E-Book, Deutsch, 604 Seiten
Zola Doktor Pascal
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-1590-4
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe. Le docteur Pascal: Die Rougon-Macquart
E-Book, Deutsch, 604 Seiten
ISBN: 978-80-272-1590-4
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emile Zola's 'Doktor Pascal' ist ein Meisterwerk des naturalistischen Schreibstils, das die Geschichte der Familie Rougon-Macquart fortsetzt. Das Buch erzählt die Geschichte von Doktor Pascal Rougon, der anhand von Familienaufzeichnungen und genetischer Forschung versucht, die Geschichte und Zukunft seiner Familie vorherzusagen. Zola nutzt seinen detaillierten und realistischen Schreibstil, um die gesellschaftlichen und medizinischen Themen seiner Zeit zu erforschen. 'Doktor Pascal' ist voller moralischer Dilemmas und komplexer Charaktere, die den Leser zum Nachdenken anregen.
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Zweites Kapitel.
Am folgenden Morgen erwachte Clotilde gegen sechs Uhr. Sie war zu Bett gegangen in Unfrieden mit Pascal, sie schmollten mit einander. Und ihr erstes Empfinden war ein gewisses Unbehagen, ein dumpfer Schmerz, das entschiedene Bedürfnis, Frieden zu schließen, um nicht die drückende Last auf ihrem Herzen zu behalten, die sie dort vorfand.
Aus dem Bett springend, machte sie sich rasch daran, die Läden der beiden Fenster zu öffnen. Die schon hochstehende Sonne schien herein und durchschnitt das Zimmer in zwei Goldstreifen. In dieses kleine, lauschige Gemach, das ganz durchdrungen war von einem angenehmen Dufte der Jugend, brachte der klare Morgen etwas von dem frischen Hauche des Frohsinns. An das Bett wieder zurückgekehrt, hatte sich das junge Mädchen auf den Rand desselben niedergelassen und blieb dort einen Augenblick in Nachdenken versunken sitzen; sie war nur mit ihrem eng anschließenden Hemd bekleidet, was sie mager erscheinen ließ mit ihren dünnen, langen Beinen, ihrem schlanken, kräftigen Körper, ihrer vollen Brust, ihrem runden Halse, ihren runden und biegsamen Armen; ihr Nacken und ihre wundervollen Schultern waren weiß wie Milch, glatt wie Seide und von einer unendlichen Zartheit. Lange Zeit, in dem ungünstigen Alter von zehn bis achtzehn Jahren, schien sie zu groß zu sein; sie hatte einen schlotterigen Gang und kletterte auf die Bäume wie ein Junge. Dann aber hatte sie sich aus einem wilden Gassenbuben ohne Geschlecht zu diesem schönen Wesen voller Anmut und Liebreiz entwickelt.
Mit leeren Blicken fuhr sie fort, die Wände des Zimmers zu betrachten. Obgleich die Souleiade erst aus dem vorigen Jahrhundert stammte, so war man doch schon unter dem ersten Kaiserreich genötigt gewesen, sie wieder neu auszustatten, denn es befand sich dort noch als Tapete ein altertümlicher, gedruckter Kattun, auf dem Sphinxstatuen in Rosetten von Eichenholzkronen dargestellt waren. Einst von einem lebhaften Rot, war dieser Kattun im Laufe der Zeit rosa geworden, ein unbestimmtes Rosa, das sich dem Orangefarbenen näherte. An den beiden Fenstern und an dem Bett waren Vorhänge vorhanden, aber man hatte sie reinigen müssen und dadurch waren sie ganz verblichen. Was das mit demselben Stoff überzogene Bett anbetraf, so war es so verfallen, daß man es durch ein anderes hatte ersehen müssen, das man aus einem anstoßenden Zimmer nahm, ein Bett nach der unter dem ersten Kaiserreich herrschenden Mode, niedrig und sehr breit, aus massivem Mahagoniholz mit einer kupfernen Einfassung, deren vier Ecksäulen ebenfalls Sphinxstatuen trugen, die denen der Tapete gleich waren. Das übrige Mobiliar war zusammengetragen, ein Kasten mit massiven Thüren und mit Säulen, eine Kommode aus weißem Marmor mit einer rings herumlaufenden Galerie, ein hoher, monumentaler Stehspiegel, ein Ruhebett mit steifen Füßen, Stühle mit geraden, lyraförmigen Rückenlehnen. Ein Fußdeckbett, aus einem alten seidenen Frauenrock aus der Zeit Ludwigs XV. gemacht, gab dem gewaltigen Bett, das die Mitte der Wand gegenüber den Fenstern einnahm, ein freundlicheres Aussehen; ein ganzer Haufen von Kissen machte das harte Ruhebett weich; außerdem waren noch zwei Etagèren und ein Tisch vorhanden, die alle in gleicher Weise mit alten, blumengestickten Seidendecken belegt waren, die man in einem Wandschranke vorgefunden hatte.
Clotilde zog endlich ihre Strümpfe an, hüllte sich in ein Morgenkleid von weißem Piqué und eilte, nachdem sie mit den Fußspitzen in ihre Hausschuhe von grauer Leinwand gefahren war, in ihr Toilettenkabinet, das nach der hinteren Seite des Hauses hinausging. Sie hatte es ganz einfach mit feinem, blaugestreiftem Roh-Barchentstoffe tapeziren lassen, und es befanden sich darin nur Möbel von polirtem Tannenholz, der Toilettetisch, zwei Schränke und Stühle. Dennoch merkte man an allem die feine und natürliche Koketterie der Frau. Diese war bei ihr zu gleicher Zeit wie die Schönheit zum Vorschein gekommen. Obgleich sie sich noch zuweilen als ein wildes, starrköpfiges Mädchen zeigte, war sie doch fügsam und sanft geworden und liebte es vor allem, geliebt zu werden. Die Wahrheit war, daß man sie in voller Ungebundenheit hatte aufwachsen lassen, daß sie nichts anderes als schreiben und lesen gelernt hatte, daß sie sich dann selbst eine oberflächliche Bildung angeeignet hatte, indem sie ihrem Onkel half. Aber es bestand zwischen ihnen keinerlei fester Plan; er hatte aus ihr kein Wunderding machen wollen, sie hatte sich nur für die Naturgeschichte begeistert, welche ihr alles von dem Manne und dem Weibe enthüllt hatte. Aber sie hatte trotz ihrer unbewußten und reinen Sehnsucht nach der Liebe sich dabei ihre jungfräuliche Reinheit bewahrt wie eine Frucht, die keine Hand je berührte, ohne Zweifel dank jenem tiefen Gefühl der Frau, welches sie das Geschenk ihres ganzen Wesens bewahren lehrt, ihr gänzliches Aufgehen in dem Manne, den sie lieben wird.
Sie steckte ihre Haare auf und wusch sich mit viel Wasser; dann öffnete sie, da sie ihre Ungeduld nicht länger bezähmen konnte, leise die Thüre ihres Zimmers und wagte es, auf den Zehenspitzen geräuschlos den großen Arbeitssaal zu durchschreiten. Die Läden waren zwar noch geschlossen, aber sie sah darin doch noch deutlich genug, daß sie sich nicht an den Möbeln stieß. Als sie das andere Ende erreicht hatte vor der Zimmerthür des Doktors, beugte sie sich vor, ihren Atem anhaltend. War er schon aufgestanden? Was konnte er thun? Sie hörte ihn deutlich mit kurzen Schritten hin und her gehen. Ohne Zweifel kleidete er sich an. Niemals hatte sie dieses Zimmer betreten, wo er gewisse Arbeiten zu verbergen pflegte und welches verschlossen blieb wie ein Heiligtum. Eine Angst hatte sie ergriffen, nämlich die, von ihm hier gefunden zu werden, wenn er die Thüre öffnete; und das verursachte ihr große Unruhe, ihr Stolz empörte sich dagegen und es rief zugleich in ihr den Wunsch hervor, ihren Gehorsam zu zeigen. Ein fieberhaftes Schütteln durchlief sie, was sie bisher noch nicht gekannt hatte. Einen Augenblick war das Verlangen, sich mit ihm auszusöhnen, so stark, daß sie im Begriffe stand, zu klopfen. Dann, als das Geräusch der Schritte sich näherte, lief sie wie toll davon.
Bis um acht Uhr befand sich Clotilde in wachsender Aufregung. Jede Minute blickte sie nach der Uhr, die aus dem Kamin ihres Zimmers stand. Es war eine Uhr im Empirestil von vergoldeter Bronze mit einem Stein, an welchen gelehnt der lächelnde Amor die eingeschlafene Zeit betrachtete. Es war von jeher Sitte, daß sie um acht Uhr hinunter ging, um im Eßzimmer mit dem Doktor zusammen das erste Frühstück einzunehmen. Während sie noch wartete, machte sie mit peinlicher Sorgfalt Toilette, sie frisirte sich, zog ihre Stiefel an, schlüpfte in ein Kleid von weißer Leinwand mit roten Punkten. Dann erfüllte sie, da sie noch eine Viertelstunde Zeit hatte, einen alten Wunsch, sie setzte sich hin und nähte eine kleine Spitze, die Nachahmung einer Spitze von Chantilly, auf eine Arbeitsbluse, jene schwarze Bluse, die doch, wie sie schließlich gefunden hatte, zu wenig für eine Frau passend war. Als es aber acht Uhr schlug, legte sie die Arbeit beiseite und ging rasch hinunter.
»Sie werden allein frühstücken,« sagte Martine gelassen im Eßzimmer.
»Wieso?«
»Ja, der Herr Doktor hat mich gerufen, und ich habe ihm sein Ei durch die kleine Oeffnung in seiner Thüre hineingeschoben. Der ist noch bei seinem Mörser und bei seinem Filter. Wir werden ihn nicht vor Mittag zu sehen bekommen.«
Clotilde war sehr bestürzt und ihre Wangen bleich. Sie trank ihre Milch stehend, nahm ein kleines Brot mit und folgte der alten Haushälterin in die Küche. In dem Erdgeschoß befand sich außer dem Eßzimmer und der Küche nur noch ein öder Saal, wo man den Vorrat nn Kartoffeln aufbewahrte. Früher, als der Doktor noch Patienten bei sich empfing, hielt er dort seine Konsultationen ab; aber seit Jahren hatte man den Schreibtisch und den Fauteuil in sein Zimmer hinaufgeschafft. Es war außerdem noch ein anderes kleines Gelaß vorhanden, das seinen Ausgang in die Küche hatte: die ungemein saubere Kammer der alten Martine, mit einem Waschtisch, und ihrem einfachen, von weißen Vorhängen umrahmten jungfräulichen Bett.
»Du glaubst also, daß er sich wieder daran gemacht hat, sein Elixir zu fabriziren?« fragte Clotilde.
»Es kann nichts anderes sein als das. Sie wissen ja, daß er das Essen und Trinken vergißt, wenn ihn das packt.«
Daraus machte sich der ganze Kummer des jungen Mädchens in dem tiefen Seufzer Lust:
»O mein Gott! Mein Gott!«
Und während Martine daran ging, ihr Zimmer zu ordnen, nahm sie einen Sonnenschirm von dem Kleiderhaken und begab sich ganz verzweifelt in den Garten, um ihr Brot zu essen, da sie nicht wußte, wie sie bis Mittag die Zeit hinbringen sollte.
Es waren beinahe schon siebenzehn Jahre vergangen, seitdem der Doktor, entschlossen, sein kleines Haus in der Stadt zu verlassen, die Souleiade für circa zwanzigtausend Franken gekauft hatte. Sein Wunsch war, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und zugleich auch der kleinen Tochter seines Bruders Saccard, die ihm dieser gerade damals von Paris geschickt hatte, mehr Freiheit und Vergnügen zu verschaffen. Diese Souleiade, vor den Thoren der Stadt auf einem Plateau gelegen, das die Ebene beherrschte, war eine alte, umfangreiche Besitzung, deren weite Ländereien jedoch auf weniger als zwei Hektare durch vorteilhafte Verkäufe zusammengeschmolzen waren, abgesehen davon, daß die Eisenbahn die letzten pflügbaren Aecker in Besitz genommen hatte. Das Haus selbst war zur Hälfte durch eine Feuersbrunst zerstört worden; nur einer der beiden...




