E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Zola Der häusliche Herd
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1817-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1817-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im zehnten Band der Rougon-Macquard-Reihe, der Saga einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich, schildert Zola das heuchlerische, verlogene, zum Schein sittsam tuende, dabei durch und durch verderbte und lasterhafte Bürgertum. Wir werden in ein großes Pariser Haus eingeführt, wo äußerlich alles so ordentlich, so streng, so fein säuberlich zugeht. Schon die hohen Türen auf den Fluren flößen Achtung ein; hinter diesen Türen aber, fast in jeder Wohnung, hausen Laster und Verworfenheit. Im Mittelpunkte der Geschehnisse steht Octave Mouret, ein Sohn Franz Mourets. Der junge Mann ist aus Plassans nach Paris gekommen, um da sein Glück zu machen, was ihm bei seiner angeborenen Zähigkeit und Geschicklichkeit auch gelingt, wie wir im folgenden elften Bande sehen werden.
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Vom folgenden Tage an beschäftigte sich Octave mit Valerie. Er erspähte ihre Gewohnheiten, erfuhr die Stunde, zu der er Aussicht hatte, ihr auf der Treppe zu begegnen, und wußte es so einzurichten, daß er oft in sein Zimmer hinaufzusteigen hatte, teils zur Zeit des Frühstücks, das er bei den Campardons nahm, teils, indem er aus dem Laden, wo er beschäftigt war, unter irgendeinem Vorwande auf kurze Zeit sich entfernte. Bald hatte er bemerkt, daß die junge Frau täglich um zwei Uhr ihr Kind in den Tuileriengarten spazieren führte, wobei sie durch die Gaillonstraße ging. Da stand er denn zu dieser Stunde in der Ladentüre, erwartete sie und grüßte sie im Vorübergehen mit dem ihm eigenen galanten Lächeln. Valerie erwiderte diesen Gruß stets mit einem höflichen Kopfnicken, ohne stehen zu bleiben; doch sah er ihre schwarzen Augen in Leidenschaft erglühen; er fand Aufmunterungen in ihrer zerstörten Gesichtsfarbe und in dem geschmeidigen Wiegen ihrer Taille.
Sein Plan war fertig, der kühne Plan eines Verführers, der gewohnt ist mit der Tugend der Ladenmädchen zu spielen. Es handelte sich einfach darum, Valerie in sein Zimmer im vierten Stock hinaufzulocken; die Treppe lag in feierlicher Stille da; niemand werde sie da oben entdecken; er lächelte bei dem Gedanken an die sittlichen Ermahnungen des Architekten, denn eine Frau » im Hause nehmen« heißt ja nicht, eine Frau » ins Haus nehmen«.
Ein Umstand beunruhigte jedoch Octave. Die Küche der Familie Pichon war von ihrem Speisezimmer durch den Gang getrennt, wodurch sie genötigt waren, ihre Türe häufig offen zu lassen. Um neun Uhr begab sich der Mann in sein Büro, um erst gegen fünf Uhr heimzukehren; an den geraden Tagen der Woche ging er nach dem Essen noch aus, um von acht Uhr bis Mitternacht in einem Geschäfte die Bücher zu führen. Die junge Frau war übrigens sehr scheu und pflegte, sobald sie den Schritt Octaves hörte, die Türe hastig zuzuwerfen. Er sah sie stets nur von rückwärts, gleichsam fliehend, mit ihren mattblonden Haaren, die in einem einzigen kleinen Knoten aufgesteckt waren. Durch die halboffene Tür hatte er bisher nur kleine Streifen ihres Hauswesens entdeckt, ärmliche, aber reinlich gehaltene Möbel von Mahagoni, Wäschestücke von einer erloschenen Weiße bei dem trüben Lichte eines Fensters, das er nicht sehen konnte, die Ecke eines Kinderbettchens im Hintergrunde eines zweiten Zimmers: die ganze eintönige Einsamkeit einer Frau, die vom Morgen bis zum Abend in dem kärglichen Haushalte eines Beamten reichlich zu schaffen hat. Übrigens hörte man niemals das geringste Geräusch; das Kind schien stumm und müde wie die Mutter; kaum hörte man hier und da das leise Summen eines Liedes, das die junge Frau vor sich hinsang. Octave war indes wütend über »dieses Äffchen«, wie er sie nannte, sie spionierte ihm vielleicht gar nach. Wenn die Türe dieser Pichons fortwährend so offen stand, werde Valerie niemals zu ihm hinaufkommen können.
Er war der Meinung, daß seine Angelegenheit im besten Gange sei. An einem Sonntage – der Gatte war eben abwesend – hatte Octave so geschickt zu manövrieren gewußt, daß er sich in dem Augenblick auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes befand, als Frau Valerie, bloß mit einem Frisiermantel bekleidet, von ihrer Schwägerin kommend, in ihre Wohnung zurückkehrte Sie konnte es nicht vermeiden, seine Anrede zu erwidern; sie blieben einige Minuten beisammen und tauschten Artigkeiten aus. Er schied mit der Hoffnung, ein nächstes Mal auch in ihre Wohnung eingelassen zu werden. Das andere werde sich bei einer Frau von solchem Wesen von selbst finden.
An jenem Abende ward bei den Campardons am Mittagstische von Valerie gesprochen. Octave suchte das Ehepaar Campardon zu Äußerungen über die junge Frau zu bewegen. Allein da Angela die Ohren spitzte und heimliche Blicke auf Lisa warf, die mit ernster Miene eine Hammelkeule auftrug, verbreiteten die Eltern sich zuerst in Lobeserhebungen über Frau Vabre. Der Architekt trat übrigens jederzeit für die Achtung des Hauses ein mit der Überzeugung eines stolzen Mieters, der aus der Rechtschaffenheit des Hauses auch für die eigene Person den entsprechenden Teil ableitete.
0, mein Lieber! Sehr anständige Leute ... Sie haben sie ja bei den Josserands gesehen. Der Mann ist durchaus nicht dumm; er ist vielmehr reich an Gedanken und wird schließlich etwas Bedeutendes erfinden. Was die Frau betrifft, so hat sie ihren eigenen »Stempel« – wie wir Künstler sagen.
Frau Campardon – die seit gestern wieder mehr litt und bei Tische mehr lag als saß, was sie nicht hinderte, bedeutende Stücke des halb blutigen Bratens zu verzehren, – fügte schmachtend hinzu:
Der arme Theophil ... Es geht ihm wie mir: er ist immer siech ... Sehen Sie, Valerie ist eine verdienstvolle Person; denn es ist wahrhaftig nicht sehr angenehm, an der Seite eines Mannes zu leben, der fortwährend vom Fieber geschüttelt wird, und den sein Zustand oft zänkisch und ungerecht macht.
Beim Nachtisch jedoch erfuhr Octave, der zwischen dem Architekten und dessen Frau saß, über diesen Gegenstand mehr, als er verlangt hatte. Sie vergaßen Angelas Anwesenheit, sprachen in halben Worten und verliehen dem Doppelsinn ihrer Äußerungen durch Augenzwinkern den entsprechenden Nachdruck; wenn ihnen ein Ausdruck fehlte, neigten sie sich zum Ohr Octaves und nannten das Ding beim rechten Namen. Alles in allem sei dieser Theophil ein Kretin und Unvermögender, der es verdiene, das zu sein, wozu seine Frau ihn mache. Valerie selbst tauge nicht viel; sie werde sich gewiß ebenso schlecht betragen, wenn ihr Mann sie befriedigt hätte, denn ihr Wesen reiße sie fort. Es sei übrigens bekannt, daß sie, als sie zwei Monate nach ihrer Verheiratung zu ihrer Verzweiflung sah, daß sie von ihrem Manne niemals ein Kind bekommen werde und daher Gefahr laufe, falls ihr Mann sterbe, die Erbschaft des alten Vabre zu verlieren, sich ihren kleinen Camille von einem Fleischerburschen aus der Annen-Straße hatte machen lassen.
Campardon neigte sich ein letztes Mal zu Octave und flüsterte:
Schließlich: – Sie werden begreifen, mein Lieber – sie ist eine hysterische Frau.
Er sprach dieses Wort mit der ganzen Unzüchtigkeit des ausgelassenen Spießbürgers, mit dem »vertrackten« Lächeln des Familienvaters aus, dessen plötzlich entfesselte Phantasie sich Szenen schlimmster Art ausmalte. Angela schaute auf ihren Teller und vermied den Blick Lisas, um nicht lachen zu müssen. Das Gespräch nahm jetzt eine andere Wendung, man sprach von den Piehons und war unerschöpflich in Lobeserhebungen.
Diese wackeren Leute! sagte Frau Campardon wiederholt Zuweilen erlaube ich Marie, wenn sie ihre kleine Lilitte spazieren führt, meine Angela mitzunehmen. Ich beteure Ihnen, Herr Mouret, daß ich meine Tochter nicht der erstbesten anvertraue: ich muß der Moralität der betreffenden Person vollkommen sicher sein. Nicht wahr, Angela, du liebst Marie sehr?
Ja, Mama.
Dann folgten weitere Einzelheiten über Frau Pichon. Man konnte kaum eine Frau von besserer Erziehung und strengeren Grundsätzen finden. Ihr Gatte ist denn auch sehr glücklich. Ein recht nettes, liebes Ehepaar, das sich gegenseitig anbetet, und bei dem man nie ein lautes Wort hört.
Man würde sie auch gar nicht im Hause behalten, wenn sie sich schlecht aufführten, sagte der Architekt ernst, indem er seine vertraulichen Mitteilungen über Valerie ganz vergaß. Wir wollen in diesem Hause nur ehrbare Leute ... Auf Ehre, ich würde die Miete an dem Tage kündigen, an dem meine Tochter der Gefahr ausgesetzt wäre, auf der Treppe unsoliden Leuten zu begegnen.
Er sollte diesen Abend insgeheim seine Kusine Gasparine in die Komische Oper führen. Er nahm denn auch gleich nach Beendigung des Essens seinen Hut, indem er ein Geschäft vorschützte, das ihn bis in die späte Nacht zurückhalten werde. Rosa schien jedoch von dieser Partie Kenntnis zu haben, denn als Campardon seine Gattin mit vieler Zärtlichkeit küßte, hörte Octave sie in ihrem ruhigen, mütterlichen Tone flüstern:
Amüsiere dich gut, mein Liebster, und gib acht, daß du dich nicht erkältest.
Am folgenden Tage hatte Octave einen Einfall: er gedachte Frau Pichon durch kleine Dienste zu gewinnen und sie in sein Spiel zu ziehen; dadurch hoffte er zu erreichen, daß sie die Augen zudrücken werde, wenn sie zufällig einmal Valerie überrasche. Noch am nämlichen Tage bot sich ihm eine Gelegenheit. Frau Pichon hatte die Gewohnheit, ihre Lilitte, die damals anderthalb Jahre alt war, in einem kleinen Korbwägelchen spazieren zu fahren; dieses Wägelchen war Herrn Gourd ein großes Ärgernis; er wollte niemals einwilligen, daß es über die Haupttreppe hinaufgeschafft werde, man mußte es über die Dienstbotentreppe hinaufbringen und, da oben die Türe der Wohnung zu eng war, mußte man jedesmal Räder und Deichsel ausheben, was eine ganze Arbeit war. An diesem Tage kam Octave eben hinzu, als seine Nachbarin, durch ihre Handschuhe behindert, sich viele Mühe gab, die Schrauben auszuziehen. Als sie merkte, daß er hinter ihr stehe und warte, bis sie den Gang freimache, verlor sie vollends den Kopf; ihre Hände zitterten.
Aber Gnädige, sagte er, warum machen Sie sich so viele Mühe? Es wäre doch einfacher, diesen Wagen dort im Hintergrunde des Ganges hinter meiner Türe stehen zu lassen.
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