E-Book, Deutsch, Band 4, 452 Seiten
Reihe: Elfenzeit
Zietsch / Themsen Elfenzeit 4: Eislava
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-946773-24-5
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 4, 452 Seiten
Reihe: Elfenzeit
ISBN: 978-3-946773-24-5
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Ende der Anderswelt naht!
David und Rian reisen nach Norden, um den Drachen Nidhögg, der an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil nagt, nach dem Quell der Unsterblichkeit zu befragen.
Nadja und Fabio sind unterwegs nach Sizilien – dort findet Nadja ihre tot geglaubte Mutter, und im Vulkan entdeckt sie die Erste Stadt.
Der Ätna ist die Verbindung zwischen allen Welten, und in ihm will der Getreue den Stab setzen, um seine Königin aus dem Schattenland zu befreien. Doch er hat nicht mit Widerstand gerechnet, allen voran Morgana, der Königin von Luft und Dunkelheit …
Zwei umfangreiche Romane in einer Ausgabe – Spannung pur!
Geh mit auf die große Reise um die Welt, lerne berühmte Städte kennen, springe von Kontinent zu Kontinent und erfahre die wahre Geschichte der vielen mythischen Helden, Götter und Schöpfer.
Band 4 von 10 der größten Urban-Fantasy-Saga.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
Im kalten Strom
Das Licht der Frühlingssonne durchdrang in schimmernden Bahnen den Morgennebel über dem Fluss, ließ das helle Weiß der Birkenstämme am Ufer aufleuchten und brach sich an den kleinen Wellen, die eine sanfte Brise an der Wasseroberfläche erzeugte. Die Luft trug den Geruch des Schnees in sich, der Schweden noch lange nicht aus seinem Griff entlassen hatte, obwohl die Tage seit fast einem Monat länger waren als die Nächte. Raureif umhüllte die Blätter des frischen Grases, das am Ufer aus dem Boden drängte, und dämpfte das Grün. Lediglich ein einzelnes rotes Bootshäuschen, in der typischen skandinavischen Holzklinkerbauweise errichtet, brachte einen leuchtenden Farbtupfer in die von Nebel und Eiskristallen gedämpfte Szenerie.
David zog leicht an der Pinne des Segelbootes, um gegen die Strömung eines einmündenden Bachs anzuhalten. Die silbrig glitzernden Schoten, von ihm und seiner Schwester schon zu Beginn der Fahrt mit einfachen Elfenzaubern belegt, bewegten sich und passten die Stellungen von Fock und Großsegel so an, dass der von achterlich wehende Wind sie wieder bauchig füllte. Rian, die vor dem Mast an der Backbord-Reling saß und mit über dem Wasser ausgestreckter Hand nach vorn in den Nebel spähte, ließ sich davon nicht stören. Sie schien ganz auf ihre Aufgabe konzentriert, den nächsten Übergang zu einer der kalten Strömungen der Anderswelt zu finden.
David strich sich eine schulterlange blonde Strähne hinters Ohr und beobachtete, wie seine Schwester mit kleinen Bewegungen immer wieder an der unsichtbaren Linie entlang tastete, die ihr sagte, wo das nächste Tor zu finden sein würde. Sie tat es häufiger als notwendig, als hätte sie Angst, sie könnten den Weg verlieren, oder als seien ihre Gedanken anderswo. Doch dann drehte sie den Kopf zurück zu David, und der Blick ihrer violetten Augen begegnete dem seinen.
Sie hatten beide die kleinen Zauber ausklingen lassen, die sonst ihr Aussehen an das der Sterblichen anglichen, da hier auf dem Fluss keine Begegnungen zu erwarten waren. Daher waren es die gewohnten vollständig gefärbten Augäpfel, die David entgegensahen und nicht violette Kreise auf einem weißen Hintergrund. Auf eine Weise, die er nicht recht erklären konnte, gab das dem Prinzen ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe. Er lächelte seine Schwester an, und sie erwiderte sein Lächeln.
So viele Dinge änderten sich, seit die Zeit Einzug ins Reich der Elfen gehalten hatte. Selbst das Haar ihres Herrschers und Vaters, des Riesen Fanmór, wies erste graue Strähnen auf, und sein Gesicht zierten Falten, die nicht nur von den ins unermessliche gewachsenen Sorgen herrührten. Da hatte es etwas Tröstliches, dass zumindest Rian noch immer genau so war wie vor dem langen Schlaf, aus dem sie in jenen Herbst hinein aufgewacht waren, der den Einzug der Zeit sichtbar gemacht hatte. Selbst die Erfahrung des Todes und die Wanderung ihres Schattens ins Reich des Grauen Herrn Samhain hatten ihr nicht nachhaltig etwas anhaben können, auch wenn sie für eine Weile vielleicht vorsichtiger und ruhiger geworden war.
David hingegen hatte die verbrachte Zeit in der Welt der Sterblichen für immer verändert.
Unwillkürlich griff er sich an die Brust, wo er glaubte, das sachte Glühen von etwas zu spüren, von dem er nicht sicher war, ob er es wirklich wollte. Eine Seele. Nur ein Funke bisher, kaum geboren, und noch konnte er entscheiden, ob er sie wachsen lassen wollte oder nicht. Doch sie war da, und egal was weiter geschah, nichts würde für ihn jemals wieder so sein wie zuvor.
Er seufzte.
»Wie lange werden wir brauchen, bis wir den Weltenbaum erreichen?«, fragte er, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Niemand hatte ihnen diesbezüglich etwas sagen können.
Rian fuhr sich mit schlanken Fingern durch das kurze blonde Haar. »Nicht mehr allzu lange, hoffe ich. Grog hat uns gewarnt, dass einige der Völker des Nordens viel Freude daran haben, einem die Durchreise so schwer wie möglich zu gestalten. Immerhin haben wir schon was zum Tauschen.« Sie machte eine Handbewegung zu den Taschen, die direkt vor dem Niedergang zur kleinen Kajüte in der Mitte des Cockpits standen. Modeschmuck, Stoffbänder, Porzellanfiguren, Naschwerk aller Art und andere Dinge waren darin gesammelt, was Rian zuletzt bei ihrem Halt in Kopenhagen gekauft hatte. Vieles davon würde ihnen Türen und Tore in der Anderswelt öffnen können, doch manches hatte Rian zweifelsohne für sich selbst reserviert. Wie zum Beispiel die Nougattrüffel, die neben ihr lagen und nach denen sie jetzt griff. »Wir durchqueren Gebiete, die nahe den Grenzen von Earrach liegen«, fuhr Rian fort. »Selbst zu guten Zeiten hat dort Fanmórs Wort nie so viel gegolten wie in Crain oder den anderen Kernländern. Jetzt, da die Tore versperrt sind, wird das mit Sicherheit nicht besser sein.«
David nickte. Rian hatte Recht. Der Zusammenhalt der Teile des Reiches Earrach war als eher lose zu bezeichnen, soweit nicht Fanmór persönlich mit seiner unmittelbaren Macht eingriff. Mit Sicherheit gab es sogar Gegenden, in denen sie ihre Herkunft als Kinder Fanmórs besser verschwiegen, sei es, weil man dort während des Krieges im Stillen Bandorchu unterstützt hatte, sei es, weil man sich gern unabhängiger gesehen hätte, oder nach mehr Einfluss im Reich verlangte. Die Erinnerungen an Alberich, der die Suche der Geschwister nach dem Quell der Unsterblichkeit hatte ausnutzen wollen, um sowohl sie aus dem Weg zu schaffen als auch sein eigenes Aufsteigen zur Macht sicherzustellen, lagen nicht lange zurück. »Hoffentlich ist Nidhögg überhaupt noch da«, bemerkte er. »Über die Nordgötter wissen wir so gut wie nichts. Schon lange haben sie sich nicht mehr gezeigt. Wer weiß, ob sie überhaupt noch in ihren Hallen sitzen.«
»Und auf Ragnarök warten«, setzte Rian hinzu. »Kannst du dich an Grogs Erzählungen über die Asen erinnern? Ist doch abartig, oder? Götter warten auf den Untergang der Welt.«
David blinzelte sich Nebelwasser von den Wimpern. »Deswegen war Grog sicher, dass Nidhögg nach wie vor da sein wird … weil er danach aufräumen muss, für den Neubeginn. Die Asen gehen davon aus, dass nichts endgültig verschwinden kann.«
»So wie ich.« Sie lächelte schief.
Vor Davids innerem Auge blitzte das Bild von Rians totem Körper auf, gestorben an der klaffenden Wunde in ihrer Brust, die Alebins Dolch gerissen hatte. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Das war etwas, worüber er nicht reden, woran er nicht einmal mehr denken wollte.
»Aber die Frage ist: Weiß Nidhögg etwas über den Lebensquell?«, fragte er stattdessen.
»Wir müssen uns an jeden rettenden Halm klammern«, antwortete Rian. »Zumindest wissen wir dann mehr.«
David verzog das Gesicht. »Ein zerstörerischer Sammler und Fresser von Leichen …«
»Er steht auch für den Neubeginn, weil er Ordnung bringt«, erwiderte Rian. »Der Beiname ›Neumond‹ deutet darauf hin – der Neumond ist das erste Leben, die erste schwache Sichel nach dem ›Tod‹ des Mondes. Er steht ebenso für die Wiedergeburt wie für den Tod davor. Vielleicht ist Nidhögg selbst sogar der Lebensquell für die folgende Welt, und er braucht die Toten, um diese Quelle für alle zu öffnen.«
»Hoffen wir es mal. Und hoffen wir, dass Nadjas Befürchtung sich nicht bestätigt, dass bei ihm die Quelle aller Probleme liegt. Andererseits könnte das auch die Lösung bedeuten.« David drückte die Pinne etwas beiseite, um einem im Fluss treibenden Ast auszuweichen. »Auf wen ist der Drache eigentlich neidisch?«
Rian zuckte die Achseln und griff nach einer Trüffelpraline. »Vermutlich auf alle, die im Freien leben. Insbesondere aber auf den Adler im Wipfel von Yggdrasil. Der ist wohl auch einer von denen, die auf Ragnarök warten, und wird sich genauso wie Nidhögg um die Toten kümmern, wenn es soweit ist. Aber der Adler hat da oben im Wipfel einen Logenplatz, von dem aus er alles überblickt, was in den Welten passiert, während Nidhögg nichts anderes sieht als Wurzeln, und noch nicht mal die Flügel strecken kann in seiner Höhle, geschweige denn fliegen. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen so einiges an einem nagt und man auch selbst das Nagen anfängt.« Genüsslich an der Praline lutschend streckte sie die Hand wieder nach der Linie aus. Ihr Blick versank in dem sich langsam lichtenden Nebel, und David spürte, wie die Gedanken seiner Schwester zu wandern begannen.
Eine Weile glitten sie so in Schweigen weiter den Fluss hinauf, wie seit vielen Tagen schon der Strömung entgegen, die sie an den Ursprung aller Kalten Flüsse führen sollte. Der Wind, der sie vorantrieb, war stetig, halb aus dieser Welt und halb aus einer anderen geboren. Sie segelten auf verschlungenen, immer nach Norden führenden Wegen – ein Netz aus Flüssen verschiedener Welten, dem zu folgen nur den Elfen möglich war.
Sie hatten Stromschnellen durchschnitten und Flussdeltas durchfahren, in denen man kaum mehr die Ufer hatte sehen können, waren vorbei an Inseln aus Sand und Fels, an Wäldern, Feldern, Häuserfronten und Fabriken gesegelt. Die Natur des Landes hatte sich in dem Maße verändert, wie es kälter geworden war. Die Buchen waren Birken gewichen, die Nadelbäume häufiger und niedriger geworden, und der Fels, der aus dem Boden brach, war rundgeschliffen von Wind, Eis und Wasser.
David ließ seinen Blick auf den Bäumen ruhen, die noch immer in lockerer Reihe die Uferböschung säumten. Die Sonne hatte inzwischen auch die letzten Nebelstreifen vertrieben und trocknete den Tau von den Blättern, der unter der Wärme aus dem Reif entstanden...




