaßen toll, daß er den Boden mit umgestürzten Sesseln bedeckt hatte. Und im grellen Lichte des Fensters gegenüber einem jungen Manne, der sie auf weiße Leinwand zeichnete, stand auf einem Tische Clorinde als jagende Diana, die Schenkel nackt, die Arme nackt, den Busen nackt, ganz nackt, mit unbefangenem Gesichtsausdruck. Auf dem Sofa saßen drei Herren, welche dicke Zigarren rauchten und mit untergeschlagenen Beinen sich schweigend verhielten, ohne einen Blick von ihr zu wenden.
»Still, rühren Sie sich nicht!« rief Ritter Rusconi, als Clorinde Miene machte, vom Tische zu springen. »Ich werde die Herren miteinander bekannt machen!«
In Begleitung Rougons schritt er zunächst auf Herrn La Rouquette zu, der eben erschöpft in einen Sessel gesunken war, und sagte:
»Herr La Rouquette, Sie kennen ihn, ein künftiger Minister.«
Dann näherte er sich dem Maler und fuhr fort:
»Herr Luigi Pozzo, mein Sekretär, Diplomat, Maler, Musiker und Verliebter.«
Die drei Herren auf dem Sofa hatte er übersehen. Erst als er sich umwandte, gewahrte er sie, und seinen vertraulichen Ton ändernd, verneigte er sich, indem er mit feierlichem Ausdruck flüsterte:
»Herr Brambilla, Herr Staderino, Herr Viscardi, politische Flüchtlinge.«
Die drei Venezianer grüßten, ohne ihre Zigarren aus dem Munde zu nehmen. Ritter Rusconi wandte sich wieder zum Klavier, als Clorinde ihm lebhaft vorwarf, er sei ein schlechter Zeremonienmeister. Indem sie ihrerseits auf Rougon wies, sagte sie einfach, mit eigentümlichem, einschmeichelndem Klang und Ausdruck der Stimme:
»Herr Eugène Rougon.«
Man grüßte sich aufs neue. Rougon, der einen Augenblick befürchtet hatte, sie möge ihn durch einen Scherz bloßstellen, war von dem Takte und der Würde dieses großen, halbnackten Mädchens überrascht. Er setzte sich und fragte gewohnheitsmäßig nach dem Befinden der Gräfin; er tat sogar, als komme er nur um der Mutter willen, was ihm geziemender schien.
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