E-Book, Deutsch, Band 10, 360 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
Zola Der häusliche Herd
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22786-2
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 10, 360 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
ISBN: 978-87-28-22786-2
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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Zweites Kapitel
Als Frau Josserand, ihre Töchter voran, die Abendgesellschaft bei Frau Dambreville verließ – die im vierten Stockwerk eines Hauses der Rivoli-Straße an der Ecke der Oratoriumsstraße wohnte – warf sie in einem plötzlichen Ausbruch ihres seit zwei Stunden zurückgehaltenen Zornes die Haustüre wütend zu. Berta, ihre jüngere Tochter, hatte wieder einmal eine Partie verfehlt.
Nun, was macht ihr da, rief sie zornig ihren Töchtern zu, die unter der Torwölbung stehen geblieben waren und den vorüberfahrenden Droschken nachblickten. So geht doch!... Glaubt ihr gar, daß ich eine Droschke nehmen werde... Um noch weitere zwei Franken auszugeben, was?
Das wird hübsch werden bei dem Schmutz, meinte Hortense, die ältere Tochter. Meine Schuhe werden es kaum überstehen.
Vorwärts! rief die Mutter wütend. Wenn ihr keine Schuhe mehr habt, bleibt ihr im Bett, – damit ist es gut. Was nützt es auch, daß man euch unter die Leute führt?!
Berta und Hortense ließen die Köpfe hängen und wandten sich der Oratoriumsstraße zu; sie hoben ihre langen Röcke so hoch über ihre Krinolinen, wie es möglich war und gingen mit eingezogenen Schultern, fröstelnd unter ihren dünnen Mantillen dahin. Hinter ihnen kam Frau Josserand, eingehüllt in einen alten Pelz von abgetragenem Grauwerk. Alle drei waren ohne Hüte, das Haar bedeckt mit einem Spitzenschleier, einer Haartracht, die bewirkt, daß die wenigen Fußgänger, die in so vorgerückter Abendstunde heimkehrten, sich überrascht umwandten, um diesen Damen nachzublicken, welche die Häuser entlang, eine hinter der andern, mit gekrümmtem Rücken sorgfältig dem Schmutz auszuweichen suchten und dahineilten. Die Erbitterung der Mutter stieg noch, wenn ihr einfiel, wie oft sie seit drei Jahren in ähnlicher Weise den Heimweg angetreten hatten mit zerknitterten Toiletten durch den Morast der Straßen, verhöhnt von verspäteten Lümmeln. Nein! Sie hatte jetzt entschieden genug davon, ihre Töchter in allen vier Enden von Paris herumzuschleppen, ohne sich eine Droschke gönnen zu dürfen, aus Furcht, sich am folgenden Tage eine Speise beim Essen absparen zu müssen.
Und das bringt Heiratspartien zusammen, sagte sie laut, von Frau Dambreville mit sich selber sprechend, gleichsam um sich zu trösten, während ihre Töchter, von ihr fast unbeachtet, in die Honoriusstraße einbogen. Saubere Partien übrigens! Eine Schar Zieraffen, die, Gott weiß woher, zu ihr kommen. Ach, wenn man nicht gezwungen wäre! ... Da ist zum Beispiel ihr neuester Erfolg, diese junge Frau, mit der sie prunkte, gleichsam um uns zu zeigen, daß es nicht immer fehlschlägt ein sauberes Exemplar, ein unglückliches Kind, das nach einem Fehltritt, den es begangen, wieder auf sechs Monate ins Kloster gesteckt werden mußte, um frisch gebleicht zu werden.
Als die Mädchen über den Königsplatz gingen, entlud sich ein Platzregen. Das gab ihnen den Rest. Bei jedem Schritte ausgleitend, völlig durchnäßt, blieben sie wieder stehen und blickten den Droschken nach, die leer vorbeifuhren.
Vorwärts! schrie die Mutter unbarmherzig. Wir sind ja jetzt ganz nahe zu Hause, es lohnt nicht mehr die Mühe, vierzig Sous zu bezahlen. Euer Bruder Leo ist auch ein sauberer Filz! Aus Furcht, den Wagen bezahlen zu müssen, hat er sich geweigert, mit uns zu kommen. Wenn er bei dieser Dame findet, was er sucht – umso besser! Aber sauber scheint mir die Sache nicht. Eine Frau über die Fünfzig, die nur junge Leute empfängt! Eine ehemalige Nichtsnutzige, die irgendeine hohe Persönlichkeit mit diesem Schwachkopf Dambreville verheiratet und ihn dafür zum Bürochef gemacht hat.
Hortense und Berta trabten im Regen hintereinander her und schienen nichts von all dem zu hören. Wenn ihre Mutter sich in solcher Weise das Herz erleichterte, alle Rücksichten außer acht lassend, der schönen Erziehung vergessend, die sie ihnen zu geben meinte, dann waren sie gewohnt, taub zu sein. In der finstern und öden Leitergasse verlor Berta endlich die Geduld.
Nein, das ist nett! Jetzt verliere ich einen Schuhabsatz! ... Ich kann nicht weiter!
Frau Josserand ward schrecklich.
Wollt ihr wohl gehen! ... Hört ihr mich klagen? ... Paßt es mir, zu solcher Stunde und bei solchem Wetter in den Straßen umherzupatschen? ... Ja, wenn ihr einen Vater hättet wie andere Väter! Aber nein, der Herr bleibt zu Hause, um der Ruhe zu pflegen. Immer habe ich das Vergnügen, euch in Gesellschaft zu führen; er will nichts davon wissen. Ich erkläre euch, daß ich es satt habe bis an den Hals. Euer Vater soll mit euch gehen, wenn er will. Ich habe keine Lust, Häuser zu besuchen, wo ich nur Gift und Galle bekomme! ... Soll ich auch das nicht von diesem Manne haben können, der mich über seine Fähigkeiten getäuscht hat? ... Nein, den würde ich auch nicht wieder zum Manne nehmen, wenn ich von vorne anfangen sollte.
Die jungen Mädchen widersprachen nicht mehr. Sie kannten zur Genüge dieses unversiegbare Kapitel über die zerstörten Hoffnungen ihrer Mutter. Die Spitzenschleier klebten durchnäßt an ihren Gesichtern, die Schuhe waren voll Wasser – so gingen sie schweigend die Annenstraße entlang. In der Choiseul-Straße sollte vor ihrem Hause Frau Josserand eine letzte Demütigung erfahren: da ward sie von dem Wagen der Familie Duverdy bespritzt, die eben von einer Abendgesellschaft heimkehrte.
Obgleich kreuzlahm und wütend, fanden die Damen Josserand, Mutter und Töchter, ihre Anmut wieder, als sie auf der Treppe Octave begegneten. Als aber einmal die Türe hinter ihnen geschlossen war, drängten sie sich in aller Hast, überall an die Möbel stoßend, durch die dunklen Zimmer und eilten in den Speisesaal, wo Herr Josserand bei dem matten Lichte einer kleinen Lampe schrieb.
Verfehlt! schrie Frau Josserand, auf einen Stuhl sinkend.
Mit einer hastigen Bewegung riß sie sich den Schleier vom Kopfe, warf den Pelz auf eine Stuhllehne hin und erschien nun in einem feuerroten, mit schwarzem Samt besetzten Kleide, sehr dick, sehr tief ausgeschnitten, mit Schultern, die noch immer schön waren und den glänzenden Schenkeln eines Reitpferdes glichen. Ihr viereckiges Gesicht mit den hängenden Wangen und der dicken Nase drückte die tragische Wut einer Königin aus, die sich Zwang auferlegt, um nicht in die Sprache eines Fischweibes zu verfallen.
Ah! sagte einfach Herr Josserand, verblüfft durch diesen stürmischen Eintritt.
Er zuckte unruhig mit den Wimpern. Er fühlte sich vernichtet beim Anblicke seiner Frau, deren ungeheurer Busen ihn plattzudrücken drohte. In einem alten abgeschossenen Überrock, den er zu Hause trug, das Gesicht fast völlig verwischt durch fünfunddreißig Jahre Bürodienst, – so saß er da und betrachtete sie einen Augenblick mit seinen großen, blauen, glanzlosen Augen. Dann strich er seine ergrauenden Haarlocken hinter die Ohren zurück, und da er in seiner argen Verlegenheit kein Wort zu sägen wußte, suchte er seine Arbeit wieder aufzunehmen.
Verstehst du denn nicht? fuhr Frau Josserand in herbem Tone fort; ich sage, daß wir wieder eine Partie verfehlt haben, – und das ist die vierte!
Ja, ich weiß, die vierte! murmelte er; es ist verdrießlich, sehr verdrießlich! ...
Um der vernichtenden Nacktheit seiner Frau zu entgehen, wandte er sich mit einem freundlichen Lächeln zu seinen Töchtern. Sie hatten inzwischen gleichfalls ihre Spitzenschleier und Mäntel abgelegt; die ältere war in blauer, die jüngere in rosa Toilette; diese Toiletten von allzu freiem Schnitt und überladener Ausstattung waren an sich eine Herausforderung. Hortense hatte eine gelbe Gesichtsfarbe; das Gesicht war verunstaltet durch die dicke Nase, die sie von der Mutter geerbt und die ihr den Ausdruck geringschätzigen Eigensinns verlieh. Sie war kaum dreiundzwanzig Jahre alt, schien aber achtundzwanzig alt zu sein. Berta hingegen, die um zwei Jahre jünger war, bewahrte ihre kindliche Anmut; sie hatte wohl die nämlichen Züge, aber viel feiner und war glänzend weiß; die grobe Maske der Familie dürfte bei ihr erst viel später zum Vorschein kommen.
Wann wirst du uns endlich eines Blickes würdigen? schrie Frau Josserand ihrem Gatten zu. Um des Himmels willen, laß die Schreiberei, die mich schon nervös macht.
Aber, meine Liebe, sagte er sanft, ich mache Adreßschleifen.
Ach, ja! Adreßschleifen zu drei Franken das Tausend! ... Willst du vielleicht mit diesen drei Franken deine Töchter unter die Haube bringen?
Der von der Lampe schwach beleuchtete Tisch war in der Tat bedeckt mit bedruckten Adreßschleifen von grauem Papier, auf die Herr Josserand die Namen schrieb; er machte diese Arbeit im Auftrage eines großen Verlegers, der mehrere Zeitschriften herausgab. Da seine Bezüge als Kassierer nicht ausreichten, um den Haushalt zu bestreiten, verbrachte er ganze Nächte mit dieser undankbaren Arbeit, im...




