Neues deutsches Geschichtsbewusstsein
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-15-962180-7
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jürgen Zimmerer, geb. 1965, ist Professor für Globalgeschichte und Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg. Zuletzt erschien sein Buch 'Von Windhuk nach Ausschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust'.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Neuer Streit um Bismarck und ein altes Feindbild im Streit ums Kaiserreich
Zwei Debatten Christoph Nonn Zum 150. Jahrestag seiner Gründung fand das 1871 aus der Taufe gehobene Kaiserreich besonderes mediales Interesse. Es waren hauptsächlich Fachleute, die 2020/21 dieses Interesse nutzten, um einmal mehr eine Kaiserreichdebatte zu führen. Wirklich neu war die vor allem in überregionalen Printmedien stattfindende Diskussion jedoch nicht. Denn ausgetauscht wurden dabei meist Argumente, die schon in den Historikerdebatten um das Kaiserreich zwischen den 1960er und den 1980er Jahren gewechselt worden waren.1 Wieder ging es vor allem um mögliche Kontinuitäten deutscher Geschichte, um Verbindungslinien vom Kaiserreich zum ›Dritten Reich‹ und vom Kaiserreich zur Bundesrepublik. Zumindest einen Unterschied gab es allerdings: Anders als in den früheren Kaiserreichdebatten kam die Person des ›Reichsgründers‹ 2020/21 in den öffentlichen Historikerkontroversen kaum vor. Bereits Bismarcks 200. Geburtstag im Jahr 2015 war zwar vom unvermeidlichen Erscheinen einiger neuer Biographien begleitet worden,2 hatte aber keine größeren Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit provoziert. In der Presse wurde der Jahrestag eher unaufgeregt kommentiert, während die Historiker sich allenfalls diskret in Fachzeitschriften mit Rezensionen beharkten. Selbst in der ›Zunft‹ blieben so aufgeregte Debatten aus, wie sie etwa das Erscheinen von Hans-Ulrich Wehlers Bismarck und der Imperialismus 1969 oder von Lothar Galls Bismarck-Biographie 1980 noch ausgelöst hatten.3 Ausgesprochen aufgeregt wurde 2020/21 dagegen über Bismarck ganz woanders gestritten. Dabei waren nicht nur die Arenen, sondern auch die Anlässe und Akteure grundverschieden von denen der gleichzeitigen Debatte ums Kaiserreich. Denn mit dem Jahrestag der Reichsgründung von 1871 hatten diese Auseinandersetzungen herzlich wenig zu tun. Ihr Ausgangspunkt war vielmehr der Tod von George Floyd in Minneapolis im Mai 2020 und der dadurch verursachte internationale Aufschwung der Bewegung »Black Lives Matter«, die auch in Deutschland aufgegriffen wurde. Die Aktionen ihrer deutschen Sympathisanten richteten und richten sich nicht zuletzt gegen Bismarck-Denkmäler und Bismarckstraßen. Diese werden als Ausdruck einer Kontinuität kolonialen Denkens verstanden und attackiert. Nicht mehr das Bild des Kaiserreichs als Vorläufer des Nationalsozialismus, sondern der Kolonialismus ist also der Anlass dieser neuen öffentlichen Bismarck-Kritik. Die Öffentlichkeit, in der diese Kritik seit 2020 laut wurde, ist eine lokale. Das unterscheidet die neue Kontroverse um Bismarck wesentlich von der, die zeitgleich im Umfeld des 150. Jahrestags der Reichsgründung über das Kaiserreich geführt wurde. Denn letztere fand auf nationaler Ebene, in den überregionalen Medien statt. Und noch etwas unterscheidet die Debatten, die Historiker 2020/21 in Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften oder auch in Büchern über das Kaiserreich führten, von den andauernden Auseinandersetzungen über Bismarck-Denkmäler und -straßen in vielen deutschen Städten. Denn in der Debatte der Fachleute wurden nicht nur die Argumentationsmuster früherer Kontroversen über das Kaiserreich recycelt. Zumindest teilweise entlehnte man auch eine subjektive Verortung der Gegenseite aus diesen früheren Kontroversen. Besonders die sich selbst als politisch links sehenden Kontrahenten verorteten ihre Gegner wie in den alten Kontroversen um das Kaiserreich im konservativen Spektrum. Die an der lokalen Basis der Gesellschaft parallel geführten geschichtspolitischen Auseinandersetzungen um Bismarck-Statuen und Bismarckstraßen verlaufen jedoch entlang von Konfliktlinien, die sich damit nur wenig decken. Das Denken in Kategorien von Links und Rechts mochte in den früheren Kaiserreichdebatten durchaus die gesellschaftliche Realität abbilden. Heute tut es das aber offensichtlich bei weitem nicht mehr im gleichen Ausmaß wie vor einem halben Jahrhundert. Diese These soll zunächst am Beispiel der Debatte um das Hamburger Bismarck-Denkmal illustriert werden, die nicht nur medial am meisten Wellen geschlagen hat, sondern auch weitgehend repräsentativ ist für die aktuellen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen um den »Reichsgründer« in anderen Städten. Letztere werden anschließend kurz skizziert. Danach will ich die in den lokalen Konflikten erkennbaren, recht komplexen Konturen mit dem Koordinatensystem vergleichen, in dem einige Akteurinnen und Akteure die Kontroverse verortet haben, die auf nationaler Ebene um das Kaiserreich geführt wurde und wird. »Black Lives Matter« und Bismarck in Hamburg
625 Tonnen schwer und aus Granit gemeißelt steht Bismarck seit 1906 im Hamburger Alten Elbpark auf ein Schwert gestützt und schaut aufs Wasser hinaus. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Fundament des Denkmals zu einem Luftschutzkeller umgebaut wurde, mussten erste Instandsetzungsarbeiten ausgeführt werden. Um die Jahrtausendwende begann man dann über eine grundlegende Renovierung nachzudenken, weil das mit Sockel 34 Meter hohe Monument auf lange Sicht umzukippen drohte. 2014 entschied sich der Hamburger Senat, gestellt von der damals mit absoluter Mehrheit regierenden SPD, für eine Grundsanierung. Um die Jahreswende 2019/20, mittlerweile regierte eine rot-grüne Koalition die Stadt, begannen schließlich die mehrere Millionen Euro teuren Arbeiten. Der Beschluss für die Sanierung war schon 2014 ein wenig umstritten. Aber erst im Juni 2020, einen Monat nach dem Tod George Floyds in den USA, nahmen die Proteste dagegen Fahrt auf. Es kam zu einer Demonstration gegen die Restaurierung des Denkmals, Unterschriften wurden dagegen gesammelt. Denn das Denkmal, meinten seine Gegner, sei eine Verherrlichung des deutschen Kolonialismus. Die Träger der Protestbewegung waren Bürgerinitiativen, die mehrheitlich englische Namen trugen. Zu der Demonstration am 28. Juni 2020 riefen »Decolonize Bismarck« und die »Intervention Bismarck-Denkmal« auf, kurz darauf kamen noch »Bismarck’s Critical Neighbours« hinzu, und bei der Kundgebung forderte ein Plakat: »Otto must fall«. Das mag auch mit der Anglophilie der Hamburger zusammenhängen, war aber vor allem Ausdruck der Orientierung am amerikanischen Vorbild »Black Lives Matter«. Bezeichnenderweise wurde auf das Schild, das über das Sanierungsprojekt am Hamburger Bismarck-Denkmal informiert, im Vorfeld der Kundgebung »Black Lives Matter« gesprüht. Ein Foto davon illustrierte dann auch den Aufruf zur Demonstration. Hauptzielscheibe der Kritik an dem Sanierungsvorhaben war naturgemäß der von SPD und Grünen gestellte Senat, vor allem der zuständige sozialdemokratische Kultursenator. Der reagierte prompt auf die Demonstration, indem er den Kritikerinnen und Kritikern Gespräche anbot. Er signalisierte zudem, sich durchaus eine kritische Kontextualisierung des Denkmals vorstellen zu können. Vielleicht brauche das Denkmal sogar eine Ergänzung, die ein gewisses »Störgefühl« hervorrufen würde. Davon war beim Beschluss zur Sanierung noch keine Rede gewesen. In der Folge fanden mehrere Podiumsdiskussionen statt, wegen der Pandemie allerdings online. Im August 2022 wurde schließlich ein Wettbewerb für Künstler ausgelobt in der Hoffnung, dass kreativen Köpfen eine Quadratur des Kreises gelingen könnte – nämlich die Positionen der Kritiker des Denkmals mit denen der Befürworter seiner Sanierung zu verbinden.4 Dieses Bemühen um einen Kompromiss wurde nicht nur vom rot-grünen Senat mitgetragen, der sich in Hamburg auf eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit stützen konnte. Auch die Hamburger CDU äußerte sich ganz ähnlich: »Denkmale, die in einer anderen Epoche mit einem anderen Zeitgeist errichtet wurden«, müssten zwar »bestehen bleiben«, aber um »einen Anstoß zur kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit« zu geben. Deshalb sei es angebracht, »Persönlichkeiten in den historischen Kontext zu stellen« und »das historische Umfeld zu beleuchten«, etwa durch eine »seriöse und differenzierte Ausstellung zu Bismarck und seiner Bedeutung in der Geschichte unseres Landes, mindestens im Sockelgeschoss des Denkmals«.5 Der Aufruf zur Kundgebung am Denkmal 2020 war bereits auf der Homepage des »Hamburger Bündnisses gegen Rechts« verbreitet worden, das sich wie die »Interventionistische Linke« auch an der Demonstration beteiligte. Vorbehaltlos hinter die Proteste der Demonstranten stellte sich von allen politischen Kräften Hamburgs allein die Partei Die Linke. Ihre Fraktion in der Bürgerschaft, dem Landesparlament der Hansestadt, hatte schon 2015 provokant gefragt: »Wann stürzt Bismarck endlich?« 2020 unterstrich der kulturpolitische Sprecher der Linken die Kritik seiner Partei an dem Denkmal im Elbpark erneut: Bismarck stehe schließlich ebenso für den deutschen Kolonialismus wie »für die antidemokratische, militaristische und repressive Ausrichtung des Deutschen Kaiserreichs«.6 Allerdings vertritt die Linkspartei nur etwas mehr als neun Prozent der Hamburger Wähler. Noch etwas schwächer ist in der Hansestadt ihr eigentlicher Widerpart, die Alternative für Deutschland (AfD). Die gerade einmal von gut fünf Prozent der Hamburger gewählte AfD ließ 2020 verlauten, wer...