Zola | Die Lebensfreude | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 12, 296 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

Zola Die Lebensfreude


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22788-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 12, 296 Seiten

Reihe: Die Rougon-Macquart

ISBN: 978-87-28-22788-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Normandie in den 1860er Jahren. Pauline wird von ihrem Onkel und ihrer Tante adoptiert, nachdem ihre Eltern verstorben sind. Wenige Jahre später wird sie mit ihrem Cousin Lazare verlobt. Doch ihre Tante strebt vor allem nach Paulines Vermögen. Als Lazare sich in die wohlhabende Louise verliebt, wird Pauline auf eine harte Probe gestellt.-

Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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Erstes Kapitel


Als die Kuckucksuhr im Speisezimmer die sechste Stunde schlug, gab Chanteau jede Hoffnung auf. Er erhob sich mühsam aus dem Lehnsessel, in dem er vor einem Koksfeuer seine schwerfälligen, gichtkranken Beine wärmte. Seit zwei Stunden bereits wartete er auf seine Frau, die nach einer Abwesenheit von fünf Wochen ihm heute ihre kleine Base Pauline Quenu zuführen sollte, eine zehnjährige Waise, deren Vormundschaft das Ehepaar übernommen hatte.

»Es ist unbegreiflich, Veronika«, sagte er, indem er die Tür zur Küche aufstieß. »Es muß ihnen ein Unglück geschehen sein.«

Die Magd, ein stattliches Mädchen von fünfunddreißig Jahren mit Männerhänden und der Miene eines Gendarmen, nahm gerade eine Hammelkeule vom Feuer, die zweifellos bereits mehr als gar geschmort war. Sie brummte nicht, doch der Zorn entfärbte die rauhe Haut ihrer Wangen.

»Die Frau wird in Paris geblieben sein«, gab sie trocken zur Antwort. »Diese Geschichten nehmen schon sowieso kein Ende mehr, das Haus ist bereits auf den Kopf gestellt.«

»Nicht doch,« erklärte Chanteau, »die Depesche von gestern abend sprach von der endgültigen Regelung der Angelegenheiten der Kleinen ... Meine Frau muß heute früh bereits in Caen eingetroffen sein, wo sie einen kleinen Aufenthalt nehmen wollte, um bei Davoine vorzusprechen. Um ein Uhr ist sie weitergefahren, um zwei Uhr ist sie in Bayeux ausgestiegen; um drei Uhr hat sie der Omnibus von Vater Malivoire in Arromanches abgesetzt, und selbst wenn Malivoire seinen alten Wagen nicht sofort angeschirrt haben sollte, hätte meine Frau trotzdem bereits gegen vier Uhr hier sein können, spätestens um halb fünf. Von Arromanches bis Bonneville sind kaum zehn Kilometer.«

Die Köchin hörte alle diese Berechnungen an, ohne den Blick von ihrer Hammelkeule abzuwenden, und zuckte nur mit dem Kopfe. Nach kurzem Zögern setzte Chanteau hinzu:

»Du solltest einmal bis zur Ecke gehen, Veronika.«

Sie sah ihn an, und der verhaltene Zorn machte sie noch bleicher.

»So? Und warum? ... Herr Lazare panscht draußen schon bis zu ihrer Ankunft im Schmutze herum; es verlohnt sich gerade, daß ich mich auch noch bis zu den Schenkeln vollschlampe.«

»Es ist nur, weil auch der Junge mir angst zu machen beginnt«, bemerkte Chanteau sanft ... »Er kommt auch nicht wieder. Was hat er nur seit einer Stunde auf der Straße zu suchen?«

Veronika nahm, ohne ein Wort weiter zu verlieren, einen alten, schwarzen Wollschal vom Nagel, den sie über Kopf und Arme zog. Als ihr Herr ihr auf den Flur hinaus folgte, sagte sie schroff zu ihm:

»Machen Sie nur, daß Sie wieder an Ihr Feuer kommen, sonst heulen sie morgen vor Schmerzen den ganzen lieben Tag.«

Auf der Vortreppe zog sie ihre Holzschuhe an, nachdem sie die Tür eilig zugeschlagen hatte, und schrie dabei in den Wind hinaus:

»Gott von einem Gotte! Muß so eine Rotznase kommen, die sich schmeicheln kann, uns alle toll zu machen!«

Chanteau regte sich nicht weiter auf. Er war bereits an die heftige Art des Mädchens gewöhnt, das mit fünfzehn Jahren in den ersten Monaten seiner Ehe bei ihm in den Dienst getreten war. Als das Klappern ihrer Holzschuhe verhallt war, machte er sich wie ein Schulbube auf Ferien davon. Er pflanzte sich am anderen Ende des Flurs hinter einer Glastür auf, welche die Aussicht auf das Meer bot. Ein kleiner, dickbäuchiger Mann mit farblosem Gesicht, stierte er mit seinen großen, hervorquellenden blauen Augen unter der schneeigen Hülle seiner kurz geschorenen Haare einen Augenblick gedankenlos den Himmel an. Er zählte erst sechsundfünfzig Jahre, die Gichtanfälle hatten ihn jedoch frühzeitig gealtert. Von seiner Besorgnis abgelenkt, dachte er mit in die Weite sich verlierenden Blicken darüber nach, daß die kleine Pauline schließlich wohl auch Veronika für sich gewinnen werde.

War es im übrigen seine Schuld? Als der Pariser Notar ihm schrieb, daß sein seit sechs Monaten verwitweter Vetter Quenu ebenfalls gestorben sei und ihn, Chanteau, laut Testament zum Vormunde seines Töchterchens ernannt habe, hatte er es nicht über sich vermocht, sich dieser Aufgabe zu entziehen. Man kannte sich allerdings kaum, denn die Familie hatte sich hierhin und dorthin zerstreut. Chanteaus Vater hatte ehedem einen Handel mit Holz aus dem Norden begonnen, nachdem er vom Süden fortgezogen war und ganz Frankreich als schlichter Zimmergeselle durchwandert hatte. Der kleine Quenu dagegen war nach dem Tode seiner Mutter nach Paris verschlagen, wo ein anderer Oheim ihm späterhin eine große Wurstmachern mitten im Hallenviertel abgetreten hatte. Man war sich kaum zwei- oder dreimal begegnet, seitdem Chanteau, durch seine Schmerzen gezwungen, sein Geschäft aufgegeben hatte und mehrfach nach Paris gekommen war, um einige medizinische Berühmtheiten zu Rate zu ziehen. Die beiden Männer schätzten sich aber gegenseitig, auch hatte der Sterbende vielleicht gedacht, daß seinem Kinde die Seeluft gut tun werde. Im übrigen war dieses als Erbin einer Wursthandlung gewiß nichts weniger als eine Last. Frau Chanteau war daher sofort mit allem einverstanden und zwar so lebhaft, daß sie selbst ihrem Manne die gefährliche Strapaze einer Reise abzunehmen wünschte. Sie war allein gefahren und hatte mit ihrem gewohnten Drange nach Tätigkeit die Pariser Straßen abgelaufen, um diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Chanteau wünschte nichts weiter, als daß seine Frau zufrieden war.

Aber warum kamen die beiden noch immer nicht? Angesichts des blassen Himmels, an dem der Westwind große schwarze Wolken gleich berußten Fetzen dahinführte, deren Löcher und Risse weit über das Meer sich schleppten, befielen ihn von neuem allerlei Befürchtungen. Es tobte gerade einer jener Sonnenwendestürme, wo die Brandung wütend die Küsten peitscht. Die Flut, die erst zu steigen begann, zeichnete sich am Horizont nur wie ein weißer Saum, ein feiner, sich verlierender Gischt ab. Das an diesem Tage so weithin bloßgelegte Ufer, diese Meilenweite von düsteren Klippen und Seegras, diese kahle, mit Pfützen durchsetzte Ebene war unter der sinkenden Dämmerung der Flucht aufgescheuchter Wolken von einer erschreckenden Trübseligkeit. »Der Wind mag sie auch in einen Graben geschleudert haben«, sagte Chanteau zu sich.

Ein Bedürfnis nach Umschau wurde in ihm lebendig. Er öffnete die Glastür und wagte sich mit seinen Pantoffeln aus Stoffleisten auf die den Ort beherrschende Terrasse hinaus. Einige vom Orkan verwehte Regentropfen schlugen ihm in das Gesicht, der Wind klatschte ihm den blauen, grobwollenen Rock an den Körper. Er krümmte zwar den Rücken, wich aber nicht zurück, trotzdem er ohne Mütze war. Er lehnte sich über die Brüstung, um die unten vorbeiführende Straße überschauen zu können. Diese Straße kam zwischen zwei Abhängen hervor: Ein Axthieb in den Felsen schien eine Schlucht geöffnet zu haben, die auch die wenigen Meter Erde geliefert hatte, in welche die fünfundzwanzig oder dreißig baufälligen Hütten von Bonneville eingesetzt waren. Jede Hochsee, so sollte man meinen, mußte sie auf ihrem schmalen Bette von Strandschiefer gegen die Felsen schmettern. Zur Linken sah man einen kleinen Ankerplatz, eine Sandbank, auf die Männer etwa zehn Barken unter regelmäßigem Rufen zu ziehen sich bemühten. Das Dorf zählte kaum zweihundert Bewohner. Sie lebten schlecht genug vom Meere, klebten aber mit der blöden Verbohrtheit von Schleimtieren an ihrem Felsen. Über den Winter für Winter eingeschlagenen, elenden Dächern sah man auf dem steilen Gestade in halber Höhe rechts nur die Kirche und links das Haus der Chanteau, beide getrennt durch die Schlucht der Landstraße. Das war ganz Bonneville.

»Oh! He! Welch hundsföttisches Wetter?« rief jemand.

Chanteau blickte auf und erkannte den Pfarrer, Abbé Horteur, einen untersetzten Mann von bäuerlich derber Gestalt, dessen fünfzig Jahre seine roten Haare noch nicht gebleicht hatten. Auf einem Teile des Friedhofgeländes vor der Kirche hatte sich der Pfarrer einen Küchengarten geschaffen. Dort stand er und betrachtete eben die ersten Salatstauden. Die Sutane hatte er zwischen die Schenkel geklemmt, damit der Wind sie ihm nicht über den Kopf schlage. Chanteau, der nicht gegen den Sturm zu sprechen vermochte, mußte sich mit einer grüßenden Handbewegung zufrieden geben.

»Ich glaube, sie tun gut, die Boote auf das Trockene zu bringen«, fuhr der Pfarrer aus vollem Halse fort. »Gegen zehn Uhr werden sie tanzen.«

In diesem Augenblicke schlug richtig ein Windstoß ihm den Priesterrock über den Kopf und er verschwand hinter der Kirche.

Chanteau hatte sich nun gewandt und hielt mit hochgezogenen Schultern den Anprall aus. Seine Augen standen ihm voll Wasser. Er warf einen Blick auf seinen vom Meere verwüsteten Garten und auf den zweigeschossigen Ziegelbau mit den fünf Fenstern nach vorne, deren Läden trotz...



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