E-Book, Deutsch, 409 Seiten
Zola Die Bestie im Menschen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1809-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 409 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1809-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der abgründige Roman und Band 17 der Rougon-Macquart-Reihe handelt von einer Dreiecksbeziehung zwischen Ehemann, Ehefrau und Vormund und einem Mord in einem Zug.
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Drittes Kapitel
Am folgenden Tage, einem Sonntage, um fünf Uhr Morgens –es läuteten gerade alle Glocken von Havre –betrat Roubaud die Abfahrtshalle, um seinen Dienst anzutreten. Es war noch vollständig Nacht, aber der vom Meere herausstreichende Wind hatte zugenommen und vertrieb die Nebel von den Abhängen der Höhen, die sich von Saint-Adresse bis zum Fort von Tourneville erstrecken. Im Westen hellte sich der Himmel ein wenig auf, an einem Stückchen blauen Himmel blitzten die letzten Sterne. In der Halle brannten noch immer die Gaslampen, doch ihr Licht schien der frostige Morgenhauch zu bleichen. Arbeiter formirten unter der Aufsicht des Unter-Inspectors vom Nachtdienst den ersten Frühzug nach Montvilliers. Die Thüren der Wartesäle waren noch geschlossen, verödet ruhten noch die Perrons beim starren Erwachen des Bahnhofs.
Als Roubaud seine über den Wartesälen gelegene Wohnung verließ, hatte er die Frau des Kassirers Lebleu wie eine Bildsäule im Hauptkorridor bemerkt, auf welchen die Wohnungen der Beamten sämmtlich führten. Seit Wochen schon erhob sich diese Dame mitten in der Nacht, um Fräulein Guichon, der Billetverkäuferin aufzulauern, welche nach ihrer Meinung mit dem Bahnhofsvorsteher, Herrn Dabadie, verbotenen Umgang pflegte. Uebrigens hatte sie nie etwas entdecken können, nicht einen Schatten, nicht einen Athemzug. An diesem Morgen aber kehrte sie schnurstracks zu ihrem Gatten zurück, denn sie hatte mit Erstaunen bemerkt, als Roubaud eine Sekunde nur die Thür öffnete, um fortzugehen, daß die schöne Séverine schon fertig angezogen, frisirt und gestiefelt im Eßzimmer stand, sie, die sonst gewöhnlich bis neun Uhr im Bett lag. Frau Lebleu hatte sofort ihren Mann geweckt, um dieses außerordentliche Ereigniß zu melden. Am Abend vorher hatten sie sich erst nach Ankunft des Pariser Schnellzuges um elf Uhr fünf Minuten zur Ruhe begeben, weil sie vor Verlangen brannten, zu erfahren, was aus der Geschichte mit dem Unterpräfekten geworden war. Aus der Haltung der Roubauds halten sie indessen nichts zu entnehmen vermocht, die hatten eben ausgesehen wie alle Tage. Und bis nach Mitternacht hielten sie die Ohren gespitzt: aber kein Geräusch drang aus der Wohnung ihrer Nachbarn, die waren jedenfalls sofort entschlummert. Ihre Reise hatte trotzdem wohl kein gutes Resultat gebracht, sonst wäre Séverine nicht so frühzeitig aufgestanden. Als der Kassirer fragte, was für ein Gesicht jene gemacht hätte, gab sich seine Frau alle Mühe, es zu schildern: sie hätte sehr starr und bleich geblickt mit ihren großen, blauen, unter den schwarzen Haaren hervorblitzenden Augen; auch hätte sie sich nicht gerührt, kurz wie eine Nachtwandlerin wäre sie ihr erschienen. Im Laufe des Tages würde man ja erfahren, was eigentlich los wäre.
Unten traf Roubaud seinen Kollegen Moulin, der Nachtdienst gehabt. Er übernahm von diesem den Dienst, während dieser einige Schritte mit ihm ging und ihm erzählte, was alles während der Nacht passirt war; man hatte Diebe abgefaßt, gerade als sie sich in den Gepäckraum schleichen wollten. Drei Mann hätten wegen Ungehorsams fortgeschickt werden müssen, ein Kuppelgewinde sei während des Rangirens des Zuges nach Montvilliers gebrochen. Roubaud hörte schweigend mit ruhiger Miene zu. Er war ein wenig bleich, wahrscheinlich in Folge noch nicht überwundener Müdigkeit, worauf auch die gesenkten Augenlider schließen liehen. Er sah so aus, als hätte er seinen Kollegen noch fragen wollen, ob sonst etwas passirt wäre, als Jener schwieg. Doch unterließ er es. Es war das wohl alles. Er senkte den Kopf und blickte einen Augenblick zu Boden.
Die beiden Männer waren auf dem Bahnsteig bis zum Ende der bedeckten Halle gelangt und standen jetzt da, wo rechter Hand sich eine Remise befand, in welcher die Waggons untergebracht waren, die am gestrigen Abend angekommen. Er erhob den Kopf und seine Augen hefteten sich auf einen Waggon erster Klasse, welcher nur ein Coupé hatte und die Nummer 293 zeigte, wie im flackernden Lichte einer Gaslaterne zu lesen war. In diesem Augenblick sagte der Andere:
»Ah, ich vergaß ...«
Roubaud's bleiches Gesicht färbte sich, er konnte eine leise Bewegung nicht unterdrücken.
»Ich vergaß,« wiederholte Moulin, »dieser Wagen soll hier bleiben, lassen Sie ihn also nicht in den Schnellzug um sechs Uhr vierzig rangiren.«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fragte Roubaud in höchst natürlichem Tone:
»Warum das?«
»Weil ein reservirtes Coupé für den Abendschnellzug bestellt ist. Man weiß nicht, ob wahrend des Tages eins eintrifft, daher soll dieses hierbehalten werden.«
Er blickte den Waggon noch immer an und sagte:
»Wohl möglich.«
Doch ein anderer Gedanke beschäftigte ihn bereits und diesem gab er sofort Worte:
»Das ist doch abscheulich! Sehen Sie nur, wie diese Hallunken waschen! Der Waggon sieht aus, als ob der Schmutz von acht Tagen noch nicht weggebracht ist.«
»Das will ich schon glauben,« erwiderte Moulin, »um die Züge, die nach elf Uhr Abends ankommen, kümmert sich keine Seele ... Man muß zufrieden sein, wenn sich die Kerle noch zu einer Visitation verstehen. Haben sie doch eines Abends einen Reisenden in seiner Ecke bis zum nächsten Morgen weiterschlafen lassen!«
Er unterdrückte ein Gähnen und meinte, er wollte sich noch ein wenig hinlegen. Er wollte schon gehen, als ihn die Neugier nochmals bleiben hieß.
»Nun, und Ihre Angelegenheiten mit dem Unterpräfecten, Alles gut abgelaufen?«
»Ja, wir hatten eine glückliche Reise, ich bin zufrieden.«
»Desto besser ... Denken Sie daran, daß 293 hier bleibt.«
Als Roubaud sich allein befand, ging er langsam zum Zuge nach Montvilliers, der fertig wartete. Die Saalthüren waren schon geöffnet und Reisende erschienen, einige Jäger mit ihren Hunden, zwei oder drei Kleinbürgerfamilien, die den Sonntag benutzen wollten, im Ganzen nur wenige Menschen. War dieser Zug erst fort, dann war keine Zeit zu verlieren, denn er mußte gleich darauf den Bummelzug um fünf Uhr fünfundvierzig Minuten nach Rouen und Paris rangiren lassen. Um diese Tageszeit war das Betriebspersonal noch nicht in genügender Anzahl zur Stelle, der diensthabende Unter-Inspector hatte dann alle möglichen Obliegenheiten. Kaum war er mit der Überwachung des Rangirens fertig –jeder Waggon mußte einzeln aus der Remise geholt und von den Arbeitern auf den in der Halle rangirten Zug geschoben werden –hatte er nach dem Vestibül zu eilen, um bei der Billetausgabe und der Gepäckexpedition selbst nachzuschauen. Eine Streitigkeit war zwischen einem Beamten und einigen Soldaten entstanden, die er beilegen mußte. Eine halbe Stunde hindurch hatte er inmitten des eisigen Zugwindes und der frierenden, noch halb schlafenden und in Folge des Gedränges im Dunkeln in schlechter Laune befindlichen Fahrgäste keine Sekunde Zeit, an sich zu denken. Kaum war der Bummelzug aus dem Bahnhof, mußte er den Weichensteller aufsuchen und sich selbst überzeugen, daß hier Alles glatt ging, denn ein directer Zug von Paris kam gleich mit Verspätung an. Er ging sofort zurück und überwachte das Aussteigen der Reisenden, wartete bis der Strom der Reisenden die Billets abgegeben hatte, und sah sich durch die Hotelwagen hart bedrängt, die in so früher Morgenstunde in der Halle warten durften und von den Schienen nur durch eine einfache Barriere getrennt waren. Dann erst, als der Bahnhof wieder einsam und verlassen dalag, konnte er etwas aufathmen.
Es schlug sechs Uhr. Roubaud verließ die bedeckte Halle wie ein müßiger Spaziergänger. Draußen, vor sich die freie Fernsicht, erhob er den Kopf und athmete auf. Endlich sah er den Morgen anbrechen, einen schönen, klaren Morgen, denn der Seewind hatte die Nebel ganz verjagt. Er sah im Norden sich die Küste von Ingouville bis zu den Bäumen des Kirchhofes als ein violetter Streifen vom erbleichenden Himmel abheben; sich nach Süden und Westen wendend, bemerkte er das letzte weißliche Gewölk davonschweben, als segle ein Geschwader in der Ferne. Der ganze Osten aber über dem mächtigen Plateau der Seinemündung flammte auf in Erwartung des baldigen Aufgehens der Sonne. Fast unbewußt nahm Roubaud die Dienstmütze mit dem Goldstreifen vom Kopfe, um seine Stirn in der frischen, reinen Luft zu kühlen. Dieser wohlbekannte Horizont, das mächtige Gebiet der Bahnhofsanlagen, links die Ankunftsseite, dann der Lokomotivenschuppen, rechts die Güterexpedition, eine ganze Stadt, schien ihm die Ruhe zurückzugeben und ihn zur Aufnahme seiner täglichen, stets gleichen Beschäftigung fähig zu machen. Jenseits der Mauer der Rue Charles Laffitte qualmten die Fabrikschornsteine, riesige Haufen von Kohlen sah man längs des Bassins Vauban lagern. Aus den anderen Bassins schallte schon Leben herauf. Das Pfeifen der Güterzüge, das Brausen und der Geruch der Wogen, das ihm der Wind zutrug, lenkten seine Gedanken auf das heutige Fest und das Schiff, zu dessen Stapellauf die Menge drängen würde.
Als Roubaud die bedeckte Halle wieder betrat, fand er das Personal mit der Zusammenstellung des sechs Uhr vierzig Schnellzuges beschäftigt; er glaubte, daß man auch den Waggon 293 nähme, und ein jäher Zornesausbruch hob die Wirkung seiner Abkühlung in der frischen Morgenluft wieder auf.
»In des Teufels Namen, nicht den...




