E-Book, Deutsch, 209 Seiten
Zola Ein Blatt Liebe
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1811-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 209 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1811-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im achten Band der Rougon-Macquard-Reihe, 'Ein Blatt Liebe', erhalten wir die Geschichte der Helene Mouret, einer Tochter Ursula Macquarts. Die Ursula war mit dem Hutmacher Mouret verheiratet. Früh verwitwet zieht Helene mit ihrem Töchterchen Jeanne nach Paris. Das Kind ist kränklich und steht in Behandlung des verheirateten Arztes Deberle, der in zärtliche Beziehungen zur Mutter des Kindes tritt. Diese Liebe ist es, die uns der Dichter schildert. Jeanne stirbt an der Schwindsucht, und Helene reicht Herrn Rambaud, einem Manne ihres Bekanntenkreises, die Hand zum zweiten Ehebunde. Der Rahmen dieser Herzensgeschichte ist Paris, und man darf kühn behaupten, daß solch meisterhafte Schilderungen der Seinestadt, wie sie dieses Buch enthält, kaum wieder anzutreffen sind.
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Als in der folgenden Woche die Doktorsgattin Frau Grandjeans Besuch erwiderte, zeigte sie sich von außerordentlicher Liebenswürdigkeit. Noch auf der Schwelle sagte sie zu Helene:
»Sie wissen, was Sie mir versprochen haben. Am ersten schönen Tage kommen Sie in den Garten hinunter und bringen Jeanne mit. Es ist Verordnung des Arztes!«
Helene lächelte.
»Natürlich, natürlich, die Sache ist abgemacht. Rechnen Sie auf mich!«
Drei Tage später ging sie an einem freundlichen Februarnachmittage wirklich mit ihrem Kinde hinunter. Der Pförtner öffnete die Verbindungstüre. Im Hintergrunde des Gartens, in einer Art von japanischem Pavillon, fanden sie Frau Deberle in Gesellschaft ihrer Schwester Pauline. Beide saßen mit ihren Stickarbeiten an einem kleinen Tische.
»Wie nett, daß Sie kommen!« rief Juliette. »Da, setzen Sie sich! Pauline, rücke den Tisch weg. Sie sehen, es ist noch ein bißchen frisch, wenn man sitzt. Von diesem Pavillon aus werden wir die Kinder besser überwachen. Da, Kinderchen, spielt. Daß ihr mir nur nicht fallt!«
Es war ein bürgerlich einfacher Garten mit einem Rasenplatz in der Mitte und zwei Blumenbeeten. Ein Gitter sperrte ihn nach der Rue Vineuse zu ab; doch darüber war ein so dichter Laubvorhang gewachsen, daß kein Blick von der Straße eindringen konnte. Den Hauptreiz bildeten im Hintergrunde mehrere hoch gewachsene Bäume, prächtige Rüstern, welche die schwarze Mauer eines fünfstöckigen Wohnhauses verdeckten. Sie schufen in diesem engen Winkel aneinanderstoßender Häuser die Illusion eines Parkes und schienen dieses Pariser Gärtchen, das man wie einen Salon kehrte, ungewöhnlich zu vergrößern. Zwischen zwei Rüstern hing eine Schaukel, deren Brett einen grünlichen Schimmel zeigte.
Helene beugte sich vor, um alles besser zu sehen.
»Oh! 's ist ein rechtes Loch,« warf Frau Deberle hin, »aber in Paris sind die Bäume selten ... man schätzt sich schon glücklich, wenn man ein halb Dutzend sein eigen nennt.«
»O nein, o nein! Sie wohnen hier herrlich,« flüsterte Helene.
»Jetzt ist's noch ein bißchen öde,« erwiderte Frau Deberle. »Aber im Juni sitzt man hier wie in einem Nest. Die Bäume hindern die Leute drüben, zu spionieren, und wir sind hier wie zu Hause.«
Sie unterbrach sich:
»Warte, Lucien! Willst du wohl nicht an den Springbrunnen fassen!«
Der kleine Junge, der Jeanne als Kavalier diente, hatte sie vom Springbrunnen unter den Aufgang geführt und den Hahn aufgedreht. An den spritzenden Strahl hielt er die Spitze seines Stiefelchens, eine Spielerei, die er über die Maßen gern hatte. Jeanne schaute ihm ernsthaft zu, wie er sich die Füße naß machte.
»Warte,« sagte Pauline aufstehend, »ich will ihn zur Ruhe bringen.«
Juliette hielt sie zurück.
»Nein, nein, du bist noch schlimmer als er. Gestern hätte man meinen können, sie hätten alle beide ein Bad genommen. Sonderbar, daß solch ein großes Mädchen nicht zwei Minuten still sitzen kann ...«
Und sich umdrehend:
»Hörst du, Lucien! dreh sofort den Hahn ab!«
Das erschrockene Kind wollte gehorchen. Aber in der Verwirrung öffnete es den Hahn noch mehr, und das Wasser schoß mit solcher Stärke und solchem Zischen hervor, daß der Junge völlig den Kopf verlor. Bis zu den Schultern bespritzt, wich er zurück.
»Dreh im Augenblick den Hahn ab!« befahl seine Mutter wieder. Das Blut war ihr in die Wangen geschossen.
Da näherte sich Jeanne, die sich bis dahin mäuschenstill verhalten hatte, dem Springbrunnen mit aller Vorsicht, während Lucien angesichts dieses tollen Wasserstromes zu weinen anfing. Sie schob ihr Kleidchen zwischen die Beine, streckte die Hände vor, um sich nicht die Ärmel naß zu machen, und drehte den Hahn zu, ohne einen einzigen Wassertropfen abbekommen zu haben. Plötzlich hörte die Wasserflut auf. Lucien drängte verwundert seine Tränen zurück und schaute das Mädchen mit großen Augen respektvoll an.
»Wirklich, dies Kind macht mich noch rasend!« rief Frau Deberle, die sich totenblaß, wie zerschlagen von dieser Aufregung, reckte und streckte.
Helene glaubte sich ins Mittel legen zu sollen.
»Jeanne, gib Lucien die Hand, geh mit ihm spazieren!«
Jeanne faßte Luciens Hand, und gravitätisch trippelten die Kinder in den Steigen auf und ab. Das Mädchen war weit größer als er, gleich einer Dame ließ sie die Augen wandern. Lucien konnte nicht umhin, hier und da einen Blick auf seine Gefährtin zu werfen. Sie sprachen kein Wort.
»Sie sind possierlich,« flüsterte Frau Deberle, lächelnd und beruhigt. »Das muß man sagen, Ihre Jeanne ist ein reizendes Kind. Gehorsam und verständig.«
»Ja, nur wenn sie bei Fremden ist,« versetzte Helene, »sie hat auch ihre garstigen Stunden. Aber da sie mich vergöttert, ist sie bestrebt, artig zu sein.«
Die Damen plauderten über die Kinder. Mädchen wären vorsichtiger als Jungen. Freilich dürfe man Luciens schüchternem Wesen nicht trauen. Vor Jahresfrist noch sei er ein Erztaugenichts gewesen. Und ohne sichtlichen Übergang begann man von einer Frau zu sprechen, die einen kleinen Pavillon gegenüber bewohnte und bei der pikante Dinge vorgehen sollten. Frau Deberle hielt inne, um ihrer Schwester zuzurufen:
»Pauline, geh doch eine Minute in den Garten.«
Das junge Mädchen ging ruhig hinaus und wartete unter den Bäumen. Sie war daran gewöhnt; sobald die Unterhaltung sich auf ein Gebiet lenkte, für das sie noch zu jung war, wurde sie weggeschickt.
»Gestern stand ich am Fenster und hab die Frau deutlich gesehen ... sie zieht nicht einmal die Gardinen zu ... es ist ein Skandal! Wie leicht können Kinder da hineinsehen!«
Sie sprach ganz leise mit entrüstetem Gesicht, aber doch mit spitzem Lächeln auf den Lippen. Dann hob sie die Stimme und rief:
»Pauline, du kannst wieder hereinkommen!«
Pauline guckte unter den Bäumen zum Himmel und wartete ruhig, bis ihre Schwester ausgeredet hatte. Sie trat in den Pavillon und setzte sich wieder, während Juliette, zu Helene gewendet, weitersprach:
»Sie haben niemals etwas bemerkt, Madame?«
»Nein, meine Fenster gehen nicht auf den Pavillon.«
Inzwischen hatte Frau Deberle wieder ihre Stickerei vorgenommen. Sie machte alle Minuten zwei Stiche. Helene, die nicht müßig sitzen konnte, bat um die Erlaubnis, ein nächstes Mal Arbeit mitzubringen. Und von einer leisen Langeweile beschlichen, musterte sie den japanischen Pavillon.
»Hm? Nicht wahr, er ist häßlich!« rief Pauline, die Helenes Blick gefolgt war. »Sag mal, Schwesterherz, weißt du, daß das, was du gekauft hast, Kitsch ist? Der schöne Malignon nennt deine Japaneserei den ›Zwanzig-Pfennig-Basar‹ ... übrigens, ich hab ihn getroffen, den schönen Malignon, mit einer Dame ... oh! einer netten Dame, der kleinen Florence vom Varieté.«
»Wo denn? Damit will ich ihn necken!« rief Juliette lebhaft.
»Auf dem Boulevard. Kommt er denn heute nicht?« Aber sie erhielt keine Antwort. Die Damen waren wegen der Kinder beunruhigt. Wo konnten sie stecken? Als sie nach ihnen riefen, hörte man helle Stimmen:
»Da sind wir ja!«
Sie waren wirklich mitten auf dem Rasenplatz, hinter einem Strauch verborgen saßen sie im Grase.
»Was macht ihr denn?«
»Wir sind eben im Gasthof angekommen,« rief Lucien, »und ruhen uns in unserm Zimmer aus.«
Eine Zeitlang sahen ihnen die Erwachsenen belustigt zu. Jeanne überließ sich ganz dem Spiele. Sie rupfte Gras um sich her, wahrscheinlich, um das Frühstück herzurichten. Jetzt plauderten sie. Jeanne redete Lucien ein, daß sie sich in der Schweiz befänden und bald aufbrechen wollten, um die Gletscher zu besteigen, was den Knaben sehr verdutzte.
»Ei, sieh da! da ist er ja!« rief plötzlich Pauline.
Frau Deberle drehte sich um und erkannte Malignon, der die Stufen herabkam. Sie ließ ihm kaum Zeit zu grüßen und einen Stuhl zu nehmen.
»Nun, das muß ich sagen: Sie sind ein netter Herr! In der ganzen Stadt zu erzählen, daß ich bloß Kitsch in meiner Behausung hätte!«
»Ach richtig!« versetzte er mit Ruhe, »den kleinen Salon dort ... gewiß, das ist Kitsch ... Sie haben keinen einzigen beachtlichen Gegenstand.«
Sie war sehr verletzt.
»Wie! und die Pagode?«
»Ach, reden Sie doch nicht! Das ist doch alles spießig ... Es fehlt an Geschmack, mir haben Sie ja das Einrichten nicht überlassen wollen.«
Da fiel sie ihm, puterrot, zornig in die Rede.
»Ihr Geschmack! Na, lassen wir das lieber! Ihr Geschmack ist wirklich fein – man hat Sie mit einer Dame gesehen!«
...



