E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Zitzmann Love - Konsequent scheitern (Band 2)
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99107-859-3
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
ISBN: 978-3-99107-859-3
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Voller Übermut stürzt sich Giulia in ein neues Liebesabenteuer hinein. Hals über Kopf verliebt sie sich in einen Mann, der sie auf einer internationalen Meetup-Plattform entdeckt und kontaktiert. Sie lässt sich darauf ein und gerät unter den Einfluss von seinem Liebesgesang. Wochenlang lässt sie sich davon mitreißen - gefangen im Strudel von starken Emotionen. Bis erste Geheimnisse gelüftet werden und Ernüchterung einsetzt. Als Giulia seiner wahren Identität auf die Spur kommt, gerät ihre Welt aus den Fugen. Sie greift zu drastischen Mitteln, wird wieder und wieder von Trauer und Wut überrollt. Schließlich gelingt es ihr, sich aus seinem Zugriff zu befreien. Schritt für Schritt leitet sie den ersehnten Wendepunkt ein.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der Banker
Giulia war für eine neue Beziehung bereit, für eine unaufgeregte Beziehung. Unter diesen und ähnlichen Vorstellungen reifte Lucas zu einem ernsthaften Kandidaten heran. Ob es eine wahre, neue Liebe war, überlegte Giulia nicht. Einzig und allein zählte der Umstand, dass sie es wollte, und er nach außen hin ein normales Leben führte: Wie tausend andere pendelte er zwischen Arbeit und Wohnung hin und her, mehr als zwei Stunden täglich. Er war verheiratet, was ein befreiend offenes Geheimnis war, Vater eines pubertierenden Sohnes. Ob Lucas nun glücklich oder unglücklich war, war ihr weniger wichtig, auch wenn sie leise Vorahnungen hatte. Entscheidend war: Lucas war kein Trinker. Er ignorierte sie nicht, konnte zuhören und Fragen stellen. Er interessierte sich für ihre Erfolge, Errungenschaften – kurz: für ihr Leben. Alles in allem war Lucas erfolgreich und konnte auf eine beachtenswerte Bankkarriere zurückblicken. Das Leben schien für den gebürtigen Münchner wie am Schnürchen zu laufen. Auch wenn es ihr konventionell und langweilig erschien, war es das, wonach Giulia in der Liebe gerade suchte, was sie brauchte. Das könnte also was werden.
Giulia war aus Malle zurück. Gleich packte sie ihren Koffer aus, räumte alles an seinen Platz und ließ die Waschmaschine laufen. Sie tat eins nach dem anderen, mit Sorgfalt, um die Reise innerlich abzuschließen und anzukommen, in der heimeligen Atmosphäre der eigenen vier Wände. Dann öffnete sie das Fenster im Schlafzimmer, schlug die Bettdecke zurück und warf einen Blick in den Garten. Es war Frühsommer, der Garten zeigte seine volle Pracht: mit Dahlien, Kornblumen, Rhododendron. Grün, so weit das Auge reichte. Giulia setzte sich an den Schreibtisch. Bevor sie den Laptop hochfuhr, blätterte sie ihre Post durch. Zehn erholsame Tage lagen hinter ihr, ohne Computer und ohne dass sie auch nur eine einzige Mail auf ihrem Handy abgerufen hatte – was im Nachhinein eine gute Entscheidung war, dachte sie, während sie im privaten Postfach eine belastende Nachricht nach der anderen las:
Ach so, was ich dir noch sagen wollte, schrieb Laura, was Giulia stutzig machte. Sie fühlte sofort, dass etwas nicht stimmen konnte: Bei einer Blasenuntersuchung hat meine Hausärztin festgestellt, dass ich Zucker im Urin habe. So muss ich mich auch noch in einem Diabeteszentrum melden. Dem sehr netten Arzt habe ich meine Situation mit der Leukämie geschildert. Jetzt soll ich mir auch noch Insulin in den Bauch spritzen, kann aber normal weiteressen, weil ich während meiner Chemo keine Diät machen darf. Der Arzt machte mir Hoffnung, in ein paar Monaten wieder ohne Diabetes leben zu können. Wenigstens etwas.
Am nächsten Tag die zweite Mail. Laura ließ wissen, dass wegen des niedrigen Leukozytenwerts die Chemotherapie vorerst eingestellt wurde, da die Gefahr einer Infektion groß sei, und ihr nichts anders übrig bliebe, als zu warten. Immerhin hätte sich ihr Hämoglobingehalt verbessert, was positiv sei, weil sie keine Bluttransfusion benötigen würde. Aktuell fühle sie sich fit und könne Sport treiben. Auch hätten sich ihre Blutzuckerwerte verbessert, sie müsse aber weiter Insulin spritzen, bis die Chemo vorbei sei. Zum Diabetologen müsse sie aber vorerst nicht.
Lauras Lebensmut beeindruckte Giulia ungemein – ihre Kraft, ihr Tatendrang. Doch in dem Augenblick, als sie aufmerksam die geschätzten fünfzehn Mails gelesen hatte, wurde ihr der Ernst der Lage erst richtig bewusst. Lauras Nachrichten um ihre miserablen Blutwerte und Nebenerkrankungen nahmen kein Ende, weshalb Giulia nicht länger so tun konnte, als sei das nur eine leichte Grippe, von der sich ihre langjährige Freundin rasch erholen würde. Eine lebensbedrohliche Krankheit ist schwer zu begreifen, und noch schwerer, wenn Familienangehörige davon betroffen sind. Laura gehörte ganz selbstverständlich dazu – zu ihrer Familie. Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Es war der Kreislauf von Geben und Nehmen, von wechselseitiger Unterstützung und Zuneigung, die diese Freundschaft einzigartig und zu einem Quell der puren Freude machte. Nie wurde es den beiden miteinander langweilig. Nie hatte Giulia das Gefühl, dass die gemeinsame Zeit bedeutungslos war. Und nie kam ein Vorwurf, weil sie sich nicht meldete, unterwegs war, was das Klima in jeder Beziehung knifflig machen konnte. Freundschaft ist eine langfristige Angelegenheit, bestenfalls hält sie ein ganzes Leben, wenn man ehrlich für einen anderen Menschen da sein will. Giulia las ihre Mails mindestens ein halbes Dutzend Mal. Es war einfach fürchterlich und es fühlte sich schrecklich an, was sie binnen kürzester Zeit aufnahm und verdauen musste. Sie wollte etwas tun – aus vollem Herzen tun, nicht eine kalte Mail schreiben, die schnell gelöscht wird und in Vergessenheit gerät. Giulia zog die unterste Schreibtischschublade auf und holte das Briefpapier heraus, das sie erst kürzlich gekauft hatte, nahm ihren Lieblingskugelschreiber aus dem Lederetui und setzte sich an ihren Wohnzimmertisch vor die Kerze, die sie, einem inneren Impuls folgend, anzündete.
Liebe Freundin und Weggefährtin, der Brief fällt mir schwer. Nicht weil ich nicht weiß, was ich schreiben soll, sondern weil ich die trüben Gedanken nicht wahrhaben will, die jetzt in meinem Kopf herumschwirren. Und weil ich an unsere gemeinsamen Momente denke, an Reisen, Spaziergänge, Gespräche von Herz zu Herz – an die Laura, mit der ich spannende und bewegende Erinnerungen teile: im verführerisch roten Badeanzug am Strand, hinter mir herkeuchend während einer Bergtour in Tirol oder lauthals schimpfend, wenn dir die Straßenbahn vor der Nase davonfährt. Erinnerungen, die nur uns gehören. Zwar weiß ich nicht, wohin uns diese Reise führt. Aber, ich weiß, dass ich mich davor fürchte.
Unter Tränen schrieb sie den Brief, bis ihr kein einziges Wort mehr einfiel. Dabei schienen die Sätze nicht genug zu sein für das, was sie auszudrücken versuchte. Ihre Hände zitterten, als sie den letzten Satz schrieb und ihr bewusst wurde, dass etwas vorbei war. Dass sie, ohne es wahrzunehmen, darin mit jeder Zeile und jedem Wort Abschied von ihrer Freundin nahm. Beziehungen verlaufen in Wellen, ob fern oder nah. Sie kommen und gehen. Manchmal sind sie enger, manchmal offener. Manchmal liegt das Ferne in der Nähe, manchmal die Nähe in der Ferne. Wie das Leben, so sind sie Entwicklungen und Veränderungen ausgesetzt, brechen ab, verblassen, finden sich neu, ziehen fort, verschwinden auf ewig – getrennt durch den Tod. Bei den aufkommenden Gedanken an Tod, Seele, Weiterleben – an die eigene Sterblichkeit, war es Kant, der Giulia einfiel. Der Philosoph hielt es für unmöglich, auf theoretischer Ebene die Existenz einer unsterblichen Seele nachzuweisen. Wann das Leben endet und der Tod beginnt, ist reine Definitionssache, meinte David, der nach seinem Nahtoderlebnis den Tod nicht mehr fürchtete. Der klinische Tod treffe ein, wenn es zu einem Atem- oder Herz-Kreislaufstillstand kommt und unsichere Todeszeichen, wie Bewusstlosigkeit oder fehlende Atmung, festzustellen seien. Der Hirntod sei nach Meinung der Mediziner endgültig. Die Kernfrage für David lautete: Besteht der Mensch nur aus Materie, sind demnach Emotionen, Bewusstsein und Geist eine Funktion physikalischer und chemischer Prozesse? Oder existiert im Menschen etwas Immaterielles – eine Seele?
Während Giulia noch darüber nachdachte, kam eine Mail von Clarissa herein:
Kaum, dass ich aus Malle zurück bin, träume ich von Südafrika. Wollte eigentlich schon immer dorthin reisen. Alles steht und fällt mit dem Job und wann ich mich aus diesem Stress zurückziehen kann. Meine Tochter möchte, dass ich nach Berlin ziehe. Von früh bis spät bin ich ausgelastet, da bleibt kaum Zeit für Privates. Der Alltag mit meinem Mitbewohner ist unverändert und keine Silbe wert.
Lucas meldete sich, wie üblich, mit einer Textnachricht. Nach dem Urlaub sei der hundsgewöhnliche Alltag über ihn hereingebrochen. Giulia unterstellte ihm zwar keine direkten Absichten, die auf eine intime Beziehung zwischen ihnen abzielten, doch sein Jagdfieber war definitiv ausgebrochen. In dem kurzen Chat erfuhr sie, dass er zum zweiten Mal verheiratet war. Woran die erste Ehe gescheitert war, erzählte er nicht, und sie fragte nicht danach. Offen gesagt, war es ihr ziemlich egal. Sie wusste, dass die Zuneigung zu einem anderen Menschen viele Facetten hat. Und dass es Dinge in der eigenen Persönlichkeit gibt, die man weder kennt noch bereden würde, auch nicht in der liebevollsten Partnerschaft.
Obwohl Lucas viel um die Ohren hatte, nahm er sich Zeit, Fragen zu stellen. Er wollte wissen, wie ihr Tag war, was gut lief, was nicht, ob sie etwas auf dem Herzen hatte. Lucas war einfach interessiert daran, was sie tat, wie sie es tat. Es war eine Form der Kommunikation zwischen Mann und Frau, an die sie nicht mehr gewöhnt war. Zweifellos übte dies eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Und es war ein angenehm entspannter Zustand, in den sie kam, wenn sie miteinander chatteten, kein Flow-Zustand wie beim Schreiben, der sie jegliches Zeitgefühl verlieren und glückvolle Schaffensmomente erleben ließ. Nein, so war es nicht. Aber schön. Giulia haderte mit sich, weil Lucas verheiratet war. Doch sie setzte auf die alten Zeiten, auf die Vertrautheit und Offenheit zwischen ihnen. Auf dieser Basis glaubte sie, die komplizierte Gefühlslage einer Dreierkonstellation im Griff zu haben. Zum anderen war sie sicher, dass sie sich nicht blind verstricken würde. Was sie bei dieser groben Lagebeurteilung zum wiederholten Mal unterschätzte, waren Gefühle, die sich klammheimlich...




