E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Zeil Können Esel reimen?
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-0636-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sterne, Peru und zurück
E-Book, Deutsch, 196 Seiten
ISBN: 978-3-7412-0636-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Petra Zeil, geboren 1980, hat in Freiburg und Benediktbeuern katholische Theologie studiert. Sie liebt Geschichten, Reime, Esel und Peru.
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3
Ohne Co-Pilot
Liebste Philippa,
nun also bist Du hier, und hier wirst Du bleiben. Länger als Du es willst, kürzer als Du es wollen wirst. Deinen Kummer hast Du mitgebracht, aber von so weit oben in den Bergen hat man eine bessere Aussicht, und manches erscheint von hier aus mit einem Mal ganz anders. Und man kann aus der Höhe Dinge entdecken, von denen man vorher gar nichts ahnte.
Gegenüber Fräulein Weemut-Zuckerrohr, Deiner Grundschullehrerin, hast Du Dich lange Zeit sehr klein gefühlt, weil sie so groß und ernst und streng war und so gut rechnen konnte und Du erst sechs warst und die Zahlen in Deinem Kopf durcheinander tanzten und sich nicht subtrahieren lassen wollten.
Dann hat Dich einmal der Student aus seinem Dachfenster schauen lassen, mit dem alten Fernrohr aus dem Vermächtnis von Fergus, dem Forscher, der vorgab, die Sprache der Sterne entschlüsselt zu haben.
Weit über die Dächer von Freiburg konntest Du schauen und auch durch den Hinterhof, bis ins Fenster eines Zimmers, in dem Fräulein Weemut-Zuckerrohr mit Lockenwicklern in den Haaren an ihrem Schreibtisch saß, Lakritzschnecken aß, in der Nase bohrte und mit dem Stuhl schaukelte, bis sie das Gleichgewicht verlor und mit Armen und Beinen fuchtelnd nach hinten sauste.
Einen Moment lang hieltest Du den Atem an, Philippa, und wolltest schon loslaufen, die Treppe hinab, durch den Hinterhof zum Nachbarhaus, um Deiner Lehrerin zu Hilfe zu kommen. Doch dann erschien Fräulein Weemut-Zuckerrohrs roter Kopf wieder im Fenster, und mit erschrockenem Gesicht rappelte sie sich auf, rückte den Stuhl wieder sorgfältig an den Schreibtisch, nahm einen Bleistift und vertiefte sich schnell in die Durchsicht eines Blätterstapels, der vor ihr lag. Sicher war sie froh, dass niemand ihr Missgeschick beobachtet hatte, denn sie konnte ja nicht ahnen, dass Dir das Fernrohr von Fergus, dem Forscher, alles gezeigt hatte.
Von diesem Tag an fandest Du sie gar nicht mehr so ehrfurchteinflößend und fühltest Dich nicht mehr klein in ihrer Gegenwart. Du musstest sogar immer heimlich ein wenig lachen, wenn Du sie sahst. Aber Dein Geheimnis hast Du ihr nie verraten.
Und weißt Du noch, als der Student Dir zum achten Geburtstag ein altes Fahrrad mit Beiwagen geschenkt hat? Er hatte es, so sagte er, von einem Ausflug zum Stamm der Bizzi-Kletten mitgebracht, die auf Eisschollen im Eismeer lebten und einander nur besuchen konnten, wenn sie ihre schwimmenden Fahrräder mit Beiwagen zu Hilfe nahmen. Leider schwammen diese Fahrräder nur im Eismeer, doch auf dem Festland konnte man auf ihnen fahren wie auf gewöhnlichen Fahrrädern.
An Deinem achten Geburtstag flitzte der Student mit Dir durch die ganze Stadt, dass die Passanten nur so aus dem Weg springen mussten, und Du, Philippa, saßest im Beiwagen und der Fahrtwind und das Lachen jagten Dir die Tränen in die Augen. Dann durftest Du radeln, und der Student setzte sich in den Beiwagen. Das war eine Zeit lang recht lustig, bis der Beiwagen in voller Fahrt abbrach und laut scheppernd mit dem Studenten zu Boden krachte, Du das Gleichgewicht verlorst und mit dem Fahrrad in eines der Bächlein stürztest, die durch Freiburg fließen. Zum Glück war Dein Co-Pilot sofort zur Stelle und fischte Dich aus dem Wasser.
»Ich habe dir doch gesagt, dass es nur im Eismeer schwimmt«, lachte er schallend, während er Dir mit seinem Ärmel das verdutzte Gesicht abtrocknete und versuchte, das Wasser aus Deinem langen, dicken Haarzopf zu wringen.
Nun hast Du keinen Co-Piloten mehr, Philippa. Doch Du bist nicht allein auf der Welt. Und nicht allein in Peru.
Die meisten Passagiere waren schon ihrer Wege gezogen, und auch der Kleinbus war quietschend und ratternd einem neuen Ziel entgegengefahren, da stand Philippa noch immer reglos an der Haltestelle und blickte auf die unbekannte Stadt hinunter. Santo Rosario.
Aus der Mitte eines Meers aus fremdartigen lehmbraunen Häusern ragten zwei Kirchtürme mit roten Kuppeldächern empor, und ihre großen Bogenfenster schienen zu Philippa hinaufzuschauen und sie neugierig zu beäugen.
»¿Estás sola, niña? Bist du ganz alleine, Kind?«, fragte eine Stimme hinter ihr, und als Philippa sich umdrehte, erkannte sie den alten Mann, der im Bus neben ihr gesessen, nach Kamille gerochen und ihr den Namen des Ortes verraten hatte. »Du bist nicht aus Santo Rosario. Ich habe dich noch nie hier gesehen, und ich kenne jede Seele in Santo Rosario. Du bist überhaupt nicht aus Peru, hab ich recht?«
Peru, also! Ohne zu antworten blickte Philippa den alten Mann an. Er hatte ein freundliches Lächeln, das ihn ein paar Augenblicke lang viel jünger wirken ließ. Trotzdem. Was sollte das alles? Auch wenn sie die Geschichten geliebt hatte, die der Student über Peru erzählt hatte: Sie wollte nicht hier sein. Nicht jetzt, nicht so plötzlich und nicht allein. Und schon gar nicht ohne zu wissen, wie sie hergekommen war.
»Ich möchte nach Hause zu meiner Großmutter in Freiburg«, sagte sie leise und merkte, wie ihre Stimme zu zittern begann. »Und zu Zacharias-Bartholomäus.«
Ganz leicht zog der alte Mann die Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammen, gerade so, als würde er über etwas nachdenken.
»Ich bin Padre Teófilo, der Pfarrer von Santo Rosario«, sagte er und legte ganz sachte eine Hand auf Philippas Schulterblatt. »Was hältst du davon, wenn wir hinunter ins Pfarrhaus gehen, ich dir einen Tee mache und du mir deine Geschichte erzählst?«
»Hab keine Angst um Philippa, Patrizia«, sagte der junge Mann zu Großmutter, »sie wird viel Gutes erfahren und zurück sein, wenn die Zeit dafür gekommen ist.«
»Wenn du das sagst, habe ich keine Angst um sie«, antwortete Großmutter. »Ich vertraue sie dir an.«
Philippa saß mit einer Tasse Tee in der einen und einem Stück Fladenbrot in der anderen Hand in der kleinen weiß gekalkten Küche des Pfarrhauses. Auf ihrem Schoß lag eine dürre silbergraue Tigerkatze, die behaglich schnurrte und hin und wieder eine ihrer Krallen in Philippas Bein bohrte.
Philippa, Padre Teófilo und Lola, eine rotbäckige junge Frau, die in der Pfarrküche arbeitete, blickten einander ratlos an. Keiner von den dreien hatte jemals von einer Zwölfjährigen gehört, die sich abends im Haus ihrer Großmutter schlafen legte und am nächsten Tag auf der anderen Seite der Erdkugel erwachte. Über den einzigen Fernsprechapparat, den es in der kleinen Stadt gab, hatten sie Großmutter in Freiburg angerufen, und seltsamerweise hatte Großmutter Philippas Geschichte sofort geglaubt und nur gesagt, sie solle gut auf sich aufpassen und bald zurück kommen.
Philippa schüttelte den Kopf. Hatte Großmutter so viele der Erzählungen des Studenten gehört, dass sie solche Dinge tatsächlich für möglich hielt?
»Wir müssen dich zurückschicken«, murmelte Padre Teófilo. »Wir müssen dich in die Hauptstadt bringen, zur Behörde. Dort muss man doch irgendetwas für dich tun können.«
»Dann lass uns fahren«, rief Philippa und sprang auf, sodass die dürre Tigerkatze mit einem schrillen Miauen in die Höhe fuhr und verärgert im Flur verschwand.
Doch Padre Teófilo schüttelte voll Bedauern den Kopf. »Die Hauptstadt ist weit, mein Kind, und über den Bergen bricht schon die Dunkelheit herein. Heute Nacht wirst du hier bleiben müssen. Lola nimmt dich mit hinauf und zeigt dir, wo du schlafen kannst.«
Lola war begeistert, ein Kind im Haus zu haben.
»Wenn Juan zurück kommt«, sagte sie, während sie Philippa mit der fünften groben Wolldecke zudeckte, »möchte ich auch Kinder haben. Mindestens sieben!« Verträumt blickte sie aus dem Fenster in die Nacht hinaus. Die nackte Glühbirne, die von der Decke baumelte und das Zimmer schwach erhellte, flackerte. »Oh, wenn er doch bald zurückkäme! Dann heiraten wir und bauen uns ein Haus. Dann musst du mich besuchen kommen, Felipa!« Sie breitete die Arme aus und drehte sich wie eine Ballerina um ihre eigene Achse. »Du bekommst dein eigenes Zimmer, ein viel schöneres als dies hier, und jeden Tag kannst du –«
»Ich bleibe nicht hier!«, fiel ihr Philippa etwas zu heftig ins Wort. »Morgen fahre ich mit Padre Teófilo zur Behörde, und die schickt mich zurück nach Deutschland zu Großmutter.«
Da sah Lola mit einem Mal etwas traurig aus, deshalb fügte Philippa schnell hinzu: »Wo ist denn Juan? Wann kommt er wieder?«
Sofort hellte sich Lolas Miene auf, und sie setzte sich auf Philippas Bett. »Er ist nach Lima gefahren, in die Hauptstadt. Schon vor drei Jahren, gleich nach unserem Schulabschluss. Hier oben in den Bergen gibt es wenig Arbeit, so versucht er sein Glück unten, an der Küste, in der Hoffnung, genug Geld zu verdienen für ein gutes Leben hier in den Anden. Mal arbeitet er als Taxifahrer, mal hilft er Häuser bauen, verlegt Wasserrohre, verkauft Bananen auf dem Markt, fegt Straßen, putzt Autoscheiben, sammelt Müll auf, springt als Tankwart ein oder montiert Reifen.« Immer weiter in die Ferne rückte ihr...




