Zola | Das Kunstwerk | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 438 Seiten

Zola Das Kunstwerk


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1818-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 438 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1818-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Band 14 der Rougon-Macquard-Reihe, die Saga eine französischen Familie unter dem Zweiten Kaiserreich. In diesem Band geht es um den Maler Claude Lanier, dessen innerer Zwist und Selbstzweifel mittelfristig zu einer Katastrophe führen.

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Drittes Kapitel.



Der Wochenbeginn war verhängnisvoll für Claude. Er war in einen jener Zweifel verfallen, die ihn die Malerei verabscheuen ließen mit dem Abscheu einer verratenen Seele; er überhäufte die Treulose mit Schmähungen und war doch gepeinigt von dem Bedürfnisse, sie noch mehr anzubeten. Am Donnerstag ging er nach drei furchtbaren Tagen vergeblichen, einsamen Ringens schon um acht Uhr aus, warf heftig die Tür zu, dermaßen angewidert von sich selbst, daß er schwur, nie wieder einen Pinsel anzurühren. Wenn eine dieser Krisen ihn aus dem Geleise schleuderte, gab es für ihn nur ein Heilmittel: sich vergessen, mit Kameraden Händel suchen und vor allem gehen, Paris durchstreifen, bis die Hitze und der Kampfesgeruch des Pflasters ihm wieder Mut machten.

Heute speiste er wie jeden Donnerstag bei Sandoz, wo es Gesellschaft gab. Aber was sollte er bis zum Abend anfangen? Der Gedanke, allein zu bleiben und sich in Gram zu verzehren, stürzte ihn in Verzweiflung. Er wäre sogleich zu seinem Freunde geeilt, wenn er nicht gewußt hätte, daß dieser noch in seinem Amtsbureau sei. Dann dachte er an Dubuche und zögerte, denn ihre alte Kameradschaft war seit einiger Zeit abgekühlt. Er vermißte in ihren Beziehungen jene Brüderlichkeit, die in Stunden nervöser Aufregungen sich bewährt; er fand ihn verständnislos, von einer dumpfen Feindseligkeit, anderen Bestrebungen nachhängend. Aber an welche Tür sollte er klopfen? Er entschloß sich dennoch, ging nach der Jakobstraße, wo der Architekt ein schmales Stübchen im sechsten Stockwerk eines großen Hauses von nüchternem Aussehen bewohnte.

Claude war schon im zweiten Stockwerk, als die Hausmeisterin ihn zurückrief und ihm in verdrossenem Tone nachschrie, Herr Dubuche sei nicht zu Hause und habe auch nicht zu Hause geschlafen. Langsam ging er wieder auf die Straße, verblüfft durch das ungeheuerliche Ereignis, daß Dubuche vom Pfade der Tugend abgewichen. Es war ein unglaubliches Mißgeschick. Einen Augenblick irrte er planlos umher; doch als er an der Ecke der Seinestraße stehen blieb und nicht wußte, nach welcher Seite er sich wenden solle, erinnerte er sich plötzlich, was sein Freund ihm erzählt hatte: er habe einmal eine Nacht im Atelier Doquersonnière zugebracht, eine letzte Nacht in furchtbarer Arbeit verbracht vor dem Tage, an dem die Schüler ihre Preisentwürfe in der Schule der schönen Künste einreichen mußten. Sogleich ging er nach der Bäckerstraße, wo das Atelier lag. Bisher hatte er es vermieden, Dubuche dort abzuholen; er scheute die höhnischen Zurufe, mit denen man die Laien daselbst empfing. Aber jetzt ging er mutig hin; seine Schüchternheit wich der Angst, allein zu sein, in dem Maße, daß er sich bereit fühlte, die Beschimpfungen zu ertragen, um einen Gefährten seines Elends zu haben.

An der schmalsten Stelle der Bäckerstraße lag das Atelier im Hintergrunde eines alten, wurmstichigen Gebäudes. Man mußte zwei stinkende Höfe durchschreiten, um einen dritten zu erreichen, in dem eine Art geschlossene Scheuer querüber stand, ein geräumiger Saal, aus Brettern mit einem Mörtelanwurf aufgeführt, wo früher ein Ballenbinder gehaust hatte. Von außen sah man durch die vier großen Fenster, deren Scheiben mit Bleiweiß beschmiert waren, die kahle, mit Kalk geweißte Saaldecke.

Als Claude die Tür aufgestoßen hatte, blieb er unbeweglich auf der Schwelle stehen. Da lag der weite Saal mit seinen wagerecht zu den Fenstern aufgestellten vier Tischen, sehr breiten Doppeltischen, auf beiden Seiten mit langen Reihen Schülern besetzt mit nassen Schwämmen, Farbentöpfchen, Wassergefäßen, eisernen Leuchtern, hölzernen Kästen, in den die Schüler ihre weißen Leinenblusen, ihre Kompasse und Farben verschlossen. In einem Winkel rostete der seit dem letzten Winter hier vergessene Ofen neben einem Rest von Koks, den man nicht einmal zusammengekehrt hatte, während am andern Ende ein großes Waschbecken von Zink zwischen zwei Handtüchern an der Wand hing. Inmitten dieser Kahlheit einer verwahrlosten Halle zogen besonders die Wände die Aufmerksamkeit auf sich; es befand sich längs derselben in der Höhe auf Brettergestellen ein buntes Durcheinander von Abgüssen, während die Wände tiefer unten unter einem Walde von T's, Winkelmaßen und Zeichenbrettern verschwanden, die durch Bänder zusammengehalten wurden. Nach und nach hatten alle frei gebliebenen Teile der Wände sich mit Inschriften und Zeichnungen bedeckt, mit einem immer höher steigenden Schaum, hingeworfen wie auf die Seitenränder eines stets offenen Buches. Es waren Aufträge von Kameraden, Abbildungen von anstößigen Gegenständen, einzelne Worte von solcher Roheit, daß Gendarmen darüber erblaßt wären, dann Sprüche, Rechnungen, Adressen; und alles überragt von einer in großen Buchstaben hingeschriebenen lakonischen Zeile, die den schönsten Platz einnahm und lautete; »Am 7. Juni sagte Gorju, daß er auf den Ehrenpreis pfeife. Gezeichnet: Godemard.«

Ein Grunzen empfing den Maler, das Grunzen von wilden Tieren, die in ihrer Höhle gestört werden. Was ihn auf der Schwelle festbannte, war der Anblick dieses Saales am Morgen nach der »Abfuhrnacht«, wie die Architekten diese letzte Nacht der Arbeit nennen. Seit gestern waren sämtliche Schüler des Ateliers, sechzig an der Zahl, hier eingeschlossen; denn die »Neger«, das sind jene, die keine Preisarbeit einzureichen hatten, halfen den anderen, die im Rückstande waren und in zwölf Stunden die Arbeit von acht Tagen verrichten mußten. Um Mitternacht hatte man sich mit Wurst und Rotwein gütlich getan. Gegen ein Uhr hatte man – zum Nachtisch – drei Damen aus einem Nachbarhause kommen lassen. Ohne in der Arbeit inne zu halten, veranstaltete man eine römische Orgie, eingehüllt in dichten Tabakrauch. Der Fußboden war bedeckt mit fettigem Papier, zerbrochenen Flaschen und verdächtigen Pfützen, welche die Dielen langsam einsogen, während die Luft noch von den schweren Gerüchen der in den eisernen Leuchtern zerfließenden Kerzen, des Moschus der Damen, der Würste und des Rotweines durchzogen war.

»Hinaus!« riefen einige wütende Stimmen. »Ei, ist das ein Maul! ... Was will denn der ausgestopfte Kerl? Hinaus! Hinaus!«

Dieser ungastliche Empfang betäubte Claude einen Augenblick, so daß er zurückwankte. Man war sehr bald bei abscheulichen Worten angelangt, denn die hohe Eleganz bestand – selbst für die vornehmsten Naturen – darin, in Unflätigkeiten zu wetteifern. Doch er faßte sich und war im Begriff zu antworten, als Dubuche ihn erkannte. Dieser ward sehr rot, denn er verabscheute ähnliche Abenteuer. Er schämte sich vor seinem Freunde und eilte unter den beschimpfenden Zurufen der Kameraden hin, die sich jetzt gegen ihn kehrten.

»Wie, du bist's?« stammelte er. »Sagte ich dir nicht, daß du hier nie eintreten sollst? ... Erwarte mich im Hofe, ich komme sogleich.«

Claude wich zurück und wäre in diesem Augenblick beinahe von einem Handkarren mit Gabeldeichsel niedergerannt worden, den zwei bärtige Jungen im Galopp herbeiführten. Von diesem Karren erhielt die Arbeitsnacht den Namen »Ausfuhrnacht«. Durch die untergeordneten Arbeiten aufgehalten, die sie, um etwas Geld zu verdienen, außerhalb des Ateliers verrichteten, wiederholten die Schüler seit acht Tagen: »Ach, wie tief stecke ich im Karren!« was soviel hieß, daß sie stark im Rückstande seien. Als der Karren erschien, erhob sich ein allgemeines Geschrei. Es war drei Viertel auf neun Uhr, knapp die Stunde, um rechtzeitig in der Schule einzutreffen. Der Saal leerte sich in einem wirren Durcheinander; unter großem Gedränge holten alle ihre Rahmen hervor; wer durchaus noch eine Einzelheit zu Ende bringen wollte, wurde gestoßen und fortgedrängt. In weniger als fünf Minuten waren alle Rahmen in dem Karren angehäuft, und die zwei bärtigen Jungen, die jüngsten Zöglinge des Ateliers, spannten sich ein wie Pferde und zogen das Gefährt im Laufschritt an, während die anderen unter lautem Geschrei hinten nachschoben. Es war wie der Bruch einer Schleuse; mit dem Getöse eines reißenden Stromes ging es durch die beiden Höfe und auf die Straße hinaus, die von dieser heulenden Menge völlig überschwemmt wurde.

Claude lief neben Dubuche her, der zuletzt kam und sehr verdrossen war, weil er nicht noch ein Viertelstündchen gehabt, um eine Tuschzeichnung sorgfältiger auszuarbeiten.

»Was machst du nachher?«

»Ich habe Gänge für den ganzen Tag.«

Der Maler war trostlos, als er auch diesen Freund ihm entkommen sah.

»Gut, ich gehe ... Bist du heut abend bei Sandoz zum Essen?«

»Ja, ich glaube, wenn ich nicht anderswo zum Essen zurückgehalten werde.«

Die beiden gerieten bald außer Atem. Die Schar hatte, ohne den Gang zu verlangsamen, ihren Weg fortgesetzt, um die Stadt noch länger mit ihrem Getümmel zu erfüllen. Nachdem sie durch die Bäckerstraße gestürmt war, durchquerte sie den Gozlinplatz und warf sich in die Brandstraße. Der von vorn gezogene, rückwärts geschobene Gabelkarren hüpfte auf dem holperigen Straßenpflaster, wobei die Rahmen, mit denen er gefüllt war, einen tollen Tanz aufführten. Die Schüler galoppierten hinterdrein und zwangen die Vorübergehenden, sich an die Häuser zu drücken, wenn sie nicht umgeworfen werden wollten; die Kaufleute erschienen erschreckt in den Türen, sie meinten, eine Revolution sei ausgebrochen. Das ganze Stadtviertel war in Aufruhr. In der...



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