Zoderer Das Schildkrötenfest
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7099-3673-3
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-7099-3673-3
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joseph Zoderer, geboren 1935 in Meran, lebt als freier Schriftsteller in Bruneck. Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie, Theaterwissenschaften und Psychologie in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Ehrengabe der Weimarer Schillerstiftung (2001), Hermann-Lenz-Preis (2003) und Walther-von-der-Vogelweide- Preis (2004). Vom Autor des Romans 'Die Walsche' (Neuauflage bei HAYMONtb 2012) erschienen bei Haymon zuletzt: 'Das Glück beim Händewaschen'. Roman (HAYMONtb 2009), 'Die Farben der Grausamkeit'. Roman (2011, HAYMONtb 2014), 'Mein Bruder schiebt sein Ende auf'. Zwei Erzählungen (2012) und 'Hundstrauer'. Gedichte (2013). Mit dem Roman 'Dauerhaftes Morgenrot' erschien 2015 außerdem der Auftakt zur Werkausgabe, in deren Rahmen das Werk von Joseph Zoderer, einem der führenden Erzähler der Gegenwartsliteratur, in Einzelbänden neu aufgelegt wird. In Zusammenarbeit mit Johann Holzner und dem Brenner-Archiv Innsbruck wird jeder Band durch ein Nachwort sowie interessante Materialien aus dem Vorlass des Autors ergänzt.
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An der Grenze musste er den Bus wechseln. Er war hungrig, seit vielen Stunden hatte er nichts Warmes gegessen, aber, erschöpft von der Hitze und vom Warten in der Hitze, war er zunächst nur verrückt nach Kaffee und Wasser. In der Busstation hatte er an der Bar gleich einen American coffee und dann einen Tomatensaft bestellt und bald darauf in der Toilette Wasser vom Hahn getrunken und, wieder an der Bar, ein großes Glas eisgekühlter Milch. Schließlich eine Zigarette geraucht, mit dem guten Gefühl, unterwegs zu sein, und im Anschluss daran wieder in langen Zügen Wasser getrunken aus der öffentlichen Leitung. Sein Freund war nicht gekommen, er wartete fast einen halben Tag auf ihn, auf den Straßen rund um den Gebäudeblock der Busstation und drinnen in der Weiträumigkeit der Schalterhallen; draußen in der sengenden Wüstenhitze, drinnen in der Ventilatorkühle eines riesigen Kühlschranks, er war sich des Luxus bewusst, Wärme und Kühle, darüber konnte er zur Zeit selbst entscheiden, und dass sein Freund nicht kam, beunruhigte ihn nicht, er kannte ihn und seinen Zeitbegriff, außerdem hatte er eine mexikanische Hoteladresse im Notizblock, spätestens in Tepic würde er ihn treffen.
Jetzt war er nur mehr hungrig. Auf der staubigen Hauptstraße, die von der Zollstation ins Zentrum von Nogales führte, gab es vor allem Imbissstuben und Souvenirläden, er aß ein paar Chicken tostados, Toastbrötchen mit wenig Huhn und viel grünem Salat, über seinem Kopf flatterten die Flügel eines Ventilators, trotzdem rann ihm der Schweiß aus allen Poren, aber daran hatte er sich gewöhnt, er zupfte nicht einmal an seinem Khakihemd. Mehr als eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Busses, trotz der Abendstunde spürte er auf der Straße keine Kühle, es war noch hell, und keine Straßenlampe leuchtete. Die Leute, die er sah, waren entweder Touristen wie er, die sich die Zeit vertrieben, oder Grenzgänger und einkaufende Pendler, es herrschte kein Gedränge in der breiten Straße mit meist niederen Häusern, darunter vielen Blechdachbuden, niemand schien es eilig zu haben vor den Läden und Kneipen. Später dachte er, dass er auch sie so zum ersten Mal gesehen oder doch in den Blickwinkel bekommen hatte, stehend im schmalen Schatten eines Blechdaches, vielleicht lehnte sie mit einer Schulter an der Mauer und traf mit ihren Augen seinen Blick, er war sich dessen nicht mehr sicher und misstraute seiner Erinnerung, wahrscheinlich hatte er sich nur ein Bild gemacht: Sie stand da, und er dachte: zu schön, ja tatsächlich, wo immer er sie zum ersten Mal gesehen haben mochte, zuerst und vor allem anderen hatte er gedacht: zu schön, und gleich darauf: irgendwie zu grell; für diese Worte hätte er später andere Worte einsetzen können, wie: zu lebhaft oder zu fröhlich, oder zu lustig, zu lebenslustig, er hätte statt grell auch schrill sagen mögen.
Sie saß neben ihm im Bus und döste oder blinzelte in die untergehende Sonne hinein. Als er vorne beim Fahrer eingestiegen und den Mittelgang heruntergekommen war, hatte er sie am Fenster sitzen gesehen, er wollte seine Ruhe haben und fragte, ob der Sitz neben ihr noch frei sei, sie antwortete zerstreut: Ja. Und da sah er den Fleck, den sie hatte, dieses Muttermal oder was es war, es konnte auch vertrockneter Orangensaft sein, nur etwas dunkler als die Gesichtsblässe, an der linken Halshälfte gleich unter dem Kinn. Sie lächelte ihn blitzartig an, aus Höflichkeit oder Ärger oder Gleichgültigkeit, wahrscheinlich wollte auch sie in Frieden gelassen sein, ihm war es recht, fast fühlte er so etwas wie Dankbarkeit, er hatte mehr als 1200 Meilen Busfahrt vor sich, ungefähr so viel wie die vertikale Durchquerung Europas, zumindest Hamburg–Neapel oder Berlin–Barcelona. Vielleicht hätte er in den ersten Minuten, als der Bus durch Nogales hinausfuhr in die Kaktuswüste, noch seinen Platz gewechselt, weil er jetzt kein Reden mochte, aber auf den Sitzen hinter ihm kreischte eine Schar von Kindern, und wo immer er hinsah, waren Köpfe, kein einziger leerer Sitz. Er spürte, wie der Schweiß sein Khakihemd tränkte, die Luftkühlung war kaum zu spüren. Vor dem Fenster waren die phantastisch geschwungenen Hügel verschwunden, die er vor der Grenze bewundert hatte, versteinerte Brandungswellen vielleicht, vom Wind und von der Sonne kahlgenagt, nun schaute er auf eine scheinbar erdige Ebene, als wäre sie erst kürzlich abgebrannt worden, er wusste, dass es so nicht sein konnte, aber die zwei und drei Meter hohen Kaktusrümpfe waren schwarz, schien ihm, an den Armstümpfen geschwärzt oder verrußt. Irgendetwas drängte ihn, hinauszuschauen auf diese schmutzige Wüste, aber er sah nicht durch das Fenster, an dem sie linker Hand saß, sondern durch die Fensterwand rechts des Mittelgangs: Opuntien, Pflanzungen. Gab es Opuntienpflanzer? Warum nicht, die Früchte dieser Kakteen hießen indische Feigen, er lachte still in sich hinein, lachte sich aus, hier hatte ein mexikanisches Feuer die indischen Feigen abgebrannt, und außerdem waren das, was er sah, wohl keine Ohrenkakteen, sondern außer Kontrolle geratene Zimmerkakteen, mannsgroß die meisten und viele übermannsgroß, schwarze Invaliden. Wann immer Menschen zu sehen waren, dann vor oder neben windschiefen Blechschachteln; da und dort ein Ringelschweifhund, manchmal auch ein Schwein, das mit dem Rüssel den grauschwarzen Boden furchte.
Er wunderte sich, dass er sich so ruhig fühlte, so aufgehoben, obwohl er nicht an ihrem Gesicht vorbei durchs Fenster blickte. Sie teilten ein angenehmes Schweigen, oder ein stummes, sparsames Reden von Leuten, die ein unausgesprochenes Einverständnis verband. Oder war er nur müde und also zu erschöpft, um neugierig zu sein? Nein, er lebte, er spürte, wie er sich Zeit ließ, um zu leben. Draußen röteten sich die Kaktusarme, die rechtwinklig erhobenen Arme, die aus der Hüfte, aus der Brust und aus dem Unterleib herauszuwachsen schienen, jeweils in eine andere Windrichtung. Als seine linke Seite von raschelndem Papier gekratzt wurde, blickte er auf ihre Schläfe, auf ihr Haar, sie blätterte schnell in einer Zeitung, in einem französischen Massenblatt, wie er den Titelzeilen entnahm. Nirgendwo war die versinkende Sonnenkugel zu sehen, sie fuhren in die Nacht hinein, er war ohne Sprache, aber seine Sprachlosigkeit deprimierte ihn nicht, im Gegenteil, es beschwingte ihn, dass er nicht reden musste. Plötzlich hörte er ihre Stimme, sie entschuldigte sich auf Spanisch, dass sie ihn mit der Zeitung berührt hatte. Er war so erschrocken über die plötzliche Unterbrechung ihres Schweigens, dass er nur sagte: Nichts. Er wollte »keine Ursache« sagen, doch sein Spanisch war dürftig, er hatte »nichts« gesagt und »macht nichts« gemeint. Sie hielt weiterhin die Zeitung auseinandergefaltet in ihren Händen und lächelte, als wäre sie im Gespräch mit ihm. Und da begann er tatsächlich zu sprechen: Ob sie Mexikanerin sei, fragte er auf Englisch. Und sie wandte das Gesicht ihm zu und sagte: Nein, ich bin Französin, aber auch Spanierin, und sie lachte, und während sie lachte und ihn ansah, steckte sie die Zeitung neben den Sitz.
Vielleicht wie er zum ersten Mal in Mexiko?, redete er weiter, ohne neugierig zu sein, und doch hob ihn etwas in ein angenehmes Wachsein.
Nein, hier bin ich fast zu Hause, jedenfalls mindestens so daheim wie in Casablanca, sagte sie.
Casablanca?
Ja, da bin ich zur Schule gegangen.
Ihr Vater sei Berufssoldat gewesen, zuletzt Major bei der Fremdenlegion, und habe sich nach seiner Pensionierung mit ihrer Mutter in Casablanca niedergelassen.
Er kommt von Afrika nicht los, sagte sie, mein Vater. Meine Mutter wäre lieber nach Barcelona zurückgegangen, in ihre Stadt.
Vor den Fenstern war es ganz plötzlich Nacht geworden, eine Tintenschwärze, durch die sie mit gleichbleibendem Motorengeräusch fuhren. Einige Reisende knipsten die Sitzlampe an; die Kinder hinter ihm waren verstummt. Er fragte, ob sie auch eine Lampe eingeschaltet haben wollte, sie hob die Schulter: Ganz wie er wolle. In dem schwachen Leselampenlicht sah er ihr Gesicht wie zum ersten Mal. Obwohl sie beide im Halbdunkel saßen, wusste er, dass ihr Gesicht schmal war und fein, seltsam, dachte er, denn sie lacht wie ein Clown, ihre Augen beobachten dich und sind traurig, ach was, die Augen sind nicht traurig, sie schauen und schauen, sie glitzern vor Neugier, weil sie es aufnehmen will mit dieser Welt, oder weil sie dumm ist?
Es fiel ihm erst nach einer Weile auf, dass er nicht redete, obwohl er das Gefühl hatte, nicht stumm gewesen zu sein, vielleicht war sie schon eingeschlafen oder tat so, seltsamerweise war es nicht wichtig für ihn, er schloss die Augen, aber er war nicht müde, nein, er hatte ganz und gar keine Lust zu schlafen; wenn er die Augen schloss, sah er, wie es schneite. In einem wüstenartigen Streckenabschnitt zwischen Wyoming und Utah hatte es geschneit, in Cheyenne, der letzte Maitag, vor dem Motel fegte ein eiskalter Sturmwind die Straße blank, es schneite, und das Land schien ohne Horizont zu sein, die Straße und die Telegraphenmasten verloren sich nadeldünn in der Ferne, nirgends Häuser, es schneite, und zwischendurch schien die Sonne, beleuchtete für Augenblicke die Flockenstriche und verschwand wieder, es war, als inspizierte sie von Zeit zu Zeit den Schneefall in der Wüste, ihr eigentliches Terrain.
Ja, er wusste selbst nicht, warum er ihr plötzlich in die Schlafstille des Busses hinein von Schnee zu erzählen begonnen hatte, wahrscheinlich, weil sie auch jetzt eine Wüste durchquerten, oder weil die Luftkühlung in diesem Bus kaum zu spüren war, oder weil der Schnee zu seiner Kindheit gehörte, zu seinem Vertrautesten, als ob er in einer Schneehöhle geboren worden wäre.
Sie lachte leise vor sich hin und versuchte ihm zu erklären,...




