E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Zola Das Gelübde einer Sterbenden
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-1427-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe.
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-80-272-1427-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emile Zolas Buch 'Das Gelübde einer Sterbenden' ist ein ergreifender Roman, der die Geschichte einer jungen Frau namens Angelique erzählt, die fest entschlossen ist, ein Gelübde einzuhalten, auch wenn es ihr Leben kostet. Zola's beeindruckender literarischer Stil zeichnet sich durch seine realistische Darstellung sozialer Themen und psychologischer Charakterstudien aus. In diesem Werk zeigt er sein Können, indem er die inneren Kämpfe und Emotionen von Angelique auf einfühlsame Weise darstellt, während er gleichzeitig die sozialen Strukturen des späten 19. Jahrhunderts reflektiert. 'Das Gelübde einer Sterbenden' ist ein Meisterwerk des Naturalismus, das die dunklen Seiten der menschlichen Natur beleuchtet und gleichzeitig Mitgefühl und Empathie weckt.
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VII.
Eines Morgens begab sich Daniel wieder nach der Rue d’Amsterdam und als er am Abend heimkam, erklärte er seinem Freunde, am nächsten Tage müsse er ihn verlassen, vielleicht für immer.
Er hatte an jenem Tage erfahren, daß Jeanne aus dem Kloster definitiv zurückgekehrt sei und bei ihrer Tante wohnte. Seitdem war er außer Rand und Band, denn natürlich schwärmte er nur noch für den Gedanken, daß er in dem Hause seines Abgotts Wohnung nehmen müsse. Er sann nach, klügelte einen feinen Plan aus und ging sofort an die Ausführung. Er brachte nämlich in Erfahrung, daß Tellier endlich in das Abgeordnetenhaus gewählt worden war und einen Sekretär brauchte. Hierauf gründete er seinen Plan, bemühte sich sofort um Empfehlungen und nahm dem Verfasser des encyklopädischen Wörterbuchs, der ihm Dank schuldete, das Versprechen ab, daß er sich für ihn bei Tellier um die Stelle bewerben würde. Diese Vermittlung hatte den gewünschten Erfolg, Daniel sollte sich am nächsten Tage vorstellen und war von vornherein eines günstigen Bescheides sicher.
Als Daniel Georg seinen Entschluß, aus der alten Wohnung auszuziehen, ankündigte, konnte dieser in seiner schmerzlichen Verwundrung lange Zeit kein Wort der Erwiederung finden.
»Aber wir können doch nicht so auseinander gehn,« sagte er endlich. »Die Arbeit, die wir vorhaben, nimmt noch Jahre in Anspruch. Ich rechnete auf Dich, ich brauche Deine Mithülfe. Wo gehst Du denn hin? Was willst Du thun?«
»Als Sekretär zu einem Abgeordneten ziehen,« antwortete Daniel mit einer Ruhe, als verstünde sich das so von selber.
»Du und Sekretär eines Abgeordneten?!« Georg lachte. »Du spaßt, lieber Freund, denn Du kannst doch nicht der schönen Karriere, die Dir winkt, um einer untergeordneten und wenig einträglichen Stelle willen entsagen. Bedenke doch, daß uns die Zukunft gehört.«
Daniel zuckte sehr gleichmütig die Achseln und lächelte voll souveräner Verachtung. Was machte er sich aus Ruhm und Ehren! Was brauchte er eine Karriere, eine Zukunft, wenn er nur Jeanne glücklich machen konnte! Er opferte ihr alles, ohne Bedenken; erniedrigte sich, ordnete sich einem fremden Willen unter, bloß um das Wohl des seiner Obhut anvertrauten Kindes besser fördern zu können.
»Also Dein Meisterstück willst Du nicht mehr machen?” drängte Georg.
»Mein Meisterstück muß ich auf einem andern Gebiet machen,” erwiederte Daniel sanft. »Ich gehe eben von Dir, um daran zu arbeiten. Frage mich nicht; Du bekommst eines Tages Alles zu wissen, sobald das Werk vollbracht sein wird. Vor allen Dingen bedaure mich nicht. Ich bin glücklich, denn heute ist mir eine Freude zu Teil geworden, auf die ich zwölf Jahre lang gewartet habe. Du kennst mich; Du weißt, daß ich einer sinnlosen oder schimpflichen Handlung unfähig bin. Mache Dir also keinen Kummer darüber, daß ich gehe, sondern sage Dir, daß mein Herz Befriedigung gefunden hat, und daß ich an die Erfüllung meiner Lebensaufgabe gegangen bin.«
Georg gab ihm statt der Antwort die Hand. Er begriff, daß die Trennung sich nicht umgehen ließ; er hörte aus den Worten des Freundes eine so edle Begeisterung heraus, und ahnte, daß sie sich durch keine Hindernissse aufhalten lassen, daß sie auch vor den größten Opfern nicht zurückschrecken würde.
Den nächsten Morgen schied Daniel mit heißen Thränen von ihm. Er hatte die Nacht nicht geschlafen, um seine Sache in Ordnung zu bringen und dem lieben Zimmer, in das er gewiß nie wieder zurückkehren würde, Lebewohl zu sagen. Sein Herz pochte hoffnungsfreudig und doch beklemmte ihn auch ein Wehgefühl, nun er den Ort, wo er gehofft und geweint hatte, verlassen mußte.
Als er auf der Straße eben Abschied nahm, hielt er Georg noch einen Augenblick auf und sagte:
»Ich werde Dich besuchen, wenn ich kann. Sei mir nicht böse und arbeite für Zwei.«
Mit diesen Worten lief er schnellen Schrittes davon. Die Begleitung des Freundes hatte er abgelehnt.
Eine solche Flut von Gedanken durchwogte sein Hirn, daß er in der Rue d’Amsterdam anlangte, ohne sich des durchlaufenen Weges bewußt zu sein.
Seine Gedanken bewegten sich nur in der Vergangenheit und der Zukunft. Er sah mit den Augen seines Geistes Frau von Rionne auf ihrem Sterbebett, ging mit erstaunlicher Klarheit die verflossenen Jahre, Monat für Monat, durch und suchte die Ereignisse, die nun kommen würden, vorher auszurechnen.
Durch diese ganze Träumerei zog sich ein Bild, das der kleinen Jeanne, so wie er sie einst auf dem Sande hatte spielen sehen, und der Anblick dieses Bildes entfachte in seiner Brust ein Feuer, das sein ganzes Wesen durchglühte.
Denn die Kleine gehörte ja eigentlich ihm, ihre Mutter hatte sie ihm vermacht. Er wunderte sich, daß man sie ihm während der ganzen Zeit vorenthalten hatte; ereiferte sich über den Diebstahl und ließ sich dann wieder besänftigen durch den Gedanken, daß man sie ihm ja jetzt wiedergeben würbe. Nun würde sie ihm, ihm gang allein gehören. Nun würde er sie lieben wie er ehemals ihre Mutter geliebt, auf den Knieen, wie eine Heilige. Bei diesem Gedanken wurde der letzte Rest von Vernunft und Besonnenheit davongewirbelt und nun durchraste sein ganzes Sein ein ungeheuerlicher Drang nach Selbstaufopferung.
Seine Liebesgefühle quollen über und drohten ihn zu ersticken. Zwölf Jahre lang hatte er so manches Mal die Hände aufs Herz gedrückt, damit es sich nicht regen und sein stummes, kaltes, passives Maschinendasein nicht stören sollte. Nun aber war das Erwachen gekommen, ein gewaltiges, leidenschaftsvolles Erwachen. Es hatte sich in seinem Herzen eine geheime, unausgesetzte Umwandlung vollzogen, indem die Liebesfähigkeit aus Mangel an freiem Spielraum gereizt und gesteigert worden und zu einer fixen Idee ausgeartet war. Sein ganzes Fühlen bewegte sich in lauter Uebertreibungen; er konnte nicht an Jeanne denken, ohne die Versuchung in die Kniee zu sinken.
Er stand plötzlich in Telliers Arbeitszimmer, ohne zu wissen, wie er da hingekommen war. Dann hörte er die Antwort des Bedienten: »Bitte Platz zu nehmen, der Herr wird gleich kommen.« Er leistete auch der Aufforderung Folge und bemühte sich, seine geistige Ruhe wieder zu gewinnen.
In der That erwies sich die kurze Pause als Wohlthat für ihn. Er hätte gestottert, wäre er unmittelbar vor seinen zünftigen Chef getreten. Nun blieb ihm Zeit, aufzustehen und sich die Bibliothek, so wie die hunderterlei Gegenstände anzusehen, die auf den Stühlen und dem Schreibtisch herumstanden oder lagen. Alle diese durchweg kostspieligen Sachen schienen ihm von zweifelhaftem Geschmack.
Auf einer Konsole stand eine niedliche Statuette der Freiheit aus weißem Marmor, die Daniel für eine Venus gehalten hätte, wäre nicht die phrygische Mütze gewesen, die sie kokett auf dem krausen Haar trug.
Während der junge Mann neugierig das Kunstwerkchen besah und sich zu fragen anfing, was er eigenlich hier thäte, hörte er hinter sich husten.
Tellier war hereingekommen.
Er war ein beleibter Mann mit breitem Gesicht und runden, hervorspringenden Augen. Er trug den Kopf hoch aufgerichtet und machte beim Sprechen immer ein und dieselbe Bewegung mit der rechten Hand.
Daniel gab an, wer er sei und was ihn herführte.
»Ich weiß schon,« antwortete Tellier, »und ich glaube, wir werden uns verständigen. Nehmen Sie gefälligst Platz« worauf er sich selber in den Lehnstuhl niederließ, der vor dem Schreibtisch stand.
Tellier war durchaus kein schlechter Mensch und hatte bei verschiedenen Gelegenheiten Verstand bewiesen. Wenigstens in Geschäftssachen, denn außerdem verfügte er nur über drei bis vier feierliche Ideen, die so mechanisch wie die Puppen auf gewissen altmodischen Leierkasten in seinem Gehirn herumtanzten. Ruhten diese Ideen, so war er erschrecklich öde. Er litt nur an einem Laster, sich für einen großen Politiker zu halten, was eine groteske Selbstüberschätzung war. Die Maximen, die er über die Regierung der Staaten in seinen endlosen Salbadereien zum Besten gab, erinnerten nur an die schnoddrige Kritik, die Portierfrauen an den Maßregeln des Herrn Hauswirts üben. Selbstredend war er von der Wahrheit seiner Behauptungen felsenfest überzeugt und ließ sich durch nichts in der Seelenruhe stören, die ihm seine unbescheidne Dummheit verlieh.
Seine Spezialität war schon in frühester Jugend das Wohl des Volkes und die Freiheit gewesen. Als er dann späterhin zu Reichtum gelangte und über ein ganzes Heer von Arbeitern zu kommandiren hatte, setzte er sein philanthropisches Geschwabbel fort, ohne sich je den Gedanken beikommen zu lassen, daß er besser thun würde, weniger zu reden und die Löhne zu erhöhen. Das Volk und die Freiheit waren für ihn nur Abstrakta, die er nur platonisch zu lieben brauchte.
Als endlich sein Reichtum ins Kolossale gestiegen war, beschloß er ganz nach seiner Neigung zu leben und ließ sich deshalb zum Abgeordneten wählen.
In der That fand er auch seine Rechnung bei diesem Berufswechsel. Empfand er doch ein ungeheures kindliches Vergnügen, wenn in den Reden, die er mit gewissenhafter Aufmerksamkeit anhörte, recht viel pompöse Schlagwörter und lange, inhaltslose Phrasen vorkamen, und kehrte er doch jedes Mal aus der Kammer mit der aufrichtigen Ueberzeugung heim, daß er wieder einmal Frankreich gerettet habe.
Er machte stets in Opposition. Das hob ihn auch in seiner Selbstachtung, denn er war ja eine unentbehrliche Schutzwehr der Freiheit gegen die Barbarei: Im Grunde genommen wunderte er sich, daß die Leute auf...




